Mauerbau 1961: Verschwiegene Ursachen und Hintergründe
Vor 65 Jahren, am 13. August 1961, hat die DDR die Grenze zur BRD und zu Westberlin gesichert, auch durch den Bau der sogenannten Mauer. Das wird dem untergegangenen Land bis heute vorgeworfen. Die internationalen Ursachen für das Ereignis werden oft übersehen, verschwiegen oder verdreht. Eine Spurensuche.
Wie jedes Jahr wird in den medialen Beiträgen und offiziellen Reden zum 65. Jahrestag des „Mauerbaus“ ein Zitat des damaligen DDR-Partei- und Staatschefs Walter Ulbricht wiederholt, das zum geflügelten Wort wurde: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Auch dieses Mal wird zwar wiedergegeben, was Ulbricht am 15. Juni 1961 auf einer Pressekonferenz auf eine Frage der Journalistin Annemarie Doherr antwortete – aber nicht, was er hinzufügte. Ein Beispiel dafür liefert seit Jahren der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) auf seinem Online-Portal „Die Berliner Mauer“. Im Video der damaligen Pressekonferenz ist nur noch kurz zu hören, dass der DDR-Staatschef weiterredet. Doch was er sagt, geht im Off-Kommentar „Ulbrichts Worte werden zur Lüge des Jahrzehnts“ unter.
So wird bewusst ein Detail weggelassen, das helfen könnte, die Ereignisse von damals zu verstehen. Darauf machte der ehemalige Ulbricht-Mitarbeiter Herbert Graf (2019 verstorben) vor einigen Jahren in einem Gespräch mit dem Autor des Beitrages aufmerksam. Graf war damals Leiter der Hauptabteilung Staatsorgane im Staatsrat der DDR und aktiv in die Ereignisse um den Bau der Mauer 1961 einbezogen. In seinem 2011 veröffentlichten Buch „Interessen und Intrigen: Wer spaltete Deutschland?“ hat er die ganze Antwort Ulbrichts an Doherr, Korrespondentin der Frankfurter Rundschau, zitiert:
„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten. Ich habe vorhin schon gesagt: Wir sind für vertragliche Beziehungen zwischen Westberlin und der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik. Das ist der einfachste und normalste Weg zur Regelung dieser Fragen.“
Aber nur die ersten acht Worte werden immer wieder gebracht und danach das Zitat abgebrochen. Weggelassen werde ebenso, worum es Wochen vor dem Mauerbau ging, sagte Graf:
„Im Zentrum stand die Forderung nach einem Friedensvertrag für Deutschland, verbunden mit der damals international erörterten Idee der Schaffung einer entmilitarisierten Freien Stadt Westberlin.“
Die vielzitierte Antwort sei gegeben worden, nachdem die Veranstaltung schon mehrere Stunden lief. Und: „Zu dem Zeitpunkt, als Ulbricht auf der Pressekonferenz sprach, war die letzte Entscheidung, was passiert, noch nicht getroffen. Niemand wusste, was wir machen.“ Der DDR-Partei- und Staatschef sei immer für eine Verhandlungslösung der Probleme um Westberlin gewesen, „und nicht für eine Mauer-Lösung“. Die sei erst später gekommen. In einem Vortrag zum Thema hatte Graf erklärt:
„Das vorrangige Ziel dieser seit Jahrzehnten laufenden und sich zunehmend verstärkenden Medienkampagne ist es, Ursachen und Folgen der Berliner Mauer wahrheitswidrig dem Sozialismus, der Sowjetunion und der DDR anzulasten.“
Alliierte legten Fundamente bereits 1943
Im Gespräch erinnerte er daran, dass die Ursachen der Entwicklung aus der Zeit des 2. Weltkrieges stammten, aus dem Herbst 1943. Damals seien sich die „Großen Drei“, Jossif W. Stalin (UDSSR), Winston Churchill (Großbritannien) und Franklin D. Roosevelt (USA), bereits sicher gewesen, dass sie den Krieg gegen den Faschismus gewinnen werden. Und so sei in dem Jahr auf der Konferenz in Teheran begonnen worden, über die Nachkriegsregelungen für das besetzte Deutschland zu beraten. Es habe verschiedene Ideen aus Washington und London gegeben, Deutschland aufzuteilen, bis hin zum sogenannten Morgenthau-Plan aus den USA, das Land zu deindustrialisieren. Die Sowjetunion habe verhindert, dass die Idee, Deutschland zu zerstückeln, umgesetzt wurde, so Graf in seinem Buch.
