Selenskyj, der nur noch Präsident der Ukraine ist, weil er die Wahlen im Frühling 2024 abgesagt hat, will plötzlich mit Putin reden – und wirft ihm schon mal sein Alter vor ...

Ein Brief vom falschen Absender

Das Geschehen im Krieg in und um die Ukraine wird jetzt zunehmend unübersichtlicher und bald schon vielleicht chaotisch. Während Wolodymyr Selenskyj wild um sich schlägt, bietet er Wladimir Putin gleichzeitig in einem offenen Brief Friedensgespräche an. In diesem spricht er aber unverhohlene Drohungen aus und belehrt Putin über dessen eigenes Land. Selenskyjs Brief hat in Diskussionsforen teilweise schon Befremden ausgelöst. 

Interessant ist erst einmal, dass ein offener Brief überhaupt zustande kam, nachdem gerade Selenskyj jahrelang direkte Gespräche zwischen ihm und seinem Widersacher Putin strikt ausgeschlossen hatte (1). Dass Gespräche zwischen Russland und der Ukraine in Gang sind, beweisen die zahlreichen Austauschaktionen von Gefangenen und Leichen, die seit längerem regelmäßig stattfinden. Diese Gespräche zu Waffenstillstandsverhandlungen auszubauen, war hingegen nicht erwünscht, möglicherweise, weil beide Seiten den Austausch selbst dann fortsetzen wollen, wenn ein Waffenstillstand vorerst nicht zustande kommt. Mit seinem offenen Brief hat Selenskyj sich nun festgelegt: Sollte Putin den Vorschlag für ein persönliches Treffen irgendwann doch noch annehmen, muss er Farbe bekennen. Selenskyj hat auch schon gesagt, wo ein derartiges Treffen stattfinden soll: Die Schweiz, die Türkei oder einer der Golfstaaten sind seine Präferenzen. Gespräche über Gefangenenaustausch finden ja bereits in den Golfstaaten statt. Ob die Schweiz als Begegnungsort in Frage kommt, wird sich noch weisen müssen. Es wird wohl kaum ein Zufall sein, dass just vor wenigen Tagen regierungsnahe Medien in Russland Storys über die Produktion von Drohnen in der Schweiz publizierten (2). Wenn die Schweiz Gastgeberin für Friedensgespräche spielen will, dann erwartet Russland, dass sie Drohnenlieferungen an die Ukraine umgehend abstellt. Vermittler spielen und gleichzeitig einer Konfliktpartei Waffen zu liefern, verträgt sich nicht, zumindest nicht in russischen Augen.

Es wird auch kein Zufall sein, dass das US-Repräsentantenhaus vor wenigen Tagen neue Hilfen für die Ukraine bewilligte und weitere Sanktionen gegen Russland beschloss (3). Die USA mochten so ihren Einfluss auf eine Konfliktlösung wahren und üben Druck auf beide Seiten aus. Der Druck auf Russland wird publik gemacht, jener auf Selenskyj verschwiegen. Mit seinem offenen Brief hat Selenskyj nun eine Forderung der Administration Trump erfüllt. 

Starke Worte – wenig Substanz

Wenig überraschend ist, dass Selenskyj sich zu Beginn seines Briefs in Siegerpose zu werfen sucht. Das zu tun und dann Maximalforderungen zu stellen, ist gängige Taktik im Vorfeld von Verhandlungen. Viel zu bieten hat er in militärischer Hinsicht aber nicht und er sagt es in seinem Brief implizit auch selbst: Alles was er noch kann, ist Russland punktuellen und möglichst symbolträchtigen Schaden zuzufügen. Das langsame aber stetige Vorrücken der russischen Truppen im Osten der Ukraine kann er derzeit nicht stoppen, ganz zu schweigen von einer Rückeroberung von Donbass und Krim. Konsequenterweise erwähnt Selenskyj das in seinem Brief auch nicht. Putin weiß das auch so.

