Adam Smith, 1723 - 1790, ein bedeutender schottischer Philosoph, wird zur Rechtfertigung des kommerziellen Eigeninteresses oft einseitig zitiert – leider. Präzisierungen sind wichtig! Das Bild stammt aus einem deutschen Beitrag über Adam Smith.

Adam Smith – nicht Wegbereiter des neoliberalen Turbo-Kapitalismus, sondern ein Sozialliberaler durch und durch

 (Red.) Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Das ist nicht nur eine Schande für unsere globale Wirtschaftssituation, es gibt dafür auch eine konkrete Ursache: die neoliberale Wirtschaftslehre, die, leider, schon fast zum unbestrittenen Wirtschaftswissen gehört. Es ist deshalb unendlich wichtig, dass kritische und aufklärende Stimmen gehört werden. Der Schweizer Wissenschaftler Heinrich Anker macht darauf aufmerksam, dass sich viele Ökonomen in puncto der von ihnen vertretenen neoliberalen Wirtschaftslehre auf Adam Smith berufen, der vor 250 Jahren ein fundamentales Werk verfasst hat – aber dass sie dies eben zu Unrecht tun. (cm)

(Red.) Heinrich Anker ist kein Journalist, er ist Wissenschaftler und verwendet auch Fachwörter, die nicht so bekannt sind. Die Redaktion hat sich deshalb erlaubt, hinter die Begriffe intrinsisch und extrinsisch eine vereinfachte Übersetzung einzufügen. (cm)

«Keine Gesellschaft kann gewiss blühen und glücklich sein, wenn der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist. Es ist zudem nur gerecht, dass diejenigen, die das gesamte Volk ernähren, kleiden und beherbergen, einen solchen Anteil an den Erträgen ihrer eigenen Arbeit erhalten, dass sie selbst einigermaßen gut ernährt, gekleidet und untergebracht sind.» Adam Smith [2010, S. 134].
 
 
Zusammenfassung
Der Essay beleuchtet die Bedeutung von Adam Smiths Werk «The Wealth of Nations» / «Wohlstand der Nationen» (1776) und «The Theory of Moral Sentiments» / «Theorie der ethischen Gefühle» (1759) im Kontext des heutigen neoliberalen Mainstreams der Wirtschaftslehre. Entgegen der von den Neoliberalen propagierten Ansicht, Smith sei ein Vordenker des radikalen Egoismusstrebens, postulierte dieser intrinsische (von innen her, aus eigenem Antrieb) menschliche Eigenschaften wie Empathie und das Gewissen als Gegenkraft zur Selbstliebe und als Grundlage einer prosperierenden Gesellschaft und Wirtschaft. Diese Sichtweise steht im völligen Gegensatz zum neoliberalen Bild des homo oeconomicus, der ausschließlich eigennützig handelt und einzig durch die sozialdarwinistischen Marktkräfte extrinsisch (von außen her bestimmt) diszipliniert wird – ein Zerrbild Adam Smiths, das auch in Kreisen, die nichts mit dem Neoliberalismus am Hut haben, unablässig kolportiert wird. (Hinweis: Die Zitate von Adam Smith und Jesse Norman wurden vom Autor mit Hilfe von DeepL aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.)
 
 
Sind der Metzger, der Brauer und Bäcker Prototypen des neoliberalen Egoismus? Zu Adam Smiths «Wohlstand der Nationen» von 1776
 
Vor 250 Jahren, 1776, publizierte Adam Smith (1723 – 1790) die erste Auflage seines Werkes «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations», kurz: «Wohlstand der Nationen». Dieses Jubiläum ist für den neoliberalen Mainstream der Wirtschaftslehre (und die neue Rechte) ein willkommener Anlass, einmal mehr im Rückgriff auf Adam Smith ihren kruden Dreisatz zu propagieren:
– Die Hauptmotivation des Menschen ist das Eigennutzenstreben.
– Es gibt eine «unsichtbare Hand».
– Diese führt das Eigennutzenstreben der Individuen in das harmonische Gleichgewicht «des Marktes über».[1]
 
Mit diesem Dreischritt versucht der neoliberale Mainstream[2] seit Mitte des 20. Jahrhunderts., Adam Smith zwecks Legitimation seiner allgemeinen Gleichgewichtstheorie für sich zu vereinnahmen.[3] Damit wird er Adam Smith aber nicht gerecht:

Zu Punkt 1. Wissenschaftshistorisch machte erst Francis Ysidro Edgeworth (1845–1926) [1881] in seinem Werk «Mathematical Psychics» («Mathematische Psychologie») das Eigennutzenstreben zur ultimativen Motivation des Menschen.

Zu Punkt 2. Der Topos der «unsichtbaren Hand», auf welcher die Neoliberalen ihr ganzes eigennütziges Kartenhaus aufbauen, erwähnt Adam Smith in seinen beiden großen Werken, der «Theory of Moral Sentiments», erstmals erschienen im Jahre 1759, sowie im «Wealth of Nations» (1776) nur gerade je einmal, und dies eher beiläufig – große Bedeutung scheint er diesem Begriff nicht beigemessen zu haben. (Für ihn war er bloss eine Chiffre für die Wirkung der Empathie und des Gewissens.)

