Kommentar | Viel Latein und wenig Frieden – Die Wiederkehr von Augustinus’ „gerechtem Krieg“
Ein Koblenzer Vortragsabend mit einem Theologen aus dem Umfeld der katholischen Militärseelsorge sollte eine Entwicklungslinie „vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden“ nachzeichnen. Tatsächlich hörte das Publikum vor allem einen gelehrten, oft ausweichenden Rechtfertigungsparcours über Ordnung, Verteidigung und die sittliche Einhegung von Gewalt. Erst in der kontroversen Diskussion zeigte sich, was an diesem Abend fehlte: die Bereitschaft, narrative Gewissheiten wirklich zu überprüfen – und der Mut, kirchliche Friedensethik nicht zur seelsorglichen Begleitmusik einer Kriegsordnung verkommen zu lassen.
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Es war ein Titel, der viel versprach. „Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden“ – das klang nach geistiger Klärung in einer Zeit, in der Europa wieder in Kriegssemantik spricht, in der Aufrüstung als Verantwortung, Abschreckung als Vernunft und militärische Vorbereitung als politische Nüchternheit verkauft werden (1)(2)(3). Wer zu einem solchen Abend kommt, darf erwarten, dass die Kirche mehr anbietet als bloß ein paar historische Begriffe und die moralische Nachbereitung eines bereits akzeptierten Ernstfalls. Man darf erwarten, dass sie den Frieden nicht nur als Sehnsucht beschwört. Man darf auch erwarten, dass sie den Krieg als politischen, medialen und geistigen Prozess befragt: Wer treibt ihn voran, wer profitiert von ihm, wie entstehen Feindbilder, welche Narrative werden sakralisiert, welche Realitäten ausgeblendet?
Prof. Thomas R. Elßner, der aus dem Katholischen Militärbischofsamt in Berlin sprach, bot an diesem Abend etwas anderes (4)(10)(11)(12)(15). Er kündigte eingangs an, das Publikum werde bemerken, dass er nicht wie der Mainstream denke (27). Das war die erste Ironie des Abends. Denn je länger er sprach, desto deutlicher wurde, nicht der Mainstream wurde hier irritiert. Vielmehr wurde ein überwiegend kirchlich-akademisches Publikum in einer Sprache bedient, die den herrschenden sicherheitspolitischen Rahmen eher intellektuell absicherte als hinterfragte. Elßner meinte, er sitze „zwischen allen Stühlen“, wolle keinen Durchmarsch durch „2.000 Jahre Friedenslehre“, denke aber „mehr auf europäisch zentriert“ und ziehe den Bogen ausdrücklich „von Cicero über Augustinus, über Thomas von Aquin“ bis in die Gegenwart (27).
Dass Elßner den Vortrag so hielt, wie er ihn hielt, hat auch mit seiner institutionellen Herkunft zu tun (4)(6)(8)(9)(10)(11)(12)(15). Er ist kein freier Beobachter. Er arbeitet an einer eng verflochtenen Schnittstelle von Kirche und Staat. Die Militärseelsorge ist nach Darstellung der Bundeswehr ein eigener Organisationsbereich der Bundeswehr – der Staat organisiert und finanziert sie, die Kirchen stellen das Personal und verantworten die Inhalte (6)(7)(8)(9). Das Katholische Militärbischofsamt ist zugleich Teil der Kurie des Militärbischofs und eine dem Verteidigungsministerium unmittelbar nachgeordnete Bundesoberbehörde (8)(10)(11)(15).
Krieg lange vor dem ersten Schuss
Wie eng diese Konstruktion finanziell verflochten ist, zeigt eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage aus dem Jahr 2020. Für katholische und evangelische Militärseelsorge zusammen wurden damals bereits staatliche Mittel in einer Größenordnung von knapp zehn Millionen Euro ausgewiesen – und selbst das war noch kein vollständiger Endbetrag, weil zusätzliche Titel für Auslandseinsätze, nebenamtliche Militärseelsorge und Trennungsgeld teils ohne feste Mittelzuweisung bewirtschaftet wurden (30). Die aktuelleren Haushaltspläne 2025 und 2026 weisen mit 2,025 beziehungsweise 2,09 Millionen Euro nur den Teilbereich der „Erstattungen an Religionsgemeinschaften“ gesondert aus. Weitere Kosten der Militärseelsorge liegen zusätzlich in anderen Personal-, Reise-, Verwaltungs- und Sachausgaben des Verteidigungshaushalts (30). Selbst Positionen wie „Kultkosten“ tauchen in der staatlich getragenen Struktur der Militärseelsorge auf – ein Detail, das die materielle Tiefe dieser Verflechtung sichtbarer macht, als es der harmlose Begriff vermuten lässt (30). Die Konstruktion mit staatlich finanzierten Dienstposten, Beamtenstellen, Entgelten und Zusatzleistungen macht daher deutlich, dass hier keine lose kirchliche Begleitung vorliegt. Sichtbar wird vielmehr eine personell und haushalterisch tief im Staatsapparat verankerte Struktur. Wer von dort spricht, denkt Frieden kaum von außen. Er denkt ihn unter den Bedingungen von Bundeswehr, soldatischer Ethik und Krisenfähigkeit.
Der säkulare Staat in Deutschland hält Religion nicht aus seinen Institutionen heraus. Er organisiert die Kooperation mit ihr (9). Genau darin liegt im Fall der Militärseelsorge das Problem. Was als Fürsorge, Religionsfreiheit und moralische Begleitung erscheint, wird faktisch zur Nahtstelle von Kirche und Verteidigungsstaat. Der Staat gewinnt kirchliche Legitimation, und die Kirche verliert prophetische Distanz. Dass die Linke diese Konstruktion seit Jahren kritisiert, ändert daran wenig – weil hier offenbar gewachsene Verträge, institutionelle Interessen und politische Nützlichkeit ineinandergreifen (30).
