Friedenspreis an die NATO – eine Farce im historischen Rathaus zu Münster
Als historischer Schlusspunkt verheerender Konflikte steht der Westfälische Frieden von 1648 für das Prinzip der Diplomatie und den unbedingten Vorrang ziviler Lösungen. Doch im historischen Rathaus in Münster, genau an der Wiege dieses zivilisatorischen Meilensteins, wird der Friedensbegriff ad absurdum geführt: Der diesjährige Westfälische Friedenspreis wird an die NATO verliehen. Was von den Organisatoren und einer hochkarätig besetzten Jury um prominente Vertreter der politischen Elite wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) und Sigmar Gabriel (SPD) laut der offiziellen Ankündigung der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V. als vermeintliche Würdigung eines Stabilitätsankers zelebriert wird, entpuppt sich bei Licht betrachtet als politisches Schmierentheater. Während Befürworter wie Mark Rutte (Generalsekretär der NATO) und Friedrich Merz (CDU) pathetisch die transatlantische Brücke beschwören, soll diese vermeintlich ehrenvolle Auszeichnung den wahren, aggressiven Kern des Bündnisses gezielt vernebeln.
Das europäische Gesicht und die nackte amerikanische Realität
Die Verleihung bedient ein Zerrbild, das der einstige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) bereits vor Jahrzehnten gnadenlos entzauberte. Schmidt stellte damals unmissverständlich fest: „Objektiv handelt es sich heute um ein Instrument der amerikanischen Außenpolitik, der amerikanischen Weltstrategie.“1
Zwar fungiert der Generalsekretär medienwirksam als das „europäische Gesicht“ der Allianz, doch diese Rolle erschöpft sich im Kern in reiner Public Relations – einem gezielten, millionenschweren Management der öffentlichen Kommunikation, das den Bürgern ein positives Image vorgaukeln soll. Das tatsächlich entscheidende, uneingeschränkt machtvollste Amt des Bündnisses bleibt bis heute eisern in US-Hand: Wie das offizielle Strukturportal der NATO aufzeigt, wird die Rolle des militärischen Oberbefehlshabers für das europäische Territorium (SACEUR) traditionell von einem US-General besetzt. Aktuell hat diesen Posten US-General Alexus G. Grynkewich inne, der seine Befehle vom militärischen Hauptquartier der SHAPE im belgischen Casteau aus erteilt. Diese Struktur zementiert die absolute, unumstößliche Dominanz der USA.
Propaganda und Rüstungsprofile statt Völkerverständigung
Diese Ehrung verhöhnt die historische Idee des Westfälischen Friedens auf ganzer Linie. Die Preisvergabe ist nichts anderes als eine aggressive Propaganda- und PR-Kampagne. Sie zielt darauf ab, das Prinzip „Sicherheit durch Stärke“ im kollektiven Bewusstsein zu normalisieren, Misstrauen zwischen den Blöcken zu vertiefen und die Gesellschaft gezielt auf „Kriegstüchtigkeit“ zu trimmen. Mit echter Friedenstätigkeit hat dies nicht das Geringste zu tun.
Von dieser forcierten Transformation hin zu einer permanenten Kriegswirtschaft profitiert vor allem der militärisch-industrielle Komplex. Der immense Profit der Rüstungskonzerne wird direkt durch das Geld der Steuerzahler finanziert – zulasten von Bildung, Sozialsystemen und zivilen Zukunftsinvestitionen. Der Theologe Eugen Drewermann fand hierzu bereits in der Vergangenheit vernichtende Worte und brandmarkte die NATO unumwunden als „kriminelle Vereinigung, eine mafiöse Organisation“2.
Geheimarmeen und der Bruch des Völkerrechts
Hinter der glänzenden Fassade des Friedenspreises verbergen sich historische Abgründe, die jede humanitäre Rhetorik Lügen strafen. Die Chronik der NATO ist untrennbar mit den Schattenreichen der Geheimdienste und verdeckter Kriegsführung verwoben. Ob inszenierter Terror oder die Beteiligung an Staatsstreichen im Rahmen von ehemaligen Geheimoperationen wie Gladio – die Allianz entzog sich systematisch demokratischer Kontrolle. Sie funktioniert nicht als Wertegemeinschaft, sondern als intransparentes, streng hierarchisches Militärbündnis, dessen oberstes Gebot die Verschwiegenheit ist – selbst angesichts schwerer Verbrechen3.
