Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die neue Russophobie: eine geplante Rede zum 8. Mai, die nicht gehalten wurde
(Red.) Die Globalbridge.ch-Leserinnen und -Leser kennen ihn, Klaus-Dieter Kolenda, der schon mehrmals hier zu lesen war. Sein hier folgender Bericht hätte eigentlich schon am 8. Mai erscheinen sollen, es waren Probleme auf Seite der Redaktion, die zur Verspätung führte. Das soll niemanden hindern, ihn jetzt zu lesen, denn was Klaus-Dieter Kolenda hier schreibt, ist nicht an den Tag gebunden. Das Thema ist hochaktuell! (cm)
Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung oder auch als Tag des Sieges in einigen europäischen Ländern ein Gedenk- oder Feiertag, an dem als Jahrestag zum 8. Mai 1945 der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa und der Befreiung vom Nationalsozialismus gedacht wird (Fußnote 1). In der früheren Sowjetunion bzw. der Russischen Föderation fand bzw. findet der entsprechende Gedenktag am 9. Mai statt. In der DDR war er von 1950 bis 1967 und im Jahr 1985 (40. Jahrestag) gesetzlicher Feiertag.
Ich habe mich in den letzten Wochen mit einer Rede zum 8. Mai befasst und musste feststellen, dass in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine große Verunsicherung darüber herrscht, was man an diesem Tag sagen darf und was nicht. Ich vermute, dass ein Grund dafür die einschneidenden persönlichen Sanktionen sind, die von Seiten der EU gegen verschiedene Journalisten und Publizisten (Fußnote 2 und 3) verhängt worden sind. So schrieb mir ein Freund auf meine Frage, was er davon halte, zu Hüseyin Dogru:
„Er ist einer von drei Deutschen (Thomas Röper, Alina Lipp und er), die auf die EU-Sanktionsliste gesetzt wurden. Was bei Dogru besonders ist, dass er sich im Gegensatz zu Röper und Lipp in Deutschland befindet. Diese Sanktionen treffen ihn also mit voller Härte: Er kann buchstäblich nichts mehr kaufen, weil ihm niemand etwas verkaufen darf (Sanktionsumgehung ist eine Straftat), er kann seine Miete nicht mehr bezahlen usw. Er hat eine Frau und drei Kinder, eines davon wohl im Säuglingsalter. Auch seiner Frau wurden die Konten gesperrt, wobei das Verwaltungsgericht Köln dem wohl einen Riegel vorgeschoben hat (Fußnote 4).“ Diese Tatsachen verbreiten Angst und Schrecken (Fußnote 5).
Ein anderer Freund schrieb mir: „Du hast recht, es ist unglaublich, autoritär, inhuman – und leider wird es immer mehr zum Normalfall (Jacques Baud!). Die Begründung, ‚Dogrus Aktivitäten mit der angeblichen Verbreitung von Narrativen, die den Interessen des russischen Staates entsprechen‘ macht mich hellhörig. Verbreite auch ich russische Narrative, die den Interessen des russischen Staates entsprechen? Daran knüpfen sich Fragen . . .Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen!“
Das meine ich auch, und deshalb möchte ich mit der Veröffentlichung meiner für den 8. Mai geplanten, aber nicht gehaltenen Rede dazu beitragen, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland ein unverzichtbares Gut bleibt, das wir uns nicht wegnehmen lassen werden. Ich werde meine Meinung wie bisher öffentlich sagen. Es folgt der Text meiner geplanten Rede.
Ich gehöre zur älteren Generation, die im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, den ersten Kalten Krieg durchlebt und nach der Wendezeit 1989 bis 1991 an einen dauerhaften Frieden in Europa geglaubt hat.
Seit Mitte der 1980er Jahre bin ich Mitglied der IPPNW. Das sind die „Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung“, die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.
Ich bin darüber entsetzt, dass die Gefahr eines großen Krieges nach Europa zurückgekehrt ist. Sie hat in den letzten Jahren bedrohlich zugenommen und scheint derzeit so groß zu sein wie in den gefährlichsten Zeiten des Kalten Krieges (Fußnote 6).
Deshalb möchte ich bei dieser Gedenkveranstaltung am 8. Mai 2026 ein paar Worte zum Vernichtungskrieg Deutschlands gegen die Sowjetunion 1941-1945 sagen, der in Russland auch der „Große Vaterländische Krieg“ genannt wird, und zur „neuen Russophobie“ in Deutschland.
