Wolodymyr Selenskyj wäre längst nicht mehr Präsident der Ukraine, wenn die verfassungsrechtlich fälligen Wahlen durchgeführt worden wären. Aber das hindert ihn nicht, immer mehr zu fordern, vor allem auch von der EU: zig Milliarden Euros sind nötig, schon nur um die Staatspleite der Ukraine zu verhindern. Aber seine Arroganz verschafft ihm nicht nur Freunde ...

Hinter den Kulissen von Abu Dhabi und Genf: Russlands Strategie für eine neue Sicherheitsarchitektur

Die Verhandlungsrunden in Abu Dhabi und Genf haben den direkten Dialog zwischen Moskau und Washington wiederbelebt. Inmitten verschobener Prioritäten innerhalb der westlichen Allianz werden die Eckpunkte einer künftigen europäischen Friedensordnung neu verhandelt. Der Geostratege Wassilij Kaschin analysiert diesen Prozess aus russischer Sicht: Er beleuchtet die Motive hinter dem Kurswechsel der USA unter Trump und beschreibt, wie Moskau die Bedingungen für eine neutrale Ukraine sowie das Ende der NATO-Erweiterung definiert. 

Das vierte Jahr der russischen Spezialoperation (SVO) mündet in ein entscheidendes Resultat: Die Beteiligten haben den Übergang zu substanziellen Verhandlungen über eine Beilegung des Ukraine-Konflikts vollzogen. Das trilaterale Treffen zwischen Russland, den USA und der Ukraine vom 23. bis 24. Januar 2026 in Abu Dhabi markiert dabei den diplomatischen Wendepunkt. Dass beide Seiten hochrangige politische und – was die Ernsthaftigkeit unterstreicht – militärische Entscheidungsträger entsandten, verleiht diesem Neubeginn Gewicht. Unter den Teilnehmern befanden sich unter anderem der Chef des russischen Militärgeheimdienstes (GU GS), Igor Kostjukow, der Chef des ukrainischen Generalstabs, Andrij Hnatow, sowie der Leiter des Präsidialamtes der Ukraine, Kyrylo Budanow (*).

Dieser Durchbruch rückt die gescheiterten Versuche der Vergangenheit in ein neues Licht. Die Kontakte in Istanbul im Mai und Juni 2025 blieben ergebnislos, da Wolodymyr Selenskyj vollwertige Verhandlungen blockierte. Er beschränkte das Mandat der ukrainischen Delegation unter Verteidigungsminister Rustem Umjerow auf humanitäre Fragen wie den Gefangenenaustausch sowie die Forderung nach einem sofortigen Waffenstillstand – eine Bedingung, die für Moskau von vornherein inakzeptabel war. Kiew ließ russische Vorstöße, eine inhaltliche Diskussion über die Bedingungen für ein Ende des Krieges auf Basis eines detaillierten Memorandums zu führen, schlicht unbeantwortet.

Nach der Rückkehr Trumps: vom diplomatischen Geplänkel zur harten Facharbeit

Seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus haben Russland und die Vereinigten Staaten von Amerika über verschiedene Kanäle Optionen zur Normalisierung der bilateralen Beziehungen und Ansätze zur Lösung der Ukraine-Krise diskutiert. Doch auch hier handelte es sich nicht um vollwertige Verhandlungen – lediglich um periodische Kontakte der Staatsführungen der beiden Länder sowie ihrer Vertreter, in deren Verlauf allgemeinste Prinzipien eines möglichen Konfliktendes besprochen wurden.

Dabei sind Verhandlungen über die Beendigung eines großangelegten und langwierigen Krieges (sofern es sich natürlich nicht um die Kapitulation einer der Seiten handelt) ein technisch hochkomplexes Unterfangen, das die Beteiligung großer Gruppen von Spezialisten für militärische, politische und rechtliche Fragen voraussetzt. Allein die Abstimmung eines Waffenstillstandsregimes an einer 2.000 Kilometer langen Kontaktlinie erfordert enorme Anstrengungen, und jedes Versäumnis hier kann in der Zukunft tragische Folgen haben. Akribische Facharbeit erfordert zudem die Abstimmung der politischen und rechtlichen Aspekte einer Regelung.

Somit wurden seit dem Scheitern des ersten Formats russisch-ukrainischer Verhandlungen in Istanbul im April 2022 keine vollwertigen Gespräche mehr geführt. Jene wurden auf Initiative Kiews abgebrochen, wobei fingierte Anschuldigungen gegen die russische Armee wegen Massenmorden an der Zivilbevölkerung in Butscha als Vorwand dienten.