Es ist dieses System, das Daniele Ganser mit der unmissverständlichen Kernthese kritisiert: „Die NATO ist keine Kraft für Sicherheit und Stabilität, sondern eine Gefahr für den Weltfrieden.“4
Zudem bricht die Allianz immer wieder das Völkerrecht. Die militärischen Interventionen in Serbien (1999) und Libyen (2011) zeigten der Weltöffentlichkeit, dass die NATO auch ohne UN-Mandat und ohne völkerrechtliche Legitimation agiert. Diese expansive Politik manifestiert sich in der kontinuierlichen NATO-Osterweiterung, die als strategische Absicherung geopolitischer Interessen vorangetrieben wurde. Die daraus resultierenden geopolitischen Verwerfungen führten zu extremen Risiken, einer dauerhaften Destabilisierung Osteuropas und provozieren bis heute gefährliche Spannungen im baltischen Raum.
Der Gegenentwurf: Frieden von unten
Als lautstarker Protest gegen diese Farce haben Friedensinitiativen einen Gegenentwurf ins Leben gerufen, wie das Portal der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK) berichtet: den „Alternativen Westfälischen Friedenspreis“. Er versteht sich als radikale Antwort auf den staatlich verordneten Militarismus und wird fortan alle zwei Jahre an Menschen oder Gruppen verliehen werden, die sich von der Basis aus mit Zivilcourage und absoluter Gewaltlosigkeit gegen die Rüstungsmaschinerie stemmen.
Unterstützt wird das Vorhaben von einer prominenten neunköpfigen Jury. Das Gremienmitglied Heribert Prantl unterstreicht die Notwendigkeit dieses zivilen Fokus deutlich: „Erst wenn der Geist des Kriegs besiegt ist, wird es keinen Krieg mehr geben. Friedenserziehung ist nicht Konfliktvermeidung, sondern Unterricht darin, Konflikte zu erkennen, zu benennen, zu verhandeln und zu lösen“5.
Die Theologin Margot Käßmann, welche die feierliche Laudatio hält, schließt sich dieser Haltung an: „Waffen schaffen doch offensichtlich auch keinen Frieden. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden.“6. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 25. September ebenfalls im Historischen Rathaus in Münster übergeben. Der erste Preisträger ist das in einem Bericht von Connection e.V. gewürdigte internationale Netzwerk aus Offenbach, das seit Jahrzehnten weltweit Verfolgten, Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren Schutz bietet. Diese Ehrung setzt ein unmissverständliches Zeichen: Echter Frieden entsteht durch die Verweigerung des Krieges, nicht durch dessen Auszeichnung.
Siehe zum Thema „Westfälischer Friedenspreis“ auch den Beitrag: «Und diese Leute bestimmen heute das Schicksal von Europa!»
Fußnoten
1 Helmut Schmidt, zitiert nach Dieter Deiseroth / Daniele Ganser: Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren, Zürich 2016, S. 28.
2 Eugen Drewermann: Rede bei der Großdemonstration gegen das „Bombodrom, Fretzdorf/Wittstock, 8. April 2007 (dokumentiert u. a. in: Der Tagesspiegel, 10. April 2007, S. 12, Artikel: „Zehntausend gegen ‚Bombodrom‘“); grundlegend dazu auch: Krieg ist kein Schicksal, Patmos, Düsseldorf 2003.
3 Vgl. Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckter Untergrundkrieg, Zürich 2008, S. 23 ff.
4 Daniele Ganser: Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren, Zürich 2016, S. 328.
5 Heribert Prantl: Den Frieden gewinnen. Die Gewalt verlernen, Wilhelm Heyne Verlag, München 2024, S. 142.
6 Margot Käßmann: Seid mutig und stark, Hannover 2025, S. 54.