Gerade in Zeiten, in denen deutsche Politiker erneut die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands fordern und betreiben, ist es hilfreich, die Erfahrungen der Vergangenheit zur Kenntnis zu nehmen. Von der Schriftstellerin Christa Wolf stammt der Satz: „Nur wer Vergangenheit kennt, kann Zukunft gewinnen.“
Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion
Was war das für ein Krieg, der am 22. Juni 1941 mit dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion begonnen hatte? Es war ein Vernichtungskrieg. Um zu erklären, was das bedeutete, zitiere ich im Folgenden aus einem Interview, das die Journalistin Christine Born kürzlich mit Prof. Dr. Michael Schneider geführt hat, der sich als Schriftsteller intensiv mit den deutsch-sowjetischen Beziehungen auseinandergesetzt hat (Fußnote 7):
„In dem fast vier Jahre andauernden Krieg hat die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion 15 Großstädte, 1750 Kleinstädte und 70 000 Dörfer zerstört. Ein Drittel des bebaubaren Landes in den besetzten Gebieten war am Ende des Krieges verödet und die Hälfte der Industrieanlagen vernichtet. Insgesamt wurden 27 Millionen Sowjetbürger getötet, acht bis zehn Millionen wurden außerhalb der regulären Kriegshandlungen als „Partisanenverdächtige“, „Saboteure“ oder Geiseln erschossen oder im Zuge kollektiver Vergeltungsmaßnahmen, wie dem Niederbrennen ganzer Dörfer und Ortschaften, umgebracht.
Allein in Belarus, bei uns auch Weißrussland genannt, sind auf diese Weise 628 Dörfer mit fast allen Einwohnern vernichtet worden. In vielen Fällen wurden die Dorfbewohner in Schulen, Scheunen und Kasernen getrieben und dort bei lebendigem Leibe verbrannt.“
Im vergangenen Jahr haben mein Freund Jan Gorski und ich auf einer Reise nach Belarus mit großer Erschütterung Chatyn, die Nationale Gedenkstätte von Belarus, besucht. Sie soll an die von den Deutschen zerstörten 9200 belarussischen Dörfer erinnern (Fußnote 8).
Bei der Belagerung von Leningrad, die dreieinhalb Jahre andauerte, sind etwa eine Million Menschen, vor allem Frauen und Kinder, buchstäblich verhungert (Fußnote 9). Auch der Holocaust, der 1939 mit dem Polenfeldzug begann, setzte sich beim deutschen Russlandfeldzug fort. Beim Massaker von Babyn Jar 1941 sind 33 771 sowjetische Juden durch Gewehrschüsse ermordet worden (Fußnote 7).
2025 veröffentlichte der deutsche und US-amerikanische Historiker Jochen Hellbeck sein neues Buch mit dem Titel „Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion“ (Fußnote 10). In diesem erschütternden Buch berichtet er auf Basis weitgehend unbekannter Zeitzeugnisse detailliert über den ungeheuren Massenmord in der Sowjetunion und legt eine neue wissenschaftliche Perspektive darauf vor (Fußnote 11).
In Deutschland gibt es zum Holocaust eine intensive und begrüßenswerte Erinnerungskultur.
Eine mit dem Völkermord an den Juden vergleichbare Erinnerungskultur, die an die ca. 3,3 Millionen Sowjetbürger erinnert, die sich als Zwangsarbeiter in deutschen KZs, Straflagern und unterirdischen Bergwerken zu Tode schuften mussten, die erschossen, erschlagen oder vergast worden sind, gibt es hierzulande bedauerlicherweise nicht (Fußnote 7).
Das gilt auch für die 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in den deutschen Kriegsgefangenenlagern. Die Sterblichkeitsrate lag dort im Durchschnitt bei 60 Prozent, was wohl berechtigt, sie auch als Vernichtungslager zu qualifizieren. Diese sind bei uns fast vollständig der Vergessenheit anheimgefallen.
Die neue Russophobie
Trotz aller dieser Opfer hat uns die Sowjetunion nach 1945 und auch Russland nach 1991 die Hand gereicht und die Wiedervereinigung 1989 möglich gemacht. Daran hatte auch die deutsche Entspannungspolitik von Brandt und Bahr einen wichtigen Anteil.
Aber mindestens ebenso wichtig war, dass man in der Sowjetunion sehr wohl zwischen dem Nationalsozialismus und den deutschen Menschen zu unterscheiden wusste. Das mörderische Nazisystem wurde verdammt. Doch es gab keine Kollektivschuldthese. Zudem gab es in Russland immer eine große Hochachtung vor der deutschen Kultur.
Deshalb ist es für mich eine schockierende Erfahrung, dass trotz alledem das Feindbild Russland in den letzten Jahren wieder auferstanden ist. Russlandfeindliche Beiträge treiben in der Presse, im Rundfunk und im Fernsehen immer neue Blüten. So ist über die Jahre eine ausgeprägte neue Russophobie entstanden. Auf Einzelheiten muss ich hier aus Zeitgründen verzichten.
Mir kommt es so vor, dass die aktuelle Russophobie vor allem durch die Politik und die Medien geschürt wird. Dazu beigetragen hat auch die total einseitige Berichterstattung über den Ukrainekonflikt. Die inzwischen gut erforschte und dokumentierte Rolle, die die USA und auch Großbritannien beim Majdan-Putsch 2014 in Kiew gespielt haben, wird von unseren Hauptmedien völlig ausgeblendet.