Mit den Details der Nachkriegsregelungen sollte sich demnach die zuvor gebildete „European Advisory Commission“ (EAC; deutsch: Europäische Beratungskommission) beschäftigen, in der die drei Staaten durch Botschafter vertreten waren. Die EAC legte im September 1944 mit dem „Londoner Protokoll“ einen Plan für die Besatzungszonen in Deutschland und auch in Groß-Berlin vor, der von den „Großen Drei“ bestätigt wurde. Dabei sind laut Graf alle Beteiligten davon ausgegangen, der Krieg gehe in Kürze zu Ende. Alle Pläne seien deshalb nur als zeitweilige Lösung bis zu einer Friedenskonferenz und einem Friedensvertrag „vielleicht zwei, drei Jahre nach Kriegsende“ gedacht gewesen. Das Protokoll über die Besatzungszonen habe sich später „als die neuralgische Zentralachse der Nachkriegsregelungen“ erwiesen, stellte er in seinem Buch fest.
Der frühere Ulbricht-Mitarbeiter wies im Gespräch daraufhin, dass auf den alliierten Konferenzen in Jalta 1944 und in Potsdam 1945 die Berlin-Frage keine Rolle spielte. Das Fazit aller dazu verfassten Dokumente sei:
„Es hat nie ein rechtlich verbrieftes Zugangsrecht der Westalliierten nach Berlin gegeben. Das war nur Gewohnheitsrecht, nachdem damals die USA nicht merkten, dass ihre Zone 150 Kilometer weg war.“
Als sie es bemerkten, habe sich Roosevelt an Stalin gewandt. Dieser habe Marschall Georgi Schukow beauftragt, den US-Truppen zu helfen, zu deren vereinbarter Zone in Berlin zu gelangen. „Das wurde sozusagen unter Kollegen geregelt, das war keine völkerrechtliche Regelung.“ Und:
„Es war ein Zugeständnis der Sowjetunion, dass man sie überhaupt nach Berlin ließ. Aber dieses Zugeständnis lief auch unter dem Aspekt: Das ist ja nur eine zeitweilige Regelung.“
Dass Berlin später zur „Inkarnation eines westlichen Postens mitten in der DDR“ gemacht wurde, „das war schlichte westliche Propaganda, die Papiere sahen ganz anders aus“.
In Jalta und Potsdam sei nicht über eine klare Regelung zu Berlin entschieden worden, weil sich in dieser Zeit bereits die ersten Züge des Kalten Krieges zeigten.
