Das Kreuz der Geopolitik – Karekin II. und Armeniens sakraler Widerstand gegen den Westen
Die Republik Armenien befindet sich im dramatischsten Transformationsprozess ihrer modernen Geschichte. Während die reformorientierte Regierung unter Nikol Paschinjan das Land unter schmerzhaften Opfern nach Westen steuert, bricht im Inneren ein historischer Kultur- und Machtkampf aus. Im Auge dieses Sturms steht die älteste Institution der Nation: die Armenische Apostolische Kirche unter der Führung von Katholikos Karekin II. Der Konflikt zwischen Staat und Kirche ist längst keine rein innenpolitische Debatte mehr. Er ist das Epizentrum einer existenziellen Zerreißprobe zwischen postsäkularer Moderne und sakraler Tradition.
Die Kirche als wahre Hüterin der Staatlichkeit
Um die Tragweite des aktuellen Konflikts zu verstehen, muss die historische Rolle der Kirche im armenischen Bewusstsein betrachtet werden. Jahrhundertelang besaß Armenien keine eigene staatliche Souveränität. In den Epochen der Fremdherrschaft unter den Osmanen, Persern und Sowjets war es nicht ein weltlicher Apparat, sondern die Armenische Apostolische Kirche, die das Überleben der Nation sicherte. Sie war Schule, Rechtsprechung, Kulturträgerin und spirituelle Festung zugleich. Für Katholikos Karekin II. ist die Kirche daher kein bloßes Subjekt innerhalb eines pluralistischen Staates, sondern das eigentliche Fundament der armenischen Zivilisation. Aus dieser Tradition speist sich das Selbstverständnis des Katholikos: Er sieht sich nicht als Untertan der aktuellen Regierung, sondern als Hüter eines ewigen Erbes, das über die Tagespolitik hinausreicht.
Der Bruch: Das Trauma von Berg-Karabach und Moskaus Zwickmühle
Die jahrhundertelange Sicherheitsarchitektur Armeniens ruhte auf der Achse nach Moskau – ein Bündnis, das auch von der Kirche als Schutz vor den turksprachigen Nachbarn stets gestützt wurde. Dieses Fundament kollabierte zwischen 2020 und 2023. Das eklatante Versagen der russischen Friedenstruppen und das Schweigen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) während der aserbaidschanischen Offensiven führten zur vollständigen Vertreibung der armenischen Bevölkerung aus Berg-Karabach.
Dieses geopolitische Vakuum war das Resultat einer ausweglosen russischen Zwickmühle, verschärft durch die drohende strategische Einkesselung an seiner Südflanke. Durch den Ukraine-Krieg militärisch gebunden, sah sich Moskau mit dem Versuch des Westens konfrontiert, den postsowjetischen Raum zunehmend zu isolieren. Um dieser strategischen Einkesselung entgegenzuwirken und eine zweite Front im Kaukasus zu meiden, war der Kreml zu einem riskanten Balanceakt hin zu Aserbaidschan gezwungen. Da Aserbaidschan durch westliche Sanktionen als logistisches Nadelöhr des Nord-Süd-Verkehrskorridors (Richtung Iran und Indien) für Russland überlebenswichtig wurde, bedeutete Moskaus Passivität kein eiskaltes Kalkül. Es war der verzweifelte Versuch, trotz schrumpfender Handlungsspielräume einen Keil in die westliche Einkreisungspolitik zu treiben, während die Passivität gleichzeitig als Bestrafung der pro-westlichen Paschinjan-Regierung wirkte (Siehe Berichterstattung auf Reformiert.info).
Für Karekin II. und die Kirche bedeutete der Verlust von Berg-Karabach jedoch weit mehr als eine geopolitische Niederlage: Es war die Amputation von armenischem Kulturboden, der Verlust jahrhundertealter Klöster und ein Sakrileg an der Geschichte. Dass die Regierung Paschinjan diese territorialen Realitäten im Namen des Friedens anerkannte, zementierte den endgültigen Bruch zwischen dem Katholikos und dem Ministerpräsidenten.
