Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen haben zwar wie die Ukraine russischsprachige Minoritäten, versuchen diese aber auch, wie die Ukraine, zu vertreiben und/oder zu entrechten. Die Ukraine ihrerseits sieht eine Chance, in dieser Ecke der EU und der NATO eine Konfrontation Russlands mit der NATO zu erreichen , was russische Streitkräfte binden würde – zum Vorteil der Ukraine ...

Eine zweite Front im Baltikum?

(Red.) Der Krieg in der Ukraine ist als Folge des völkerrechtswidrigen Angriffs der USA und Israels auf den Iran in den westlichen Medien kaum noch ein Thema. Das ist allerdings nicht im Interesse der Ukraine, sie ist im Gegenteil sogar daran interessiert, dass auf irgendeine Art die NATO ins Kriegsgeschehen involviert wird, damit Russland eine zusätzliche Front erhält, was militärische Kräfte binden würde. Stefano di Lorenzo wirft einen Blick auf die baltischen Staaten, die zu den extremsten Anti-Russland-Kriegstreibern gehören. (cm)

Noch vor wenigen Wochen war viel von einer sagenhaften „Narva-Volksrepublik“ die Rede – einem separatistischen Gebilde in der estnischen Grenzstadt Narva, direkt an der Grenze zu Russland. Ein Szenario wie aus dem Buch des deutschen Militärexperten und häufigen TV-Gasts Carlo Masala, der in seinem Bestseller „Wenn Russland gewinnt“ aus dem vergangenen Jahr eine russische Invasion Narvas entwirft. Masala lehrt in München an der Universität der Bundeswehr München. In der fiktiven Darstellung des Professors würde Russland nach einer Unterbrechung der Kampfhandlungen in der Ukraine Estland – ein NATO-Mitglied – angreifen, schlicht um den Zusammenhalt der Allianz zu testen. Moskaus Motivation sei dabei einfach: „Und warum denn nicht?“ In Masalas Darstellung würden viele europäische Politiker zu nachsichtig gegenüber Russland reagieren. Das Buch plädiert folglich für eine noch kompromisslosere Linie gegenüber Moskau.

Im März tauchte das Gespenst einer Narva-Volksrepublik – eines von Russland unterstützten Aufstands in einem NATO-Land – auf Grundlage eines Kanals im Nachrichtendienst Telegram auf. Zu diesem Zeitpunkt zählte der Kanal rund 700 Abonnenten. Auf dieser dünnen Basis spekulierten einige europäische Medien über die Gefahr, die eine russisch inspirierte Narva-Volksrepublik für die deutsche Brigade in Litauen darstellen könnte – rund 700 Kilometer entfernt. Während die Gefahr eines möglichen russischen Militärschlags im Baltikum einerseits überzeichnet wurde, lässt sie sich andererseits nicht vollständig ausschließen. Die baltischen Staaten haben mit ihrer harten und konfrontativen Haltung gegenüber Russland wenig dazu beigetragen, dieses Risiko zu mindern. Sie zählen zu den leidenschaftlichsten Unterstützern der Ukraine im Krieg gegen Russland.

Tatsächlich könnte jedoch die Ukraine selbst ein Interesse an der Eröffnung einer zweiten Front im Baltikum haben. Ein jüngerer Beitrag in ukrainischen Medien deutete genau darauf hin. „Zweite Front nützt der Ukraine: Experte bewertet die Auswirkungen eines möglichen russischen Angriffs auf die Suwałki-Lücke. Russland könnte versuchen, die Suwałki-Lücke zu besetzen, doch dies würde in einer Katastrophe und im Verlust der Region Kaliningrad enden“, spekulierte der Artikel auf der Website von TSN, einem der wichtigsten Fernsehsender der Ukraine, unter Berufung auf ein Interview mit einem litauischen Oberst im ukrainischen TV-Kanal Kyiv24.

