General a.D Jörg Vollmer: Auf Wikipedia sind 18 Auszeichnungen für ihn aufgeführt ...

Der neutrale General – ein Militärexperte oder vor allem ein Rüstungs-Insider?

(Red.) Hier kommt die Fortsetzung des medienkritischen Beitrags von Michael Hollister vom 29. Juni 2026.

Als dieser Text entstand, war ein vierter General bereits in den Suchergebnissen sichtbar – ohne dass irgendjemand nach ihm gesucht hatte. Jörg Vollmer, Vier-Sterne-General außer Dienst, war bis Juni 2022 Oberbefehlshaber des Allied Joint Force Command Brunssum – genau jener NATO-Kommandostelle, die Hans-Lothar Domröse vor ihm geführt hatte. Seit seinem Ausscheiden ist Vollmer Chief Advisor Military Affairs am Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie in Wachtberg. Das FKIE ist der größte wehrtechnische Forschungsstandort innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft, finanziert aus öffentlichen Mitteln, mit der Bundeswehr als einem seiner wichtigsten Auftraggeber. Das Institut nennt Vollmer auf seiner eigenen Website, in Pressemitteilungen, in Konferenzprogrammen. Sein Name ist nicht versteckt. Die Funktion steht schwarz auf weiß.

Was nicht steht: ein Hinweis darauf, wenn Vollmer in Medien zitiert wird. Dann erscheint die Bundeswehr- und NATO-Laufbahn – von 1978 bis 2022, über mehr als vier Jahrzehnte. Was nicht erscheint, ist die Funktion am FKIE, einem öffentlich finanzierten Institut mit Rüstungsauftrag, das im selben institutionellen Umfeld arbeitet, über das er Auskunft gibt. Das ist keine Behauptung über Absichten. Es ist ein Befund über ein Präsentationsmuster, das sich durch die gesamte Branche zieht, unabhängig von Medium, Format und Person.

Die drei Fälle aus Teil 1 dieser Analyse – Domröse, Vad, von Sandrart – wurden sichtbar, weil jeweils eine externe Quelle die Verbindung von sich aus preisgab: ein staatliches Register, eine Selbstauskunft des Betroffenen, eine Firmenmitteilung. Vollmer ist sichtbar, weil das Fraunhofer FKIE ihn öffentlich führt. Das ist kein Systemunterschied – es ist Zufall der institutionellen Transparenz. Der Unterschied zwischen einem sichtbaren und einem unsichtbaren Fall liegt nicht in der Bindung. Er liegt darin, ob irgendjemand diese Bindung aus eigenem Antrieb der Öffentlichkeit mitteilt.

Diese Frage führt nicht zu einem weiteren Einzelfall. Sie führt in eine Struktur, die aus mehreren Ebenen besteht – Forschungsinstitute, Beratungsfirmen, Verbände, Netzwerke –, die gemeinsam dafür sorgen, dass pensionierte Spitzenmilitärs nahtlos in ein Feld wechseln, das von denselben Beschaffungsentscheidungen lebt, über die sie im Fernsehen sprechen. Die meisten dieser Ebenen produzieren keine öffentlich zugänglichen Kundenlisten. Manche produzieren nicht einmal einen Lobbyregistereintrag. Was sie produzieren, ist eine Normalität – und Normalität fällt nicht auf.

Domröse ist dokumentiert – das ist seine besondere Stelle im Gesamtbild. Nicht, weil er der einzige ist, sondern weil das Lobbyregister des Deutschen Bundestags die Ausnahme unter den Offenlegungsmechanismen darstellt: Es ist verpflichtend für alle, die entgeltlich Interessenvertretung gegenüber dem Bundestag oder der Bundesregierung betreiben. Wer sich nur beraten, nicht lobbyieren lässt; wer für Forschungsinstitute arbeitet; wer in strategischen Beiräten sitzt oder seine Erfahrung über private Beratungsfirmen vermarktet, ohne direkt an Gesetzgebungsprozesse heranzutreten, der unterliegt keiner Registrierungspflicht. Die Registrierungspflicht erfasst genau jene Fälle, in denen jemand aktiv politischen Druck ausübt. Die weit häufigere Konstellation – der Pensionär als Wissensträger, als Türöffner, als strategischer Ratgeber im Hintergrund – bleibt außen vor. Domröse fiel ins Register, weil er aktive Interessenvertretung im engsten Sinne betrieb und das als Beratungstätigkeit selbst so beschrieb. Die meisten seiner Kollegen betreiben das Gleiche unter anderen Bezeichnungen – und hinterlassen dabei keine Spur in einem öffentlich zugänglichen Dokument.

