Er weiß, was er sagt, wenn er etwas sagt oder schreibt: Jacques Baud an einem Seminar in Solothurn. (Foto Christian Müller)

«Es sind die Europäer, die das größte Hindernis für den Frieden darstellen»

(Red.) «Bei unseren Politikern gibt es keine Reflexion, keine Vision und kein Verständnis für die Welt mehr» – Ein ausführliches Interview mit dem von der EU sanktionierten Schweizer Jacques Baud.

Auch wenn sich bei der Abstimmung am 26. November 2026 die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung, die einer massiven Propagandawalze ausgesetzt war, gegen eine eindeutige Definition der Neutralität in der Verfassung ausgesprochen hat, bleibt die Frage, wie sich die Schweiz bei den bestehenden Konflikten positionieren will. Im folgenden Interview mit Jacques Baud wird deutlich, in welche Abhängigkeiten sich die Schweiz begibt, geht sie den eingeschlagenen Weg weiter. Wenn irgendwann die Menschen aufwachen und den Betrug merken, wird es viel Kraft brauchen, das Rad zurückzudrehen.

Zeitgeschehen im Fokus: Was ist der Nutzen für die Schweiz, wenn sie Mitglied der «Partnerschaft für den Frieden» (PfP) ist? 

Jacques Baud: Die NATO wurde 1949 gegründet, um die europäischen Länder unter den nuklearen Schutzschirm der USA zu stellen, nachdem die UdSSR die Atombombe entwickelt hatte. Im Mai 1955 führte der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO eine Woche später zur Gründung des Warschauer Pakts. Diese beiden Blöcke standen sich während des Kalten Krieges gegenüber, während die Schweiz zwischen ihnen stand. Die Schweiz hat keinen Platz in einem Militärblock.

Nach dem Kalten Krieg stand die NATO vor zwei Problemen: zum einen die Aufnahme der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, die um einen Beitritt zur NATO ersuchten, und zum anderen die Schaffung eines Instruments zur Beilegung verschiedener lokaler und regionaler Konflikte, insbesondere im ehemaligen Jugoslawien.

Die «Partnerschaft für den Frieden» war die Lösung, die die Clinton-Regierung fand. Sie ermöglichte einerseits die Koordinierung des Engagements für den Frieden, stellte aber vor allem für viele dieser Länder eine Art «Wartezimmer» zum Beitritt zur NATO dar. Man darf nicht vergessen, dass zu jener Zeit der Wiederaufbau ihrer Länder für die ehemaligen kommunistischen Staaten oberste Priorität hatte. Ihr Interesse an der EU galt nicht den «Werten», sondern den großzügigen EU-Subventionen! Der Beitritt zur NATO war jedoch ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg in die EU. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 1990er Jahre, bevor wir uns der „Partnerschaft für den Frieden“ (PfP) annäherten, Teil einer kleinen Delegation war, die die politischen Auswirkungen einer Schweizer Beteiligung auf unsere Neutralität bewerten sollte. Als wir die Folgen einer möglichen Annäherung an die EU zur Sprache brachten, brach der (französische) Vertreter der Europäischen Kommission in schallendes Gelächter aus. Er sagte uns, dass die osteuropäischen Länder nur an den Subventionen interessiert seien und dass die Schweiz, sollte sie der EU beitreten, keinerlei Nutzen daraus ziehen würde, da sie lediglich zahlen würde!

Für die Schweiz war die Teilnahme an der PfP sinnvoll. Sie ermöglichte es, die Schweiz im Rahmen der «Sicherheit durch Zusammenarbeit» mit ihren europäischen Nachbarn zu vernetzen. Ich möchte daran erinnern, dass die PfP zu jener Zeit eine Kooperationsplattform war, zu der auch Weissruss­land und Russland gehörten. Zudem war dies die Zeit, in der die Schweiz bestrebt war, ihr Engagement für den Frieden auszubauen.

Man darf auch nicht vergessen, dass die NATO unmittelbar nach dem Kalten Krieg als mögliche Plattform für die Sicherheitszusammenarbeit in Europa angesehen wurde. Zu dieser Zeit hatte Russland die Möglichkeit eines NATO-Beitritts ins Spiel gebracht. Das Problem ist, dass der Westen diese Chance nicht erkannt hat. Einerseits waren die USA der Überzeugung, den Kalten Krieg «gewonnen» zu haben, und wollten diesen «Sieg» auskosten. Andererseits gelang es ihnen nicht, das Konzept des Atlantischen Bündnisses von einer Verteidigungsstruktur hin zu einer Struktur der kollektiven Sicherheit weiterzuentwickeln.

Das macht heute die Schwäche der NATO aus, denn sie ist eine Atommacht geblieben, was sie daran hindert, in direkte Konfrontation mit einer anderen Atommacht zu treten, insbesondere bei Konflikten in Randgebieten wie dem in der Ukraine. Aus diesem Grund muss­te die Ukraine bilaterale Sicherheitsabkommen mit jedem einzelnen NATO-Land schließen, und aus diesem Grund sah sich die EU veranlasst, sich als Verteidigungsorganisation zu strukturieren.

ZiF: Wo erweist sich eine lockere Zusammenarbeit mit der NATO als sinnvoll?

