Die Küche von Maria bereitet einen Konvoi mit Hilfsgütern in den Süden vor. (Alle Fotos mit Ausnahme von Amal Khalil von Karin Leukefeld)

Ein aktueller Bericht aus dem Libanon – Israel bombt noch immer …

(Red. Karin Leukefeld ist trotz aller dortigen Gefahren wieder nach Beirut gereist und beobachtet jetzt dort mit eigenen Augen und im direkten Gespräch mit Einheimischen und Geflüchteten, was da vor sich geht. Was klar ist: Israel versucht nicht zum ersten Mal, Teile des Libanon für die Einheimischen unbewohnbar zu machen und sich diese Regionen für immer anzueignen. Dutzende von Hilfsorganisationen sind im Einsatz, aber eine friedliche Lösung ist nicht in Sicht. Und die Welt schaut zu und lässt Israel seine grandiosen Expansionspläne mit Waffengewalt weiterführen. (cm)

Vorab: Journalisten im Visier

Am 22. April wurden zwei Journalistinnen von israelischen Drohnen regelrecht gejagt, als sie in Tiri, einem Ort im Bezirk von Bint Jbeil einen Angriff der israelischen Luftwaffe dokumentieren wollten. Ihre zwei Begleiter vom Zivilschutz wurden im vorausfahrenden Fahrzeug getötet. Die Journalistinnen versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Das israelische Militär ließ weder das Rote Kreuz noch die libanesische Armee zu dem Ort des Geschehens, um die beiden Journalistinnen zu evakuieren. Etwa eine Stunde später wurde das Fahrzeug der Journalistinnen von einer israelischen Drohne zerstört. Sie brachten sich in einem Haus in Sicherheit, das kurz darauf von der israelischen Luftwaffe bombardiert wurde. Mehr als eine Stunde später erst wurde das Rote Kreuz und die libanesische Armee zugelassen. Sie konnten die Fotografin Zeinab Faraj schwer verletzt evakuieren. Israelische Soldaten feuerten dabei auf die Rettungssanitäter und warfen Blendgranaten auf das Fahrzeug. Die zweite Journalistin, Amal Khalil, eine bekannte Mitarbeiterin der libanesischen Tageszeitung Al Akhbar, konnte erst spät in der Nacht nur noch tot geborgen werden.

Diese libanesische Journalistin, Amal Khalil, wurde von den Israelis gezielt verfolgt und ermordet (Foto AFP)

Auf der Flucht im eigenen Land – So versucht Israel, den südlichen Libanon zu besetzen

Die von US-Präsident Donald Trump angeordnete „Waffenruhe“ im Libanon wurde für drei weitere Wochen verlängert. Doch der Alltag im Land bleibt unsicher. Das Büro für die Koordination humanitärer Hilfe der Vereinten Nationen OCHA, schreibt in seinem Bericht vom 23. April, dass in den 642 Sammelnotunterkünften im Land 3 Prozent mehr Inlandsvertriebene registriert wurden: 121,225 Personen. Das ist allerdings nur ein Bruchteil der mehr als 1,2 Millionen Menschen, die aus dem südlichen Libanon seit dem 2. März von israelischen Angriffen und Evakuierungsanordnungen vertrieben wurden. Die Vertriebenen bewegen sich hin und her auf der Suche nach einem sicheren Ort. Viele kommen in der Hauptstadt Beirut unter, wo sie – wie fast überall im Land – auch nicht sicher sind. Die Sicherheitslage bleibt höchst instabil, so OCHA. Risiken für die Bevölkerung sind wegen anhaltender israelischer Artillerie- und Luftangriffe hoch, Notunterkünfte sind überfüllt und der Zugang zu lebenswichtiger Versorgung sei mangelhaft. Die allgemeinen Lebenshaltungskosten haben sich um bis zu 6% verteuert.

Die humanitäre Situation im Libanon bleibt kritisch, die humanitären Bedürfnisse der Bevölkerung sind immens. Mehr als eine Million Menschen sind weiter vertrieben und ihre Rückkehr in ihre Dörfer und Häuser ist trotz der „Waffenruhe“ nicht sicher und oft gar nicht möglich. Bombardierungen gibt es weiterhin täglich, Hauszerstörungen und Luftangriffe. Zivilisten werden vom israelischen Militär zudem daran gehindert, in ihre Dörfer und Häuser jenseits einer so genannten „gelben Linie“ zurückzukehren. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Diese „gelbe Linie“ hat Israel verkündet und bezieht sich dabei ausdrücklich auf das eigene Vorgehen im Gaza-Streifen. Die dort mit Feuergewalt durchgesetzte „gelbe Linie“ umfasst nach israelischen Angaben 58 Prozent des gesamten palästinensischen Gaza-Streifens und wird von israelischen Truppen aus „Sicherheitsgründen“ besetzt gehalten.

