Stanislaw Petrow und Autor Leo Ensel

Zentimeter vor dem Abgrund – Vor 40 Jahren verhinderte der russische Offizier Stanislaw Petrow einen Atomkrieg

Nie stand die Welt vermutlich näher vor einem alles vernichtenden Atomkrieg als am 26. September 1983. Von dem russischen Offizier Stanislaw Petrow, der ihn gerade noch verhinderte, lässt sich lernen, was Verantwortung im Atomzeitalter bedeutet.

Der 26. September 1983

Vor genau 40 Jahren, in der kältesten Phase des Kalten Krieges, schrillten in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983 um 00:15 Ortszeit im sowjetischen Raketenabwehrzentrum Serpuchow bei Moskau die Sirenen: Der Computer des satellitengestützen Systems meldete den Anflug einer amerikanischen Interkontinentalrakete. Erst einmal, dann zwei-, drei-, vier-, fünfmal hintereinander. Der diensthabende Offizier Stanislaw Petrow hatte unter extremstem Zeitdruck – die Flugzeit von Interkontinentalraketen betrug eine halbe Stunde – eine Entscheidung über Leben und Tod von Millionen, gar Milliarden von Menschen zu treffen: Angriff oder Fehlalarm? Im ersten Falle hätte die Sowjetunion nach der (heute längst wieder aktuellen) Logik der Abschreckungstheorie – „Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter!“ – den alles vernichtenden vermeintlichen ‚Gegenschlag‘ ausgelöst. Petrow blieb trotz der wiederholten Alarmmeldungen bei seiner einmal getroffenen Entscheidung: Fehlalarm. – Und behielt Recht!

Hätte der sowjetische Offizier damals in der Nacht vor 40 Jahren eine andere Entscheidung getroffen, dann hätte die Sowjetunion in irriger Vorannahme de facto einen Atomkrieg gegen die USA begonnen, die dann ihrerseits zwanzig Minuten später den Gegenschlag Richtung Osten gestartet hätten. In Europa, namentlich in beiden deutschen Staaten wäre kein Stein auf dem anderen geblieben!

Ein grauenerregendes Szenario. Aber können wir es uns eigentlich vorstellen?

Nein.

Und warum fällt es uns so unendlich schwer, uns das vorzustellen?

Absolut zu groß

Weil es zu groß ist! Absolut zu groß.

Niemand hat sich über diesen Sachverhalt so scharfsinnige Gedanken gemacht und niemand hat diese bereits vor über einem halben Jahrhundert so präzise auf den Begriff gebracht, wie der Philosoph Günther Anders.

Seine klassische Formel lautet: Wir können uns nicht mehr vorstellen, was wir herstellen und anstellen können!Betrauern können wir einen geliebten Toten. Vorstellen können wir uns vielleicht zehn Tote. Maximal. Umbringenkönnen wir mit den heutigen Mitteln Hunderttausende auf einen Streich. Vor dem Gedanken der Apokalypse schließlich streikt die Seele! Der Gedanke bleibt nur ein Wort.

In diesem Sinne also sind wir kleiner als wir selbst: Unsere Vorstellungen bleiben weit hinter den Effekten, die unsere Handlungen zeitigen können, zurück. Anders formuliert: Als Handelnde – genauer: als Zerstörer – haben wir eine fast gottgleiche Allmacht erlangt. Als Vorstellende sind wir Zwerge!

Makabre Abschaffung der Handlung

Aber handeln wir eigentlich überhaupt noch? Günther Anders bestreitet dies für die allermeisten der heutigen Tätigkeiten. Denn ‚tätig‘ sind wir, erstens, in aller Regel als Zahnrädchen, eingebunden in ein gigantisches Getriebe, dessen Endeffekt wir nicht überschauen – oft gar nicht überschauen wollen. Wir handeln nicht, wir machen – frei dem Motto „Was ich nicht kann, geht mich nichts an!“ – blind für das Endziel einfach mit! Gewissenhaftigkeit – sprich: die korrekte Erledigung der uns als Zahnrädchen übertragenen Aufgaben – ersetzt Gewissen, nämlich die Auseinandersetzung mit der Frage, ob das Endziel der Maschinerie, in die wir eingebunden sind, überhaupt ethisch verantwortbar ist.