Jacques Baud: Es ist wichtig, zwischen der NATO als Organisation und «NATO-Ländern» zu unterscheiden. Die NATO als Organisation wurde konzipiert, um einen Rahmen für ein nukleares Engagement gegen die sowjetische Bedrohung zu schaffen. Sie war nicht für Konflikte begrenzten Ausmaßes wie in der Ukraine gedacht. Aus diesem Grund hat sich die NATO als Organisation nicht in der Ukraine engagiert. Die Folge wäre gewesen, dass sich zwei Atommächte gegenübergestanden hätten. Eine Situation, die die USA ablehnen. Aus diesem Grund haben die verschiedenen NATO-Staaten bilaterale Sicherheitsabkommen mit der Ukraine unterzeichnet, und Joe Biden hat Selenskyj mehrfach versichert, dass die Ukraine nicht Teil der NATO werden würde.

Für die Schweiz würde ein Szenario, in dem sie sich auf die Verteidigung ihres Hoheitsgebiets beschränkt, wenn der Krieg an ihre Grenze rückt, bedeuten, dass sie mit ihren Nachbarn zusammenarbeiten müsste. Sollte der Krieg in einer solchen Situation unsere Grenze erreichen, würde dies ohnehin bedeuten, dass sich die NATO in einer existenziellen Krise befindet. Deshalb bin ich der Meinung, dass die Schweiz auf ihre Neutralität setzen, ihre Anstrengungen auf die Vorbereitung der Verteidigung ihres Staatsgebiets konzentrieren und keine Energie darauf verschwenden sollte, sich an einer europäischen Verteidigung zu beteiligen. Wie schon 1815 (am Wiener Kongress, Red.) muss ihr Beitrag zur europäischen Sicherheit in der Kontrolle ihres eigenen Staatsgebiets bestehen und darf nicht darin bestehen, sich an der fanatischen Abenteuerlust Frankreichs, Deutschlands und der heutigen EU zu beteiligen.

ZiF: Warum wurde die Schweizer Neutralität in Bezug auf den Krieg in der Ukraine von den USA und der NATO nicht akzeptiert, geradezu missachtet?

Jacques Baud: Ich glaube, dass die Gefahr eher von der EU als von den USA ausgeht. Ich möchte daran erinnern, dass die USA die nuklearen Garanten Europas sind. Sie werden sich nicht wegen eines bloßen regionalen Konflikts dem Risiko eines nuklearen Gegenschlags (aus Russ­land, China oder einem anderen Land) gegen ihr eigenes Staatsgebiet aussetzen. Deshalb war der Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO absurd. Das ist auch der Grund, warum die Amerikaner den Beitritt der Ukraine zur NATO am entschiedensten ablehnen. Paradoxerweise hätte der sicherste Weg für die Ukraine zu einem NATO-Beitritt darin bestanden, die Minsker Vereinbarungen zu akzeptieren und den Konflikt mit Russland auf politischem Wege beizulegen.

Heute sind es die Europäer, die das größte Hindernis für den Frieden darstellen. Es waren die Europäer – und nicht die Amerikaner –, die Selenskyj im Februar, März und August 2022 dazu gezwungen haben, seine Friedensinitiativen aufzugeben. Es waren die Europäer, die den Anchorage-Prozess im Jahr 2025 zum Scheitern gebracht haben. Es war auch Europa, das Druck auf die Schweiz ausgeübt hat, damit sie Sanktionen verhängt. Es ist auch Europa, das sich in nationale Wahlen in Europa einmischt, wie ein Bericht des US-Repräsentantenhauses gezeigt hat. Es ist heute Europa, das den Konflikt in der Ukraine finanziert und versucht, die Schweiz in diese Finanzierung einzubeziehen.

ZiF: Was bedeutet es für die Sicherheit von Schweden und Finnland, dass sie der Nato beigetreten sind?

Jacques Baud: Finnland und Schweden hatten grundsätzlich keine Probleme mit Russland, insbesondere Finnland nicht. Die Neutralität wurde vertraglich von der Sowjetunion und nach der Auflösung der UdSSR von Russ­land garantiert. Diese Länder unterhielten sehr gute wirtschaftliche Beziehungen und so weiter. Russland hat nie erklärt, dass es die Neutralität Finnlands und Schwedens nicht respektieren würde.

In den verschiedenen Kriegsszenarien, die während des Kalten Krieges für Europa in Betracht gezogen wurden, ging man stets davon aus, dass ein Krieg in Mitteleuropa und nicht in Nordeuropa stattfinden würde. Ausserdem gibt es in dieser Region keine relevanten Ziele.

Das einzige Problem hätte der Zugang zur Ostsee sein können, den Finnland und Schweden als neutrale Staaten nicht gefährdeten.

Doch die Lage hat sich völlig verändert. Durch die EU-Sanktionen ist die Wirtschaft im Nordosten Finnlands, die vom Tourismus und der Holzindustrie aus Russland lebte, buchstäblich zusammengebrochen. Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO und der Zustimmung zu neuen US-Stützpunkten auf ihrem Territorium hat Russland begonnen, seine militärische Präsenz in der Region auszubauen.

Als Finnland und Schweden sich entschieden, der NATO beizutreten, verzichteten sie auf den Schutz durch die Neutralität. Wenn ein Krieg in Europa losgetreten würde, – es spielt keine Rolle, wer ihn begonnen hat –, und man nimmt die Sicht der Russen ein, werden sie ihre Flanken schützen. Die südliche Flanke ist die Türkei, die nördliche bilden Finnland und Schweden. Wenn man die Doktrin der Russen kennt, dann weiß man, Russland wird seine Truppen dort massieren, von wo die Hauptbedrohung ausgeht, nämlich von Zentraleuropa. Für die Flanken werden sie im äußersten ihre Nuklearraketen benützen.