Im Laufe des Jahres 2025 entzog sich Kiew mit Unterstützung der EU effektiv Friedensverhandlungen. Die ukrainische (und in noch stärkerem Maße die europäische) Strategie nach dem Machtantritt Trumps lief auf Versuche hinaus, dessen Position zu beeinflussen und parallel dazu eine Eskalation der Kampfhandlungen zu provozieren. Das Kalkül war, dass Trump am Ende entscheiden würde, Moskau einen Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie und ohne jegliche Zusatzbedingungen aufzuzwingen. Man ging davon aus, dass die Kombination aus der Erschöpfung der russischen Wirtschaft, der Verschärfung der Kämpfe und des verstärkten Drucks vonseiten der USA bis Ende 2026 oder Anfang 2027 das gewünschte Ergebnis bringen würde.

Das Scheitern der Eskalationslogik: Warum westlicher Druck Moskau nicht beugte

Lange Zeit neigte Trump genau zu diesem Ansatz. Seine Ansichten zu ändern half der Gipfel in Anchorage. In dessen Folge wurde verkündet: Anstelle eines bloßen Waffenstillstands werden die USA eine umfassende Regelung anstreben.

Doch auch danach nahm der Druck aus Washington auf Russland weiter zu, wobei dieser mit den Aktionen der Ukraine an der Front koordiniert war. Im Oktober lancierten US-Amerikaner eine Serie gezielter Medienberichte über die mögliche Übergabe von „Tomahawk“-Marschflugkörpern an Kiew, verhängten neue Sanktionen gegen den russischen Ölsektor und es zeichnete sich eine Verstärkung ukrainischer Schläge gegen die russische Ölinfrastruktur und die Tankerflotte ab.

Moskau antwortete mit einer scharfen Eskalation der Schläge gegen das Elektrizitätssystem der Ukraine. Infolgedessen wurde der gesamten ukrainischen Infrastruktur massiver Schaden zugefügt. Die durchschnittliche Verfügbarkeit von Strom sank landesweit auf acht Stunden täglich, und da der Winter einsetzte, begannen Stadtviertel großer Städte aufgrund gefrierender Wasserleitungen regelrecht „einzufrieren“. Die über Jahrzehnte aufgebaute kommunale Infrastruktur der Städte litt kolossal. An der Front intensivierten sich derweil allmählich die russischen Offensivoperationen, wenngleich von einem Umbruch der Situation noch nicht die Rede sein konnte.

Parallel dazu steigerte die Ukraine ihre eigenen strategischen Schläge gegen das russische Hinterland (Energieinfrastruktur in Belgorod und einer Reihe anderer Städte, Ölverarbeitung), erwies sich jedoch als unfähig, einen Schaden anzurichten, der aus Sicht der russischen Gesamtwirtschaft signifikant gewesen wäre.

Die Lage an der Front wurde damals (und bis heute) treffend in einem Artikel des ehemaligen Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, beschrieben, der Ende September letzten Jahres in der ukrainischen Publikation „Serkalo Nedeli“(Wochenspiegel) erschien: „Zusammenfassend lässt sich über die Ereignisse auf dem Schlachtfeld feststellen, dass tatsächlich eine Pattsituation herrscht, sie hat charakteristische Merkmale, jedoch ist eine stetige Tendenz zum Ausbruch aus dieser gerade vonseiten Russlands zu beobachten.“

Somit beeinflussten Ende 2025 bis Anfang 2026 drei Schlüsselfaktoren die Positionen der USA, der Ukraine und der EU im Rahmen des Ukraine-Konflikts:

  1. Die im Herbst 2025 unternommene Kampagne des koordinierten Drucks auf Russland scheiterte und führte faktisch zum gegenteiligen Ergebnis – einer Eskalation vonseiten Russlands.
  2. Die russische Kampagne zur Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur erreichte eine qualitativ neue Ebene, was den Preis für die Unterstützung der Ukraine und deren Wiederaufbau nach Konfliktende drastisch in die Höhe trieb.
  3. Es zeichnete sich die reale Perspektive eines Kollapses der ukrainischen Verteidigung und des Beginns einer schnellen russischen Offensive tief ins Landesinnere ab. Die gesamte Ukraine unter Kontrolle zu bringen, vermag Russland nicht, aber einzelne strategisch wichtige Territorien zu besetzen und einer Nachkriegs-Ukraine jegliche Lebensfähigkeit zu entziehen – sehr wohl.