Das Fraunhofer FKIE, wo Vollmer als militärischer Chefberater wirkt, ist kein Rüstungsunternehmen im engeren Sinne. Es ist ein öffentlich finanziertes Forschungsinstitut, das Technologien für Kommunikation, Aufklärung, Sensorik und künstliche Intelligenz im Verteidigungsbereich entwickelt. Die Bundeswehr ist Auftraggeber, die Rüstungsindustrie ist Kooperationspartner, und das erklärte Ziel ist, Forschungsergebnisse bis zur Einsatzreife voranzutreiben. Vollmer selbst formulierte es bei einem Technologieforum des Instituts: Die Streitkräfte bräuchten modernste Technologien, um den entscheidenden Vorteil zu erzielen, und wehrwissenschaftliche Forschung, die den Nutzer von Beginn an bis zur Einsatzreife mitnehme, sei der Schlüssel. Das ist keine neutrale Positionsaussage – das ist die institutionelle Mission eines Instituts, das er repräsentiert. Was Vollmer dort einbringt, ist nicht primär ein Kontaktnetz – es ist operatives Wissen: was die Streitkräfte brauchen, wie Beschaffungszyklen funktionieren, welche Fähigkeitslücken politisch priorisiert werden. Dieses Wissen hat einen Marktwert, der mit dem Dienstgrad steigt und mit dem Abstand zum aktiven Dienst langsam abnimmt. Forschungsinstitute wie das FKIE sind für pensionierte Spitzenoffiziere attraktive Anlaufstellen, weil die Bindung offen ist, die Tätigkeit als wissenschaftlich gilt und ein Lobbyregistereintrag nicht erforderlich ist.

Neben den Forschungsinstituten existiert ein zweiter Kanal, der noch weniger Transparenz produziert: private Strategieberatungen. Vollmer ist nicht nur am FKIE tätig – er ist außerdem auf der Plattform eines Beratungshauses, das sich auf geopolitische Risiken und Verteidigungswirtschaft spezialisiert hat, als Advisory Board Member gelistet. Was diese Beratung für wen tut, welche Unternehmen zu ihren Kunden zählen, was Vollmer dort konkret beiträgt – keine dieser Fragen lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen beantworten. Das ist kein Makel dieser konkreten Firma. Es ist die strukturelle Natur privater Strategieberatung: Kundenlisten sind Geschäftsgeheimnisse, Beiratsfunktionen werden selten aktiv vermarktet, und der Pensionär, der sein Netzwerk und sein Wissen auf diesem Weg zu Markte trägt, hinterlässt in keinem öffentlichen Register eine Spur. Er muss es nicht. Und dieser Umstand ist Teil der Architektur.