Der entscheidende Unterschied, den Elßner an diesem Abend systematisch verwischte, war der zwischen Sicherheit und Militarisierung. Sicherheit meint den begrenzten Schutz von Bevölkerung, Territorium, Infrastruktur und verfassungsmäßiger Ordnung. Militarisierung beginnt dort, wo diese Schutzfunktion in ein umfassendes Denkprinzip umschlägt – wenn also Sprache, Politik, Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft sich schrittweise am Horizont des kommenden Konflikts ausrichten. Sicherheit dient dem Schutz. Militarisierung dagegen beginnt dort, wo militärische Logik zum prägenden Denkmuster von Politik und Gesellschaft wird.
Bezeichnend war auch Elßners Rückgriff auf die ostdeutsche Schriftstellerin Christa Wolf (27) (28). Er griff dabei auf zwei verschiedene Publikationen zurück und verwischte gerade dadurch ihre unterschiedliche Bedeutung. Die Formulierung aus dem später veröffentlichten Briefband „Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten“ wandelte er für seine Selbstinszenierung zum Bild vom Sitzen „zwischen allen Stühlen“ ab. Mit „Kassandra“ berief er sich später auf das Motiv des „Vorkriegs“. Darin zeigte sich der Widerspruch dieses Abends. Denn bei Wolf ist das Dazwischen kein bequemes Selbstetikett und kein Ausweis intellektueller Souveränität. Es ist ein gefährdeter Ort der Selbstprüfung. Und „Kassandra“ ist keine rhetorische Warnkulisse. Es ist eine literarische Studie darüber, wie Krieg lange vor dem ersten Schuss in Sprache, Macht und Verdrängung vorbereitet wird.
Elßners Vortrag tat über weite Strecken das Gegenteil. Er stabilisierte in rhetorischer Weise eben jene Sicherheits- und Bedrohungssprache, aus der der Vorkrieg erst seine Plausibilität gewinnt. Und er tat das ausgerechnet im Schatten jener Beispiele, die er selbst aufrief: Der irakischen Massenvernichtungswaffen vor dem UN-Sicherheitsrat als klassischem Fall politisch missbrauchter Kriegsbegründung, daneben Srebrenica, die Krim und sogar der missachteten Warnung vor Hitlers Angriff auf die Sowjetunion als Hinweise darauf, wie Warnsignale, Deutungen und Eskalationsmuster politisch verarbeitet werden (21) (27). Solche Beispiele hätten zu größerer Vorsicht gegenüber offiziellen Kriegsbegründungen verpflichten müssen. Bei Wolf ist das Dazwischen ein Risiko. Bei Elßner wurde es zur Pose. Dass Christa Wolf dafür als Autorität und Selbstetikett herhalten musste, wirkte befremdlich und anmaßend vereinnahmend.
Verteidigung bleibt in der gefallenen Welt legitimierbar
Tatsächlich wirkte der Vortrag, als säße Elßner recht bequem auf einem sehr vertrauten Stuhl. Schon die Richtung war verräterisch. Elßner fragte früh, „Was hat denn Jesus Christus uns hinterlassen als Friedenslehre? Im Grunde genommen erstmal gar nichts.“ (27) Dieser Satz war die eigentliche Weichenstellung des Vortrags. Denn mit ihm wurde das Zentrum christlicher Friedensfrage fast beiläufig beiseite geräumt. Statt vom Evangelium aus zu denken, statt an der Zumutung der Bergpredigt, an Gewaltverzicht, Feindesliebe, Wahrhaftigkeit und Entfeindung entlangzugehen, verlagerte Elßner das Gewicht rasch auf die Traditionslinie der Rechtfertigung mit Aristoteles, Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin, führte über die spanische Spätscholastik, das Völkerrecht und letztlich zur Staatsräson.
Das alles klang zunächst gebildet. Tatsächlich war es oft nur unnötig verklausuliert. Vieles, was an diesem Abend wie höhere Friedensethik vorgetragen wurde, lässt sich in schlichter deutscher Sprache formulieren. Wenn Elßner von „bellum iustum“ sprach, meinte er den gerechten oder gerechtfertigten Krieg. Mit „ius ad bellum“ bezeichnete er die Frage, unter welchen Bedingungen ein Staat überhaupt Krieg führen darf. „Auctoritas legitima“ sollte besagen, dass Gewalt nur von anerkannter Autorität ausgehen dürfe, „causa iusta“, dass ein gerechter Grund vorliegen müsse, und „intentio recta“, dass die Absicht nicht bloß aus Rache, Gier oder Herrschaftslust bestehen dürfe (27).
Mit dem Kern einer sehr alten Legitimationslehre ist hier ganz konkret gemeint, Krieg gilt nicht als gut, aber unter bestimmten Bedingungen als moralisch und politisch rechtfertigbar. Es braucht Autorität, Grund, Absicht, Verhältnismäßigkeit, letzte Möglichkeit und Aussicht auf Erfolg. Das Modell ist also nicht pazifistisch. Es ist ordnungsethisch. Es fragt nicht zuerst, wie Krieg verhindert wird. Es fragt, wann Gewalt in einer unvollkommenen Welt noch als sittlich verantwortbar gelten kann. Genau deshalb ist es für deutsche politische Macht so anschlussfähig.
Die alten Autoren waren bei Elßner Stützpfeiler. Aristoteles brauchte er, um den Gedanken einzuführen, dass Krieg nicht Selbstzweck sei. Er sollte einem höheren Ziel dienen. Cicero brauchte er, um das Muster des gerechtfertigten Krieges vorzuformen – Gerechtigkeit als Grundlage des Gemeinwesens, Verhandlung vor Gewalt, Krieg nur nach gescheiterter Verständigung und in geordneter Form. Augustinus brauchte er, um diese Logik christlich zu taufen – Elßner verortete politische Verantwortung ausdrücklich in der unerlösten irdischen Welt. Dort geht es für ihn um Ordnung, Schutz und notfalls auch um Gewalt. Thomas von Aquin diente dann als Systematiker, der die verstreuten Gedanken in Kriterien übersetzt. Die spanische Spätscholastik kam hinzu, um zusätzliche Begrenzungen einzubauen, also die Aussicht auf Erfolg, letztes Mittel, Verhältnismäßigkeit und geringeres Übel. Elßner zitierte diese Autoren also nicht, um Denken zu öffnen. Er knüpfte mit ihnen einen langen Traditionsfaden, der am Ende immer wieder bei demselben Punkt ankam: Verteidigung bleibt in der gefallenen Welt legitimierbar (27).