Zu Punkt 3: Adam Smith entwickelte ein Menschenbild und eine Gesellschaftstheorie (Ursache), auf deren Grundlage sich ein Marktgleichgewicht (Folge) einstellen kann. Die Neoliberalen stellen diesen Ursache-Wirkungszusammenhang auf den Kopf: Das Markt-Gleichgewicht ist für sie die oberste Instanz, welcher sich die Menschen unter allen Umständen – wörtlich und im übertragenen Sinne: um jeden Preis – zu unterwerfen haben.[4] Damit sich dieses Gleichgewicht einstellen kann, darf in keiner Weise in das Marktgeschehen eingegriffen werden – die Kräfte «des Marktes» müssen sich völlig frei entfalten können. Letztlich läuft dieser Markt-«Liberalismus» auf ein sozialdarwinistisches Konzept hinaus: 1. Es gilt allein das Recht des wirtschaftlich Stärkeren, 2. The winner takes it all – alles dem Gewinner! Nach diesen Prinzipien wollen die Neoliberalen und die neue Rechte nicht nur den Markt, sondern auch die Gesellschaft gestalten – was ihnen angesichts der in weiten Teilen der Welt zunehmenden Einkommens- und Vermögensdisparitäten immer besser zu gelingen scheint.

Wie bereits erwähnt, versucht der streng eigennützige neoliberale Mainstream der Ökonomik unablässig, Adam Smith aus Legitimationsgründen für sich zu beanspruchen, und verwendet als Beleg für das angebliche radikale Eigennutzenstreben der Individuen immer wieder folgendes Zitat aus dem «Wealth of Nations»: «Wir erwarten unsere Mahlzeit nicht von der Güte des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, sondern von ihrem Eigennutz. Wir appellieren nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Selbstsucht und sprechen nie mit ihnen über unsere Bedürfnisse, sondern immer nur über ihre Vorteile.» [Smith, Adam, 2010, S. 24]. Diese Vereinnahmung von Adam Smith durch die Neoliberalen ist u.a. aus folgenden Gründen unhaltbar:
Wissenschaftsgeschichtlich geht (wie bereits erwähnt) die Reduktion der menschlichen Motivationen auf das individuelle Eigennutzenstreben auf Y.F. Edgeworth zurück.

Was Adam Smith mit dem durch die Neoliberalen verwendeten Zitat vom Metzger, Brauer und Bäcker nachzeichnet, ist nicht eine direkte eigennützige Konfrontation mit dem Ziel der rücksichtslosen – sozialdarwinistischen – Maximierung des Eigennutzens des Ich auf Kosten des Du, sondern das Gegenteil: der Appell an die Interessen des Du. Dies ist ein reziproker, auf Empathie und Gewissen basierender Dialog und Verständigungsprozess auf der Grundlage von «leben und leben lassen».

Adam Smith [2010, S. 24] verweist auf die Vorteile dieser dialogischen Kooperation[5] gegenüber der eigennützigen Konfrontation: «Wer einem anderen ein Geschäft jeglicher Art anbietet, schlägt ihm damit Folgendes vor: Gib mir, was ich will, und du sollst bekommen, was du willst – das ist der Sinn jedes solchen Angebots; und auf diese Weise erhalten wir voneinander den weitaus größten Teil jener Gefälligkeiten, die wir benötigen.» Den hier angesprochenen Topos der Reziprozität und deren Vorteile sieht auch Jesse Norman [2018, S. 57]: «Mitgefühl fördert Gegenseitigkeit, den Austausch von Hilfe und Verpflichtungen; Gegenseitigkeit fördert Handel und gegenseitige Sicherheit, und diese wiederum prägen die sozialen Tugenden in einem sich ausbreitenden und sich selbst verstärkenden Muster.» Reziprozität generiert weitere Reziprozität.

Adam Smith sieht Selbstsucht bzw. Eigeninteresse in einem ganz anderen Kontext als der Neoliberalismus. Letzterer sieht sein Menschenbild, den homo oeconomicus, als rein instinkt- und emotionsgetriebenes (animalisches) Wesen, dessen Egoismus bzw. Selbstsucht allein extrinsisch – von außen her – gebremst wird: durch «den Markt» im Sinne des sozialdarwinistischen schrankenlosen Wettbewerbs, d.h. im unablässigen (Existenz-)Kampf jeder gegen jeden bzw. aller gegen alle. 

Adam Smith negiert keineswegs egoistische Strebungen des Menschen, er sieht diese jedoch intrinsisch – von innen her – ausbalanciert durch zwei im Menschen selber angelegte Gegenkräfte: 1. durch diejenige der menschlichen Empathie (Smith nannte sie «Sympathy» = mitleiden) und 2. des menschlichen Gewissens (Adam Smith sprach vom «unparteiischen inneren Beobachter bzw. Zuschauer»). Empathie und Gewissen sind das, was Adam Smith unter der «unsichtbaren Hand» und deren ordnenden Kraft verstand.
 