„Stalin wusste, wenn wir dieses Problem behandeln, dann geht eine Debatte los, die noch einmal ganz neu ist. Denn Churchill hatte längst aus seiner antikommunistischen Propaganda heraus angezweifelt, dass die ganze Sache gut geht. Er wollte am liebsten die sowjetischen Truppen bis zur Oder-Neiße-Linie haben und alles andere wollte er sich mit den Amerikanern und dann möglicherweise mit den Franzosen teilen. Aus dieser Rücksicht heraus wurde die Berlin-Frage von allen nicht berührt, weil sie wussten, da kommen wir nicht weiter.“
In allen Dokumenten seien deshalb nur die unmittelbaren täglichen Nachkriegsprobleme geklärt und alle Fragen der deutschen Zukunft einem Rat der Außenminister überlassen worden. „Durch diese Geschichte ist Westberlin als Problem überhaupt entstanden“, hob Graf hervor. Es sei in der Folge als „ein Stützpfeiler des Westens mitten im Fleisch erst der Sowjet-Zone, dann der DDR auf- und ausgebaut worden“. Aber:
„Verbriefte Rechte auf Westberlin und die Zugangswege dahin konnten die Westmächte nie vorweisen. In ihrer Strategie des Kalten Krieges war ihnen ihre Position im geteilten Berlin ein Geschenk des Himmels.“
Der promovierte Staatsrechtler Graf glaubte nicht, dass für Deutschland eine Lösung wie für Österreich gedacht und möglich war. Das wurde nach der alliierten Besatzung und Verwaltung 1955 in die Souveränität entlassen. Er verwies darauf, dass vor allem die Westmächte auch nicht an einer souveränen Bundesrepublik Deutschland interessiert waren, ebenso auf langfristigere historische Entwicklungen: Die USA hätten sich mit ihrem Eintritt 1917 in den Ersten Weltkrieg entschlossen, ihren Fuß nach Europa zu setzen und ihren Einfluss dort zu nutzen.
Zugespitzte Berlin-Frage
Das zeige sich unter anderem am Versailler Vertrag, der den USA in allen Fragen der Reparationen ein Mitspracherecht gab. Das nutzten diese immer wieder auch zu Ungunsten der eigenen Verbündeten. Damals sei „diese Politik der Expansion in Richtung der ganzen Welt“ begonnen worden, die bis heute fortgesetzt werde. „Deshalb sitzen sie ja noch heute in Ramstein und an anderen Punkten.“ Den Einfluss auf die europäische Entwicklung hätten sie sich auch 1945 nicht nehmen lassen wollen, war sich der Zeitzeuge sicher. In seinem Buch von 2011 schrieb er:
„Darstellungen der Ereignisse um den 13. August 1961, die allein auf die Endphase des Geschehens 1960/61 fokussiert sind, greifen offensichtlich zu kurz.“
Im Gespräch erinnerte er daran, dass „der historische Ausgangspunkt für die Zuspitzung der Berlin-Frage“ im Herbst 1958 gelegt wurde. Damals habe der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow die Krise ausgelöst, behauptet der österreichische Historiker Rolf Steininger in seinem 2009 veröffentlichten Buch „Berlinkrise und Mauerbau 1958 bis 1963“. Das sei mit einer Rede am 10. November 1958 in Moskau geschehen. Darin regte Chruschtschow an, Teile des Potsdamer Abkommens zu revidieren, da der Westen sich der Bundesrepublik und vor allem Westberlins als Mittel seiner Interessen „gegen den Osten“ bediene. Er schlug auch vor, „auf die Reste des Besatzungsregimes in Berlin zu verzichten und dadurch die Möglichkeit für die Herstellung normaler Zustände in der Hauptstadt der DDR zu schaffen“.
Die sowjetische Führung legte trotz der ersten westlichen Empörungen nach und übermittelte am 27. November 1958 eine „Berlin-Note“ an Washington, London und Paris. Darin erklärte Moskau, es würde sich „nicht mehr durch den Teil der Alliierten-Abkommen über Deutschland gebunden fühlen, der einen nicht gleichberechtigten Charakter angenommen hat und zur Aufrechterhaltung des Besatzungsregimes in Westberlin und zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR benutzt wird“. Die Vereinbarungen von 1944 für Groß-Berlin wurden als „nicht mehr in Kraft befindlich betrachtet“.
Drängende Friedensfrage
Gleichzeitig wurden neue Regelungen gefordert, die innerhalb von sechs Monaten abgeschlossen werden sollten. Dieses „sowjetische Ultimatum“ (Steininger) forderte immerhin die westlichen Alliierten auf, sich an einem endgültigen Friedensvertrag mit beiden deutschen Staaten zu beteiligen. Dabei sollte Westberlin zur „Freien Stadt“ erklärt werden. Für den Fall, die anderen drei Mächte sagen Nein, kündigte Moskau an, den Friedensvertrag allein mit der DDR abzuschließen und deren Souveränitätsrechte in Bezug auf Berlin notfalls militärisch zu sichern.