Der schlichte Kern des Gesagten war, Krieg gilt als Übel, kann in einer „unerlösten Welt“ aber dennoch notwendig und moralisch legitimierbar werden, um Frieden, Ordnung oder Freiheit zu schützen. Politisch lief diese Linie an diesem Abend auf etwas sehr Gegenwärtiges hinaus. Auf die Vorstellung, Deutschland und Europa müssten sich im Zweifel in eine westliche Konfrontationslogik einfügen und sie als sittlich gerechtfertigt mittragen. Dabei unterschlug Elßner jedoch den lange eingeforderten Interessenausgleich mit Russland – also jene Sicherheitsfrage, die 1990 in den Gesprächen Hans-Dietrich Genschers und US-Außenminister James Bakers mit dem russischen Staatschef Michail Gorbatschow besonders sensibel verhandelt wurde und seither immer wieder als gebrochen oder missachtet im Raum steht. Darin lag die eigentliche Schlagseite seines Vortrags.
Inhaltlich stützte sich Elßner auf einige immer wiederkehrende Schlüsselsätze. Aus Aristoteles zog er den Gedanken, man führe Krieg letztlich, um „im Frieden zu leben“ (27). Krieg erscheint damit nicht als Selbstzweck. Er gilt als Mittel zur Sicherung eines anderen Ziels. Aus Cicero übernahm er die Vorstellung, Streit müsse zunächst auf Verhandlungsebene beigelegt werden. Erst wenn dies scheitere, dürfe Krieg überhaupt aufkommen. Aus Augustinus übernahm er sodann die christliche Erkenntnis, den Gegensatz von Gottesstaat und irdischer Welt, die Unmöglichkeit, in der Geschichte schon ganz im Frieden zu leben, und deshalb die Notwendigkeit politischer Verantwortung unter unvollkommenen Bedingungen. Besonders wichtig war ihm dabei Augustinus‘ Formel von der „tranquilitas ordinis“, der „Ruhe der Ordnung“(27). Dieser Gedanke gab dem Vortrag seinen konservativen, ordnungsethischen Kern. Frieden erschien in dieser Logik nicht zuerst als Verständigung oder Versöhnung. Er erschien als Zustand geordneter Verhältnisse, in dem jeder an seinem Platz bleibt und das Gefüge nicht zerreißt. Thomas von Aquin wurde sodann als derjenige eingeführt, der diese Kriterien bündelte und systematisierte. Alle Bedingungen müssten „zugleich und beständig“ erfüllt sein, sonst falle auch ein Verteidigungskrieg aus der Rechtfertigung heraus.
Gebetsmühlenartig mobilisierte Elßner die klassische Legitimationslehre für den westlichen Deutungsrahmen: Russland erschien als Aggressor, Verteidigung als sittlich ernste Notwendigkeit, militärische Bereitschaft als Folge verantwortlicher Politik. Ausgeblendet blieb dabei die konfliktreiche Vorgeschichte des Donbass. Dazu gehören die 2014 von Kiew begonnene sogenannte Anti-Terror-Operation gegen den Osten des Landes, der vom Westen unterstützte Maidan-Umsturz, die jahrelangen Kämpfe im Osten der Ukraine, die zehntausenden Opfer, die nie eingelösten Verpflichtungen aus Minsk II, der verweigerte Sonderstatus für Donezk und Luhansk sowie die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der russischsprachigen Bevölkerung gerade keine Westanbindung wollte (24). Wer über „gerechten Krieg“ spricht und diese Vorgeschichte nur im Raster eines einseitigen Angriffsnarrativs behandelt, betreibt keine offene Friedensethik. Er betreibt selektive Legitimationsarbeit.
Sprachliche Abrüstung der eigenen Zweifel
An dieser Stelle wurde sichtbar, warum viele Zuhörer innerlich ausstiegen. Nicht jede verteidigungsfähige Armee ist schon Militarismus. Aber Militarismus tarnt sich fast immer als Sicherheitsvorsorge. Sicherheit fragt, was muss konkret geschützt werden, welches Mittel ist verhältnismäßig, wo liegen die politischen Grenzen des Militärischen? Militarisierung fragt anders. Sie denkt vom vorbereiteten Konflikt her, vom dauernden Ernstfall, von der inneren Bereitschaft zur Eskalation. Dann wird nicht nur eine Armee organisiert. Dann wird eine Gesellschaft mental, wirtschaftlich und institutionell auf Konfrontation ausgerichtet. Genau diese Verschiebung spürten viele im Saal – eben auch jene, die eine verteidigungsfähige Armee keineswegs ablehnen, wohl aber deren politische und semantische Überdehnung.
Entlarvend war, wie Elßner diese Lehre auf die Gegenwart zuzog. Er sagte sinngemäß, Krieg könne „nur notwendig sein, um den Frieden zu halten“(27). Er zitierte das bekannte Diktum „Stelle dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, fügte aber die entscheidende Fortsetzung an: „… und dann kommt der Krieg zu dir.“ Später sagte er über zwei gegensätzliche Formeln – „Si vis pacem, para bellum“, also, „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“, und das modernisierte Gegenmotto, „man solle den Frieden vorbereiten“ –, beide Sätze hätten ihre Berechtigung. Genau hier lag die ideologische Fallhöhe des Abends. Denn der Satz klang ausgewogen, war es aber nicht. Wer beide Formeln nebeneinanderstellt und ihnen gleichzeitig Recht gibt, verschiebt die Kirche bereits in jenen Zwischenraum, in dem Friedensrede und Kriegsbereitschaft nicht mehr als Gegensätze erscheinen. Sie werden zu Partnern (27).