Sie werden dort wenige Truppen einsetzen. Das heißt, dass im Grunde genommen Schweden und Finnland das Risiko verstärkt haben, mit Nuklearwaffen angegriffen zu werden. Wenn ein Nuklearkrieg stattfindet, bieten die USA den Schutz für Europa. Sollte Washington jedoch direkt in den Krieg eintreten, wäre das amerikanische Staatsgebiet bedroht. Die USA werden sich nur auf einen solchen Krieg einlassen, wenn sie existenziell bedroht sind. Wird Finnland mit seinen Wäldern von Russland angegriffen, werden die USA nichts riskieren, um ein paar Rentiere zu schützen oder zu retten. Die Berechnungen von Schweden und Finnland sind völlig naiv. Das gilt auch für die Schweiz.

Wir befinden uns nicht mehr in der Situation des Kalten Krieges, als wir glaubten, die UdSSR wolle Westeuropa angreifen, um dort kommunistische Regime zu errichten. Die Kriegsgefahr hängt im Wesentlichen mit der Behandlung russischer Minderheiten in den osteuropäischen Ländern zusammen, wie wir es in Georgien und in der Ukraine gesehen haben und wie wir es möglicherweise auch in den baltischen Staaten erleben könnten. Auch wenn es nicht darum geht, Gebiete zu erobern oder «Einflusssphären» auszuweiten, schließt dies natürlich eine Ausweitung des Konflikts nicht aus.

Dies unterstreicht jedoch die Bedeutung der Neutralität vor und während einem solchen Konflikt. Denn die Konflikte in Georgien und in der Ukraine hätten durch echte diplomatische Bemühungen durchaus verhindert werden können. Nicht nur, dass Russland niemals territoriale Ansprüche geltend gemacht hat, es hätte sicherlich auch nicht die Kapazitäten, Europa zu besetzen und zu verwalten. Das schaffen nicht einmal die Europäer selbst! Im Juli 2025 erklärte Thierry Burkhard, damaliger Generalstabschef der französischen Streitkräfte, dass Frankreich ein vorrangiges Ziel Russ­lands sei.

Aber welches Land würde die Kontrolle über ein dysfunktionales, hoch verschuldetes Land übernehmen wollen, dessen politische Klasse zutiefst korrupt ist und in dem soziale Probleme endemisch geworden sind? Selbst die Franzosen schaffen es nicht, Präsidentschaftskandidaten zu finden, die dazu in der Lage wären! Die gleiche Argumentation liesse sich auch auf Deutschland anwenden.

ZiF: Der deutsche Außenminister Wadephul hat bei seiner Rede vor dem diplomatischen Corps erklärt, die Schweiz habe eine Verantwortung für Europa, weil wichtige internationale Stromverbindungen durch die Schweiz verliefen und ein möglicher russischer Angriff auf die Strominfrastruktur nicht der Schweiz gälte, sondern Italien, Deutschland oder Frankreich. Was sagen Sie dazu?

Jacques Baud: Das ist eine reine Idiotie. Die Stromverteilung ist in einem ausgedehnten Netz zwischen den europäischen Ländern organisiert, gerade um zu verhindern, dass ein regionaler Ausfall ganz Europa beeinträchtigen könnte. Wenn es an einem Ort zu wenig Strom gibt, wird das umgehend kompensiert. Die Schweiz tauscht ständig Strom mit ihren EU-Nachbarn aus. Nord­italien, Süddeutschland und Ostfrankreich bekommen nach Bedarf Strom aus der Schweiz. Das ganze System hängt nicht von der Schweiz ab. Sollte das Stromnetz in der Schweiz ausfallen, könnte Deutschland über Frankreich oder von Italien aus über Frankreich oder Österreich mit Strom versorgt werden, da der Strom dann unter Umgehung der Schweiz fließen würde. Die Darstellung von Wadephul ist betrügerisch.

Was Wadephul hier in der Schweiz gemacht hat, das ist klare Einmischung. Ein Außenminister kommt in ein anderes Land und sagt, es soll sich mehr der NATO anschließen. Man redet davon, dass Putin mit ein paar Bildern auf TikTok Einfluss nehmen will. Westliche Politiker kommen in die Schweiz, um ihre Position zu vertreten. Das ist inakzeptabel. Die Botschafterkonferenz ist dazu da, die Außenpolitik der Schweiz zu diskutieren, Referate zu einzelnen Themen zu hören und so weiter. Ziel der Übung ist, dass alle Botschafter am gleichen Strick ziehen. Sie ist nicht dazu da, dass andere Länder ihre Politik dort propagieren. Hier hat man diese Konferenz für Propagandazwecke missbraucht.

ZiF: Wadephul ist derjenige, der gesagt hat: «Russland wird immer ein Feind für uns bleiben, wie immer auch der Krieg in der Ukraine enden möge.»

Jacques Baud: Wir sind weit entfernt von der «Ostpolitik», die es Deutschland ermöglichte, sich in der Nachkriegszeit zu entwickeln. Das Problem des heutigen Deutschlands ist sein Revanchismus gegenüber Russland. Schauen Sie sich an, wer die Großeltern der heutigen Führungskräfte in Deutschland und der EU waren, und Sie werden verstehen, wo die Gefahr liegt. Die AfD und das BSW sind lediglich eine Reaktion auf diese kriegerische Politik, die eine Mehrheit ehrlicher Deutscher ablehnt. Es ist immer einfach, Krieg mit dem Blut der anderen zu führen. Genau wie die französische Regierung Frankreich hat die deutsche Regierung Deutschland ruiniert und versucht nun, die Schuld für ihre Fehler auf Russland abzuwälzen.