„Damit war der Stein ins Rollen gebracht, der zu einer internationalen Vereinbarung führen sollte, aber letztlich zur Berlin-Krise 1961 und zum Bau der Berliner Mauer führte“, so Zeitzeuge Graf, der dem Historiker Steininger deutlich widersprach.
„Es war höchste Zeit, dass man die Friedensfrage in Deutschland stellt und dass man klare Verhältnisse schafft. Nun stand die Frage nach einem Friedensvertrag. Wer wollte sich eigentlich dagegen auflehnen?“
Doch die westlichen Mächte, einschließlich der Bonner Führung, reagierten empört auf die klaren Worte aus Moskau. Sie hatten kein Interesse, die Regelungen von 1944 zu Berlin in Frage zu stellen, so Graf in seinem Buch. Danach planten bekannt gewordenen Dokumenten zufolge die USA sogar den Atomkrieg gegen die DDR und die Sowjetunion, um zu verhindern, dass ihre Interessen an Westberlin in irgendeiner Weise in Frage gestellt wurden. Das ging laut Steininger so weit, dass der damalige BRD-Kriegsminister Franz-Josef Strauß forderte, Washington müsse Moskau klar machen, dass das bis zur physischen Vernichtung der Sowjetunion gehen würde.
Bis zu diesem Punkt gab es verschiedene diplomatische Aktivitäten zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges, die vor einem Krieg gegeneinander zu stehen schienen. Um den Konflikt zu entspannen, vereinbarte den Berichten nach Chruschtschow mit dem damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower ein Gipfeltreffen. Beide kamen im September 1959 in Camp David zusammen und sprachen über die entstandene Lage. Schon zuvor hätte sich gezeigt, dass der Weltkriegs-General Eisenhower als alter Militär verstanden habe, „dass man einen Krieg auch mal zu Ende bringen muss“, erinnerte sich Graf.
In seinem Buch zitiert er, was der US-Präsident nach dem Treffen auf einer Pressekonferenz dazu erklärte: „Der Ministerpräsident und ich erörterten die Berlin-Frage eingehend.“ Er teilte mit, dass Verhandlungen aufgenommen werden sollen „mit dem Ziel, zu einer Lösung zu kommen, die die legitimen Interessen der Sowjets, der Ostdeutschen, der Westdeutschen und vor allen der westlichen Völker schützt. […] Wir alle stimmen darin überein, dass dies eine anormale Situation (abnormal situation) ist, die ganze Welt sagt dies.“ Graf beschrieb die Reaktionen darauf so:
„Die ganze Welt sprach und die Weltpresse schrieb vom ‚Geist von Camp David‘. Man hatte die Hoffnung, jetzt finden wir eine Lösung für dieses Berlin-Problem, aber vor allen Dingen auch für den Friedensvertrag, wo das Berlin-Problem mit eine große Rolle spielte.“
Gezielte Provokation
Doch kurz bevor es am 16. und 17. Mai 1960 in Paris zu einer Gipfelkonferenz der USA, der UdSSR, Frankreichs und Großbritanniens kam, zerplatzten die Hoffnungen wieder. Dabei sollten neben einem weltweiten Abrüstungsprozess ein Friedensvertrag und eine Berlin-Lösung vorbereitet werden. „Dann passierte die berühmte Geschichte mit der U-2“, erinnerte Graf an den Abschuss eines US-amerikanischen Spionageflugzeuges über sowjetischem Gebiet bei Swerdlowsk am 1. Mai 1960.