Aufschlussreicher, als Elßner vielleicht beabsichtigte, war dabei sein offen als „Werbeblock“ markierter Literaturteil. Denn dort zeigte sich, dass dieser Abend aus einer klar umrissenen Schule kam und die dazugehörige Spezialliteratur. Dieser Moment wirkte fast ehrlicher als der Rest des Vortrags. Hier sprach kein tastender Friedensdenker. Hier sprach ein Mann, der aus einer bestimmten Bibliothek heraus längst wusste, wo er landen wollte. Das Problem war nicht, dass Elßner Wirklichkeit ausgeblendet hätte. Das Problem war, dass er sie von Anfang an in einer bestimmten Weise interpretierte. Und genau dort begann die Diskussion, die den Abend rettete – oder vielmehr entlarvte.
Die erste Wortmeldung traf den neuralgischen Punkt sofort, „Einmal haben Sie den Jesus hier direkt abgeräumt,“ intervenierte höflich ein Zuhörer. Das war ein harter Satz. Aber er war präziser als vieles im Vortrag. Denn genau so hatten es etliche im Saal empfunden. Der christliche Ursprung wurde in wenigen Sätzen unter den Vorbehalt gestellt, dass die biblischen Texte historisch kompliziert, spät verschriftlicht und nicht eins zu eins auf die Gegenwart zu übertragen – und dann zugunsten späterer Ordnungstheorie aus dem Zentrum gerückt seien. Elßner reagierte darauf mit dem Hinweis, man dürfe nicht bloß die Bibelstellen herausgreifen, „die einem gerade … in den Kram passen“, und Jesus habe eben keine „in sich konsistente Friedenslehre“ hinterlassen. Das mag theologisch halbwegs korrekt formuliert sein. Aber es ging an der Sache vorbei. Gemeint war, er habe den unbequemen, nicht staatsfrommen Kern christlicher Friedensbotschaft entschärft, indem er ihn historisierte und anschließend in einen späteren Legitimationsdiskurs überführte (27).
Eine andere, inhaltlich noch stärkere Nachfrage stellte die Grundfrage der ganzen Theorie. Ein Zuhörer wies darauf hin, dass Aggressoren ihre Kriege fast nie als Aggression benennen. „Sie sprechen von Prävention, Selbstschutz, Gefahr, Notwehr oder humanitärer Pflicht. Was also taugt eine Lehre vom gerechten Krieg, wenn sie so missbrauchbar ist?“ Hier hätte Elßner das Dilemma der Gegenwart scharf fassen müssen, dass sich vor allem der hegemoniale Westen seine Kriege moralisch geschniegelt zurechtlegt, dass westliche Interventionen kaum ohne Heiligenschein auskommen und dass Lüge, Halbwahrheit, Geheimdienstmaterial, mediale Dramaturgie und geopolitische Interessen längst zum Vorkrieg gehören. Doch statt diese Frage wirklich zu öffnen, wich er in eine nüchterne Hinnahme aus. Missbrauch sei möglich, räumte er ein – „aber am Ende des Tages … gibt es trotzdem Krieg“ (27).
Das ist eben der Unterschied zwischen Beschreibung und Ethik. Dass es Krieg gibt, weiß jeder. Die eigentliche Frage lautet, was macht die Kirche daraus? Hilft sie, seine Voraussetzungen zu entlarven? Prüft sie Narrative? Besteht sie auf Wahrhaftigkeit? Hält sie den Raum offen für Ambivalenz, Diplomatie, Eigenkritik, auch für unbequeme Sichtweisen? Oder liefert sie eine semantisch gepflegte Begleitmusik für den Fall, dass man sich politisch längst an den Krieg gewöhnt hat?
Ein Gast brachte diesen Punkt mit einer Schärfe zur Sprache, die im Saal spürbar wirkte. Als Elßner sagte, er könne keinen Krieg verhindern, antwortete er, „Genau das Gegenteil, genau Sie können das.“ In diesem Satz lag mehr politische Ernsthaftigkeit als in vielen der vorausgegangenen Exkurse. Denn gemeint war nicht, ein Professor könne mit einer Vorlesung Panzer stoppen. Gemeint war, wer an der Vorstufe des Krieges arbeitet – an Deutungen, an Begriffen, an Autorisierungen, an moralischer Rechtfertigung –, trägt Verantwortung. Der Krieg beginnt nicht erst mit dem ersten Schuss. Er beginnt mit vorbereiteten Bildern, mit unüberprüften Gewissheiten, mit selektiven Wahrheiten, mit moralisch aufgeladenen Feindkonstruktionen und mit der sprachlichen Abrüstung der eigenen Zweifel (27).
Längst begonnene Anpassung
In diesem Sinn war es entlarvend, wie sehr Elßners Vortrag an manchen Stellen bereits wie eine Einübung in den Ernstfall klang. Das ist nicht bloß eine polemische Lesart des Abends. Diese Einschätzung wird durch ein ökumenisches Rahmenkonzept gestützt, das öffentlich vorliegt, aber offenbar nur wenige kennen. Dabei beschreiben evangelische und katholische Kirche in diesem Papier „die Rolle und Verantwortung kirchlicher Seelsorgepraxis angesichts neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen“ und nehmen ausdrücklich „Zivilbevölkerung, Soldatinnen und Soldaten, Einsatzkräfte, Verwundete, Gefallene, Kriegsgefangene und Geflüchtete“ in den Blick (29). Kirchentätigkeit soll also organisatorisch auf militärische Bedrohungs- und Gewaltszenarien ausgerichtet, „vorbereitet, vernetzt und gestärkt“ werden.
Das Papier betont zwar eingangs den „Primat der gewaltfreien Konfliktlösung“, doch unmittelbar danach folgt die entscheidende Verschiebung: Man wolle sich „für Situationen vorbereiten, in denen alle Friedensbemühungen gescheitert sind“, und „zugleich soll sichergestellt werden, dass öffentliche Stellen zielsicher ihre Ansprechpartner finden“. Damit ist der Grundton gesetzt. Die Kirche bleibt rhetorisch Friedenskirche, denkt sich organisatorisch aber längst als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Krisenarchitektur mit.