Außerdem wird dieser Konflikt personalisiert, indem man Präsident Putin als imperialistischen Kriegstreiber dämonisiert. In seiner Rede an die Nation am 21. Februar 2022, drei Tage vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, beschwor jedoch Putin die aus russischer Sicht existenzielle Bedrohung, die der geplante NATO-Beitritt der Ukraine für sein Land bedeute. Bei einer Stationierung moderner Raketensysteme in der Ukraine könnten diese innerhalb von Minuten Ziele im gesamten europäischen Territorium der russischen Föderation erreichen. Putin dazu: „Das bezeichnet man als das Messer am Hals“.
Gibt es einen Ausweg?
An dieser Stelle möchte ich noch einmal Prof. Michael Schneider das Wort geben (Fußnote 7):
„Wir zehren heute noch vom Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau, der sich auf den Polenfeldzug bezog, aber auch Wirkungen auf den Osten allgemein hatte. Der Kniefall war eine beeindruckende Geste der Entschuldigung, der Reue, eine Bitte um Vergebung und Frieden, die aus der Tiefe des Herzens kam.
Bis heute hat die Friedenspolitik von Willy Brandt und seines Beraters Egon Bahr Vorbildfunktion. Bahr war der Meinung, man müsse sich, so schwer es auch falle, immer in die Ängste und Bedrohungsgefühle der gegnerischen Seite hineinversetzen und von daher sei die NATO-Osterweiterung sehr kritisch zu sehen. Wir sollten Russlands Bedürfnis nach einer stabilen Sicherheitsarchitektur respektieren und nicht unsensibel und blind eine Politik der Rüstungsspirale und Drohung weiterverfolgen.
Die Menschen in Deutschland und Russland sehnen sich in der Mehrheit nach Frieden. Wo aber sind die mutigen Politiker, die aus einem Deutschland, das von ‚Kriegstüchtigkeit‘ schwadroniert und sich jetzt in eine Vorkriegssituation hinein militarisiert hat, endlich einmal Friedenssignale senden?“
Zum Schluss möchte ich als langjähriges Mitglied der IPPNW, der Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, all denjenigen, die derzeit die gefährliche Politik der Remilitarisierung Deutschlands mit aller Macht vorantreiben, anstatt sich für eine baldige Beendigung des Ukrainekrieges mittels Diplomatie und für gegenseitige Abrüstung einzusetzen, die eindringliche Mahnung von Bertolt Brecht vor einem Dritten Weltkrieg in Erinnerung rufen, die er am 26. September 1951 in einem „Offenen Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller“ angesichts der damals beschlossenen Wiederaufrüstung zum Ausdruck gebracht hat. Darin heißt es: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“
Zum Autor: Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin – Gastroenterologie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin/Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als medizinischer Sachverständiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein tätig. Zudem arbeitet er in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit. E-Mail: klaus-dieter.kolenda@gmx.de
Fußnoten:
- https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_der_Befreiung
- Eurokraten wollen diesen deutschen Journalisten (und seine Familie) ausschalten neurality studies deutsch
- https://www.video-translations.org/transcripts/3523_Pascal_2026_04_03_de-DE.pdf
- https://www.berliner-zeitung.de/article/fall-hueseyin-doru-gericht-aeussert-ernsthafte-zweifel-an-kontosperre-seiner-ehefrau-10028800
- https://overton-magazin.de/dialog/im-gespraech/maike-gosch-die-angst-vor-hausdruchsuchungen-bedrueckt-mich/
- https://globalbridge.ch/frieden-mit-russland-einblick-in-eine-debatte-in-einer-friedensorganisation/
- ttps://zeitpunkt.ch/ueber-die-neue-russophobie
- https://globalbridge.ch/eine-bewegende-reise-nach-belarus/
- https://nachdenken-in-kielregion.de/wp-content/uploads/sites/6/2024/03/Die-Hunger-Blockde-Leningrads-1.pdf
- Jochen Hellbeck: Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025
- Klappentext: perlentaucher- das Kulturmagazin: „1941 griff Deutschland die Sowjetunion an und besetzte die Ukraine, Weißrussland, das Baltikum und einen Teil Russlands. Die Menschen dort zahlten den höchsten Blutzoll des Zweiten Weltkriegs. Jochen Hellbeck stellt den deutsch-sowjetischen Krieg aus einer neuen Perspektive dar. Er zeigt, dass die Nationalsozialisten ihren unerbittlichen Antisemitismus von Beginn an mit einem obsessiven Antibolschewismus verknüpften. Der Befehl lautete, alle Juden und Kommunisten in der SU zu ermorden. Die besetzten Gebiete im Osten wurden damit zum Ort einer speziell auf die Menschen dort zielenden Massentötung, die danach auf alle Juden im besetzten Europa ausgeweitet wurde. Auf Basis weitgehend unbekannter Zeugnisse schildert Hellbeck die damit einhergehenden Erfahrungen sowjetischer Juden und Nichtjuden. Er verdeutlicht, dass die sowjetische Gegenoffensive die gesamte Gesellschaft einbezog, ein entscheidender Faktor für den Sieg über Deutschland.“ https://www.perlentaucher.de/buch/jochen-hellbeck/ein-krieg-wie-kein-anderer.html