Aufgrund der Kombination dieser Faktoren gingen Kiew und Washington dazu über, mit Moskau inhaltliche Friedensverhandlungen zu führen – anstelle der vorangegangenen Versuche der USA, Russland durch eine Kombination aus Drohungen, Sanktionen und vagen Versprechen zu einem sofortigen Waffenstillstand zu bewegen. Ein Erfolg der Verhandlungen ist weiterhin nicht garantiert und eine Verschleppung des Konflikts nicht ausgeschlossen. Aber die derzeit geführten Gespräche als „unendlich“, „langwierig“ oder „ins Nichts führend“ zu bezeichnen, ist falsch.

Russlands neue Realpolitik: territoriale Fakten und das Ende der NATO-Erweiterung

Die Militärische Spezialoperation (SVO) war als schnelle und relativ unblutige Spezialoperation gedacht. Ihr Ergebnis sollte eine Transformation des europäischen Sicherheitssystems sein – die Umsetzung der im März 2022 paraphierten Istanbuler Abkommen führte genau dahin. Die NATO und vermutlich die EU hätten ihre Ostbewegung einstellen müssen, und die Ukraine hätte sich in einen neutralen Staat verwandelt. Nazistische und radikal-nationalistische Kräfte in der ukrainischen Politik hätten geschwächt werden sollen. In der Anfangsphase des Konflikts war von einer Annexion neuer Territorien nicht die Rede.

Nachdem die SVO in einen langwierigen, blutigen Konflikt ausgeartet war, transformierte Moskau seine ursprünglichen Ziele. Vor allem wurde die Frage nach einer echten Neutralität oder gar einer pro-russischen Orientierung des künftigen ukrainischen Staates von der Tagesordnung genommen. Moskau wird nach Abschluss der SVO offensichtlich einen Stopp der NATO-Erweiterung und Beschränkungen der ausländischen Militärpräsenz in der Ukraine erreichen, aber am Kern der ukrainischen Politik wird dies nichts ändern. Es ist völlig klar, dass jedes Kiewer Regime anti-russisch sein wird, und „pro-russisch“ kann nur jener Teil der Ukraine sein, der unter direkter Kontrolle Moskaus verbleibt.

Dementsprechend wurde der Anschluss der von der russischen Armee besetzten, strategisch wichtigen Territorien des Donbass, Chersons und Saporischschjas unvermeidlich. Diese Gebiete gaben Russland die Kontrolle über einen wichtigen Teil der ukrainischen Ressourcen- und Industriebasis sowie einen Landkorridor zur Krim. Somit entstanden für Moskau im Rahmen des Konflikts territoriale Ziele. Gleichzeitig handelt es sich um begrenzte territoriale Ziele, und das nicht nur aufgrund des Stellungskrieg-Charakters der Kampfhandlungen.

Es gibt keine Anzeichen für ernsthafte Ambitionen Moskaus außerhalb der vier „neuen Regionen“ und eines Sicherheitsstreifens entlang der russischen Grenze. Mehr noch: Russland ist, soweit bekannt, bereit, die SVO vor der Befreiung der unter ukrainischer Kontrolle verbleibenden Teile der Gebiete Cherson und Saporischschja zu beenden, wenngleich die volle Kontrolle über den Donbass ein Imperativ bleibt. Vermutlich wird das Potenzial für ein Vorrücken der russischen Armee, selbst wenn der von Saluschnyj erwähnte Ausbruch aus dem Patt gelingt, durch den mangelnden Willen und fehlende Ressourcen für die Kontrolle über große und relativ dicht besiedelte ukrainische Regionen begrenzt sein.

Da die Existenz eines feindseligen (wenn auch nicht der NATO angehörigen) und relativ großen ukrainischen Staates unumgänglich ist, wurde es zu einer weiteren wichtigen Aufgabe, dessen langfristiges Potenzial systematisch zu untergraben.

Demografischer Kollaps: die Ukraine vor einer ungewissen Existenzfrage

Die demografischen Verluste der Ukraine (hauptsächlich infolge von Migration) sind im Verhältnis zur Vorkriegsbevölkerung vermutlich etwas höher als die Verluste der Ukrainischen SSR im Großen Vaterländischen Krieg. Beispielsweise erklärte der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez im Dezember 2025, dass 11 Millionen Menschen das Land verlassen hätten. Weitere etwa 2,6 Millionen lebten in Gebieten, die 2022 unter russische Kontrolle übergingen. Die reale Vorkriegsbevölkerung der Territorien unter Kiewer Kontrolle zum Zeitpunkt des Beginns der SVO wurde auf 34 –37 Millionen Menschen geschätzt (offiziell 41 Millionen).

