Worte putzen – Zum „Wörterbuch der Kriegtüchtigkeit“
(Red.) Unser regelmäßiger Autor Leo Ensel hat ein Buch veröffentlicht, in dem er den uns aktuell aus allen Ecken und Enden entgegenwabernden Jargon der Kriegsertüchtigung kritisch unter die Lupe nimmt und friedensfrech entlarvt. Im vorliegenden Text beschreibt er, was ihn dazu motiviert hat und was er damit bezweckt, wie er dabei vorging und zu welchen Resultaten er gekommen ist.
„Worte zu putzen, das überlasse ich dir“, meinte der Halbphilosoph. „Mir liegt allein an der Wahrheit.“
„Ärmster!“ rief der Philosoph.
„Warum Ärmster?“
„Weil du nun auf beides verzichten musst.“
„Auf beides?“
„Jawohl. Auch auf die Wahrheit.“
„Auf welche?“
„Auf die Wahrheit über die Wahrheit.“
„Und die lautet?“
„Dass sie nur durch geputzte Fenster hindurch scheint.“
(Günther Anders)
‚Worte putzen‘ – niemals ist das wichtiger als zu Kriegs- und Vorkriegszeiten! Mittlerweile ist es überfällig. Schon aus hygienischen Gründen. Die Formulierungen radikalisieren sich in atemberaubendem Tempo, der Ton wird tagtäglich schriller. Waren wir gestern noch laut Boris Pistorius „nicht mehr im kompletten Frieden“, so kam Kanzler Merz bereits fünf Tage später schon ohne das beschwichtigende Wörtchen „komplett“ aus. Ursula von der Leyen spricht noch, für ihre Verhältnisse moderat, von einem „Kampf“ („fight“), während in den Talkshows – „Fünf Stühle, eine Meinung“ – pausenlos vom „grauen“ oder „hybriden“ Krieg gefaselt wird, den Russland (pardon: Putin!) angeblich gegen uns führt. Dabei hecheln sie alle nur der Avantgardistin mit dem Klassensprecherinnen-Habitus hinterher: Annalena Baerbock, die bereits am 24. Januar 2023 in klarem Deutsch verkündete: „We are fighting a war against Russia!“ Das finale Ziel jeglicher Propaganda, die Ent-Menschlichung des Gegners – ein Blick auf die Attribute, mit denen zum Beispiel der russische Präsident von unseren Leitmedien seit Jahren belegt wird, genügt –, ist jedenfalls längst erreicht.
Für die Umkrempelung unserer gesamten Gesellschaft in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ ist die – aktuell sich noch geheim im Hintergrund vollziehende – zivil-militärische Verzahnung nach dem „Operationsplan Deutschland“ eben nur die halbe Miete. Parallel dazu wird offen und ungeniert ein „Mentalitätswechsel“ oder „neuer Mindset“, eine „Gedankenwende“ bzw. „kulturelle Umprogrammierung“ eingefordert. Ein Mittel, dies möglichst elegant durchzusetzen, ist die Sprache. Dass Sprache das Bewusstsein und damit indirekt auch unser Handeln prägt, ist eine Binse. Wie dies geschieht, wie wir alle – jeden Tag mehr – an das Undenkbare gewöhnt und möglichst geräuschlos umprogrammiert werden sollen, das zeigt – „worteputzend“ – mein „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“.
Woker Militarismus
Und dies ist bitter-nötig. Denn der neue Militarismus kommt nicht zuletzt smart, gendergerecht und TikTok-kompatibel daher. Pickelhaube und schnarrender preußischer Befehlston sind out. „Woke & wehrhaft“ hat die postmoderne Truppe zu sein – sämtliche Minderheiten der bunt-diversen Gesellschaft all inclusive. Der Weg in den (möglicherweise finalen) Krieg vollzieht sich nicht via Knobelbecherknallen, sondern als „Latschen in Sneakers“ – am Ende womöglich gar nicht mehr der Deutschland-, sondern der Regenbogenflagge hinterher.