ZiF: Kommen wir noch auf den Kauf des F-35 zu sprechen. Die ehemalige (Schweizer) Bundesrätin Amherd, die das Militärdepartement unter sich hatte, sprach im Zusammenhang mit der Beschaffung des F-35 immer davon, dass ein Fixpreis ausgehandelt worden sei. Jetzt stellt sich heraus, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Wie muss man das verstehen?

Jacques Baud: Es gibt beim Abschluss eines Kaufvertrags verschiedene Aspekte, die es zu beachten gilt. Ich war selbst Chef einer kaufmännischen Sektion, damals in der Gruppe für Rüstungsdienste zur Beschaffung von Panzern, Artilleriesystemen und Simulatoren. Das sind Millionengeschäfte. Die ganze Sektion hat sich mit allen Verträgen beschäftigt, jeder in einem festgelegten Bereich. Es ist die Aufgabe, Verträge genaustens zu lesen.

Rüstungsverträge sind stets äusserst heikel. Sie betreffen nicht nur enorme Summen, sondern beziehen sich auch selten auf Gegenstände, die man wie in einem Geschäft kaufen kann. Oft müssen sie an nationale Normen, Ausbildungsbedingungen, die Struktur der Streitkräfte oder an bereits im Einsatz befindliche Systeme angepasst werden. Die industriellen Unsicherheiten sind größer, weshalb das finanzielle Risiko erheblich ist. Dies galt insbesondere für den F-35, der nach wie vor zahlreiche Mängel aufweist.

Dieses Risiko ist umso größer, als ausländische Hersteller immer noch der Meinung sind, die Schweiz sei sehr reich, und sie könnten es sich daher leisten, höhere Preise zu verlangen. Frankreich hat übrigens deswegen in der Schweiz bereits mehrere Aufträge verloren. Die Folge ist, dass man bei Vertragsverhandlungen bestrebt ist, das finanzielle Risiko so weit wie möglich zu reduzieren und die Preisschwankungsspannen so stark wie möglich zu begrenzen. Offensichtlich haben diejenigen, die die Verträge – auf allen Ebenen – ausgehandelt haben, ihre Arbeit nicht ordnungsgemäß erledigt.

Im Fall des F-35 handelt es sich um ein Produkt, das bereits existiert. Die Art des Produkts bringt zwar ein finanzielles Risiko mit sich, das sich jedoch umso besser begrenzen lässt, als es sich um ein System handelt, dessen Preis mit steigender Anzahl der bestellten Einheiten sinkt. Das Vereinigte Königreich, Belgien, Spanien und die Niederlande haben es bereits gekauft. Angesichts der Anzahl der bereits verkauften Flugzeuge und der Erfahrungen anderer Länder sollte man eine ziemlich genaue Vorstellung vom Preis haben. Anpassungen mögen zwar notwendig sein, dürfen aber nicht «unbegrenzt» sein.

Ein ähnliches Beispiel vollzog sich in den 90er Jahren. Finnland kaufte 64 FA/18 für ungefähr 3 Milliarden Dollar, die Schweiz nur die Hälfte, nämlich 34 für 2,3 Milliarden Dollar. Die Schweiz bezahlte also für die Hälfe der Flieger ungefähr gleich viel wie die Finnen. Heute haben wir eine parallele Entwicklung. Finnland hat 64 F-35 für 7,4 Milliarden Euro gekauft und die Schweiz zahlt für 36 F-35 6,4 Milliarden Franken.

ZiF: Wie ist so ein Unterschied möglich?

Jacques Baud: Man hat damals die höheren Kosten für den F/A-18 damit begründet, dass die Ersatzteile und so weiter teurer geworden seien. Meines Erachtens wurde einfach schlecht verhandelt. Wir sind zu wenig hart gewesen. Dazu kommt, dass die anderen Staaten den Eindruck haben, die Schweiz sei ein reiches Land und habe viel Geld. Hier muss man ganz klar sehen: Die Schweiz hat nicht mehr Geld als die anderen, sondern die Schweiz kann sehr viel mehr aus ihrem Geld machen. Wir sind effizienter. Mit einem Franken produzieren wir in der Schweiz mehr als zum Beispiel Deutschland mit einem Euro. Von außen hat man daher den Eindruck, wir hätten viel mehr Geld als tatsächlich vorhanden. Das ist typisch schweizerisch. Wir sind meisterhaft in der Produktivität.

Wir können das Beste aus einem Franken ziehen. Als ich in Afrika war, sagte ich immer, ich käme aus dem «ärmsten Land der Welt». Sie dachten, das sei ein Witz, die Schweiz sei doch reich. Doch, wo ist unser Reichtum? Wir haben keine Mineralien, wir haben kein Eisen, wir haben kein Öl, wir haben keinen Meeranschluss, wir können nicht fischen. Wo sind unsere Ressourcen? Wir können nur ein Drittel unseres Territoriums bewohnen und für die Produktion landwirtschaftlicher Güter nutzen. Eine Zeitlang im 17., 18. und 19. Jahrhundert bis 1859 waren Schweizer Söldner ein «Exportschlager», sie waren erfolgreich und begehrt.

Das waren Bauern, die keine Arbeit hatten. Es gab für sie keine anderen Möglichkeiten. Auch die Uhrenfabrikation hat ihren Ursprung bei den Bauern. Im Jura, wo die Winter extrem kalt sind und die Landwirtschaft ruht, haben sie Uhren entwickelt. Das ist kein Zufall. Es gab auch Uhrenproduktion in Frankreich, denn die Bauern standen vor der gleichen Problematik. So entstanden Verbindungen zwischen den französischen und den Schweizer Bauern.