Dabei sind von der heute in der Ukraine verbliebenen Bevölkerung mehr als ein Drittel Rentner. Ihre Zahl belief sich nach Daten der ukrainischen Rentenkasse Anfang 2026 auf 10,2 Millionen Menschen. Die Sterblichkeit in der Ukraine ist dreimal so hoch wie die Geburtenrate. Massive Zerstörungen der Infrastruktur lassen einen weiteren Abfluss der Bevölkerung in die EU nach Konfliktende erwarten, wenn die Grenzen für Männer geöffnet werden. Tatsächlich macht der Faktor Demografie einen schnellen Wiederaufbau der Ukraine unwahrscheinlich. Ein solcher Aufschwung, wie er in der UdSSR und Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten war, ist unter den aktuellen Bedingungen kaum zu erwarten. 

Geldinfusionen von außen werden das Problem vermutlich nicht lösen, zumal eine ausreichende externe Finanzierung für die Ukraine wohl nicht vorhanden sein wird. Selbst in Friedenszeiten benötigt das Land jährlich 40 – 60 Milliarden Dollar, nur um Löcher in der Infrastruktur zu stopfen, Staatsstrukturen zu unterhalten und soziale Verpflichtungen zu erfüllen. Europäische Parlamente davon zu überzeugen, solche Summen Jahr für Jahr bereitzustellen, wird nicht leicht sein.

Somit strebt Russland vermutlich ein Ende des Konflikts entlang der Frontlinie an (mit Ausnahme des restlichen Teils des Donbass, aus dem die Ukraine abziehen muss), unter der Bedingung von Einschränkungen für einen Beitritt der Ukraine zu Bündnissen, eines Stopps der NATO-Erweiterung, einer Reihe von Beschränkungen für die ukrainischen Streitkräfte (recht liberaler Natur) und der Aufhebung der radikalsten ukrainischen Gesetzesnormen bezüglich des Verbots der kanonischen orthodoxen Kirche und der russischen Sprache. Auf dieser Grundlage ließe sich über eine neue europäische Sicherheitsarchitektur diskutieren, welche die Realitäten eines neuen „Kalten Krieges“ in Europa zementiert. Dies könnte wiederum den Weg ebnen, um die Beziehungen zu Washington und seinen asiatischen Verbündeten schrittweise aus der Sackgasse der totalen Blockade zu führen.

Washingtons globale Wende: die Monroe-Doktrin und der Fokus auf China

Ein wichtiges Merkmal der geführten Verhandlungen ist, dass sich die Ziele aller Teilnehmer am Ukraine-Konflikt in den vier Jahren ernsthaft verändert haben. Die Welt ist in eine neue Epoche eingetreten – zu einem großen Teil dank der SVO, aber vielerorts auch ohne direkten Bezug dazu.

Im Jahr 2022 existierte noch ein von den USA angeführter, einheitlicher Westen. Die Vereinigten Staaten waren noch die einzige vollwertige Supermacht, die bestrebt war, anderen ihr Konzept der Weltordnung aufzuzwingen. Die wirtschaftliche Globalisierung stieß auf Schwierigkeiten, einzelne protektionistische Maßnahmen wurden ergriffen. Aber ihr fundamentaler Wert wurde nicht infrage gestellt.

Die alte Weltordnung befand sich 2022 in einer Krise, hielt aber noch stand. Mit dem Eintritt in den Konflikt mit Russland rechneten die herrschenden Eliten des Westens damit, dass dessen strategische Niederlage der liberalen Weltordnung neue Kraft einhauchen würde.

Dies geschah jedoch nicht. Die Ereignisse entwickelten sich nach einem anderen Szenario: Amerika in der Ära der zweiten Präsidentschaft Trumps hat die bisherigen Prinzipien seiner Außenpolitik demonstrativ verworfen, droht mit der Annexion von Territorien Dänemarks und Kanadas, entfesselte einen Handelskrieg mit der ganzen Welt und verkündete die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin.