Bereits hier stehen wir vor fundamentalen Widersprüchen des Neoliberalismus: 1. Wie lassen sich eine ausschließlich extrinsische Steuerung des Menschen und Liberalismus miteinander vereinbaren? 2. Traditionell wird menschliche Gesellschaft / Zivilisation als Resultat der Kooperation von Menschen verstanden, die zusammen etwas erreichen wollen, wozu sie alleine nicht in der Lage wären. Wie lässt sich demgegenüber Gesellschaft als neoliberale Arena eines erbarmungslosen, endlosen Kampfes jeder gegen jeden denken?[6] 3. Wenn der Neoliberalismus nicht in der Lage ist, menschliche Gesellschaft / Zivilisation zu begründen, wie ist er vereinbar mit dem Konzept dessen, was heute unter «liberaler Demokratie» verstanden wird? 4. Was bedeutet es unter diesen Umständen, dass der Neoliberalismus insbesondere in der westlichen Welt nach wie vor als Mainstream der Wirtschaftswissenschaften gelehrt und praktiziert wird?
 
Dank der Fähigkeit zur Empathie und dank seines Gewissens ist der Mensch grundsätzlich in der Lage, sich willentlich nicht nur von seinen inneren psychischen Trieben und Instinkten zu emanzipieren, sondern auch gegenüber externen Mächten wie der Kirche, der Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Radikale Beispiele dafür sind die englische Revolution, welche zur konstitutionellen Monarchie führte, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Französische Revolution, welche die alten Eliten wegfegte und die Grundsteine zur modernen Demokratie legte. Die Fähigkeit des Menschen, seinen Instinkten und Trieben grundsätzlich[7] entgegenzutreten, nennt sich Selbstdistanzierung. Sie ist der Kern unserer Autonomie, d.h. unserer Freiheit, welche sich in den Augen von Adam Smith durch unsere Fähigkeit zur Verantwortung rechtfertigt. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Die beiden Phänomene «Sympathy»/Empathie und «unparteiischer innerer Beobachter» / Gewissen waren für Adam Smith die Grundlagen einer blühenden Gesellschaft. In Adam Smiths Epoche war dies nicht nur wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer, sondern auch gesellschaftlicher und politischer «Sprengstoff».[8]

Mit ein Grund für die «explosive» Wirkung dieses «Sprengstoffs» ist wohl, dass «Sympathy» und der «unparteiische innere Beobachter» nicht bloss idealistische Postulate des Moralphilosophen Adam Smith waren, sondern dass er die Phänomene der Empathie und des Gewissens auf der Grundlage eigener empirischer Beobachtungen ins Spiel brachte.

Das Phänomen der menschlichen Empathie ist heute längst eine streng wissenschaftlich untermauerte Wesenseigenschaft des Menschen (vgl. u.a. die Werke bekannter Neurobiologen wie Joachim Bauer und Gerald Hüther), derweil die Wissenschaft sich mit dem Phänomen des ethischen Gewissens vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Wertfreiheit bis heute schwertut. Im strengen Sinne ist seine Funktion wissenschaftlich nicht vollständig fassbar: Das Gewissen entzieht sich aufgrund subjektiver Anteile der vollständigen wissenschaftlichen Objektivierbarkeit bzw. Berechenbarkeit (s. weiter unten), aber eine Erfahrungstatsache ist auch dieses.[9]
 
Nach der kritischen Auseinandersetzung mit der Verwendung des Zitats vom Metzger, Brauer und Bäcker im «Wohlstand der Nationen» durch die Neoliberalen gilt nachfolgend die Aufmerksamkeit Adam Smiths epochalem Erstlingswerk, «Die Theorie der ethischen Gefühle», erstmals erschienen 1759. In diesem Werk hat Adam Smith jenes Menschenbild entwickelt, dem auch sein «Wealth of Nations» von 1776 zugrunde liegt. Zentrale Punkte der «Theorie der ethischen Gefühle» sind die «Sympathy» / Empathie und der «innere unparteiische Beobachter» / Gewissen.
 
 
Zu Adam Smiths «Theorie der ethischen Gefühle» (1759)
 Was wollte Adam Smith in der «Theory of Moral Sentiments» zeigen? Jesse Norman [2018, S. 51] : « Ein zentrales Anliegen der ‘Theorie der ethischen Gefühle’ besteht darin, durch die Erklärung, wie moralische Gefühle aus der menschlichen Geselligkeit entstehen, die Ansprüche der Zivilisation selbst als Triebkraft für moralische Verbesserung zu rechtfertigen.» Adam Smith vertritt demnach ein optimistisches Menschenbild: Der Mensch besitzt ethische Anlagen, und durch deren Ausübung durchdringen sie die Gesellschaft immer weiter.
 