Die Schweiz war arm, und wir mussten das Beste aus unseren mageren Ressourcen machen. Daraus entwickelte sich die Kultur der Perfektion. Um zu bestehen, können wir es uns nicht leisten, wie die anderen zu sein. Wenn man eine Uhr verkaufen will, dann muss es die Beste sein, sonst wird sie niemand kaufen. Wir sind in der Schweiz verurteilt, effizient zu sein, das ist unser Fluch. Aber wir sind nicht reicher.

Wenn uns die USA oder die Deutschen Waffen verkaufen, leben sie in dem Irrglauben, die Schweiz habe unendlich viel Geld. Die Mitarbeiter von «armasuisse» sind sich dessen nicht bewusst. Sie verhandeln darum zu wenig zugunsten der Schweiz. Ich musste in den 90er Jahren Aufklärungsfahrzeuge beschaffen. Ich hatte vom ursprünglich budgetierten Preis 30 Prozent heruntergehandelt.

Das Fahrzeug verfügt über einen Aufbau der Firma Mowag (Kreuzlingen) und das Fahrgestell des amerikanischen Hummer. Als wir den Kauf dieser Fahrgestelle verhandelten, haben wir den Amerikanern selbst den Höchstpreis genannt, den wir zu zahlen bereit waren. Da es für die USA auch wichtig war, dass die Schweiz ihre Produkte kaufte, gingen sie auf den Handel ein.

Zif: Aber warum funktioniert das heute nicht mehr?

Jacques Baud: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die Unternehmenskultur ist nicht mehr dieselbe wie früher. Meine Mitarbeiter waren alle sehr erfahren und mit Verhandlungen bestens vertraut. Sie konnten die Verträge bis ins Detail kontrollieren. Ich bin nicht sicher, ob wir heute über dasselbe Mass an Erfahrung verfügen. Das Geschäft mit den Aufklärungsfahrzeugen war in den 90er Jahren unter dem EMD-95. Hier wurden einzelne Geschäfte überprüft, auch der Kauf der Aufklärungsfahrzeuge. Er wurde als eines der am besten verwalteten Geschäfte bezeichnet. Wir haben jede Position in dem Vertrag diskutiert, und ich habe unseren Verhandlungspartnern klar gemacht, wenn die Schweiz diese Produkte kaufte, gäbe das ihnen das eine gute Reputation, und die müsste ebenfalls bezahlt sein. Deswegen habe ich oft sehr, sehr günstige Preise erhalten.

ZiF: Das ist doch die Frage, mit welcher inneren Überzeugung man in eine Verhandlung geht.

Jacques Baud: Neben einer schlechten Verhandlungsführung um den F-35 ist auch «armasuisse» in der Verantwortung. Es macht den Anschein, dass sie den Vertrag nicht überprüft, sondern einem externen Anwaltsbüro übergeben hat. Die «armasuisse» hat ein eigenes Rechtsbüro, deren Aufgabe darin besteht, die Verträge zu prüfen.

Wie ich bereits erwähnt habe, weisen Rüstungsverträge Besonderheiten hinsichtlich der Art der Produkte, ihrer Anpassung an nationale Bedürfnisse (einschließlich logistischer Aspekte) sowie ihrer Lebensdauer auf.

Ich habe festgestellt, dass die externen Büros zwar über fundierte Fachkenntnisse verfügen, aber oft keine Ahnung vom besonderen Kontext unserer Milizarmee haben. Ich bin nicht sicher, ob es eine gute Idee war, den vertraglichen Teil dieser Angelegenheit auszulagern.

ZiF: Es gibt die Vermutung, dass die USA von außen auf die Elektronik des F-35 Zugriff nehmen können. Ist das realistisch?

Als ich bei der NATO war, stand ich im Kontakt mit einem Testpiloten des F-35. Er hat mir erklärt: Wenn die USA nicht wollen, dass wir fliegen, dann können sie das von außen steuern. Die USA kann die Elektronik ausschalten. Wahrscheinlich nicht die ganze, aber so weit, dass wir die Waffen nicht benützen können, und so weiter. Dieser Vorwurf bestand damals auch beim F/A-18, aber er wurde nie bewiesen. Beim F-35 wissen wir, dass es so ist.

ZiF: Deutschland hat Patriot-Abwehrraketen bekommen, die für die Schweiz vorgesehen waren. Ein Deal mit Deutschland ist geplatzt. Die Schweiz wird frühestens 2030 das Patriot-System erhalten. Wie muss man diesen Vorgang verstehen?

Jacques Baud: Man muss wissen, dass der Rüstungsmarkt schon immer ein Mittel war, um Druck auf ein Land auszuüben. Aus diesem Grund hatte die Türkei so viele Probleme mit den USA, als sie russische S-400-Luftabwehrsysteme kaufte. Für ein kleines, neutrales Land wie die Schweiz, das seine Rüstungsindustrie aufgegeben hat, ist die Abhängigkeit von den Waffenherstellern enorm. Kommt dann noch Korruption hinzu, kann man Unabhängigkeit und Neutralität vergessen. Das ist nichts Neues.

Als Marokko versuchte, sich dem sowjetischen Einfluss zu entziehen, musste es auf einen Schlag alle seine MiGs gegen französische Mirages austauschen, da die UdSSR ihm keine Ersatzteile mehr verkaufen wollte. Im Gegensatz dazu waren nur die Schweden ihrer Politik treu geblieben: Sie hielten an einer kostspieligen Rüstungsindustrie fest, die ihnen jedoch eine gewisse politische Unabhängigkeit garantierte. Heute sind in der Schweiz diejenigen, die alles getan haben, um unsere Rüstungsindustrie abzuschaffen, dieselben, die unsere Neutralität abschaffen wollen.