Die USA priorisieren es heute, die westliche Hemisphäre zu kontrollieren; als zweitwichtigste Aufgabe – die eng mit der ersten verknüpft ist – wollen sie China im indopazifischen Raum eindämmen. In Europa möchte Trump eine radikale Schwächung der EU und die Ablösung der derzeitigen Eliten durch rechtskonservative Kräfte sehen, die den Trumpisten geistig nahestehen.

Der anhaltende Ukraine-Konflikt steht diesen Zielen im Weg. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Washington unter Trump die finanzielle Last der Unterstützung Kiews bereits auf die EU abgewälzt hat, zehrt die Fortsetzung der Kämpfe massiv an den US-Militärbeständen. Sie bindet US-amerikanische Kräfte und Ressourcen und treibt Russland zudem immer tiefer in die Abhängigkeit von China – eine Entwicklung, die den strategischen Interessen Washingtons langfristig zuwiderläuft.

Russland erleidet aufgrund des andauernden Konflikts erhebliche Verluste, aber es gibt keine Anzeichen für seinen Zusammenbruch in absehbarer Zeit, und Washington zieht keinerlei Dividenden aus dessen langsamer Erschöpfung. Zudem ist der Konflikt mit der ständigen Gefahr verbunden, dass die Situation außer Kontrolle gerät und es zu einer vertikalen Eskalation bis hin zur Nuklearkrise kommt.

Deshalb ist es für Amerika vorteilhaft, die Beziehungen zu Russland zu stabilisieren und die Zusammenarbeit mit ihm teilweise wiederherzustellen. Die USA werden dabei die wesentlichen sanktionsrechtlichen Hebel behalten, um Druck auf Moskau auszuüben. Eine Verschleppung der Kampfhandlungen ist für Washington unvorteilhaft, aber ihr Abschluss muss wie ein außenpolitischer Sieg Trumps aussehen und zum Erhalt der US-Positionen in Europa beitragen.

Dilemma der EU: zwischen Expansionsdrang und finanzieller Erschöpfung

Die Europäische Union (EU) glaubte, dass eine strategische Niederlage Moskaus ihr die Chance zur Erneuerung gäbe und eine neue Runde der Expansion ermöglichen würde. Ganz zu schweigen von der Aussicht, ein noch räuberischeres Modell der Wirtschaftsbeziehungen aufzuerlegen als jenes zuvor, als Russland billige Rohstoffe nach Europa exportierte und die erzielten Gewinne in Europa unter diskriminierenden Bedingungen investierte, mit verweigertem Zugang zum Hochtechnologiesektor. Stattdessen musste die EU einen langwierigen Abnutzungskrieg finanzieren, verlor den russischen Markt und sah sich mit einem sprunghaften Anstieg der Energiepreise konfrontiert.

Je mehr sich die Lage der Ukraine auf dem Schlachtfeld verschlechtert, desto stärker bestimmt die Angst die europäische Politik: Man fürchtet, die EU-Einheit könnte zerbrechen, sollte man auch nur die geringste „Schwäche angesichts der russischen Aggression“ zeigen. Der Faktor der „russischen Bedrohung“ hat sich zu einem der wichtigsten Instrumente der europäischen Politikgestaltung durch die herrschenden Eliten entwickelt. Er erlaubt Dinge, die zuvor unmöglich waren – man denke nur an Beispiele wie Rumänien, wo man das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen gewaltsam annullierte. Kaum ein europäischer Politiker ist bereit, auf solche Möglichkeiten zu verzichten.

Eine andere Sache ist, dass die Änderung der Position der USA und die sich verschlechternde Lage der Ukraine eine Verschleppung des Konflikts immer kostspieliger und riskanter machen. In Europa zeichnet sich eine Spaltung über die Frage ab, wie alles letztlich enden wird. Ein Teil der Länder unter Führung Frankreichs und Italiens plädiert für Verhandlungen, viele andere möchten, dass der Konflikt so lange wie möglich andauert. Aber sie alle, selbst die Befürworter von Verhandlungen, sind auf eine langandauernde „kalte“ militärpolitische Konfrontation mit Russland eingestellt, nachdem der Ukraine-Konflikt beendet ist. Die Verantwortung für einen „schmachvollen Frieden“ mit Moskau möchte niemand übernehmen. Aber für den Fall, dass sich die trilateralen russisch-US-amerikanischen-ukrainischen Verhandlungen als ergebnisreich erweisen, wird Europa dieses Ergebnis akzeptieren müssen.