Moskau sei „hochempört“ gewesen und Chruschtschow, der zwei Tage vor Konferenzbeginn nach Paris gekommen sei, habe von Eisenhower eine Entschuldigung verlangt. Ohne diese gäbe es keine Verhandlungen – zu diesen kam es dann auch nicht, weil sich Washington weigerte. Der Historiker Steininger behauptet, „Chruschtschow nutzte den Zwischenfall, um die Gipfelkonferenz platzen zu lassen“, und meint, dass das nur ein Vorwand gewesen sei. Aus seiner Sicht hätten „die Amerikaner Chruschtschow geradezu in die Hände gespielt“, schrieb er in seinem Buch.
Das könnte tatsächlich Absicht gewesen sein, allerdings anders als Steininger es sieht. Der US-Historiker David Talbot schrieb in seinem Buch „Das Schachbrett des Teufels – Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung“ zu dem Vorfall mit der U-2, der Abschuss des Spionageflugzeuges, unterwegs im Auftrag der CIA, habe „Eisenhowers letzte Chance auf einen Durchbruch im Kalten Krieg zunichtemachte“. Der US-Präsident sei sich des Risikos der Spionageflüge bewusst gewesen und habe diese nur genehmigt, weil CIA- Chef Allan Dulles ihm versichert habe, die große Flughöhe der U-2 schütze diese vor der sowjetischen Luftverteidigung.
Doch am 1. Mai 1960 wurde das Gegenteil dessen bewiesen und der Pilot Francis Gary Powers geriet in Gefangenschaft. Talbot dazu:
„Der Spionageflug am Vorabend des Pariser Gipfeltreffens schien zeitlich so schlecht abgepasst, dass mindestens ein Beobachter, Luftwaffenoberst L. Fletcher Prouty, den Verdacht hegte, dass die CIA den Zwischenfall absichtlich provoziert hatte, um die Friedenskonferenz zu torpedieren …“.
Prouty war Verbindungsoffizier zwischen dem Pentagon und der CIA, und sei vom Geheimdienstchef Dulles immer gerufen worden, wenn es Probleme mit den U-2-Spionageflügen gab. Dieser Ex-Militär bezeichnet in seinem eigenen Buch „The Secret Team“ den Beschuss der U-2 am 1. Mai 1960 als „ein höchst ungewöhnliches Ereignis“ vor dem Hintergrund eines „ungeheuren verborgenen Kampfes [zwischen] den von Präsident Eisenhower angeführten Friedensstiftern“ und dem „inneren Zirkel“ von Dulles. In seinem 1992 erschienenen Buch „JFK – Der CIA, der Vietnamkrieg und der Mord an John F. Kennedy“ meinte Prouty:
„Eisenhower setzte große Hoffnungen auf seinen Kreuzzug für den Frieden. Voraussetzung dafür war eine erfolgreiche Gipfelkonferenz im Mai 1960 in Paris und ein anschließender Besuch bei Chruschtschow in Moskau.“
Deshalb habe das Weiße Haus kurz vor dem Gipfel alle Spionageflüge und auch US-Kriegshandlungen, offene oder verdeckte, gestoppt. Die U-2 mit Powers sei dennoch gestartet, mit den bekannten Folgen bis hin zur Absage des Eisenhower-Besuches in Moskau. Allerdings sei sie nicht abgeschossen worden, sondern bei Swerdlowsk gelandet, so Prouty, der von Sabotage sprach. CIA-Chef Dulles habe 1960 in einer nichtöffentlichen Sitzung des Außenpolitischen Ausschusses des US-Senats geäußert, das Flugzeug sei nicht wie von Moskau behauptet durch eine Rakete abgeschossen worden. Stattdessen sei es wegen eines Maschinenschadens notgelandet, gibt der US-Offizier in seinem Buch die Erklärung wieder.