Wir hatten eine erfolgreiche Rüstungsindustrie. Heute produzieren wir immer noch Waffen, aber wir konzipieren sie nicht mehr. Der Mowag-Piranha wurde in der Schweiz konzipiert und war einer der erfolgreichsten Panzer des 20. Jahrhunderts, ein Radschützenpanzer. Die Firma Mowag sass in Kreuzlingen. Die Schweiz hat den Piranha als eines der letzten Länder gekauft. Ich habe immer dafür plädiert, Piranhas zu kaufen, aber man wollte lieber Kettenpanzer.

Heute, nach 30 Jahren, haben fast alle Armeen – die Engländer, die Franzosen, die USA – Rad­schützenpanzer. Aber wir haben inzwischen unsere Rüstungsindustrie ins Ausland verkauft. Das Militär selbst ist für den Abbau verantwortlich. Die Problematik einer Rüstungsindustrie ist nicht nur eine industrielle Frage, sondern auch – und vor allem – ein Bekenntnis zu Unabhängigkeit und Souveränität. Was Raketen und Kleinwaffen angeht, hatten wir Oerlikon-Contraves. Sie gehörte in den 60er Jahren zu den weltbesten Produzenten von Luftabwehrsystemen. Mit dem Know-how, das wir damals hatten, wären wir heute in der Lage, ein System zu entwickeln, das sicher besser als das Patriot-System wäre.
Wir sehen, dass die Iraner bessere Systeme entwickeln können als die USA.

Wir sehen, die Huthis können besseres Material produzieren, die Russen und die Chinesen auch. Wir haben eine Chance verpasst, weil zu viele Leute in der Schweiz meinen, die NATO sei das A und O des Militärs. Das stimmt nicht. Vielleicht war sie das noch in den 80er und 90er Jahren, aber danach nicht mehr. Heute ist die westliche Rüstungstechnologie um Jahre hinter der russischen und der chinesischen Technologie zurück. Das ist keine Erfindung von mir. Das haben britische Think Tanks festgestellt. Man sieht auch, dass das Patriot-System die Erwartungen nicht erfüllen kann.

Wir sind geblendet von der Propaganda, die im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine entstanden ist. Die Patriot-Systeme wurden vor über 40 Jahren entwickelt, werden aber heute zum Kampf gegen ganz andere Systeme eingesetzt. Deshalb hat die Ukraine mehr davon verbraucht als erwartet; dasselbe gilt für die USA und Israel, die daher keine mehr haben. Die USA haben der Ukraine mitgeteilt, dass sie ihr keine Patriot-Systeme mehr liefern können.

Die europäischen Länder haben der Ukraine ihre eigenen Systeme zur Verfügung gestellt. Das bedeutet, dass auch sie keine mehr haben. Die europäische NATO verfügt derzeit über keinerlei Patriot-Systeme mehr. Für die NATO hat es oberste Priorität, den Mitgliedsländern zu ermöglichen, ihre Bestände wieder auf das normale Niveau aufzufüllen. Die Schweiz hat dabei keine Priorität. Das Problem ist, dass Waffen heute wieder zu Druckmitteln geworden sind, wie zu Zeiten des Kalten Krieges.

ZiF: Sie haben den Radschützenpanzer als ein geeignetes Fahrzeug bezeichnet. Was sind die Vorteile gegenüber einem Kettenpanzer?

Wir leben in einem Land, das sehr stark überbaut ist. Deshalb können wir uns meistens nur über die Hauptachsen verschieben. Der Radschützenpanzer ist wendiger und kann auf unseren Straßen schneller fahren, insbesondere auf längeren Strecken. Er ist durch seinen 8×8-Antrieb auch im Gelände einsetzbar. Die Anschaffung sowie die Betriebs- und Wartungskosten sind günstiger. Man kann ihn daher in höherer Stückzahl kaufen. Auch ist er besser geeignet für die zukünftigen Missionen, zum Beispiel friedenserhaltende Einsätze. Heute sieht man genau, dass der Rad­schützenpanzer ein geeigneteres Fahrzeug ist als ein Kettenpanzer.

Wir hatten die Möglichkeiten, innerhalb der Schweiz Panzer zu kaufen. Die Mowag war damals noch in der Schweiz und hätte die Panzer produziert. Ich hatte damals unseren Bedarf an Schützenpanzern abzuklären. Ich selbst unterhielt sehr gute Kontakte zur Mowag. Es war eine ausgezeichnete Firma. In der Kommission habe ich aufgrund der erwähnten Vorteile – einschließlich den Kauf bei einer Schweizer Firma – den Rad­schützenpanzer favorisiert. Doch ein möglicher Kauf wurde mit unsinnigen Argumenten vom Tisch gewischt.

Heute benutzt man sie, aber die Schweiz hat diese Chance verpasst, wir haben zwar ein paar Piranhas, aber wenn man den Vorschlag erstgenommen hätte, wären wir weit besser aufgestellt. Der Nebeneffekt ist, dass wir eine eigene Rüstungsindustrie in der Schweiz behalten und gute Konditionen für unser Land bekommen hätten. Das ist heute alles weg. Unsere Munitionsfabrik macht heute Teile für Kühlschränke. Mowag gehört heute der US-Firma General Dynamics European, und so weiter.

ZiF: Die Auslandsabhängigkeit ist auch eine Einschränkung der Souveränität?