Ein dritter Kanal verbindet beide Welten: Branchenverbände, die Militär und Industrie in einem institutionellen Rahmen zusammenführen. Die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik, der Förderkreis Deutsches Heer, die Deutsche Atlantische Gesellschaft – in diesen Organisationen sitzen pensionierte Generale neben Vorstandsmitgliedern von Rheinmetall, KNDS, Diehl und Airbus Defence & Space. Die Mitgliedschaft ist in der Regel ehrenamtlich und offen zugänglich. Sie schafft aber genau jenen institutionalisierten Kontakt zwischen ehemaliger Truppenerfahrung und industriellen Interessen, der ansonsten aufwendig hergestellt werden müsste. Wer im Förderkreis Deutsches Heer sitzt, trifft die Rüstungsindustrie nicht zufällig – er trifft sie regelmäßig, strukturiert, in einem gemeinsamen institutionellen Rahmen, der auf Interessenausgleich angelegt ist. Die Mitgliedschaft schafft keine bezahlte Bindung. Sie schafft etwas Wirksameres: geteilte Referenzrahmen, persönliche Bekanntschaften und eine gemeinsame Sprache über das, was die Bundeswehr braucht und was die Industrie liefern kann. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Wie viele Pensionäre diese Wege gehen, lässt sich nur näherungsweise erfassen. Eine Kleine Anfrage der BSW-Gruppe im Deutschen Bundestag, von der Bundesregierung im Januar 2025 beantwortet, liefert zumindest eine Untergrenze für den Personalabfluss insgesamt: Seit Beginn der Ampelregierung haben 411 Bundeswehrangehörige – 406 Soldaten und 5 Beamte – einen Wechsel in ein Unternehmen oder einen Interessenverband der Rüstungsindustrie angezeigt. Die drei beliebtesten Zieladressen waren Airbus mit 58 Personen, die ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH mit 50 und die Rheinmetall AG einschließlich ihrer Tochtergesellschaften mit 43. Die Bundesregierung wies in ihrer Antwort selbst darauf hin, dass eine Anzeige- und Genehmigungspflicht für berufliche Tätigkeiten nach dem Ausscheiden nur unter bestimmten Voraussetzungen des Bundesbeamtengesetzes besteht und berufliche Tätigkeiten darüber hinaus in den Personalverwaltungssystemen nicht systematisch erfasst werden. Wer in ein Forschungsinstitut wechselt, wer eine Beraterfirma gründet, wer einem Verband beitritt – nichts davon erscheint in dieser Statistik. Die 411 sind eine Untergrenze, keine Bestandsaufnahme. Die Dunkelziffer ist strukturell unbekannt.

Was diese Zahlen zeigen, ist keine kriminelle Energie – sie zeigen eine strukturelle Selbstverständlichkeit. Der erfahrene Offizier ist für die Rüstungsindustrie ein attraktiver Mitarbeiter, weil er Wissen, Netzwerke und institutionelle Glaubwürdigkeit mitbringt, die sich am Markt nicht neu erzeugen lassen. Dass er dieses Kapital nach dem Ausscheiden einsetzt, ist sein gutes Recht. Dass er es einsetzt, während er in Medien als neutrale Autorität zu denselben Fragen auftritt, über die seine Auftraggeber wirtschaftliche Interessen haben – das ist die Stelle, an der die Gleichung nicht mehr aufgeht. Und die Bringschuld, das dem Publikum zu sagen, liegt nicht beim Pensionär. Sie liegt beim Medium, das ihn als unabhängige Stimme ankündigt.

Wer die Struktur hinter dem Schweigen verstehen will, muss sauber trennen, was leicht verwechselt wird: die formelle, bezahlte Bindung an ein Rüstungsunternehmen ist etwas anderes als die Mitgliedschaft in einem Verband oder einem Netzwerk. Diese Unterscheidung ist keine juristische Fußnote – sie ist das analytische Fundament, das diesen Befund vor Überzeichnung schützt. Wer sie verwischt, macht den eigenen Befund angreifbar. Wer sie klar zieht, schärft ihn.

Egon Ramms, Vier-Sterne-General außer Dienst, war bis 2020 Oberbefehlshaber desselben NATO-Hauptquartiers in Brunssum, das danach Vollmer und vor Vollmer Domröse geführt hatte. Ramms sitzt im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik. Das ist eine Verbandsrolle – ehrenamtlich, offen zugänglich, ohne bezahltes Firmenmandat. Ramms tritt regelmäßig in deutschen Medien als Militärexperte auf. Ob seine DWT-Präsidiumsrolle dort benannt wird, folgt demselben Muster wie bei den Fällen aus Teil 1: Die Bundeswehrlaufbahn wird genannt; der Verband, in dem die Rüstungsindustrie institutionell vertreten ist und in dem er ein Führungsamt bekleidet, nicht.

Der Unterschied zu Domröse ist strukturell wichtig und muss offen benannt werden: Ramms hat nach aktuellem Wissensstand kein bezahltes Firmenmandat bei einem Rüstungsunternehmen. Das macht ihn zu einem anderen Fall – nicht zu einem Fall ohne Relevanz, aber zu einem, der eine andere analytische Kategorie besetzt. Die DWT ist keine unabhängige Fachgesellschaft – sie ist der institutionelle Ort, an dem Rüstungskonzerne mit Militärs und Politikern in regelmäßigem Kontakt stehen. Wer dort im Präsidium sitzt, ist Teil eines Netzwerks, das die Branche strukturell pflegt. Das ist transparent. Es ist auch nicht dasselbe wie Unabhängigkeit.