Dazu passt, dass die beiden Militärexperten Bernd Biedermann und Wolfgang Kerner 2014 in dem Buch „Krieg am Himmel“ schrieben, laut jüngsten russischen Veröffentlichungen zu dem Vorfall gebe es Zweifel, dass die U-2 in einer Höhe von etwa 21 Kilometern getroffen wurde: „Nahezu alles, was bei der Bekämpfung eines ungebetenen Eindringlings schiefgehen konnte, war schief gegangen.“
Ex-US-Offizier Prouty vermutete, Powers musste aufgrund eines technischen Problems über sowjetischem Gebiet tiefer fliegen und war erst dadurch für die gegnerische Luftverteidigung erreichbar. Zu seiner Sicht auf Eisenhowers Friedens-Bemühungen passt, dass der scheidende US-Präsident am 17. Januar 1961 bei seiner öffentlichen Abschiedsrede vor der unkontrollierten Macht des Militärisch-Industriellen Komplexes warnte.
Für Zeitzeuge Graf war es kein Zufall, dass mit dem mutmaßlichen Abschuss der U-2 über der Sowjetunion am 1. Mai 1960 die Chance der Pariser Konferenz zerstört wurde.
„Powers hat man verheizt, nur damit man einen Skandal hat, wo man wusste, das kann Chruschtschow nicht hinnehmen.“
Neuer Anlauf für Kompromis
Nach der Wahl von John F. Kennedy zum US-Präsidenten habe es einen erneuten Anlauf gegeben, über die Probleme zu reden und die Lage zu klären. Kennedy traf sich mit Chruschtschow am 3. und 4. Juni 1961 in Wien. Doch die anfangs freundliche Begegnung der beiden führte beim Thema Nachkriegsdeutschland zu keinem Ergebnis, schilderte Graf das Ereignis. In einem inoffiziellen Vier-Augen-Gespräch hätten beide einen letzten Versuch unternommen, gab er im Gespräch und im Buch das Geschehen in Wien wieder.
Doch das endete unter anderem laut Gesprächsprotokoll damit, dass Chruschtschow Kennedy erklärte: „Ich will Frieden und einen Friedensvertrag mit Deutschland. Wenn ich Grenzen ändern oder andere Völker erobern wollte, dann wären Sie tatsächlich verpflichtet, sich zu verteidigen. Wir wollen jedoch nur den Frieden. Drohungen von Ihrer Seite werden uns nicht aufhalten. Wir wollen keinen Krieg, wenn Sie ihn uns aber aufzwingen sollten, wird es einen geben. …“ Der US-Präsident daraufhin: „Ja, es scheint einen kalten Winter zu geben in diesem Jahr.“ Worauf sein Gesprächspartner noch einmal wiederholte, er hoffe auf Frieden und glaube an eine friedliche Lösung.
Aber die schien nach dem Treffen in Wien wieder in weite Ferne gerückt zu sein. Beide Seiten versetzten ihre Truppen in Alarmbereitschaft und veranstalteten „gefährliche militärische Planspiele“, berichtet Graf in seinem Buch. Das reichte bis hin zu US-Plänen für einen Atomschlag gegen die DDR und die UdSSR. Davon berichtete auch der ehemalige bayrische Ministerpräsident Strauß in seinen nach seinem Tod 1988 veröffentlichten „Erinnerungen“. Die USA hätten solche Gedanken gewagt, weil sie gewusst hätten, die Gegenseite hätte nicht annähernd passend und präzise reagieren können, so Graf.
„Aber ich kenne aus der Sowjetunion nicht eine Information, die über Atombomben gesprochen hätte. Aber von Strauß kenne ich sie und aus Amerika kenne ich sie auch.“
In seinem Buch schreibt er auch von Berechnungen, die Kennedy über mögliche US-Opfer eines Atomkrieges anstellen ließ. „Der Grat zwischen Krieg und Frieden war im Sommer 1961 sehr schmal. Es wurde höchste Zeit zum Umdenken!“
Kennedy habe Mitte Juli 1961 den Diplomaten John McCloy nach Moskau geschickt. Er sollte darüber reden, wie eine nukleare Katastrophe verhindert und die Berlin-Krise entschärft werden könnte. McCloy sprach den Informationen zufolge mit verschiedenen Mitgliedern der sowjetischen Führung und zuletzt mit Chruschtschow. Danach teilte der Diplomat dem Präsidenten in Washington unter anderem mit, die Lage sei „zu gefährlich“, um sie „an einen Punkt treiben zu lassen, wo ein Zweikampf durchaus zu einer unglücklichen Aktion führen konnte“.