2.1   Zur «Sympathy»
Die «Sympathy» entspricht bei Adam Smith dem, was die heutige Neurobiologie, die Anthropologie, die experimentelle Wirtschaftsforschung, Teile der Psychologie etc. als Empathie bezeichnen. In den Worten von Adam Smith handelt es sich um die empirische Tatsache, dass wir uns in unserer Vorstellung in die Schuhe des Gegenübers, des Du, stellen und durch dessen Augen auf uns selber blicken können:
«Durch die Vorstellungskraft versetzen wir uns in seine Lage, stellen uns vor, all dieselben Qualen zu erdulden, schlüpfen sozusagen in seinen Körper und werden in gewisser Weise mit ihm zu ein und derselben Person; und so entstehen aus einer Vorstellung seiner Empfindungen sogar Gefühle in uns, die, wenn auch schwächer im Ausmaß, diesen doch nicht ganz unähnlich sind. (…) Es sind auch nicht nur jene Umstände, die Schmerz und Leid hervorrufen, die unser Mitgefühl wecken. Was auch immer die Leidenschaft ist, die bei der hauptsächlich betroffenen Person durch ein Objekt hervorgerufen wird, so entspringt doch bei jedem aufmerksamen Zuschauer beim Gedanken an diese Situation eine analoge Emotion. Unsere Freude über die Rettung jener Helden der Tragödie und der Romanze, die uns interessieren, ist ebenso aufrichtig wie unser Kummer über ihr Leid, und unser Mitgefühl für ihr Elend ist nicht realer als das für ihr Glück.» [Smith, Adam, 1777, Pos. 212–236].
 
Und:
«(…) viel für andere und wenig für uns selbst zu empfinden, dass nämlich die Zügelung unserer selbstsüchtigen und die Entfaltung unserer wohlwollenden Gefühle die Vollkommenheit der menschlichen Natur ausmacht; und nur dies kann in der Menschheit jene Harmonie der Gefühle und Leidenschaften hervorbringen, in der ihre ganze Anmut und Angemessenheit besteht. So wie die Liebe zum Nächsten wie zu uns selbst das große Gesetz des Christentums ist, so ist es das große Gebot der Natur, uns selbst nur so zu lieben, wie wir unseren Nächsten lieben (…)» [Smith, Adam, 2006, S. 19].
 
Ohne Einbindung in einen sozialen Kontext kann der Mensch nicht ein autonomes, zu Freiheit und Verantwortung fähiges Subjekt werden. Damit formulierte Adam Smith die Antithese zu den Neoliberalen, welche die Zivilisation auf der konsequenten Verfolgung des Eigennutzens aufbauen wollen.

«Wäre es möglich, dass ein Mensch an einem einsamen Ort, ohne jeglichen Kontakt zu seinesgleichen, zum Erwachsenen heranwachsen könnte, so könnte er sich über seinen eigenen Charakter, den Wert oder die Unzulänglichkeit seiner eigenen Gefühle und seines Verhaltens, über die Schönheit oder Hässlichkeit seines eigenen Geistes ebenso wenig Gedanken machen wie über die Schönheit oder Hässlichkeit seines eigenen Gesichts. (…) Bringt man ihn in die Gesellschaft, erhält er sofort den Spiegel, den er zuvor vermisst hat. Dieser spiegelt sich im Gesichtsausdruck und im Verhalten derer wider, mit denen er zusammenlebt, die stets zeigen, wann sie seine Gefühle teilen und wann sie sie missbilligen; und dort erkennt er zum ersten Mal die Angemessenheit und Unangemessenheit seiner eigenen Leidenschaften, die Schönheit und Hässlichkeit seines eigenen Geistes.» [Smith, Adam, 1777, Pos. 2350 f.].
 
Die Begegnung von Ich und Du versteht Adam Smith als einen reziproken Prozess: Das Ich vollzieht nach, was es beim Du auslöst. Damit findet sich das Ich in einer Doppelrolle: Es ist zum einen handelndes Subjekt, zugleich erlebt es im Rollentausch mit dem Du sein Handeln als Beobachteter, als Objekt. Vice versa gilt dies auch für das Du. Das Zusammenspiel der Subjekt- und Objekt-Ebene ist die Grundlage der Entwicklung einer persönlichen Identität – und ein wichtiger Faktor der Gewissensbildung im Sinne des «unparteiischen inneren Beobachters», wie wir hinzufügen möchten.
 
2.2   Zum «unparteiischen inneren Beobachter»
Adam Smith beschreibt die Funktion des «unparteiischen inneren Betrachters» u. a. folgendermassen:
«Es ist nicht die sanfte Kraft der Menschlichkeit, es ist nicht der schwache Funke des Wohlwollens, den die Natur im menschlichen Herzen entzündet hat, der es vermag, den stärksten Impulsen der Selbstliebe entgegenzuwirken. Es ist eine stärkere Kraft, ein gewichtigeres Motiv, das sich in solchen Fällen geltend macht. Es ist die Vernunft, das Prinzip, das Gewissen, der Bewohner der Brust, der innere Mensch, der große Richter und Schiedsrichter unseres Verhaltens. Er ist es, der, wann immer wir im Begriffe sind, so zu handeln, dass es das Glück anderer beeinträchtigt, mit einer Stimme zu uns ruft, die selbst unsere anmassendsten Leidenschaften in Erstaunen versetzen kann, und uns darauf hinweist, dass wir, wenn wir uns so schändlich und blind gegenüber anderen bevorzugen, selbst zum Gegenstand von Groll, Abscheu und Verfluchung werden. Nur von ihm lernen wir die wahre Kleinheit unserer selbst und all dessen, was mit uns selbst zu tun hat, und die natürlichen Fehlinterpretationen der Selbstliebe können nur durch das Auge dieses unparteiischen Beobachters korrigiert werden. Er ist es, der uns die Angemessenheit der Großzügigkeit und die Verwerflichkeit der Ungerechtigkeit zeigt; die Angemessenheit, unsere eigenen höchsten Interessen zugunsten der noch höheren Interessen anderer aufzugeben, und die Verwerflichkeit, einem anderen den geringsten Schaden zuzufügen, um uns selbst einen größeren Vorteil zu verschaffen.» [Smith, Adam, 1777, Pos. 2500–2508]. 
 