Ein anderes Beispiel für die Netzwerkebene ist Henning Otte. Der CDU-Politiker saß von 2020 bis Oktober 2023 im Vorstand des Förderkreises Deutsches Heer und war bis Mai 2017 Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik – in beiden Fällen ehrenamtlich, in beiden Fällen offen. Der Förderkreis Deutsches Heer ist eine Netzwerkorganisation, zu deren fördernden Mitgliedern ein Großteil der deutschen Rüstungsindustrie zählt; die DWT führt Rüstungsunternehmen als ordentliche Mitglieder. Als Bundestagsabgeordneter und verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion votierte Otte in dieser Zeit konsequent für höhere Wehretats und sprach sich gegen schärfere Rüstungsexportbeschränkungen aus – Positionen, die den Interessen dieser Verbände entsprachen. LobbyControl wies bereits 2014 auf seine Verbandsmitgliedschaften und die politischen Positionen hin, die er in dieser Kombination vertrat. Seit dem 23. Mai 2025 ist Otte Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages. Dieses Amt erforderte die Niederlegung seines Bundestagsmandats; er ist nun parlamentarisches Kontrollorgan für die Streitkräfte, kein Abgeordneter mehr. Drei Fakten, kein Urteil – der Leser hat alle Informationen, die er braucht, um die Zeitlinie zu lesen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist in DWT, Förderkreis Deutsches Heer und Deutschen Atlantischen Gesellschaft aktiv – offen, publiziert, keine verborgene Bindung. Sie steht hier nicht als verdeckter Fall, sondern als Referenzpunkt für das, was möglich ist: Ihre Netzwerkzugehörigkeiten werden in Medienberichten über sie regelmäßig diskutiert. Das ist der Normalzustand, der für alle gelten sollte. Dass er bei ihr selbstverständlich erscheint, bei anderen aber nicht, ist keine individuelle Ausnahme – es ist ein Muster der selektiven Aufmerksamkeit.

Die Verbands- und Netzwerkebene ist damit nicht das Problem, das die Fälle aus Teil 1 darstellen. Sie ist der institutionelle Hintergrund, vor dem bezahlte Mandate unsichtbar werden: Weil die Zugehörigkeit zu DWT oder FKH als normale Branchenpflege gilt, fällt es nicht auf, wenn darüber hinaus ein vergütetes Beratungsmandat besteht, das nirgends auftaucht. Das Netzwerk normalisiert die Nähe – und die normalisierte Nähe senkt die Hemmschwelle, die fehlende Offenlegung überhaupt zu bemerken. Für das Medium, das einen General ins Studio einlädt, ist die Verbandsrolle ohnehin nicht das Erste, was es recherchiert. Und wenn selbst das Offensichtliche nicht kommuniziert wird, hat das Nicht-Offensichtliche keine Chance.

Hinzu kommt ein Selektionseffekt, der sich aus der Logik des Medienbetriebs ergibt. Ein pensionierter General mit DWT-Präsidiumsmandat ist für eine Redaktion attraktiv, weil er Autorität, Netzwerk und Verfügbarkeit mitbringt. Wer im Förderkreis Deutsches Heer sitzt, kennt die Industrie, kennt die Beschaffungsgeschichten, kennt die politischen Entscheidungsträger. Er kann komplexe Sachverhalte verständlich machen, weil er ihnen jahrzehntelang ausgesetzt war. Dieser Wissensvorsprung ist real – und er ist der Grund, warum diese Stimmen gefragt sind. Das Problem ist nicht, dass sie gefragt sind. Das Problem ist, dass ihre Einladung zugleich eine Einladung an ihre institutionellen Bindungen ist, über die das Publikum nichts erfährt. Die Netzwerkzugehörigkeit ist der Türöffner zum Studio – und gleichzeitig das, was im Studio unerwähnt bleibt.

Der stärkste Einwand gegen diese Analyse lautet: Es geht nur um Falken. Wer für Aufrüstung eintritt, werde herausgepickt; wer dagegen ist, verschont. Wenn das stimmte, wäre das, was hier betrieben wird, selbst Gesinnungsjournalismus mit umgekehrten Vorzeichen. Der Einwand ist ernst zu nehmen – und er lässt sich falsifizieren.