McCloy hat aus Sicht des ehemaligen Ulbricht-Mitarbeiters „ein Meisterwerk vollbracht“. Beide Seiten hätten sich auf eine Lösung geeinigt:
„Die Absprache hieß im Grunde: Wir schaffen einen Status Quo in Europa. Ihr könnt auf Eurem Gebiet machen, was Ihr wollt.“
Die USA hätten auf drei Essentials bestanden: Die Rechte der West-Alliierten in West-Berlin werden nicht verändert; West-Berlin wird nicht in die DDR einbezogen; und alles andere wird auf Verhandlungsbasis gelöst. „Das war der Kompromiss in einer Situation, die hoch gespannt war.“ Die „Mauer“ in Berlin sei die Konsequenz und zugleich „ein Element der Kriegsabwendung“ gewesen. Sie habe, verbunden mit dem vereinbarten Status Quo, ein atomares Inferno verhindert.
„Auch das gehört zur Wahrheit der Berlin-Krise 1961 und ihrer international vereinbarten Lösung!“
Graf betonte, dass sie nicht zuerst deshalb gebaut wurde, um die zunehmende Fluchtbewegung aus der DDR zu stoppen, die gerade 1961 in Folge der spürbaren Konfrontation beider Seiten angestiegen sei. Die sei mitverursacht worden, weil „ständig getrommelt wurde, irgendwas passiert mit West-Berlin“. Die Mauer habe aber geholfen, das „Ausbluten der DDR“ einzuschränken: „Da musste etwas passieren.“ Das sahen den bekannten Dokumenten nach westliche Politiker ebenfalls so.
Ziel Verhandlungslösung statt Mauer
Der Zeitzeuge betonte im Gespräch, DDR-Partei- und Staatschef Ulbricht habe in der Zeit nach Wien mehrmals mit der Presse über die Kernfrage aus seiner Sicht, den Friedensvertrag, gesprochen. Das sei für ihn neben soliden und klaren Verhältnissen entscheidend gewesen.
„Ulbricht war für die Verhandlungslösung und nicht für die Mauerlösung. Die Mauerlösung kam erst später.“
Im Buch schrieb Graf:
„Die Regierung der DDR und die Führung der SED waren über die mit der Errichtung der Grenzanlagen gefundene Lösung der Berlin-Krise keinesfalls erfreut. Der Abschluss eines Friedensvertrages und damit auch die Eliminierung der EAC-Vereinbarung von 1944 wären im Interesse der Souveränität des Landes und einer nachhaltigen Stabilisierung der inneren Situation ohne jeden Zweifel die bessere Lösung gewesen.“
Den von Moskau versprochenen Friedensvertrag habe die DDR dennoch nicht bekommen, weil die Schutzmacht mehr Rücksicht auf den Westen nahm, der dagegen war. „Die DDR war nicht der Taktgeber der Sowjetunion“, erklärte das Graf im Gespräch und fügte hinzu: „Weltpolitik ist immer ein bisschen anders und man kann nicht alles haben.“ Ein Friedensvertrag sei nicht entscheidend für die Situation der DDR gewesen und hätte nur wenig gebracht, schätzte er ein.
Der endgültige Beschluss, die Mauer zu errichten, sei am 3. August in Moskau bei einer Tagung der Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrages, des östlichen Militärbündnisses, gefallen. Alle Schritte seien in Absprache mit dem Oberkommando der Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Vertrages, dem östlichen Militärbündnis, in Wünsdorf durchgeführt worden.