In den letzten Wochen haben die Russen Angriffe aus Guljaipole in Richtung Orikhiv/Orikhov – Zaporozhie, sowie in den Räumen Konstantinovka/Kostiantynivka, Kramatorsk, Krasnyi Liman und Slawiansk aufgenommen. Die Russen werden erst dann auf einen Waffenstillstand eingehen, wenn sie diese Städte unter Kontrolle gebracht haben. Dass sie das können, ist kaum zu bezweifeln, aber es wird seine Zeit dauern, denn gerade die Agglomeration Slawiansk – Kramatorsk – Konstantinovka ist eine seit Jahren umkämpfte. Hier haben sich die Ukrainer tief verschanzt und es könnten noch Monate vergehen, bis die Russen hier den angestrebten Erfolg erzielen. 

Karte: Lage im Raum Slawiansk – Kramatorsk – Konstantinovka, 9. Juni / Quelle: live UA ap, Ergänzungen Verfasser

Derzeit führen die Russen auch Angriffe in den Räumen Kharkov und Sumy, aber dabei dürfte es sich eher um Nebenaktionen mit Aufklärungs- und Sabotageabteilungen handeln, als um Großoffensiven. Mit solchen testen die Russen die Verteidigungsbereitschaft der Ukrainer, möglicherweise im Hinblick auf eine beabsichtigte Störaktion der Ukraine weit ab der eigentlichen Front. Die immer dreister werdenden Drohungen der Regierung Selenskyj gerade auch gegen Belarus sind wohl ein Stück weit als ein Zeichen der Ratlosigkeit zu werten. Selenskyj würde im Baltikum wohl am liebsten eine zweite Front gegen Russland oder gegen Belarus eröffnen lassen. In Belarus geht es ihm sicherlich auch um die Zerstörung der beiden Ölraffinerien in Mozyr und Novopolotsk (4), die weiterhin ungestört russisches Erdöl verarbeiten. In den letzten Tagen haben ukrainische Drohnen nun offenbar auch ein aserbaidschanisches Handelsschiff im Asowschen Meer und Häfen in Rumänien angegriffen (5).

Eine Ohrfeige für die Kriegstreiber

Der russische Präsident Wladimir Putin hat seinerseits bereits erklärt, er werde nicht auf Selenskyj Brief antworten, doch auch das mag taktisch bedingt sein, denn auch im Kreml weiß man, dass eine allzu rasche Annahme des ukrainischen Gesprächsangebots als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden würde (6). In Russland geht einer Reihe von Hardlinern allerdings langsam die Geduld aus. Das neuste Interview von Roger Köppel mit Wladimir Solowjow ist ein Ausdruck davon (7). Vom Einsatz atomarer Mittel ist Russland jedoch noch weit entfernt, es hat schon noch subtilere Mittel, um auch gewissen westlichen Staaten eine militärische Botschaft zu vermitteln. Aber eine solche wird jetzt immer wahrscheinlicher.

Derweil zeigt sich, dass am russischen Narrativ von der globalen Isolation Westeuropas zumindest in Teilen etwas dran ist: Bei der kürzlich durchgeführten Wahl der neuen, nicht-ständigen Mitglieder des UN Sicherheitsrats erhielten Österreich und Portugal die beiden für Westeuropa bestimmten Sitze zugesprochen, während Deutschland die notwendige Zweidrittelmehrheit deutlich verfehlte (8). Das ist ein Novum: Zum ersten Mal überhaupt scheiterte Deutschland mit einer Bewerbung um einen der nicht-ständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat. Bisher hatte es den Einzug noch jedes Mal geschafft, wenn es sich darum beworben hatte. Das stellt einen herben Rückschlag für Bundeskanzler Friedrich Merz dar, der im Ukraine-Konflikt gerne eine führende Rolle spielen möchte. Aber auch die gewählten Österreich und Portugal müssen sich dessen bewusst sein, dass sie nicht zu den beliebtesten Mitgliedern der Vereinten Nationen gehören: Simbabwe erhielt 182, Kirgistan 142, Trinidad und Tobago, der einzige Kandidat der lateinamerikanischen und karibischen Staaten, 181 Stimmen. Die beiden westeuropäischen Kandidaten, Portugal und Österreich, schnitten mit 134 und 131 Stimmen deutlich schlechter ab (9). Im Jahr 2022 war die Schweiz mit 187 von 190 gültigen Stimmen gewählt worden (10).