Und da wir ‚Zahnrädchen‘ sind, gilt für unsere Wahrnehmung wie für unsere Seele die Devise: „Arbeitsteilung ist Gewissensteilung!“ Sollte zum Schluss doch etwas schief gelaufen sein, waren es alle und damit – keiner! Günther Anders: „Schmutz geteilt durch Tausend = sauber!“ Es gilt also das paradoxe Gesetz: Je mehr Menschen involviert sind, desto leichter kann das Inferno eintreten. Arbeitsteilung befördert das Inferno!

Zweitens: Nehmen wir an, ein amerikanischer Offizier startet auf Befehl ‚von oben‘ in einem Raketensilo in Montana eine Interkontinentalrakete Richtung Russland. Handelt es sich hierbei wirklich um eine Handlung? Oder löst er nicht tatsächlich nur noch eine längst vorinstallierte Maschinerie aus? Und was macht er eigentlich, wenn er etwas auslöst? Eigentlich macht er, obwohl der Effekt seines Tuns die Vernichtung, also das Nichts sein kann, so gut wie – nichts! Ob er eine Espressomaschine einschaltet oder Tausende Kilometer entfernt Hundertausende Menschen in Leichen verwandelt, macht von der Attitüde her keinen Unterschied. Kurz: Auslösen ersetzt Handeln.

Schlimmer noch: Im Zeitalter hyperrealistischer Computersimulationen verschwimmt immer mehr die Grenze zwischen Schein und Sein! Die Simulation eines Raketenangriffes unterscheidet sich in nichts mehr von der tatsächlichen Durchführung und kann im einen wie im anderen Falle via Knopfdruck, gar Klick erledigt werden. (Mit zunehmenden Einsatz Künstlicher Intelligenz wird auch das sich eher früher als später erledigt haben…)

Makabre Abschaffung der Feindschaft

Und da Tat- und Leidensort Tausende Kilometer auseinander liegen – Anders hat für diesen Umstand den Begriff „Schizotopie“ geprägt –, wird unser Offizier in Montana auch gar nicht direkt mit den Effekten seines Tuns konfrontiert werden. Ja, er muss noch nicht mal einen einzigen Russen hassen, um Hunderttausende von ihnen zu töten! (Dasselbe gilt selbstverständlich vice versa für seinen Kollegen bei Moskau.)

Die infernalische Regel also lautet: Hunderttausende Menschen durch das Auslösen einer entsprechenden Maschinerie – Interkontinentalrakete – zu töten, ist ungleich leichter, als einen einzigen Menschen ‚handmade‘ ins Jenseits zu beförden! Sprich: Je größer das Verbrechen, desto leichter seine Durchführung!

Und noch ein dritter Umstand begünstigt die mögliche Apokalpyse: Man sieht den Dingen ihre Bewandnis nicht mehr an. Während man einem altmodischen Messer noch genau ansehen kann, was es anrichten kann, sehen „Gegenstände“ wie eine Atombombe – gesetzt der Fall, man bekäme sie tatsächlich zu Gesicht – tausendmal harmloser aus, als sie es tatsächlich sind. Der Effekt einer Atombombe ist im Vergleich zu ihrem Aussehen unvorstellbar – zu groß! Günther Anders hat dies auf die Formel „Die Dinge lügen!“ gebracht und von „Negativer Protzerei“ gesprochen.

„Stelle Dir vor!“

Welche Konsequenzen haben diese Einsichten für uns heute Lebende? Wenn die Wirklichkeit so phantastisch, so über-sinnlich geworden ist, dass sie mit unseren Sinnen nicht mehr zu erfassen ist, dann bleibt uns nur noch eine Möglichkeit, sie vielleicht doch noch ansatzweise einzuholen: Die Phantasie! Entsprechend lautet der heutige kategorische Imperativ laut Günther Anders: „Stelle Dir vor! Der Endeffekt Deines (Mit)-Tuns kann – Massenmord sein!“

Anders hat in sich in seinem Werk mit zwei Gestalten der Zeitgeschichte intensiv auseinander gesetzt, die er für charakteristisch für die heutige Epoche hielt: Den Schreibtischtäter und Judenmordorganisator Adolf Eichmann und den Hiroshimapiloten Claude Eatherly. Eichmann war für ihn die Symbolfigur des moralisch verkommenen Mitmachers, der sich mit der Ausrede, er habe ja „nur“ – und zwar auf Befehl – mit-gemacht, weigerte, jegliche persönliche Schuld an dem Menschheitsverbrechen einzuräumen. Eatherly, der die Bombe über Hiroshima zwar nicht ausgeklinkt, aber das für den Bomberpiloten notwendige „Go ahead!“-Zeichen gegeben hatte und dies später für den Rest seines Lebens bitterlich bereute, nachdem er erkannte, was er als Mit-Täter angerichtet hatte, war für Anders das positive Gegenbeispiel. Als Mensch, der zumindest im Nachhinein den Mut aufbrachte, sich seiner Mitschuld zu stellen.