Roderich Kiesewetter, CDU-Außenpolitiker, ist einer der profiliertesten Befürworter schwerer Waffenlieferungen an die Ukraine und militärischer Stärke in der deutschen Debatte. Er legt seine Nebentätigkeiten auf einer eigenen Transparenzseite offen und erklärt dort, er beziehe keinerlei Nebeneinkünfte aus der Rüstungsindustrie. Dieses Eigenbekenntnis lässt sich nicht durch ein staatliches Register verifizieren – kein Mechanismus zwingt ihn dazu. Aber es ist vorhanden, und es entspricht dem, was ein Medium über ihn kommunizieren könnte: dass dieser Falke, der für Panzer und Munition wirbt, nach eigenem Bekunden keine bezahlte Verbindung zur Industrie hat, die von seiner Position profitiert. Kiesewetter ist damit kein Fall – und das ist die korrekte Schlussfolgerung, gerade wegen seiner politischen Linie, nicht trotz ihr.

Harald Kujat steht auf der anderen Seite des Meinungsspektrums. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzende des NATO-Militärausschusses gehört seit Kriegsbeginn zu den meistzitierten Skeptikern der deutschen Sicherheitsdebatte: Er warnte vor militärischer Eskalation, sprach sich für Verhandlungslösungen aus und kritisierte die Strategie weitreichender Waffenlieferungen. Diese Positionen brachten ihm aus Teilen der Medien den Vorwurf der Russland-Nähe ein. Was in dieser Debatte selten präzise benannt wurde, ist eine formelle institutionelle Bindung, die er in eben jenem Zeitraum inne hatte.

Seit Juli 2016 gehörte Kujat dem Aufsichtsrat des Berliner Dialogue of Civilizations Research Institute an. Das DOC war von Wladimir Jakunin mitgegründet und finanziert worden; Jakunin galt als langjähriger Vertrauter Wladimir Putins und stand auf westlichen Sanktionslisten. Kujat selbst bestätigte die Funktion im Oktober 2016 und erklärte, er habe sie übernommen, um die Arbeit des Instituts aus nächster Nähe beobachten und gegebenenfalls beeinflussen zu können. Das ist eine formelle Organfunktion in einem Institutsgremium – kein Konferenzkontakt, keine zufällige Begegnung.

Am 09. Oktober 2016 trat Kujat in der ARD-Sendung Anne Will auf. Thema war der Syrien-Krieg, die amerikanisch-russische Konfrontation und die Frage westlicher Handlungsoptionen. Die offizielle ARD-Ankündigung führte ihn allein als „Harald Kujat, General a. D.“; laut NDR wurde er auch in der Sendung als früherer NATO-General vorgestellt. Die DOC-Aufsichtsratsfunktion, die er wenige Monate zuvor übernommen hatte, fehlte in der Gästevorstellung. Sie wurde – nach Medienanfragen – erst am Tag der Ausstrahlung nachträglich in Kujats Online-Kurzbiografie aufgenommen. Der NDR bestätigte außerdem, dass Kujat bewusst als Vertreter einer russlandfreundlicheren Position eingeladen worden war.

Ein zweiter dokumentierter Fall: Im Mai 2017 kündigte das ZDF Kujat für eine Ausgabe von „Precht“ an, in der Syrien, die Ukraine und Nordkorea ausdrücklich thematisiert wurden. Die offizielle Ankündigung stellte ihn ausschließlich als ehemaligen Generalinspekteur und früheren Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses vor. Die DOC-Funktion fehlte – obwohl der Deutschlandfunk Kultur noch im Februar 2017 ausdrücklich über Kujats Aufsichtsratssitz berichtet hatte. Der zeitliche Zusammenhang zwischen belegter Funktion und Medienauftritt ohne Offenlegung ist damit auch für diesen Fall eng und dokumentiert.

Was diese beiden Fälle belegen: Kujat trat während seiner dokumentierten Aufsichtsratsfunktion beim von Wladimir Jakunin mitgegründeten und finanzierten DOC-Institut in reichweitenstarken öffentlich-rechtlichen Formaten als Sicherheitsexperte auf. In den prominenten Gästevorstellungen wurde er über seine früheren militärischen Ämter legitimiert; die zeitgleiche DOC-Funktion blieb mindestens in mehreren offiziellen Ankündigungen unerwähnt. Was nicht belegt ist: dass er für seine DOC-Funktion von Jakunin oder Russland entlohnt wurde; dass er im Auftrag des Instituts sprach; dass seine Positionen durch das Institut gesteuert wurden; dass er gegenüber Redaktionen aktiv etwas verschwieg; oder dass Redaktionen die Verbindung bewusst vertuschten.