Noch deutlicher wird das an den Folgesätzen. Deutschland erscheint im Bündnisfall als „logistische Drehscheibe“, durch die Material und Personal transportiert werden. Zugleich rechnet das Papier mit einer hohen Zahl an Verwundeten und Gefallenen, mit Fluchtbewegungen und mit Erwartungen, „die seitens öffentlicher Stellen an die Kirchen als subsidiäre Partnerinnen herangetragen werden“. Es geht also nicht bloß um Seelsorge im luftleeren Raum. Es geht um kirchliche Funktionsfähigkeit in einer mit dem Staat verschränkten Bedrohungslage.
Der vielleicht entlarvendste Satz des Papiers lautet, „Die Kirchen und ihre Seelsorgenden verantworten nicht den Zivilschutz.“ Gleich danach heißt es jedoch, es gehe um „die Kopplung und Befähigung verschiedener Systeme seelsorglicher Begleitung“, um Priorisierung beim Personaleinsatz, um Strukturentscheidungen und personelle Anpassungen für den Krisenfall. Anders gesagt, offiziell ist die Kirche nicht Zivilschutz. Praktisch macht sie sich anschlussfähig an jene Lage, in der Zivilschutz, Gesamtverteidigung und staatliche Koordination bereits vorausgesetzt werden.
Und das spürte man auch in Koblenz. Nicht der Frieden als politische Aufgabe stand plastisch im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt stand die gedachte Welt nach seinem Scheitern – fast so, als sei dieses Scheitern in einem Klima längst einkalkuliert, das Aufrüstung, Rüstungsaufträge und krisengetriebenes Wachstum eher bewirtschaftet, statt ernsthaft nach anderen Lösungen zu suchen. Das ökumenische Rahmenkonzept fordert Ansprechpartner für öffentliche Stellen, beschreibt Kontaktpunkte zur staatlichen Ebene, erwägt Krisenstäbe und denkt sehr konkret über Gefallene, Trauerarbeit, Kriegsgefangene und seelsorgliche Begleitung im Bündnis- oder Verteidigungsfall nach. Vor diesem Hintergrund wirkte Elßners Vortrag eher wie die gelehrte Absicherung einer institutionell längst begonnenen Anpassung (29).
Konfliktgeladen und wahrheitsbedürftig
In einem weiteren Teil seines Vortrages sprang Elßner von der alten Kriterienlehre in die sicherheitspolitische Gegenwart. Dort wurden Pius XII., das Atomwaffenproblem, Abschreckung, die Ukraine, die Krim, das Selbstverteidigungsrecht der Staaten und die Notwendigkeit militärischer Bereitschaft zum eigentlichen Zielpunkt des Abends. Pius XII. lobte er nahezu hymnisch als friedensethisches Gewissen, vor allem wegen dessen Auseinandersetzung mit ABC-Waffen. Auffällig war jedoch, wer in dieser Reihe fehlte: Der amtierende Papst. Leo XIV. spricht seit 2025/ 26 ausdrücklich von einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“, warnt davor, Religion für militärische, wirtschaftliche oder politische Zwecke zu missbrauchen, und setzt damit deutlich andere Akzente als Elßners fast durchgehend ordnungs- und verteidigungsbezogene Deutung (27) (29).
Zugleich machte Elßner deutlich, dass die traditionelle Lehre an Atomwaffen an ihre Grenze komme, weil diese keinen Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilbevölkerung machen. Dennoch blieb er nicht bei einer Absage an Abschreckung stehen. Im Gegenteil, mit Blick auf die Ukraine fragte er, ob das Land anders dastünde, wenn es seine Atomwaffen nicht abgegeben hätte. Und ausdrücklich rückte er die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ als Wert in den Vordergrund, den man nicht zum Nulltarif bekomme. Daraus ergab sich die eigentliche Pointe seines Gegenwartsbezugs: Nicht Pazifismus erschien als die realistische Konsequenz. Es war Verteidigungsfähigkeit – auch für Jugendliche. Die Formel „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – und dann kommt der Krieg zu dir“ war in diesem Zusammenhang kein Nebensatz. Sie war eine rhetorische Scharnierstelle der ganzen Veranstaltung (27).
Das erklärt auch, warum die Diskussion im Saal so wichtig wurde. Denn dort tauchten plötzlich Stimmen auf, die diesen Rahmen nicht stillschweigend akzeptierten.
Das Unbehagen im Saal richtete sich dabei nicht bloß gegen Elßner als Person. Es machte eine tiefere Trennlinie sichtbar. Ein Teil des Publikums – erkennbar kirchlich gebildet, akademisch sozialisiert und dem katholischen Milieu nahestehend – folgte dem historischen Deutungsrahmen des Referenten offenbar ohne großen inneren Widerstand. Andere im Raum reagierten völlig anders. Darunter kirchlich bewanderte Christen, die ihre Glaubenspraxis ernst nehmen, aber Militarisierung und Feindpolitik entschieden ablehnen. Angehörige oder Sympathisanten der westdeutschen Friedensbewegung mit deutlich pazifistischer Grundhaltung und Zuhörer mit ostdeutscher Erfahrung, die eine verteidigungsfähige Armee gar nicht prinzipiell in Frage stellen, wohl aber sehr genau spüren, wann Sicherheitsargumente politisch überdehnt werden. Genau darin lag die Spannung des Abends. Nicht alle lehnten Verteidigung ab, viele lehnten die schleichende Verwandlung von Sicherheit in Militarisierung ab.
Ein junger Mann sagte mit Blick auf die aktuelle Kriegsrhetorik und eine ihrer vehementesten Verfechterinnen, Maria Agnes Strack-Zimmermann, unmissverständlich, „Ich halte das für indiskutable Kriegstreiberei.“ Er erinnerte daran, dass man Wahrheit, Vorgeschichte und Interessen nicht einfach dem Tagesnarrativ opfern dürfe. Mit Blick auf Butscha verwies er auf eine von der offiziellen Darstellung abweichende Sicht und auf die aus seiner Perspektive ausgebliebene ehrliche Aufklärung. Plötzlich sprach hier eine Stimme, die die Deutungshoheit des Abends nicht einfach hinnahm (27).