Jacques Baud: Ja, aber es hat auch eine Bedeutung für unsere Neutralität. Ein Land wie die Schweiz kann nicht das ganze Waffenspektrum produzieren, aber es ist wichtig, dass wir eine verlässliche Basis im eigenen Land haben, damit wir nicht vollständig vom Ausland abhängig sind, vor allem wenn unsere ausländischen Waffen vom Produktionsland blockiert werden können.

Die USA verbieten ausdrücklich, an der Elektronik eines Kampfjets irgendetwas zu ändern. Liberia hat in den 80er Jahren nur Waffen aus der Schweiz gekauft, um unabhängig zu bleiben. Wir könnten, wenn wir noch welche hätten, Rüstungsgüter an Länder verkaufen, die unabhängig bleiben wollen. Neutralität heißt nicht, unbewaffnet zu sein. Im Gegenteil, sie könnte unsere Rüstungsindustrie fördern.

So könnte sie unabhängig von Russland oder den USA bleiben. Wir haben alle diese Möglichkeiten vergessen. Wir müssen schweizerische Ambitionen haben, nicht schwedische oder finnische. Die Schweiz hat eine eigene Intelligenz, die Intelligenz des unabhängigen Geists. Die EU- und NATO-Staaten sind alle abhängig. Wenn wir in die NATO oder in die EU eintreten, verlieren wir unsere Seele. Wir sind glaubwürdig, wir sind respektiert, weil wir weder zur EU noch zur NATO gehören, sondern weil wir unabhängig sind. Aber unsere Politiker verstehen das nicht. Es spielt keine Rolle, ob wir dann eine Insel in Europa sind. Das macht uns stark, wir werden respektiert. Die Schweiz ist außerhalb der NATO für unsere Nachbarn viel bedeutender als in der NATO. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

ZiF: Die Mainstream-Medien berichten immer aus der Sicht einer Kriegspartei. Das war im Irak-Krieg so, in Afghanistan, heute in der Ukraine oder in Palästina. Wie ist die journalistische «Leistung» zu beurteilen?

Jacques Baud: Die Welt hat sich im letzten Vierteljahrhundert erheblich verändert. Nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ. Man muss sich nur den Unsinn anhören, den unsere Politiker von sich geben: Es gibt keine Reflexion, keine Vision und kein Verständnis für die Welt mehr. Wir haben mittelmäßige «Apparatschiks», die nicht an die Macht gekommen sind, weil sie besser waren, sondern weil man keine andere Wahl hatte.

Schauen Sie sich Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder Italien an: Die Regierungschefs sind alle an die Macht gekommen, weil es keine Alternative gab. Kürzlich bat ein alternatives französisches Medium die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses des französischen Parlaments, den Iran auf einer unbeschrifteten Karte zu lokalisieren. Kein einziger konnte dies! Die Medien sind denselben Weg gegangen: Die Vielfalt ist verschwunden, Journalisten schreiben lediglich Meldungen von Nachrichtenagenturen ab.

Es gibt keine großen Reporter mehr, sondern nur noch Journalisten, die kaum in der Lage sind, sich um die Rubrik «Unfallopfer» zu kümmern. Was die Konflikte in der Ukraine, im Iran oder in Palästina angeht, habe ich aufgezeigt, dass sie fast ausschliesßlich Propaganda verbreiten. Wie oft haben sie uns erzählt, dass Russ­land keine Waffen mehr habe?

ZiF: Gehen wir noch in den Nahen Osten. Welche Bedeutung hat der Mekka-Pakt?

Jacques Baud: Der Pakt von Mekka, oder genauer gesagt die Mekka-Allianz, vereint die drei wichtigsten muslimischen Länder des Nahen und Mittleren Ostens, nämlich Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan. Geografisch gesehen umgeben diese drei Länder den Iran, und Kommentatoren haben – wahrscheinlich vorschnell – erklärt, es handele sich um eine gegen den Iran gerichtete Allianz. Ich teile diese Ansicht nicht. Die Türkei unterhält freundschaftliche Beziehungen zum Iran, insbesondere aufgrund der Kurdenfrage, die beide Länder betrifft. Auch Pakistan hat gute Beziehungen zum Iran; erinnern wir uns daran, dass Pakistan bei der Ausarbeitung des «Memorandum of Understanding» im Juni 2026 als Vermittler fungierte.

Was Saudi-Arabien betrifft, so hat selbst die derzeitige Situation, in der der Iran US-Stützpunkte auf saudischem Territorium angreift, das Königreich nicht davon abgehalten, eine Delegation zur Beisetzung von Ayatollah Ali Khamenei zu entsenden. Alle drei Länder unterhalten freundschaftliche Beziehungen zu Russland und China. Es herrscht also keinerlei Konfrontationsklima zwischen diesen Ländern.

Tatsächlich richtet sich diese Allianz wahrscheinlich eher gegen Israel. Wenige Wochen vor ihrer Gründung schlug Jordanien in der Frage der heiligen Stätten in Jerusalem Alarm. Jüdische Extremisten streben den Bau des dritten Salomon-Tempels an, was zu einer teilweisen Zerstörung der muslimischen heiligen Stätten führen könnte. Dies ist eine Situation, die die gesamte Region in Brand setzen könnte, und wahrscheinlich wurde diese Allianz gegründet, um einer solchen Situation vorzubeugen.