Damit liefert die Gegenüberstellung Kiesewetter/Kujat die sauberste Probe, die diese Analyse anbieten kann: Beim Falken, der für Aufrüstung wirbt, liegt kein Offenlegungsversagen vor – keine relevante Bindung, die offengelegt werden müsste. Beim Skeptiker, der vor Eskalation warnte, liegt ein dokumentiertes Offenlegungsversagen vor – nicht wegen seiner Haltung, sondern wegen einer institutionellen Bindung, die in der Gästevorstellung ausblieb. Das Muster unzureichender Transparenz macht vor keiner politischen Linie halt. Es ist strukturell, nicht selektiv.

Es gibt einen Teil des Personalflusses zwischen Bundeswehr, Politik und Rüstungsindustrie, der öffentlich sichtbar ist – und der gerade wegen dieser Sichtbarkeit als Kontrast nützlich ist. Wenn Abgeordnete nach dem Ende ihrer politischen Karriere in die Rüstungsbranche wechseln, geschieht das in der Regel weder verdeckt noch unbekannt. Es geschieht offen, mit Pressemitteilung und Lobbyregistereintrag. Und es wird trotzdem selten in seiner strukturellen Bedeutung diskutiert.

Marcus Faber, FDP-Abgeordneter und bis zum Ausscheiden seiner Partei aus dem Bundestag im Februar 2025 Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, nahm zum 1. November 2025 seine Tätigkeit als Vice President Political Affairs bei Elbit Systems Deutschland auf. Elbit Systems ist ein israelischer Rüstungs- und Technologiekonzern; die deutsche Tochter in Ulm produziert unter anderem Funkkommunikationssysteme, Nachtsichtgeräte und Aufklärungssysteme für die Bundeswehr. Faber erklärte öffentlich, er werde als Bindeglied zwischen dem politischen Berlin, Brüssel und dem Unternehmensmanagement arbeiten. Der Lobbyregistereintrag von Elbit Systems Deutschland führt Faber namentlich, mit dem Verweis auf seine frühere Bundestagstätigkeit. Lobbycontrol bezeichnete den Wechsel als „Musterfall der Drehtür“; Abgeordnetenwatch erklärte, solche Seitenwechsel unterhöhlten das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Politik. Transparenz: vollständig. Debatte: begrenzt.

Die Liste ähnlicher Wechsel ist lang und parteiübergreifend. Franz Josef Jung, CDU, Verteidigungsminister von 2005 bis 2009, wechselte in den Aufsichtsrat von Rheinmetall. Dirk Niebel, FDP, Entwicklungsminister bis 2013, wurde Lobbyist für denselben Konzern. Eckhardt Rehberg, CDU, langjähriger haushaltspolitischer Sprecher der Unionsfraktion und damit maßgeblich an den Wehretats der vergangenen Legislaturperioden beteiligt, wechselte zu General Dynamics. In allen diesen Fällen gilt: Die Bindung ist bekannt, der Wechsel offen vollzogen, die neue Funktion publiziert.

Was dieser Kontrast für die Gesamtanalyse leistet, ist entscheidend. Die Drehtür zwischen Politik und Rüstungsindustrie dreht sich öffentlich – und selbst das löst kaum eine politische Reaktion aus. Wenn schon die transparenten Wechsel – die dokumentierten, angekündigten, in Registern erfassten – gesellschaftlich ohne größere Folgen bleiben, dann erklärt sich, warum die verschwiegenen Bindungen vollends unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle liegen. Das Sichtbare wird toleriert; das Unsichtbare existiert deshalb erst recht ungestört.