Im Falle eines russischen Angriffs auf die sogenannte Suwałki-Lücke – den schmalen Landstreifen zwischen Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad, der Litauen mit Polen verbindet – würde Russland, so der litauische Offizier, von NATO-Truppen eingekesselt und Kaliningrad verlieren, das bis zum Zweiten Weltkrieg unter dem Namen Königsberg bekannt war. Doch nicht nur das: Während Russland an einer zweiten Front gebunden wäre, würde sich die Lage der Ukraine auf ihrem eigenen Kriegsschauplatz verbessern. Kiew könnte dieses „Fenster der Gelegenheit nutzen, um die Besatzer deutlich leichter und schneller aus seinen Gebieten zu vertreiben, während Russlands Aufmerksamkeit und Ressourcen zersplittert sind“. 

Ein riskantes Spiel bleibt es dennoch. Auch der Vorstoß in die Region Kursk vor zwei Jahren brachte nicht die erhofften Ergebnisse und wurde schließlich zurückgeschlagen. Eines ist jedoch klar: Die Ukraine hat höchstwahrscheinlich ein handfestes Interesse an der Eröffnung einer zweiten Front im Krieg zwischen Russland und dem „kollektiven Westen“. Eine zweite Front würde eine noch direktere Beteiligung der NATO bedeuten – etwas, das den militärischen Aussichten der Ukraine zugutekommen könnte. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Die baltischen Staaten selbst sind allerdings wenig begeistert. Während die Ukraine und andere wiederholt vor einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf einen der baltischen Staaten warnen, haben Politiker aus der Region Kiew aufgefordert, seine Rhetorik zu mäßigen. Eine russische Invasion steht nicht unmittelbar bevor.

Nur wenige Wochen nach der Aufregung um die Narva-Volksrepublik begannen ukrainische Drohnen regelmäßig russische Ölanlagen im Ostseeraum anzugreifen. Russland erklärte, die Drohnen nutzten den Luftraum der baltischen Staaten – möglicherweise mit deren Zustimmung. Die Reaktion der Regierungen in Estland, Lettland und Litauen fiel eindeutig aus: Man habe ukrainischen Drohnen keinen Überflug erlaubt, und jene Drohnen, die in Lettland und Estland abgestürzt seien, seien durch russische Luftabwehrsysteme abgelenkt worden. Den baltischen Staaten zufolge habe man die Ukraine zudem zu größerer Vorsicht beim Einsatz von Drohnen aufgefordert – als ob Kiew den baltischen Korridor absichtlich genutzt hätte, ohne die betroffenen Länder zu informieren. Es ist nicht das erste Mal, dass ukrainische Drohnen in den Luftraum der NATO eindringen. Man macht dafür naturgemäß Russland verantwortlich.

In einem Interview mit der Online-Zeitung „East and West“ erklärte Stanislaw Tkachenko, Professor für Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, das vorrangige Ziel Russlands sei „der erfolgreiche Abschluss der speziellen Militäroperation und die Zerschlagung des Nazi-Regimes in der Ukraine. Darauf soll eine umfassende diplomatische und wirtschaftliche Distanzierung von Europa folgen.“ Tkachenko fügte hinzu: „Russland wird Informationen über die Verteidigungsfähigkeiten der baltischen Staaten sammeln, mit dem Ziel, diese mittelfristig zu neutralisieren. In Moskau setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die drei baltischen Staaten den Test der Souveränität nicht bestanden haben und es vorgezogen haben, diese gegen den Status von ‚Juniorpartnern‘ im Kampf des Westens gegen Russland einzutauschen. Daher wird auf die aktuellen feindseligen Handlungen von Tallinn, Riga und Vilnius zwangsläufig eine militärisch-technische Antwort folgen – und sie wird nicht lange auf sich warten lassen.“ 

Manchmal führt die Vorbereitung auf den Krieg – anders als es die alte Maxime nahelegt – nicht zum Frieden, sondern lediglich zu noch mehr Krieg.

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