Allgemeiner betrachtet zeigt diese Allianz, dass die Länder der Region ihre Sicherheit nicht länger in die Hände der USA legen wollen. Sie haben festgestellt, dass die USA ihre Souveränität nicht respektieren, indem sie ihr Territorium nutzen, um ein Drittland anzugreifen. Darüber hinaus haben sie auch bemerkt, dass die USA nicht darauf abzielen, die Sicherheit der arabischen Länder zu stärken, sondern die Israels. Mit anderen Worten: Die von den Amerikanern gebotene Sicherheit stellte eher eine Belastung als eine Lösung dar. Ich möchte daran erinnern, dass unmittelbar nach dem Beginn des Konflikts mit dem Iran und nach den ersten iranischen Vergeltungsmassnahmen in der ersten Märzwoche alle Golfstaaten sich an Russland gewandt haben! Die Partner der USA haben das Vertrauen in ihren Beschützer verloren.

ZiF: Warum wird der Krieg gegen den Iran nicht mit Verhandlungen beendet?

Jacques Baud: Die Iraner haben klare Bedingungen gestellt. Am 17. und 18. Juni wurde eine Absichtserklärung zur politischen Lösung des Konflikts unterzeichnet, doch die USA haben sich unter verschiedenen Vorwänden nicht an die getroffenen Vereinbarungen gehalten. Das Problem ist, dass die USA nicht wissen, warum sie diesen Krieg begonnen haben. Die Idee war, den Iran daran zu hindern, eine Atombombe zu entwickeln. Doch seit 2007 bestätigen die amerikanischen Geheimdienste – allen voran die CIA – jedes Jahr, dass der Iran nicht nach Atomwaffen strebt.

Wie Außenminister Marco Rubio zugab, haben sich die Amerikaner auf Wunsch von Benjamin Netanjahu in einen Krieg gestürzt, in der Überzeugung, einen schnellen Sieg erringen zu können. Heute müssen sie feststellen, dass der Iran sich nicht nur keineswegs geschlagen gibt, sondern auch die Kontrolle über die Straße von Hormuz hat, was Auswirkungen auf die Energiepolitik der ganzen Welt hat.

So wurde Donald Trump nicht nur von seinem israelischen Verbündeten getäuscht, sondern hat sich auch hinsichtlich der Natur seines Feindes getäuscht. Das ist ein Fehler in jeder Beziehung. Der Grund, warum er sich weigert, auf die iranischen Verhandlungsvorschläge einzugehen, liegt in der Psychologie.

ZiF: Im Iran-Konflikt gibt es immer wieder Versuche, zu einer Lösung durch Diplomatie zu kommen. Im Fall des Ukraine-Kriegs kann man das nicht feststellen. Sehen Sie Bemühungen um eine friedliche Lösung?

Jacques Baud: Nein, es gibt keinerlei Bemühungen in diese Richtung. Der Westen fordert weiterhin einen Waffenstillstand von Russland. Russland will, dass sich die Ukraine auf einen Friedensprozess einlässt, in dessen Rahmen ein Waffenstillstand zustande kommen könnte. Für Russ­land geht es darum, eine Lösung für den Frieden zu finden und nicht nur um eine Unterbrechung des Krieges. Anscheinend hatten Wladimir Putin und Donald Trump dies im August 2025 in Alaska besprochen, und der US-Präsident hatte sich verpflichtet, den Europäern diese Idee «schmackhaft zu machen». Doch diese lehnten ab. Für die EU und die «E 3» (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) kann es kein Friedensabkommen mit Russland geben.

Es sei daran erinnert, dass Wolodymyr Selenskyj am 4. Oktober 2022 selbst ein Dekret erlassen hat, das Verhandlungen mit Russland verbietet. Im Dezember 2025 erklärte Wladimir Putin, da der Westen nicht zu einer politischen Lösung bereit sei, werde Russland seine Ziele auf militärischem Wege erreichen. An diesem Punkt sind wir nun angelangt. Europa hat ukrainische Angriffe tief im russischen Hoheitsgebiet und gegen dessen Energieinfrastruktur angestiftet, finanziert und anschließend begrüsst.

Doch die russische Reaktion war sehr heftig, und heute müssen die Ukrainer feststellen, dass sie für diese Angriffe einen hohen Preis zahlen, und Wolodymyr Selenskyj verstärkt seine Forderungen nach einem Waffenstillstand immer weiter, den die Russen jedoch ablehnen.

Die Europäer glauben weiterhin, sie könnten Russland zu einer Art Kapitulation zwingen. Das erklärt die Rhetorik, wonach Russland den Krieg verliere und seine Wirtschaft nicht mehr in der Lage sei, die Kriegsanstrengungen zu tragen. In der Realität gibt es keinerlei Anhaltspunkte für diese Behauptungen, und die Europäer machen gerade dieselbe bittere Erfahrung, die Donald Trump mit dem Iran gemacht hat: Den Gegner zu unterschätzen ist der schwerwiegendste Fehler, den man im Krieg begehen kann.

ZiF: Herr Baud, vielen Dank für das Gespräch.

(Red.) Das Interview führte Thomas Kaiser in Brüssel. Es wurde zuerst in der Schweizer Zeitschrift «Zeitgeschehen im Fokus» publiziert.

(Red.) Jacques Baud hat einen Master in Ökonometrie und ein Nachdiplomstudium in internationaler Sicherheit am Hochschul­institut für internationale Beziehungen in Genf absolviert und war Oberst der Schweizer Armee. Er arbeitete für den Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst und war Berater für die Sicherheit der Flüchtlingslager in Ost-Zaire während des Ruanda-Krieges, arbeitete unter anderem für die NATO in der Ukraine und ist Autor mehrerer Bücher über Nachrichtendienste, asymmetrische Kriegsführung, Terrorismus und Desinformation. – Heute gehört Jacques Baud – als Schweizer Bürger! – zu den von der EU Sanktionierten, lebt wirtschaftlich blockiert in Brüssel, mit gesperrten Bank-Konten.

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