Wenn man davon ausgeht, dass Deutschland mit einer Hausmacht von EU-Mitgliedsländern, NATO-Mitgliedern, europäischen Kleinstaaten, sonstigen europäischen und globalen Verbündeten im Umfang von 45 bis 50 Staaten in die Abstimmung ging, dann kommt man zur Erkenntnis, dass von den übrigen über 140 Staaten der Welt nur gerade etwas mehr als ein Drittel Deutschland seine Stimme gab (11). Mit anderen Worten: Deutschland ist bei der Wahl in den UN-Sicherheitsrat von der Mehrheit der Staaten der Welt regelrecht abgewatscht worden. Mancher davon wird an die Signalwirkung gedacht haben, welche die Wahl eines der rhetorisch aggressivsten Länder im Ukraine-Konflikt gehabt hätte.

Kesse Rhetorik und spektakuläre Drohnenangriffe sollen derzeit kaschieren, dass die Ukraine in einer unvorteilhaften militärischen Lage zu Friedensgesprächen gedrängt wird, in denen sie wenig anzubieten hat. Die Strategie der Westeuropäer, mit immer mehr Waffenlieferungen die Ukraine in eine bessere Verhandlungsposition Russland gegenüber zu bringen – eine Strategie, die schon 2015 mit den Verhandlungen von Angela Merkel und François Hollande in Minsk begonnen hatte – die wohl gescheitert ist. Derweil erleiden die treusten Unterstützer der Ukraine außenpolitischen Schaden. Aber diejenigen, welche die Ukraine mit Waffen versorgten und sie alleine in den Krieg ziehen ließen, werden Selenskyj auch alleine in Gespräche mit Putin schicken. Dabei müssten genau diese Leute Russland ein Angebot vorlegen. Der Brief an Wladimir Putin hätte nicht in Kiew, sondern in Brüssel geschrieben werden sollen. 

Anmerkungen: 