Und das hat Auswirkungen auf die Sprache. Sind der Hardcore-Sound („Wille zum Kampf“, „immer ein Feind“, „zweiter Hitler“ etc.) oder das Verwaltungsdeutsch im Tarnfleck („Aufwuchsfähigkeit“, „Grundbeorderung“, „Nachsteuerungsbedarf“ oder „personelle Tiefe“) noch ohne Weiteres durchschaubar, so ist das bei der sanften Begleit- und Hintergrundmusik deutlich vertrackter. Wer denkt schon bei Wörtern und Formulierungen wie „absolut mega!“, „Baby“, „coolste Ausschnitte“, „Dünger“, „echt“, „erlebbar“, „ganzheitlich“, „Glück“, „lodernder Glutkern“, „meinem Herzen folgen“, „my favorite toy“, „neues Gefühl“ oder „Sinnsuche“, ja beim puren „Wir“ als Erstes an „Kriegstüchtigkeit“?
Hat sich das Ohr dagegen erst einmal geschärft, so wabert es einem aus allen Ecken und Enden entgegen. Die aktuelle Verwahrlosung unserer Sprache vollzieht sich nicht zuletzt auf die gemütliche, um nicht zu sagen: kokette Tour! Schon bei der groben Durchsicht fällt auf, dass unter den Stichworten auffällig viele dominieren, die Assoziationen an ökologisches, gar ‚wokes‘ Gedankengut wecken. Entsprechend ist nun von „nachhaltiger Wehrhaftigkeit“, „Greening the armies“, „technologischen Ökosystemen“ oder „mehr Sichtbarkeit“, „in der Gesellschaft ankommen“, „queerfeldein marschieren“ und „Resilienz“ die Rede. Selbst der Habermas‘sche Jargon hat in Gestalt einer geforderten „Diskurstüchtigkeit“ mittlerweile Eingang ins aktuelle Verdummungsdeutsch gefunden!
Zur Genese
Am Anfang meines „Wörterbuchs“ stand kein Masterplan. Es hat sich mit der Zeit – je mehr sich das Ohr schärfte, desto rasanter – einfach zusammengeläppert.
Vor vielen Jahren hatte ich ab und zu in Günther Anders‘ „Visit beautiful Vietnam – ABC der Aggressionen“ herumgeblättert – einem Band, der Ende der Sechziger Jahre das Idiom der westlichen Berichterstattung über den Vietnamkrieg scharfsinnig sezierte. Irgendwann im Frühjahr 2025 kam mir der Gedanke, den uns aktuell aus allen Ecken entgegenwabernden „Jargon der Kriegstüchtigkeit“ auch mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Als ich Ende Mai die erste Folge meines „Wörterbuchs“ auf der Schweizer Plattform Globalbridge veröffentlichte, da ahnte ich allerdings nicht im Entferntesten, dass sich diese erste spontane, unsystematische Sammlung bereits ein halbes Jahr später zu einem Großprojekt ausgewachsen hätte, das zum Redaktionsschluss zwischen zwei Buchdeckeln um die 450 Stichworte versammelte. (Mittlerweile sind es schon wieder – wie die laufende Serie bei den Nachdenkseiten und Globalbridge zeigt – 250 mehr.)
Natürlich ist der exponentielle Anwuchs – „Aufwuchs“? – des ‚Materials‘ nur zum Teil meinem nunmehr geschärfteren Ohr geschuldet. Je mehr sich die Lage zuspitzt, je stärker diese Gesellschaft sich militarisiert, desto intensiver wird auch die Sprache in Anspruch genommen, sprich: offen brutal oder – viel effektiver! – sanft vergewaltigt. Ich musste (und muss) also nur mein Segel aufspannen oder mein Netz auswerfen – Wind und Fische kommen von ganz alleine.