Dass der «unparteiische innere Richter» unbestechlich ist, unterstreicht Adam Smith auch im folgenden Zitat:
«(…) Angesichts der egoistischen und ursprünglichen Leidenschaften der menschlichen Natur erscheint der Verlust oder Gewinn eines noch so kleinen eigenen Interesses von weitaus größerer Bedeutung (…) als das größere Anliegen eines anderen, zu dem wir keine besondere Verbindung haben. Seine Interessen (…) können uns niemals davon abhalten, alles zu tun, was zur Förderung unserer eigenen Interessen beiträgt, wie ruinös dies für ihn auch sein mag. Bevor wir diese gegensätzlichen Interessen angemessen vergleichen können, müssen wir unsere Perspektive wechseln. Wir müssen sie weder von unserem eigenen Standpunkt noch von seinem betrachten, weder mit unseren eigenen Augen noch mit seinen, sondern vom Standpunkt und mit den Augen einer dritten Person, die zu keinem von beiden eine besondere Verbindung hat und die unparteiisch zwischen uns urteilt.» [Smith, Adam, 1777, Pos. 2475–2480].
 
Wohl nicht aus Zufall[10] fühlte sich Kant vom Gedanken dieser «dritten Person» angesprochen. Eine der Varianten des Kategorischen Imperativs lautet [Gerhardt, Volker, 2002, S. 222]: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (4.421)» Der Königsberger zollte dem Schotten Anerkennung dafür, „dass der Gründliche jeden Gegenstand ‚nicht bloss aus seinem, sondern aus gemeinschaftlichem Gesichtspunkt‘ betrachtet, in Klammern die Worte beigefügt: ‚der Unpartheyische Zuschauer‘. “ [Eckstein, Walter, 1985, S. XXXIII f.] – der «unpartheyische Zuschauer» nach Adam Smith als Pendant zum «allgemeinen Gesetz» nach Kant.
 
 
Das «Adam-Smith-Problem» – die Neoliberalen in der selbst gestellten Falle
Die Vertreter des Neoliberalismus versuchen immer wieder, die beiden Werke von Adam Smith, die «Theorie der ethischen Gefühle» von 1759 und den «Wohlstand der Nationen» von 1776 in Bezug auf das dahinter stehende Menschen- und Gesellschaftsbild auseinander zu dividieren und konstruieren ein «Adam-Smith-Problem»: Sie behaupten, in den 17 Jahren zwischen 1759 und 1776 habe Adam Smith sein auf Empathie und Gewissen basierendes Menschenbild zugunsten desjenigen des rational-eigennützigen homo oeconomicus revidiert. Aber dies ist falsch: Bereits im Winter 1749/50, lange vor dem Erscheinen der «Theory of Moral Sentiments», hielt Adam Smith in Edinburgh einen Vorlesungskurs zum Thema «Nationalökonomie», der zum großen Teil Theorien seines «Wohlstand der Nationen» vorweggenommen hat [Eckstein, 1985, S. XIII, XVIII]. Und Adam Smith hat auch nach Erscheinen des «Wealth of Nations» immer wieder Ausgaben der «Theorie der ethischen Gefühle» publiziert. Er sah offensichtlich keinen Widerspruch zwischen dem Menschenbild seines ersten und seines zweiten magistralen Werks. Weshalb sollte er auch? Ohne das in der «Theory of Moral Sentiments» entwickelte Menschenbild ist weder eine gedeihliche freiheitliche Gesellschaft noch eine prosperierende Wirtschaft denkbar.
 
2.4   Neoklassischer Neoliberalismus empirisch längst widerlegt – ein Beispiel
Dass sich der Neoliberalismus mit seinem eigennützigen homo oeconomicus bis dato als Mainstream der Wirtschaftslehre zu halten vermag, obgleich nicht nur die Neurobiologie, die Anthropologie etc., sondern auch die experimentelle Ökonomik ein ganz anderes Menschenbild und ganz andere Verhaltensweisen zutage fördern, ist mehr als nur erstaunlich. Dies lässt sich nur mit Macht und Ideologie erklären – oder vielleicht mit der kruden Simplizität dieses Ansatzes?