Wieder eine andere Frau brachte ihre ostdeutsche Biographie in Anschlag, widersprach Elßners Blick auf DDR und Ukraine und sagte Sätze wie, „Ich war sehr, sehr glücklich“ – bezogen auf ihr Leben in der DDR – und schilderte den Donbass aus einer völlig anderen Perspektive als jener, die man in westdeutschen Veranstaltungsräumen gewöhnlich hören soll (27). Der Raum wurde in diesen Momenten endlich wirklich. Nicht akademisch, nicht liturgisch, nicht belehrend. Er wurde konfliktgeladen und wahrheitsbedürftig.
Der politische Normalfall
Da begann jedoch die Schließbewegung. Der Moderator des „Katholischen Forums Koblenz“ griff ein und erklärte, man solle am Ende des Abends „nicht das machen, wovor der ganze Abend gewarnt habe“, das Thema sei „viel zu komplex“ (27). Gemeint war wohl: Bitte keine persönliche Abrechnung und keine parteipolitische Lagerbildung. In der Situation wirkte der Satz jedoch zugleich wie eine Rückholbewegung – wie der Versuch, eine gerade erst offene, unbequeme Debatte wieder unter den Vorbehalt von Komplexität und Anstand zu stellen. Ausgerechnet für ein Forum, das mit „Dialog, Begegnung, Orientierung“ wirbt, war das bezeichnend. Begegnung gab es, Orientierung im Sinne eines vorgezeichneten Rahmens ebenfalls, echter Dialog aber nur so lange, wie er die tragenden Prämissen nicht ernsthaft beschädigte. Kurz darauf folgte die Mahnung, man müsse darauf achten, „dass wir Ansichten und Personen voneinander unterscheiden und dass wir nicht anfangen, Personen zu verunglimpfen“. Solche Sätze klingen vernünftig. In diesem Moment wirkten sie anders, wie die Disziplinierung eines ausfransenden echten Streits in das gewohnte Format des halbkontrollierten, gutbürgerlichen Austauschs, in dem Dissens nur so lange willkommen ist, wie er die tragenden Prämissen nicht wirklich beschädigt (27).
Bezeichnend war dann Elßners eigene Reaktion. Er sagte, die Frau hätte selbstverständlich das Recht gehabt, auszusprechen, was sie sagen wolle. Zugleich machte er deutlich, dass er sich zu einer inhaltlichen Antwort nicht verpflichtet sehe. Genau darin lag der Widerspruch. Formal sollte Offenheit signalisiert werden. Atmosphärisch aber war längst klar, dass bestimmte neuralgische Punkte – Minsk II, Donbass, Kriegsvorgeschichte, eine westliche Mitverstrickung, mediale „Wahrheits“-Produktion, kirchliche Mitführung im sicherheitspolitischen Denken – zwar genannt werden durften, aber möglichst nicht zu lang, nicht zu grundsätzlich und nicht zu störend. Man wollte reden, aber nicht alles hören. Man wollte Debatte, aber bitte geordnet. Man wollte Offenheit, aber nicht das, was wirkliche Offenheit an Unruhe erzeugt.
Das Lob des Moderators am Ende machte diesen Umstand fast unfreiwillig sichtbar. Er dankte Elßner für seinen Überblick und erklärte, der Abend habe dazu gedient, „vernünftig darüber zu reden“. Das aber war ja der springende Punkt. Vernunft hieß an diesem Abend nicht, unterschiedliche Wirklichkeiten geduldig abzutasten. Vernunft hieß sehr oft, die Dinge wieder in vertraute Kategorien zu ordnen: Freiheit hier, Bedrohung dort. Verteidigung hier, Realitätsferne dort. Komplexität hier, vermeintliche Emotionalität dort. So entsteht jener Diskurs, in dem Kriegsfähigkeit am Ende als erwachsene Haltung erscheint und grundsätzliche Skepsis als moralisch sympathisch, politisch aber unreif.
Der Koblenzer Abend fiel nicht vom Himmel. Er gehört in eine längere Verschiebung deutscher Sicherheitslogik. Die deutsche Einheit war eben kein militärisches Projekt. Sie war ein politisches Versprechen: dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte – mental und strategisch.
Der erste große Bruch dieser Linie war Jugoslawien 1999. Von dort an wurde Militär nicht mehr als äußerstes Mittel territorialer Verteidigung begründet. Es erschien erneut als politisches Instrument. Afghanistan, weitere Auslandseinsätze und später die bündnispolitische Überhöhung des Ukraine-Krieges vertieften diese Verschiebung. Spätestens dort ging es nicht mehr nur um Sicherheit. Verteidigt wurde dabei nicht deutsches Territorium. Es ging um Geopolitik, Einflusszonen, Ressourcen, Abschreckung, Bündnistreue und die strategische Schwächung des Gegners. Genau hier beginnt Militarisierung. Wenn Kriege, die nicht der unmittelbaren Verteidigung der eigenen Bevölkerung dienen, dennoch im Namen von Freiheit, Verantwortung und Sicherheit legitimiert werden. Wenn zivile Interessen, ökonomische Erwartungen und militärische Logik ineinandergreifen, wenn Feindbildrhetorik, Blocknarrative, die schleichende Einbeziehung ziviler Logistik und die moralische Gewöhnung an Dauerkonfrontation zum politischen Normalfall werden. Darin lag die tiefere Unruhe, die im Saal zu spüren war (31) (32).
Freistunde: Schlechtes Tauschgeschäft
Viele im Westen halten diese Verschiebung für normale Anpassung. Viele im Osten hören genauer hin. Sie lehnen Verteidigung nicht ab. Sie bemerken nur schneller, wenn Schutzrhetorik in Mobilisierungsrhetorik kippt. Darin lag ein Teil des Konflikts. Nicht die Armee war strittig, aber ihre Überdehnung zu einer gesellschaftlichen Logik.
Man muss die Kirche an diesem Punkt ernst nehmen und ihr deshalb widersprechen. Wenn sie Frieden predigt, aber organisatorisch längst den Ernstfall denkt, dann ist harte Kritik geboten – überall.