Zu den Mechanismen, die im Teil 1 beschrieben sind – Bequemlichkeit, ökonomisches Kalkül, Regelungslücken, bequeme Selbstrechtfertigung –, kommt damit ein fünfter hinzu: gesellschaftliche Gewöhnung. Wenn der Wechsel vom Verteidigungsausschuss zur Rüstungsfirma als normaler Karriereweg gilt, wenn der frühere Verteidigungsminister im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt, dessen Beschaffungsverträge er einst unterzeichnet hat, und das als Branchenüblichkeit wahrgenommen wird – dann fehlt der soziale Druck, der eine Offenlegungsnorm erzwingen würde. Normalität schützt das System besser als Geheimhaltung. Wer sich über das Selbstverständliche wundert, steht schnell als naiv da. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Dabei ist die normative Frage, die hinter der Drehtür steht, dieselbe wie hinter dem verschwiegenen Experten-Mandat: Wie viel institutionelle Nähe ist mit dem Anspruch auf Unabhängigkeit vereinbar? Für den Abgeordneten, der aus dem Verteidigungsausschuss zum Rüstungskonzern wechselt, gilt das Karenzzeitprinzip – 18 Monate für ehemalige Mitglieder der Bundesregierung. Für Faber als einfachen Abgeordneten galt diese Frist nicht. Für den pensionierten General, der seine Beratungsgesellschaft schon während des letzten Dienstjahres aufbaut, gibt es keine Karenzzeit. Und für die Redaktion, die ihn einlädt, gibt es keine Offenlegungspflicht. Die Drehtür dreht sich auf allen Etagen gleichzeitig – und nur auf wenigen davon ist die Drehrichtung für das Publikum erkennbar.

Diese Analyse hat an vier Fällen gezeigt, dass pensionierte Spitzenmilitärs in deutschen Medien regelmäßig ohne Hinweis auf ihre nachdienstlichen Bindungen vorgestellt werden – wenn diese Bindungen überhaupt sichtbar sind. An einem fünften Fall hat sie gezeigt, dass dasselbe Muster Personen des öffentlichen Lebens jenseits der Generalität betrifft. Und an zwei Gegenfällen hat sie gezeigt, dass das Muster nicht von der politischen Haltung abhängt, sondern von der Offenlegung – oder deren Fehlen.

Eine Offenlegungsnorm für geladene Experten existiert in Deutschland nicht. Sie findet sich weder in einer Rundfunksatzung noch in einem Paragraphen des Pressekodex noch in einer gesetzlichen Regelung. Der Pressekodex schreibt Transparenz über redaktionelle Interessenkonflikte vor – nicht über die Interessenlage von Gästen, die als Experten auftreten, ohne redaktionelle Verantwortung zu tragen. Die Rundfunkstaatsverträge regeln viel, aber nicht die Frage, ob ein eingeladener Kommentator seine aktuelle Erwerbstätigkeit nennen muss. Diese Lücke ist kein Versehen – sie ist das Ergebnis einer Konvention, in der Expertengäste als Autoritäten des öffentlichen Lebens behandelt werden, nicht als Partei mit möglichen wirtschaftlichen Interessen am Thema, das sie kommentieren. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Eine solche Norm wäre umsetzbar und ihr Inhalt wäre einfach: Wer in einem redaktionellen Format zu Fragen der Verteidigungspolitik, Rüstungsbeschaffung oder militärischen Strategie zu Wort kommt, gibt gegenüber der Redaktion an, ob er aktuell entgeltliche Tätigkeiten für Unternehmen oder Organisationen ausübt, die einen wirtschaftlichen Bezug zu den besprochenen Themen haben. Die Redaktion gibt diese Information im Rahmen der Gästevorstellung weiter. Wer keine relevante Bindung hat, teilt das ebenfalls mit – so wie Kiesewetter es freiwillig auf seiner Transparenzseite tut. Der Standard, den er für sich selbst gesetzt hat, wäre damit nicht die Ausnahme eines besonders transparenzorientierten Politikers, sondern das Mindestmaß für alle geladenen Kommentatoren.

Das ist kein Angriff auf pensionierte Generale, die nach Jahrzehnten im Dienst ihr Wissen vermarkten. Es ist kein Vorwurf an Redaktionen, die unter Zeitdruck arbeiten und auf bewährte Stimmen zurückgreifen. Es ist die einfachste denkbare Anforderung an einen Journalismus, der das Publikum als mündige Bürger behandelt – und nicht als Empfänger einer autorisierten Deutung, deren kommerzielle Grundlage unsichtbar bleibt.