Nachfolgend ein Befund aus der experimentellen Ökonomik, von welchem Jesse Norman mit Berufung auf «Nobel»-Preisträger Vernon Smith berichtet: Davon ausgehend, dass sich zwei Wirtschaftssubjekte, die sich vor einem Handel nie begegneten und auch danach nie mehr treffen würden, wäre zu erwarten, dass der neoliberale homo oeconomicus völlig kompromisslos – auf Kosten des anderen – seinen Eigennutzen maximieren würde, da er ja nicht mit einem zweiten Geschäft zu rechnen hat, in dem der andere Akteur seinerseits kompromisslos seinen Eigennutzen maximieren könnte. Das Resultat war immer dasselbe: Die Partner verhielten sich nicht wie der homo oeconomicus: Sie wählten die kooperative Variante, selbst mit dem Risiko, einen persönlichen Nachteil zu erleiden. Sie respektierten die Normen der Fairness, des Vertrauens und der Reziprozität, respektierten Eigentums- und Besitzerrechte und eine Reihe anderer Verhaltensnormen sowie kulturelle Faktoren. «(…) es war eine direkte Infragestellung der zentralen Annahme des Eigeninteresses, die mit dem rationalen Wirtschaftsmenschen verbunden ist. Diese Annahme war kein blosser Zusatz, sondern stand im Zentrum der gängigen Theorie.» [Norman, Jesse, 2018, S. 177].
 
Nachwort
Es geht nicht um l’art pour l’art! Dieser Beitrag soll eine konkrete Ahnung davon vermitteln, auf welchen ideologischen Grundlagen (Menschen- und Gesellschaftsbild) sich der Neoliberalismus der Wirtschaftslehre und in der Folge der Wirtschaftspolitik (mittels Finanzialisierung und Privatisierung der Wirtschaftswelt, mittels Steuerrecht, Abbau von Sozialleistungen, Inflationierung u.a. Maßnahmen der Umverteilung von unten nach oben, begleitet durch ihre Medien) bemächtigte, und wie er damit in weiten Teilen der Welt die Weichen zu einem immer erbarmungsloseren, sozialdarwinistischeren Krieg aller gegen alle gestellt hat und immer noch stellt. Und dieser Krieg ist nicht weniger blutig als viele durch Armeen ausgefochtene sogenannte «heisse» Kriege! Nicht nur, dass die gewissenlose neoliberale Unternehmenswelt direkt von Kriegen profitiert – allein schon im indischen Bhopal fielen der gewissenlosen Profitgier eines einzelnen Unternehmens auf einen Schlag möglicherweise bis zu 25’000 Menschen zum Opfer [Deutschlandfunk, 2014]. Der Krieg, den der Neoliberalismus in die Wirtschaftswelt und in die Gesellschaft gebracht hat und bis heute nach Kräften weiter anheizt, hat aufgrund der Umverteilung von unten nach oben, aufgrund unsicherer Produkte und Dienstleistungen, untragbarer Arbeitsbedingungen, einer zerstörten Umwelt, die ihrerseits Leben kostet und unsere Gesundheit schädigt, einen ungeheuren Blutzoll, eine unvorstellbare Zahl vernichteter oder beeinträchtigter Menschenleben zu verantworten. Der Neoliberalismus hat nichts mit Liberalismus, mit Freiheit zu tun – er ist ein larvierter (versteckter, Red.), äußerst gewalttätiger (Markt-)Totalitarismus.[11]. Adam Smith, ein Gelehrter des 18. Jahrhunderts, war wissenschaftlich moderner als die Neoliberalen von heute: Mit Edgeworth und ihrem Sozial-Darwinismus sind sie im 19. Jahrhundert stecken geblieben – eine Katastrophe für Zivilisation und Menschenwürde. Aber unser Schicksal liegt nach Adam Smith in unseren eigenen Händen …

(Red.cm) In jüngerer Zeit war es vor allem die US-amerikanische „Philosophin“ und Publizistin Ayn Rand, die mit ihren Büchern in Millionenauflage den Egoismus als einzige ehrliche moralische Haltung propagierte. Zu ihren begeisterten Lesern gehörte nach deren eigenen Aussagen auch Donald Trump und Benjamin Netanyahu. Siehe hier.
 