Selenskyjs Überlebenskampf: Machtkonzentration gegen den drohenden Frieden

Die Ukraine hat in den letzten vier Jahren eine tiefgreifende innere Transformation durchlebt. Selenskyj und sein Umfeld nutzten den Konflikt mit Russland für eine in der postsowjetischen Geschichte des Landes beispiellose Konzentration von Macht und Eigentum. Hierfür wurden einzigartige Instrumente erfunden, wie Sanktionen des Rates für Nationale Sicherheit und Verteidigung gegen eigene Bürger (wobei ein ausreichend reicher und einflussreicher Bürger gegen Bestechung seine Feinde in die Sanktionsliste eintragen lassen kann). Die Zahl der Menschen, die fälschlich der Arbeit für Russland bezichtigt wurden und Eigentum, Freiheit oder Leben verloren, geht in die Tausende.

Dass ein Abnutzungskrieg mit Russland aussichtslos ist, hat ein erheblicher Teil der ukrainischen Elite bereits Ende 2024 bis Anfang 2025 begriffen. Bei einer Rede in der Werchowna Rada im Januar 2025 sagte Kyrylo Budanow, dass die Existenz der Ukraine selbst bedroht sei, wenn Friedensverhandlungen nicht im Sommer begännen. Aber ein Waffenstillstand und anschließende Wahlen drohen für Selenskyj in einem völligen Zusammenbruch zu enden. Er verliert garantiert die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen gegen jeden der medial präsenten Militärs (Walerij Saluschnyj oder Budanow) und sieht sich der Aussicht auf persönliche Verantwortung für die über die Ukraine hereingebrochene Katastrophe und die Verbrechen seines Umfelds während des Konflikts gegenüber.

Solange Selenskyj und seine Vertrauten keine Sicherheitsgarantien und Garantien für den Erhalt ihres Vermögens erhalten, bedeutet eine Verschleppung der Friedensverhandlungen für sie einen Aufschub des eigenen Untergangs. Selenskyj ist daran interessiert, die Dynamik der Verhandlungen zu steuern, Moskau zu provozieren, wahnsinnige oder idiotische Forderungen aufzustellen – denn gleichzeitig laufen seine eigenen Verhandlungen mit den USA über die künftige Gestaltung der Ukraine.

Ein typisches Beispiel ist das Attentat auf General Wladimir Alexejew, das vom SBU auf direkten Befehl Selenskyjs ausgeführt wurde (einen Tag vor dem Attentat traf er sich demonstrativ mit dem Chef des SBU, Jewhen Chmara, und billigte neue Operationen in Russland). Sein Maximalziel ist der Verbleib an der Macht als klassischer Diktator eines Frontstaates im Stile des Kalten Krieges. Er setzt darauf, dass Europa und die USA ihn trotz allen Ekels unterstützen und sich mit seinen Eskapaden abfinden werden.

Ein ernstes Problem für Selenskyj ist die zunehmende innenpolitische Krise, das Vorgehen des von den USA kontrollierten Nationalen Anti-Korruptions-Büros der Ukraine gegen sein engstes Umfeld und die Spaltung innerhalb der ukrainischen Führung selbst. Infolgedessen verengt sich der Spielraum für Selenskyj allmählich, und seine Ziele könnten weitaus weniger ambitioniert werden und sich auf die Sicherstellung der eigenen Sicherheit beschränken.

Eine weitere Verschleppung des Konflikts entspricht weder den politischen Zielen Moskaus und Washingtons noch eines erheblichen Teils der ukrainischen Elite, die sich auf einen neuen politischen Zyklus vorbereitet. Auch das Interesse bei einem Teil der EU-Länder sinkt. An einer Verschleppung und Eskalation des Konflikts sind Großbritannien, eine Reihe nord- und osteuropäischer Länder, die Führung der EU-Kommission und in geringerem Maße Deutschland interessiert. Am meisten interessiert ist natürlich Selenskyj persönlich, aber seine Möglichkeiten, den Prozess zu beeinflussen, schrumpfen allmählich. Das Ergebnis dieses Kräfteverhältnisses sind die jetzigen, sehr intensiven Verhandlungen, die durchaus zu einem positiven Ergebnis führen können.

(*) In der Liste der Terroristen und Extremisten von Rosfinmonitoring geführt

Zum Autor: Wassilij Kaschin – Direktor des Zentrums für umfassende europäische und internationale Studien der Higher School of Economics (HSE). Der Beitrag ist auf dem russischen Portal Profile.ru erschienen. Die Übersetzung aus dem Russischen besorgte Éva Péli.

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