Auch eine große russische Zeitung hat den offenen Brief von Leo Ensel übersetzt und übernommen!

„Valentina, niemals werde ich Euch als Feinde betrachten!“

(Red.) Der Brief eines Deutschen an eine fast 85-jährige Russin und an alle Menschen der Russischen Föderation zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls geht ans Herz. Er wurde auch ins Russische übersetzt und dort in einer großen Zeitung abgedruckt. Und in Deutschland wurde er zuerst in der «Berliner Zeitung» abgedruckt. (cm)

85 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion stehen die Zeichen wieder auf Sturm. Ich habe dies zum Anlass genommen, an eine befreundete ältere Russin zu schreiben, die wenige Wochen nach Kriegsbeginn geboren wurde. Wir kennen uns seit über einem Vierteljahrhundert und haben uns in dieser Zeit öfters besucht, in Russland und in Deutschland. Sie steht hier stellvertretend für all meine Freunde in Russland, nein: im gesamten postsowjetischen Raum – auch in der Ukraine, West und Donbass.

Valentina, 
geliebte Babuschka im vierten Stock der sowjetischen Plattenbausiedlung in der halbe Millionenstadt in der russischen Provinz! Ich schreibe Dir in großer Sorge und unendlicher Traurigkeit. Im Sommer 1941 bist Du auf diese Welt gekommen – zum falschest möglichen Zeitpunkt! Mitten hinein in den schrecklichsten aller Kriege. Und wir Deutschen hatten ihn vom Zaun gebrochen. Deinen Vater hast Du nie kennengelernt. Er gehörte zu den jungen Männern, die gleich zu Beginn an die Front geschickt und dort verheizt wurden. Eine Schwester von Dir starb wenig später als kleines Kind an Hunger und Krankheiten.

Als wir uns Ende der Neunziger Jahre kennenlernten, da schriebst Du mir: „Wenn ich das Wort ‚Deutschland‘ höre, dann fällt mir als erstes ‚der Krieg‘ ein.“ Du erzähltest mir, wie deine Mutter zusammen mit drei von ihren fünf Kindern (sechs Jahre, vier Jahre und Du) im Winter 1941 in einem Zug ohne Bequemlichkeiten und Heizung aus der westrussischen Provinz nach Osten evakuiert wurde. Du warst einige Monate alt und Deine Mutter schlug sich mit den nassen Windeln selbst ein, um sie mit ihrer Körperwärme ein bisschen zu trocknen. Auch nach dem Krieg war ihr Leben sehr schwer, hast du erzählt. Arbeit im Kolchos. In der Nacht buk Deine Mutter – die Du, wie Du sagtest, so gut wie nie schlafen gesehen hast – für den Kolchos Brot. Jedes zehnte durfte sie kostenlos behalten. So hat sie Euch alle durchgebracht.

„Wir empfinden keinen Hass“
Du sagtest mir, dass Du jetzt Deutschland und die Deutschen nicht mehr hasst: „Jetzt lebt in diesem Land, wie auch in Russland, eine andere Generation!“ – Wie oft habe ich seit 1996 diese Sätze gehört! Während meiner interkulturellen Trainings für die Goethe-Institute und andere deutsche Organisationen in der ehemaligen Sowjetunion. Niemals und nirgendwo wurde ich komisch angeschaut, weil ich Deutscher bin. 

Valentina, Du bist ein (russisches) Kind des Krieges, ich bin ein (west-deutsches) Kind des Kalten Krieges. Die Hälfte meines Lebens hatte ich Angst vor Krieg. Die Angst vor „den Russen“ habe ich mit der Muttermilch eingesogen. Aber dann geschah ein Wunder: Euer Volk hat den Kalten Krieg beendet! Michail Gorbatschow, den ich verehre und von dem Du nichts hältst, sprach 1990 in Bonn gar vom „Ewigen Frieden“… Noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt waren wir Deutschen bei Euch in Russland das nach den Menschen in Belarus zweitbeliebteste Volk. – Und jetzt? 

Wir wollen keinen Krieg!

Valentina,
jetzt bist Du alt und krank – und wieder stehen die Zeichen auf Sturm! Der Ton wird täglich schriller. Wieder sollen sich unsere Völker als Feinde betrachten. Wieder wird bis an die Zähne hochgerüstet. Und wie im Kalten Krieg bedrohen wir uns wieder gegenseitig. Selbst mit dem Äußersten… 

Wo soll das hinführen? Ein neuer Kalter Krieg? Oder gar nochmal ein heißer Krieg, wie vor 85 Jahren? Am Ende mit Atomwaffen – und Leichengebirgen auf allen Seiten? Überall nur noch eine Trümmerwüste? Vielleicht sogar ein komplett verstrahlter Planet?

Niemals, niemals darf das geschehen! Wir alle müssen da raus – so schnell wie möglich!

Jetzt gilt es: Statt Konfrontation, Feindschaft und Säbelrasseln brauchen wir dringend wieder Entspannung, Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen unseren Völkern. Dafür sollten unsere Politiker endlich die Voraussetzungen schaffen! Aber das genügt nicht: Wir alle müssen wieder Kontakt aufnehmen – von Mensch zu Mensch. Uns gegenseitig besuchen. Miteinander wieder ins Gespräch, in einen lebendigen Austausch kommen. Im Petersburger Dialog, den es im Moment nur noch bei Euch gibt. In den Städtepartnerschaften, die genauso wiederbelebt werden müssen. Im Jugendaustausch. In kulturellen Projekten. In der wirtschaftlichen Kooperation. Im Sport. Mit einem Wort: Wir müssen wieder neu anfangen – überall und auf allen Ebenen!

Wir haben nur diese eine Möglichkeit. Für uns alle.

Niemals werde ich Euch als Feinde betrachten

Valentina, 
vor bald vier Jahrzehnten, im Herbst 1988, habe ich mit Freunden eine Friedens- und Versöhnungsreise in die Sowjetunion organisiert: nach Minsk, Moskau und Leningrad. Wir wollten mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören, welche Verbrechen Deutsche während des Zweiten Weltkrieges den Menschen dort angetan hatten. Im weißrussischen Chatyn, auf dem Friedhof für 186 abgefackelte belarussische Dörfer hatten wir spontane Begegnungen mit Menschen aus Sibirien und baten sie stellvertretend für alle Sowjetbürger um Verzeihung. Und da konnten wir – Deutsche und Russen – auf einmal nur noch gemeinsam herzzerreißend weinen! Wir, wildfremde Menschen, fielen uns in die Arme.

Allerspätestens seitdem habe ich es in meiner DNA: Es darf nie wieder geschehen! Niemals, Du liebe Babuschka in der russischen Provinz, werde ich Dich und Deine Landsleute als Feinde betrachten! Es kann nur eine einzige Konsequenz geben: Wir, die einfachen Menschen in allen Ländern, müssen jetzt zusammenhalten. Wir dürfen uns nicht noch einmal zu Feinden machen und gegeneinander aufhetzen lassen! Irgendwann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, müssen unsere Völker wieder Freunde werden. 

Ich werde dafür tun, was ich kann. Jeden Tag. Solange es mich gibt. 
Das verspreche ich Dir.

(Red.) Zur Publikation des Briefes in der «Berliner Zeitung»

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“), Jahrgang 1954, ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die Deutschlandbilder im postsowjetischen Raum. Im Neuen West-Ost-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens. 

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