Ein ‚psycholinguistisches Aufklärungsbuch‘
Den nun vorliegenden kleinen Band sehe ich nicht zuletzt als ein als Wörterbuch getarntes psycholinguistisches Aufklärungsbuch an: über die sublimen verbalen Techniken der – sich heute vornehm „strategische Kommunikation“ nennenden – zeitgemäßen Kriegspropaganda. Dass ich weder Linguist noch Psychologe bin, stört mich dabei nicht im Geringsten. Mein Ziel war es ja nicht, die jeweiligen Stichworte bis in die „subsemiotische Teilchenebene“ hinein ideologiekritisch zu zerlegen, wie es Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W.E. Süskind unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrem unübertroffenen „Wörterbuch des Unmenschen“ unternommen haben. Es reicht völlig, die Worte beim Wort zu nehmen und ihnen respektlos auf den Zahn zu fühlen! Oder, um mich frech bei einem Klassiker zu bedienen: Ich bringe die versteinerten – verbalen – Verhältnisse zum Tanzen, indem ich ihnen ihre eigene Melodie vorspiele…
Entscheidend war mir, dass das Buch – das ja, da die Kriegsgefahr uns alle betrifft, möglichst unterschiedliche Menschen aller Generationen und sozialen Milieus ansprechen will – leicht zugänglich und angenehm zu lesen ist. Ja, es soll, trotz – genauer: wegen – des schrecklichen Themas, auch noch Spass machen, immer wieder in ihm herumzustöbern! Entsprechend habe ich mich weder an Sternbergers luzidem „Wörterbuch des Unmenschen“, noch an Victor Klemperers eher episch gehaltener „LTI“ orientiert, sondern, fröhliche Wissenschaft betreibend, in Wort und Stil an einem kanonischen Werk der Sprachsatire: „Dummdeutsch“ von Eckhard Henscheid. Mehr noch: Ich betrachte meinen kleinen Band als dessen antimilitaristisches Gegenstück – als gnadenlos friedensfreches Vorführen des aktuellen kriegstreiberischen „Verdummungsdeutschs“!
Die jungen Menschen
Gewidmet ist mein Büchlein den ganz jungen Menschen: den Teenagern beiderlei Geschlechts, die 2008 und später geboren sind – und die alles Recht der Welt haben, ihr Leben, ihre Jugend (soweit das unter den aktuellen Bedingungen überhaupt möglich ist) zu genießen. Den (eh schon Corona-gebeutelten) Jungen, denen wir Älteren nicht nur ein Land im taumelnden Niedergang, sondern auch einen billionenschweren Schuldenberg und einen Planeten im Kipp-Prozess hinterlassen. Den jungen Menschen, die sich zudem – zumindest, was die Männer betrifft – ab Mitte 2027 alle mustern lassen müssen. Und die im „Anwendungs-“ oder „Bündnisfall“ gar ihre Knochen – natürlich nicht mehr fürs „Vaterland“, sondern diesmal – für das Gemeinwesen hinhalten müssten, sprich: die, wie jetzt die (oft gar nicht mehr so jungen) ukrainischen und russischen Soldaten, verheizt würden. Höhere Militärs sprechen bereits ungeniert von Tausenden „Verlusten“ – gemeint sind Tote und Schwerstverletzte – pro Tag. Und ein Althistoriker hat die Chuzpe, Eltern in aller ARD-Öffentlichkeit aufzufordern, ihre Kinder zu „opfern“.
Ich wünsche mir sehr, dass diese jungen Menschen, die an Leib und Seele (noch) Unversehrten, es sich in allem gebotenen Ernst klarmachen: Sie sind es, die es als Erste treffen wird!
„NEIN!“ und knirschender Sand
Zu alledem gibt es nur eine Alternative: Angesichts der irrwitzigen Kriegsgefahr, der an Wahnsinn grenzenden Aufrüstung und einer völlig enthemmten Riege von Politikern und Journalisten, die uns alle, jeden Tag rasanter, fröhlich in Richtung Abgrund treiben, müssen wir es – gegen jede Wahrscheinlichkeit – doch noch schaffen, dass Alte und Junge, Friedensbewegte und Klimaschützer, Menschen aller Religionen zusammen mit Agnostikern und Atheisten, mit Ärzten, Juristen, aufsässigen Militärs, Lehrern, Gewerkschaftern, (Fach)-Arbeitern und Künstlern, die ‚woke Szene‘ nicht zu vergessen, das Friedensgebot des Grundgesetzes endlich beim Wort nehmen und nicht nur mit Wolfgang Borchert „NEIN!“ sagen, sondern – alle an ihrem Platz – den zivilen Ungehorsam wagen und knirschender Sand im Getriebe der Kriegsvorbereitung werden. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption!
Nehmen wir uns dafür das heraus, was auch den ‚Sound‘ meines Büchleins bestimmt:
Leo Ensel: „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten“, Promedia Verlag (Wien), ISBN 978-3-85371-563-5, Preis: 20,00 €
(Red.) Wer auf Globalbridge.ch die einzelnen Wörterbuch-Beiträge von Leo Ensel lesen will, der gehe auf Globalbridge und schreibe oben ins Suchfeld einfach „Wörterbuch“. Weitere Wörterbuch-Beiträge werden folgen. (cm)