  1. Der Brief in englischer Sprache auf der Homepage des ukrainischen Präsidenten: „Open Letter to the President of the Russian Federation from the President of Ukraine“ 4 June 2026, online unter https://www.president.gov.ua/en/news/vidkritij-list-prezidentu-rosijskoyi-federaciyi-vid-preziden-104769
  2. Das hatte der regierungsnahe Fernsehsender Russia Today am 4. Juni gemeldet: „Schweizer Drohne „Lord“ im Ukraine-Krieg: Wie eine neutrale Drohne aus Zürich russische Kinder tötet“, bei RT DE, 04.06.2026, online unter https://de.rt.com/schweiz/282032-lord-aus-schweiz-wie-neutrale/. Die Schweiz und Österreich möchten den Verhandlungsprozess über einen Waffenstillstand in der Ukraine an sich ziehen. Unbestätigten Berichten zufolge wurde der österreichische Botschafter Florian Rauning, der während der österreichischen Präsidentschaft in der OSZE als Vorsitzender des Ständigen Rats amtierte, eigens aus diesem Grund zum Botschafter in der Schweiz ernannt. Die österreichische Außenministerin gibt sich äußerlich ja gerne als EU-Freundin zu erkennen und auch Ignazio Cassis würde sich wohl kaum an einem Unternehmen beteiligen, wenn er nicht mindestens Rückendeckung aus Brüssel hätte. Vielleicht handeln die beiden sogar im Auftrag Brüssels. 
  3. Siehe Robert Jimison: House Advances New Sanctions on Russia and Aid to Ukraine, bei New York Times, 03.06.2026, online unter https://www.nytimes.com/2026/06/03/us/house-russia-ukraine-sanctions-aid.html. Valerie Insinna: House passes Ukraine aid bill with new sanctions for Russia, bei Breaking Defense Europe, 04.06.2026, online unter https://breakingdefense.com/2026/06/house-passes-ukraine-aid-bill-with-new-sanctions-for-russia/
  4. Siehe „Waffenstillstand oder Eskalation?“ bei Global Bridge, 27.05.2026, online unter https://globalbridge.ch/waffenstillstand-oder-eskalation/
  5. Siehe „Aserbaidschan: Fünf Tote bei Drohnen-Angriff auf zwei Frachter im Asowschen Meer“, bei Der Stern, 05.06.2026, online unter https://www.stern.de/news/aserbaidschan–fuenf-tote-bei-drohnen-angriff-auf-zwei-frachter-im-asowschen-meer-37498336.html. „Ukraine-Krieg. Aserbaidschan meldet fünf tote Seeleute nach Angriff auf zwei Frachter im Asowschen Meer“, bei Deutschlandfunk, 06.06.2026, online unter https://www.deutschlandfunk.de/aserbaidschan-meldet-fuenf-tote-seeleute-nach-angriff-auf-zwei-frachter-im-asowschen-meer-102.html. Vgl. „Seedrohne explodiert vor Rumänien“, bei Der Spiegel, 05.06.2026, online unter https://www.spiegel.de/ausland/detonation-in-hafenstadt-konstanza-seedrohne-explodiert-vor-rumaenien-a-6f9d7960-23af-4b38-a548-67e29b6a30f6.
  6. Siehe Carl Osgood, Megan Dobrodt: Putin Responds to Zelensky, bei Executive Intelligence Review, 06.06.2026, online unter https://eir.news/2026/06/news/putin-responds-to-zelensky/
  7. Siehe „Roger Köppel im Duell mit Wladimir Solowjow, Russlands einflussreichster Meinungsmacher“, auf dem YouTube-Kanal der Weltwoche, 05.06.2026, online unter https://www.youtube.com/shorts/RIBCSuNyvtU und  https://www.youtube.com/watch?v=3WvG3Fkhn1M
  8. Siehe „Deutschland scheitert bei Wahl in UN-Sicherheitsrat“, auf der Homepage der Vereinten Nationen, online unter https://unric.org/de/deutschland-scheitert-bei-wahl-in-un-sicherheitsrat/. Konstantin Furrer: Deutschland scheitert krachend bei Wahl zu UN-Sicherheitsrat, bei Deutsche Presse-Agentur, 04.06.2026, online unter https://www.20min.ch/story/new-york-deutschland-scheitert-krachend-bei-wahl-zu-un-sicherheitsrat-103576890. Hansjürgen Mai: Wahl um Sitz im UN-Sicherheitsrat. Kein Platz für Deutschland, bei taz.de, 03.06.2026, online unter https://taz.de/Wahl-um-Sitz-im-UN-Sicherheitsrat/!6184085/. „Deutschland scheitert erstmals bei Wahl zum UN-Sicherheitsrat“, bei Die Zeit, 03.06.2026, online unter https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-06/oesterreich-in-den-un-sicherheitsrat-gewaehlt-deutschland-scheitert.“Deutschland scheitert erstmals bei Wahl zum UN-Sicherheitsrat“, bei Frankfurter Allgemeine, 03.06.2026, online unter https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/deutschland-scheitert-bei-wahl-zu-un-sicherheitsrat-200895640.html.
  9. Siehe „General Assembly Elects Austria, Kyrgyzstan, Portugal, Trinidad and Tobago, Zimbabwe to Security Council“, auf der Homepage der Vereinten Nationen, Eightieth Session, 86th Meeting (AM), GA/12762, 03.06.2026, online unter https://press.un.org/en/2026/ga12762.doc.htm
  10. Siehe „Switzerland set for a seat on the UN Security Council in 2023-2024!„, auf der Homepage der Ständigen Vertretung der Schweiz bei der UNO, 09.06.2022, online unter https://www.aplusforpeace.ch/switzerland-set-seat-un-security-council-2023-2024
  11. Siehe „Security and defence partnerships„, auf der Homepage der Europäischen Union, online unterhttps://www.consilium.europa.eu/en/policies/security-defence-partnerships/. „Strategic Compass of the European Union | Pillar 4: Partner“ auf der Homepage der Cyber Risk GmbH, online unter https://www.strategic-compass-european-union.com/4_Partner_Strategic_Compass.html. Man wird wohl auch Luxemburg, Malta, San Marino, Liechtenstein, Monaco, Andorra, Albanien, Island, Moldawien, Nord Mazedonien, Norwegen, die Ukraine, das Vereinigte Königreich, Australien, Japan, Kanada und Südkorea zu den verlässlichen Partnern Deutschlands außerhalb der EU rechnen dürfen. 
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