Der Bürger, der diese Aufrüstungsdebatte mit seinen Steuern finanziert und mit der Sicherheit seines Landes trägt, hat einen Anspruch auf diese eine Information. Nicht als Urteil. Als Grundlage, damit er selbst eines fällen kann.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

  1. Fraunhofer FKIE: „60 Jahre wehrwissenschaftliche Forschung: FKIE leistet elementaren Beitrag für die Zukunftsfähigkeit der Bundeswehr“, 07. Mai 2026 (Vollmer als Chief Advisor Military Affairs, Zitat zur Zeitenwende). https://www.fkie.fraunhofer.de/de/newsroom/Presseinformationen/60-jahre-wehrwissenschaftliche-forschung-in-wachtberg.html
  2. EstMil.tech / Konferenzprogramm: Vollmer-Biografie: „Chief Advisor Military Affairs for the Fraunhofer Institute FKIE“, zuletzt abgerufen Juni 2026. https://www.estmil.tech/speakers-2024
  3. Bundeswehr-Journal: „Wenn ehemalige Soldaten bei der Rüstungsindustrie anheuern“, 06. Februar 2025 (411 Wechsel, Airbus 58 / ESG 50 / Rheinmetall 43; Regierungsantwort auf BSW-Anfrage vom 20. Januar 2025). https://www.bundeswehr-journal.de/2025/wenn-ehemalige-soldaten-bei-der-ruestungsindustrie-anheuern/
  4. t-online: „Bundeswehr: Hunderte Soldaten wechseln zur Rüstungsindustrie“, Februar 2025 (Regierungsantwort im Wortlaut, BSW-Kritik). https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100604476/bundeswehr-hunderte-soldaten-wechseln-zur-ruestungsindustrie.html
  5. lobbypedia.de: Eintrag Henning Otte (FKH-Vizepräsident bis 2023, DWT-Vizepräsident bis 2017; LobbyControl-Einschätzung). https://lobbypedia.de/wiki/Henning_otte
  6. Deutscher Bundeswehrverband (DBwV): „Bundestag wählt Henning Otte zum neuen Wehrbeauftragten“, 22. Mai 2025 (Wahl, Amtsniederlegung Bundestagsmandat, Verbandshintergründe). https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/blickpunkt/beitrag/der-bundestag-waehlt-henning-otte-zum-neuen-wehrbeauftragten
  7. taz: „Neuer Wehrbeauftragter des Bundestags: Ein überaus gut vernetzter Reserveoffizier“, 22. Mai 2025 (FKH-Vizepräsident bis 2023, LobbyControl-Einschätzung zum Interessenkonflikt). https://taz.de/Neuer-Wehrbeauftragter-des-Bundestags/!6089461/
  8. esut.de: „Marcus Faber ist Vizepräsident bei Elbit Systems Deutschland“, 07. November 2025 (VP seit 01. November 2025, Karriere). https://esut.de/2025/11/meldungen/65110/marcus-faber-ist-vizepraesident-bei-elbit-systems-deutschland/
  9. hartpunkt.de: „Elbit Systems Deutschland: Marcus Faber neuer Vice President“, November 2025 (VP Political Affairs, Bindeglied Berlin/Brüssel, CEO-Reporting). https://www.hartpunkt.de/elbit-systems-deutschland-marcus-faber-neuer-vice-president/
  10. taz: „FDPler wechselt zu Rüstungsfirma: Vom Verteidigungspolitiker zum Rüstungslobbyisten“, 04. November 2025 (LobbyControl „hochgradig problematisch“, Abgeordnetenwatch „Musterfall der Drehtür“). https://taz.de/FDPler-Marcus-Faber-wechselt-zu-Ruestungsfirma/!6126860/
  11. Lobbyregister des Deutschen Bundestags, Eintrag Elbit Systems Deutschland GmbH & Co. KG (Dr. Marcus Faber, Tätigkeit bis 03/25: MdB; Verbandsmitgliedschaften). https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R004255
  12. Deutschlandfunk Kultur / NDR: Kujat-DOC-Aufsichtsratsmitgliedschaft seit Juli 2016; Deutschlandfunk Kultur-Bericht Februar 2017; NDR-Stellungnahme zu Anne Will 09. Oktober 2016 (DOC-Funktion in Online-Biografie erst am Sendetag ergänzt). Im Browser aufrufbar.
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