Verwendete Literatur
Arrow, Kenneth J., Gerard Debreu (1954): «Existence of an Equilibrium for a Competitive Economy, in: Econometrica, Vol. 22, No. 3. (Jul., 1954) , S. 265–290, Quelle: http:/ /links.jstor.org/sici?sici=0012-9682%28195407%2922%3A3%3C265%3AEOAEFA%3E2. .CO%3B2-B, Download : 20.01.2023. 
Binswanger, Mathias (2010): Die Tretmühlen des Glücks. Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher. Was können wir tun? Freiburg/Basel/Wien: Herder. 
Deutschlandfunk (2014) «30 Jahre Bhopal. Eine Chemiekatastrophe ohne Ende», 3. Dezember 2014, Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/30-jahre-bophal-eine-chemiekatastrophe-ohne-ende-100.html, Download 07.01.2022.
Eckstein, Walter (Hg.) (1985): Adam Smith. Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg: Felix Meiner.
Edgeworth, Francis Ysidro (1881), Mathematical Psychics. An Essay on the Application of Mathematics to the Moral Sciences, C. Kegan Paul & Co., London.
Gerhardt, Volker (2007): Immanuel Kant. Vernunft und Leben, Stuttgart: Philipp Reclam jun.
Keay, Douglas (1987) «Aids, education and the year 2000!», in: Woman’s Own, October 31, 1987, Quelle: https://www.margaretthatcher.org/document/106689, Download: 19.01.2023. 
Gibbs, David N. [2024]: Revolt of the Rich. How the Politics of the 1970s widened America’s Class Divide, Columbia University Press, New York.
Neuweiler, Gerhard (2009): Und wir sind es doch – die Krone der Schöpfung, Berlin: Wagenbach.
Norman, Jesse (2018): Adam Smith. What He Thought and Why it Matters, UK etc.: Allan Lane.
Smith, Adam (2010): Wealth of Nations, pdf., Mark Biernat, Kraków, Quelle: https://vle.pce.edu.bt/pluginfile.php/32283/mod_page/content/6/wealth%20of%20nations%20adam%20smith.pdf, Download 20.03.2026.
Smith, Adam (1777): The Theory of Moral Sentiments / Or, an Essay Towards an Analysis of the Principles by Which Men Naturally Judge Concerning the Conduct and Character, First of Their Neighbours, and Afterwards of Themselves. to Which Is Added, a Dissertation on the Origin of Languages, 6th edition, Verlag: The Project Gutenberg eBook of The Theory of Moral Sentiments, by Adam Smith, Kindle-Version. Release Date: February 9, 2022 [EBook #67363].
Tomasello, Michael (2011), Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
 