Der Koblenzer Abend war deshalb auf eigentümliche Weise lehrreich. Nicht die Erklärungen Prof. Elßners waren entscheidend. Sichtbar wurde vielmehr in den Rissen, Widersprüchen und Störungen des Abends, worum es eigentlich geht: um die Frage, ob die Kirche noch als Stachel gegen die Kriegsordnung wirkt – oder sich längst darauf eingerichtet hat, sie seelsorglich zu begleiten, organisatorisch zu flankieren und moralisch einzuhegen.
Der Schluss des Abends wirkte nicht wie ein Akt besonderer historischer Sensibilität. Er wirkte wie ein durchsichtiges rhetorisches Manöver. Thomas R. Elßner ist Jahrgang 1961, in Görlitz geboren und damit weder Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs noch Träger irgendeiner persönlichen „Täterschaft“(4). Wenn er in der Debatte dennoch in ein deutsches ‚Wir‘ der Schuld und Verstrickung ausgriff, geschah das nicht aus biographischer Notwendigkeit. Es war die moralische Nachjustierung eines Abends, der ihm erkennbar entglitten war. Was zuvor als Kritik an seiner politischen Einseitigkeit, an seiner Sprachhärte gegenüber Iran und an seiner auffälligen Zurückhaltung gegenüber dem gegenwärtigen israelischen Kriegshandeln formuliert worden war, wurde so in einen anderen Rahmen überführt. Die Gegenwart stand damit nicht mehr zur Beurteilung. Stattdessen sollte sich das Publikum noch einmal der deutschen Vergangenheit unterwerfen. Das wirkte nicht ernsthaft. Es wirkte autoritär. Es war der Versuch, aus zuvor berechtigter Kritik eine Frage des Anstands zu machen – und sich selbst im Nachhall des Abends noch den Stempel moralischer Überlegenheit zu geben. Vielleicht lag die ehrlichste Aussage des Abends gar nicht im Vortrag. Sie fiel in der Diskussion. Ein Gast meinte, „Krieg beginne mit Lügen, mit vorbereiteten Bildern, mit dem, was man den Menschen jahrelang einrede.“ Er hatte recht. Und vielleicht beginnt der geistige Verrat am Frieden genau dort, wo auch die Kirche lieber Latein spricht, statt diese Lügen beim Namen zu nennen (3) (27).
Am Ende blieb deshalb weniger der Eindruck eines mutigen kirchlichen Denkers als der eines angepassten Funktionsträgers, der in einem kleinen, ihm gewogenen akademischen Resonanzraum deutlich sicherer wirkte als im offenen Streit mit der Wirklichkeit. Seine stimmliche Schärfe ersetzte keine Klarheit, seine Gelehrsamkeit keine Führung durch das Thema, seine Amtsnähe keine Autorität im eigentlichen Sinn. Wer Kirche heute noch als moralische Instanz ernst nehmen soll, erwartet etwas anderes. Er erwartet keinen theologischen Nachvollzug regierungsnaher Sicherheitslogik. Er erwartet den Mut, Lügen, Verkürzungen und Frontmoral auf allen Seiten zu benennen. Denn gewinnen lässt sich niemand durch Kühle, begriffliche Selbstverliebtheit und einen Frieden, der am Ende doch nur die schönere Sprache für die Vorbereitung auf den Krieg bleibt.
Fast beiläufig zeigte sich eine weitere Schieflage des Abends auch im Publikum. Unter den Zuhörern waren Schülerinnen eines Gymnasiums aus Lahnstein, denen für den Besuch offenbar eine freie Religionsstunde in Aussicht gestellt worden war, wie sie ihrem Platznachbarn anvertrauten. Nach dem Vortrag war eher Ernüchterung zu spüren. Aus 45 Minuten Unterricht war ein Abend von deutlich über anderthalb Stunden geworden – und statt eines zugänglichen Gesprächs über Frieden bekamen die Jugendlichen einen streckenweise schwer verständlichen, begriffslastigen und konflikthaften Vortrag geboten. Wenn Kirche junge Menschen erreichen will, war das ein denkbar schlechtes Tauschgeschäft.
Kein Gewissen der Zeit
Dieser Abend war nicht bloß missglückt. Er war eine Blamage für ein kirchlich-akademisches Amt, das Klarheit, Urteilskraft und geistige Redlichkeit beansprucht. Elßner wirkte als enggeführter Funktionär. Nach einem solchen Abend stellt sich jedenfalls die Frage, ob jemand, der so mit Widerspruch, Gegenwartsanalyse und moralischer Asymmetrie umgeht, wirklich der Richtige für ein Lehr- und Orientierungsamt in Kirche und Hochschule ist.
Es war nicht das Verstörendste, was gesagt wurde. Es war, wie selbstverständlich es gesagt werden konnte. Und das Problem reicht über diesen einen Abend und über die Kirche hinaus. Es betrifft jede religiöse Instanz, die in Fragen von Krieg, Frieden und Gewalt öffentliche Autorität beansprucht – christliche, jüdische wie muslimische. In dem Moment, in dem Glaubensgemeinschaften ihre Aufgabe nicht mehr in Widerspruch, Prüfung und Widerstand sehen, richten sie sich darauf ein, den Ausnahmezustand moralisch zu begleiten. Damit verlieren sie ihren eigentlichen Auftrag. Die Tragik liegt sogar tiefer.
Die Geschichte zeigt, dass Kirchen Kriege nicht nur kritisiert haben. Immer wieder haben sie sie auch begleitet, legitimiert oder stillschweigend mitgetragen. Deshalb wiegt ihr Versagen in Fragen von Krieg und Frieden so schwer. Dort beginnt ihr Verfall. Denn eine Kirche, die den Krieg nicht mehr geistig stört und nur noch seelsorglich abfedert, ist kein Gewissen der Zeit mehr. Sie ist Teil ihres Problems.