Der Kulturkampf: Säkularisierung vs. sakrale Tradition
Aus der Not heraus leitete Jerewan eine drastische Westorientierung ein. Doch während die Regierung in der Annäherung an die EU und die USA die Rettung der Souveränität sieht, betrachtet Karekin II. diesen Kurs mit tiefem Misstrauen. Der Kern des Konflikts liegt im drohenden Import westlicher Werte. Die Kirche befürchtet eine schleichende, aggressive Säkularisierung Armeniens. Der westliche Postmodernismus mit seinem Fokus auf radikalen Individualismus, der strikten Verbannung von Religion aus dem öffentlichen Raum und liberalen Gesellschaftsmodellen kollidiert frontal mit dem traditionellen, familienzentrierten und konservativen Wertekanon der armenischen Kirche.
Karekin II. sieht in der Westbindung das Risiko einer inneren, kulturellen Entwurzelung, die für die Nation gefährlicher sein könnte als äußere Bedrohungen. Die Paschinjan-Regierung reagierte auf diesen Widerstand mit beispielloser Härte. In einem historischen und kirchenrechtlich traumatischen Präzedenzfall wurde gegen den Katholikos ein Strafverfahren eingeleitet. Unterstützer der Regierung inszenieren den Prozess als notwendigen Akt der Korruptionsbekämpfung und der Trennung von Staat und Kirche. Für die Gläubigen und die Kirchenführung ist es jedoch der Versuch einer gezielten Entmachtung und Demütigung des Oberhauptes, um den inneren Widerstand gegen den Westkurs zu brechen.
Das Paradox des EU-Demokratieexports
Der Konflikt um Karekin II. legt ein tiefes Paradox der westlichen Geopolitik offen. Die EU und die USA finanzieren den armenischen Transformationsprozess unter dem Banner des „Demokratieexports“. Gleichzeitig erlebt die Demokratie in der EU selbst eine tiefe Strukturkrise. Der zunehmende Brüsseler Zentralismus wird von Kritikern als technokratisch und undemokratisch wahrgenommen; nationale Parlamente werden zugunsten ungesteuerter Bürokratie entmachtet.
Dieses Defizit spiegelt sich in der armenischen Realität wider. Während die EU vorgibt, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu exportieren, schaut Brüssel bei der politischen Verfolgung und dem Prozess gegen Karekin II. bewusst weg (Details zum Strafverfahren auf Spiegel Online). Das übergeordnete Ziel, Russland im Zuge einer aggressiven Einkesselungsstrategie an seiner Südflanke strategisch vollständig zu isolieren, heiligt jedes geopolitische Mittel. Um diesen Ring um Moskau zu schließen und die Region dauerhaft dem russischen Einflussbereich zu entziehen, wird die Zerschlagung traditioneller Strukturen billigend in Kauf genommen. Da die armenische Kirche in Brüssel und Jerewan als potenzielles Einfallstor für russische Hybridkriegsführung gilt, wird die gezielte Schwächung der kirchenrechtlichen Autonomie im Westen pragmatisch forciert, um die Einkesselung geopolitisch zu vollenden (Hintergründe zur kirchenrechtlichen Kontroverse bei Domradio).
Das doppelte Dilemma einer Nation
Armenien steht an einer historischen Weggabelung, die durch den Konflikt um Karekin II. personifiziert wird. Außenpolitisch flieht das Land aus einer unzuverlässig gewordenen russischen Abhängigkeit in die Arme eines Westens, der zwar finanzielle Resilienzpläne bietet, aber vor allem eigene geopolitische Interessen verfolgt. Innenpolitisch droht der rücksichtslose Staatszugriff auf die historische Autorität des Katholikos die Gesellschaft unheilbar zu spalten. Das Schicksal Armeniens wird sich daran entscheiden, ob es der Nation gelingt, moderne staatliche Institutionen aufzubauen, ohne im Zuge einer aufgezwungenen Säkularisierung jene sakralen und kulturellen Fundamente zu opfern, die das Land überhaupt erst durch die Jahrhunderte der Dunkelheit getragen haben.