Hätte Günther Anders zu Lebzeiten noch von der Millionen Menschen rettenden Un-Tat Stanislaw Petrows erfahren, hätte er mit Sicherheit ihm eine eigene Studie gewidmet und ihn im Vergleich zu Eichmann und Eatherly als dasVorbild, als die positive Symbolfigur unserer Epoche bezeichnet. Nämlich als den Mann, der den Mut hatte, durch die Anstrengung der Phantasie, seine mögliche Schuld rechtzeitig zu antizipieren und daraus die Konsequenz zu ziehen:Den Tod von Millionen, gar Milliarden von Menschen zu verhindern!

Denn dass Stanislaw Petrow genau dies – ohne Günther Anders zuvor gelesen zu haben – getan hat, das hat er Jahrzehnte später, als der Vorfall vom 26. September 1983 die Öffentlichkeit endlich erreicht hatte, selbst berichtet

„Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg!“

Die alarmierende Aktualität

Wieviele „Petrows“ es im Kalten Krieg noch gegeben haben mag? Wir werden es vermutlich nie erfahren. Die Menschheit hat jedenfalls unverschämt viel Glück gehabt! Wenn es überhaupt eine Lehre aus allem geben kann, dann die: Es gibt Risiken, die niemals eingegangen werden dürfen! Es kann und darf nicht sein, dass das Schicksal der ganzen Welt zwanzig Minuten lang in der Hand eines einzigen Menschen liegt!

Und das Thema ist wieder alarmierend aktuell: Heute befinden sich die USA und Russland in einer erneuten höchstbrisanten geopolitischen Rivalität, von der der aktuelle Ukrainekrieg nur die sichtbare Spitze des Eisberges darstellt. Nahezu alle Abrüstungs- und Rüstungsbegrenzungsverträge, die das Ende des (ersten) Kalten Krieges ermöglicht hatten, wurden – fast ausschließlich auf Druck der USA – gekündigt, Atomwaffen sind längst wieder salonfähig, ihr möglicher Ersteinsatz in den Doktrinen der USA und Russlands nun ausdrücklich verankert, Atomsprengköpfe werden ‚modernisiert‘, die Trägersysteme immer zielgenauer und immer schwerer zu orten. Kürzlich drohte gar ein prominenter russischer Politikberater dem Westen mit „präventiven nuklearen Vergeltungsschlägen“! Und am Horizont zeichnet sich bereits dunkel die Möglichkeit – ‚Notwendigkeit‘? – einer Delegation von Sein oder Nichtsein unseres gesamten Planeten an Künstliche Intelligenz ab …

Die einzig mögliche Rettung kann nur in einer schnellstmöglichen Rückkehr zu den Prinzipien des Gorbatschow‘schen Neuen Denkens bestehen: Primat der Politik, sprich: Gewaltverzicht, Verhandlungen auf der Basis des Prinzips der ‚Gemeinsamen Sicherheit‘ und der Mut, eine Menschheitsvision wieder in ein konkretes Ziel politischen Handelns zu verwandeln: „Der einzig richtige Weg“, so Gorbatschow ein Jahr vor seinem Tode, „ist die Beseitigung der Atomwaffen, die Reduzierung und Begrenzung der Rüstung überhaupt!“ 

Denn wer wird uns sonst das nächste Mal retten, wenn sich der neue Kalte Krieg, in dem wir uns global längst wieder befinden, noch weiter zuspitzt? Und werden es dann überhaupt noch Menschen sein, die unter extremstem Zeitdruck die Entscheidung über Sein oder Nichtsein des gesamten Planeten treffen? 

Oder ein via Künstliche Intelligenz gesteuerter von einem Computer gesteuerter Computer?

PS: Diesen Beitrag kann man jetzt auch als Podcast hören.

Auf der russischen Plattform Redakzija erschien Ende letzten Jahres eine hervorragende Recherche über Stanislaw Petrow mit englischen Untertiteln. Sie wurde innerhalb kürzester Zeit mehr als zweieinhalbmillionenmal aufgerufen.