„Es gab keine Mine, die nicht dort vereinbart wurde, ob sie eingebaut wird, ob sie abgebaut wird … es gab keine Geschichte, die nicht gemeinsam beschlossen wurde. Das war ein Stück der gemeinsamen Verteidigungslinie des Warschauer Vertrages von Wismar bis zur Adria. Man darf ja nicht vergessen: Diese Grenzziehung zog sich ja durch ganz Europa. Wir gucken immer bloß auf die Berliner Mauer.“
Es sei ein System mit vielen Aufgaben gewesen: „Ein Alarmsystem, ein Abschottungssystem, ein Fluchtverhinderungssystem. Und auf beiden Seiten wurde gelauscht, beobachtet, getrickst – das war Kalter Krieg.“
Westen behielt „Pfahl im Fleische der DDR“
War für den Bau der Berliner Mauer weniger der Osten als der Westen verantwortlich? Mit dem Status Quo wurden ja vor allem die Sonderrechte der westlichen Alliierten für Westberlin endgültig festgeschrieben, nachdem sie zuvor ohne völkerrechtliche und vertragliche Grundlage waren. Um ihre Interessen an dem „Pfahl im Fleische der DDR“, wie der einstige Westberliner Regierende Bürgermeister Ernst Reuter die Stadt nannte, zu sichern, drohten die USA selbst mit einem Atomkrieg. Passend, aber eigentlich eher unangemessen, hatte Reuter sogar von der „billigsten Atombombe“ der westlichen Welt gesprochen.
Die Sowjetunion wollte 1958 nicht mehr und nicht weniger als ein Ende einer unklaren und auf Dauer untragbaren Situation, samt eines Friedensvertrages als endgültigen Schlussstrich unter dem Zweiten Weltkrieg. Sie gab ein weiteres Mal nach, weil sie vieles anstrebte, aber keinen neuen Krieg, schon gar keinen nuklearen.
Zeitzeuge Graf sah den Westen nicht als Sieger des Konfliktes, auch nicht als eigentlichen Nutznießer des Mauerbaus. Im Gespräch meinte er rückblickend, der DDR sei es nach dem 13. August 1961 von Jahr zu Jahr besser gegangen, nicht nur wegen der Mauer, sondern weil auch eine andere Politik innerhalb des Landes möglich gewesen sei. Dazu habe auch eine Debatte, „ein bisschen untergründig“, über den Weg zum Sozialismus, gezählt. Ulbricht habe zum 15. Jahrestag der DDR 1964 eine sehr interessante Rede gehalten, erinnerte er sich. Dabei sei davon gesprochen worden, dass die „Aufgaben der Diktatur gelöst“ seien und die DDR sich nun in Richtung Volksstaat entwickeln könne.
Bei der Veranstaltung sei der anwesende Chruschtschow-Nachfolger Leonid Breschnew in seiner Rede nicht auf Ulbricht eingegangen. Dafür habe Breschnew bereits zuvor in der DDR den Putsch gegen seinen eigenen Vorgänger vorbereitet. Später habe er dafür gesorgt, mit Erich Honecker wieder einen moskautreueren DDR-Partei- und -Staatschef zu installieren. „Dann nahm das Schicksal seinen Lauf“, sagte Graf mit Blick auf die weitere Entwicklung der DDR und ihrer östlichen Schutzmacht. Der Westen habe aktiv daran mitgewirkt, hob er hervor und ergänzte, „das ist ein anderes Thema, aber das zieht sich weiter“.
Sein Hinweis, warum es auch 1990 nicht zu einem Friedensvertrag der einstigen Alliierten mit dem wiedervereinigten Deutschland kam, erinnerte an den Ausgangspunkt der Krise, die zum Mauerbau 1961 führte:
„Ein Friedensvertrag wäre eine ganz andere Lösung gewesen. Die Westdeutschen wollten auf jeden Fall die kleine Lösung, damit niemand kommt und Ansprüche erhebt. Die USA haben das mitgemacht, weil für sie das Wichtigste war, weiter nach Osten zu kommen. Deshalb kein Friedensvertrag. Das war Interessenpolitik – so wird Politik gemacht.“