 [1] «Der Markt» wird in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt, weil es «den Markt» nicht gibt – er ist eine neoliberale Fiktion.
[2] Sein rascher und durchschlagender Erfolg hat einen wissenschaft­lichen und einen ideologischen Grund. Sein Aufstieg begann mit der Stagflation, welche in den späten 1960er Jahren ein­setzte und in die 1970er hinüberschwappte. In diesem Kontext war das keynesianische De­ficit Spending kontraproduktiv – es begann die große Zeit der radikalen Marktliberalen von Hayek über Friedman bis Arrow, Buchanan, Stigler, Becker, Debreu, von Mises…. Der ideologische Grund: Der Keynesianismus war für die Reichsten der Reichen der USA schon immer ein rotes Tuch. Unter ihrem Druck nutzte Präsident Richard Nixon die damalige Krise auch zum Aufbau eines «rightist counterestablishments» [Gibbs 2024, S. 3-7] und enga­gierte dazu Neoliberale wie Friedrich Hayek und Milton Friedman als Policy Makers auf hoher politischer Ebene. Heute agieren in insgesamt 100 Ländern 500 neoliberale bis libertäre Think Tanks unter dem neoliberalen Dach von atlasnetwork.com.
[3] Vgl. Norman, Jesse [2018, S. 176]: «Die Verwendung von Smiths Namen sollte offenbar der allgemeinen Gleichgewichtstheorie einen Kontext und historische Legitimität verleihen, doch die Andeutung, dass die Arbeiten von Arrow und Debreu in gewisser Weise den Höhepunkt von Smiths Denken darstellten, ist falsch.» 
[4] Dogmengeschichtlich ist der Neoliberalismus (bzw. die Neoklassik) das Gegenkonzept zum Keynesianismus. Dieser hält unter bestimmten Bedingungen staatliche Marktinterventionen für legitim, derweil die Neoliberalen behaupten, «der Markt» strebe «automatisch» – dank dem Walten der «unsichtbaren Hand» – zu einem Gleichgewicht, sofern nicht von außen in seine Kräfte eingegriffen werde. Die «unsichtbare Hand» ist für die Neoliberalen jene obwaltende Kraft, die das Wunder vollbringt, das Chaos aller eigennützigen, sprich: antagonistischen Strebungen der Individuen in ein Marktgleichgewicht, verstanden als harmonisches oberstes Ganzes, zu transformieren. Die Neoliberalen berufen sich dabei auf eine Arbeit des französisch-amerikanischen Mathematikers und Ökonometrikers Gérard Debreu, der zusammen mit Kenneth Arrow [Arrow, Debreu, 1954, S. 265–290] in der Fachzeitschrift Econometrica das Paper «Existence of an Equilibrium for a Competitive Economy» («Das Vorhandensein eines Gleichgewichts in einer Wettbewerbswirtschaft») publizierte. (Dafür erhielt Debreu 1983 auch den «Nobelpreis» für Wirtschaft.) Was bedeutete dieses Paper? Es liefert einen rein mathematisch-theoretischen – von jeder Empirie freien – «Nachweis», dass sich unter den Bedingungen des vollständigen Wettbewerbs, d.h. unter der Bedingung der konsequenten Eigennutzen- und Profitmaximierung der Individuen ein (dynamisches) Marktgleichgewicht einstellen kann. Mathematische Gleichungssysteme sind für die Neoliberalen Ersatz für Gewissen und Empathie, welche Adam Smith den Menschen zuschreibt.
[5] Michael Tomasello [2011] bestätigt als Anthropologe, dass der Mensch dasjenige Wesen ist, dessen Kommunikation a priori auf Dialog und Verständigung ausgerichtet ist. Dieser Gedanke erinnert auch an Habermas’ Konzept des gewaltfreien Dialogs.
 [6] Margaret Thatcher, Galionsfigur des Neoliberalismus: «So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht.» [Keay, Douglas, 1987]. Etwas wie menschliche Gesellschaft und Zivilisation gibt es für die Neoliberalen nicht. Sie reduzieren das Konzept von zwischenmenschlicher Interaktion und Gesellschaft auf rein eigennützige wirtschaftliche Transaktionen – die Menschen als Monaden, welche ab und zu wie Gasmoleküle aufeinander prallen und dann wieder auseinanderdriften…
[7] Die neoliberale Wirtschaftswelt setzt alles daran, die Fähigkeit des Menschen zur Selbstdistanzierung ausser Kraft zu setzen, indem sie ihre Botschaften emotional auflädt: Die insbesondere seit den 70er Jahren des 20. Jh. durch die Neoliberalen induzierte Einkommens- und Vermögensverteilung von unten nach oben [Gibbs [2024, S. 3-7] führt bei den Benachteiligten zu materiellen Existenzängsten und entsprechenden Verteilungskämpfen. Unter deren Druck agieren die Betroffenen zunehmend egoistisch (was die Neoliberalen dann als Beweis für die Eigennützigkeit ihres homo oeconomicus interpretieren). Die Politik ihrerseits diszipliniert die Bürgerinnen und Bürger mit Seuchen- und Kriegsängsten, und die heute ebenfalls neoliberal ausgerichteten Medien sorgen ihrerseits für emotionales Dauerfeuer einerseits und für jede Menge geisttötenden Schrott anderseits – bis die Menschen nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, bis sie nicht mehr in der Lage sind, das Wichtige von Unwichtigem zu unterscheiden und sie immer weniger zu vernünftig-rationalem Handeln fähig sind. Nur deshalb konsumieren die Menschen immer mehr von dem, was sie gar nicht benötigen. Nur so gelingt es dem Neoliberalismus, die Illusion ewigen (Profit-)Wachstums – nota bene in einer endlichen Welt! – aufrechtzuerhalten. (Zum Konsumverhalten vgl. Binswanger [2010, S. 28 f.]) Heute ist die dem Neoliberalismus geschuldete emotionale Ausbeutung der Menschen so extrem, dass sie zu immer mehr psychischen Erkrankungen – bis hin zu schweren Depressionen, bis hin zu Suiziden und Gewalttaten – führt.
[8] Für die absolutistischen Fürstenhäuser Europas war das von Thomas Hobbes’ (1588 – 1679) geprägte Bild des Menschen als eines durch und durch gewalttätigen Wesens («Der Mensch ist des Menschen Wolf») die Rechtfertigung, auch in einer immer wacher werdenden Aufklärung und trotz eines wirtschaftlich immer mehr aufstrebenden Bürgertums den Untertanen wirtschaftliche und politische Freiheitsrechte zu verweigern. Ihr Argument: Würden den Menschen solche gewährt, bräche unvermeidlich das totale Chaos aus. Es war eine politische Herausforderung ohnegleichen, als Adam Smith das Bild eines Menschen präsentierte, der nicht einer totalen äusseren Macht bedarf, um in Frieden zu leben, sondern in der Form der Empathie und des Gewissens Instanzen einer inneren Selbstkontrolle besitzt, dank welchen weder politisch noch wirtschaftlich das grosse Chaos ausbricht, wenn den Menschen Selbstverantwortung und Freiheit zugestanden werden. Der Neoliberalismus pflegt das Bild des grundsätzlich aggressiven, eigennützigen Menschen nach Hobbes. Für sie ist «der Markt» bzw. dessen «unsichtbare Hand» derjenige Leviathan, d.h. jener absolute Souverän, welcher bei Hobbes für Ruhe und Ordnung sorgt.
[9] Wissenschaftliche Annäherungen an das Phänomen des Gewissens gibt es neben den Arbeiten von Forschern wie Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, John Rawls u.v.a. auch in den Neurowissenschaften. Mit Berufung auf Benjamin Libet sagt z.B. Neuweiler [2009, S. 180], «dass zwischen der unbewussten Aktionsvorbereitung und der bewussten Durchführung ausreichend Zeit für eine übergeordnete Instanz bleibt, ein willentliches Veto einzulegen. Mit dem dMPFC (dorsaler medialer präfrontaler Cortex – der Verf.) ist diese Instanz gefunden worden.». Demnach ist der Mensch nicht ein reiner Reiz-Reaktions-Mechanismus wie der homo oeconomicus der Neoliberalen: Der dMPFC stellt sicher, dass es im menschlichen Handeln vor dessen Ausführung grundsätzlich eine Phase der Reflexion und des willentlichen Entscheidens gibt – die anthropologische Grundlage des Gewissens. Allerdings ist damit noch nicht gesagt, wann ein Mensch sich unter welchen Bedingungen wie entscheidet.
[10] Kant beschäftigte sich intensiv mit dem Werk David Humes (1711 – 1776), dem wohl grössten schottischen Aufklärer. Hume wiederum stand in engem Austausch mit Adam Smith.
[11] Der Schlachtruf der Neoliberalen «Mehr Freiheit, weniger Staat!» könnte zynischer nicht sein.

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