Quellen und Anmerkungen: (abgerufen am 27.April 2026)
1.) https://www.bistum-trier.de/kultur-musik/veranstaltung/Vom-gerechten-Krieg-zum-gerechten-Frieden-2026.04.20-00003/?instancedate=1776704400000
2.) https://www.pr-koblenz.de/uploads/ngpl4b9p/FaltblattKatholischesForum2026-1.pdf
3.) https://www.cusanus-gymnasium.de/schulleben/rundbriefe/2025-2026/rundbrief-3-2025-26.pdf
4.) https://www.katholische-militaerseelsorge.de/blog/authors; https://vp-uni.de/university/fakultaeten/personen/elssner/
5.) https://vp-uni.de/university/fakultaeten/personen/
6.) https://www.bundeswehr.de/de/organisation/militaerseelsorge
7.) https://www.bmvg.de/de/themen/personal/fuer-und-seelsorge
8.) https://www.bundestag.de/resource/blob/645886/d30d48c575622284c69f023aac538b41/WD-2-034-19-pdf-data.pdf
9.) https://www.bundestag.de/resource/blob/411724/WD-10-089-12-pdf.pdf
10.) https://www.katholische-militaerseelsorge.de/organisation/katholisches-militaerbischofsamt
11.) https://www.bundeswehr.de/de/organisation/militaerseelsorge/katholische-militaerseelsorge/struktur/katholisches-militaerbischofsamt
12.) https://www.bundeswehr.de/de/organisation/militaerseelsorge/katholische-militaerseelsorge/struktur/katholisches-militaerbischofsamt/die-referate-im-katholischen-militaerbischofsamt
13.) https://www.katholische-militaerseelsorge.de/organisation
14.) https://www.katholische-militaerseelsorge.de/fileadmin/_migrated/content_uploads/2005_Dokumentation.pdf
15.) https://www.service.bund.de/Content/DE/DEBehoerden/B/Bundeswehr/KMBA/Katholisches-Militaerbischofsamt.html?nn=4641496
16.) https://www.dbk-shop.de/de/publikationen/die-deutschen-bischoefe/hirtenschreiben-erklaerungen/gerechter-friede.html;https://www.iupax.at/dl/rrtlJmoJOonJqx4KJKJmMJmNMn/2000-dbk-gerechter-friede_pdf
17.) https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/gerechter-friede-1
18.) https://www.dbk-shop.de/media/files_public/fddbe594c56a6c4b5851c5b3ad1b6d32/DBK_11113.pdf; https://www.dbk-shop.de/de/publikationen/die-deutschen-bischoefe/hirtenschreiben-erklaerungen/friede-diesem-haus-friedenswort-deutschen-bischoefe.html
19.) https://www.ekd.de/friedensdenkschrift-2025-91393.htm; https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift-welt-in-unordnung-EVA-2025.pdf
20.) https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/messages/peace/documents/20251208-messaggio-pace.html; Deutsche PDF-Fassung der Botschaft zum Weltfriedenstag 2026: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/Botschaften/2026-Botschaft-zum-Weltfriedenstag.pdf
21.) https://www.freidenker.org/?p=25157
22.) https://www.osce.org/cio/140156; https://press.un.org/en/2015/sc11785.doc.htm; https://undocs.org/S/RES/2202(2015)
23.) https://ukraine.ohchr.org/en/reports; https://www.ohchr.org/sites/default/files/2022-03/33rdReportUkraine-en.pdf;https://ukraine.ohchr.org/en/civilian-casualties-rise-security-situation-deteriorates-eastern-ukraine-says-un-human;https://www.osce.org/ukraine-smm/reports
24.)https://2001.ukrcensus.gov.ua/eng/results/general/language/;https://2001.ukrcensus.gov.ua/eng/results/general/language/Luhansk/;https://2001.ukrcensus.gov.ua/eng/results/general/language/Donetsk/
25.) https://digitallibrary.un.org/record/767565; https://undocs.org/A/RES/68/262
26.) https://www.reuters.com/world/europe/merkel-says-she-doesnt-blame-herself-not-trying-hard-enough-ukraine-2022-06-07/;https://www.reuters.com/world/putin-russia-may-have-make-ukraine-deal-one-day-partners-cheated-past-2022-12-09/
27.) Notizen/ Aufzeichnungen der Veranstaltung vom 20.04.2026 in Koblenz
28.) https://www.suhrkamp.de/buch/christa-wolf-kassandra-t-9783518460528; https://www.suhrkamp.de/buch/christa-wolf-man-steht-sehr-bequem-zwischen-allen-fronten-t-9783518425732
29.)https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2026/2026_Oekumenisches-Rahmenkonzept_Seelsorge-im-Spannungs-Buendnis-und-Verteidigungsfall.pdf; https://www.ekd.de/oekumenisches-rahmenkonzept-seelsorge-95115.htm
30.) https://dserver.bundestag.de/btd/19/210/1921067.pdf; https://www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/2020_07/706986-706986; https://dserver.bundestag.de/btd/19/214/1921437.pdf; Kleine Anfrage: https://dserver.bundestag.de/btd/19/210/1921067.pdf; Antwort der Bundesregierung: https://dserver.bundestag.de/btd/19/214/1921437.pdf; https://www.bundeshaushalt.de/static/daten/2026/soll/draft/epl14.pdf
31.) https://dserver.bundestag.de/btd/14/030/1403047.pdf; https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/546700/1999-beginn-des-nato-einsatzes-im-kosovo/; https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54633/kosovo/
32.) https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenzen/scholz-trifft-mp-japan-2298960.pdf;https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga/quadriga-2024-nato-landstreitkraefte-ueben-buendnisfall;https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga
Literatur-Spezial-Liste zu Prof. Elßners Vortrag:
Aristoteles https://www.zeno.org/Philosophie/M/Aristoteles/Nikomachische%2BEthik;
Cicero https://www.gottwein.de/Lat/CicOff/off1011.php; https://www.gottwein.de/Lat/CicOff/off1015.php;https://www.gottwein.de/Lat/CicOff/off1020.php; https://www.gottwein.de/Lat/cic_rep/cic_rep0001.php; https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/sprachen-und-literatur/latein/texte-und-medien/cicero-philosophie/de-re-publica/cicero-de-re-publica-1-26-41-entstehung-des-states.html;
Seneca https://www.projekt-gutenberg.org/authors/seneca/
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Gerhard Beestermöller https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechter_Krieg;https://www.ethikundmilitaer.de/fileadmin/ethik_und_militaer/Ethik-und-Militaer-2024-2.pdf