Im südlichen Libanon hat die israelische Armee die „Blaue Linie“ überrannt, die von der dort stationierten UN-Friedensmission für Libanon UNIFIL als offizielle Waffenstillstandslinie zwischen Israel und Libanon markiert worden war. Mindestens 55 Dörfer entlang der „Blauen Linie“ wurden von Israel aufgelistet, in die deren ursprüngliche Bewohner nicht zurückkehren dürfen. Sollten sie es dennoch versuchen, werden sie getötet oder verschleppt. Ihre Häuser und Grundstücke macht Israel – aus „Sicherheitsgründen“ – dem Erdboden gleich. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Am Sonntag wurden Flugblätter von Flugzeugen der israelische Armee über Tyros, der südlichsten Hafenstadt des Landes abgeworfen, um die Bewohner des Landes aufzufordern, nicht in das Gebiet des Litani-Flusses zurückzukehren. Auch das Salhani Tal und Al Salqouqi seien für die Libanesen Sperrgebiet. Israel will eine „Pufferzone“ militärisch durchsetzen, die mindestens 6 Prozent des libanesischen Territoriums umfassen soll.  Erste Karten zeigen, dass sämtliche mehrheitlich von Schiiten bewohnten Dörfer entlang der „Blauen Linie“ von Israel zerstört werden sollen, um Besatzungstruppen dort zu stationieren. Unklar ist, welches Schicksal die christlichen und drusischen Dörfer in dem Gebiet erwartet. Beobachter halten das erst für den Anfang der militärischen Landnahme, die Israel seit Jahrzehnten verfolgt. Selbst westlich, in das seeseitige Territorium des Zedernstaates hat Israel für sich markiert. Dieses maritime Gebiet umfasst auch das libanesische Gasfeld Qana. Erst 2022 war zwischen Israel und Libanon eine Vereinbarung über die Grenze zwischen dem Qana Gasfeld (Block 9) und dem israelischen Karish Gasfeld vereinbart worden. Die neue israelische Karte zeigt, dass Israel sich die – noch unerschlossenen – Energieressourcen des Libanon aneignen will.

Mehr als 500 Mal die „Waffenruhe“ gebrochen

Die libanesische Regierung ordnete den Rückzug der libanesischen Armee aus dem von Israel markierten Gebiet der „gelben Linie“ und südlich davon gelegenen Stützpunkten der LAF an. Für jeden Beobachter wurde damit klar, dass die Regierung in Beirut den Weg für die israelische Besatzung frei machte. Die dort lebenden Menschen haben keinen Schutz vor den israelischen Angriffen. Sie können nicht die Zerstörung ihrer Felder, ihrer Straßen, ihrer Häuser und Ortschaften verhindern. 

Die libanesische Hisbollah stellt sich inzwischen auf verschiedene Weise den israelischen Besatzungstruppen entgegen. Israel nimmt das zum Anlaß, um noch mehr und noch weitreichender den Libanon anzugreifen. Nach erneuten Evakuierungsanordnungen der israelischen Besatzungstruppen und Dutzenden Luftangriffen, die am vergangenen Wochenende mindestens 22 Personen töteten, die bereits auf der Flucht waren, darunter zwei Kinder, veröffentlichte die Hisbollah am Sonntag eine Stellungnahme

Darin bekräftigte die Organisation, dass der Widerstand weiterhin „die feindlichen israelischen Truppen angreifen“ werde, die libanesisches Territorium besetzt hielten. Es sei das legitime Recht und entspreche internationalen Vereinbarungen. Auch „Angriffe auf Siedlungen des Feindes im nördlichen besetzten Palästina“ seien eine „legitime Antwort auf die anhaltenden Verletzungen der Waffenruhe vom ersten Tag der Erklärung einer befristeten Waffenruhe an“, hieß es in der Erklärung. Mehr als 500 Mal habe Israel die Waffenruhe verletzt und zwar am Boden, vom Meer und aus der Luft, Häuser seien zerstört worden und „Dutzende Märtyrer unseres standhaften Volkes“ seien getötet und verletzt worden. Man habe die Erklärung von Netanyahu am Sonntag gehört, in der er dieser behauptet habe, Hisbollah mißachte die Waffenruhe und Israel, „der Feind“, habe das Recht und die Freiheit im Libanon zu handeln. Das entspreche einer „Vereinbarung mit den USA und Libanon“, so Netanyahu. Hisbollah verurteilte diese Erklärung und warnte davor, die libanesische Regierung in ein bilaterales Abkommen zu verwickeln, das es nur zwischen Israel und Washington gebe. Libanon habe darin weder eine Meinung noch eine Position und habe daher auch nicht zustimmen können.

Am Montag verschärfte Hisbollah ihre Ankündigung, das Land gegen die israelischen Besatzer zu verteidigen. Man werde wieder auf die „Taktik der 1980iger Jahre zurückgreifen“, so ein Vertreter der Organisation gegenüber Journalisten. Dazu gehöre auch „Gruppen von Selbstmordattentätern zu mobilisieren.“ Ziel sei zu verhindern, dass Israel den südlichen Libanon besiedeln könne. Der libanesische Präsident Joseph Aoun reagierte am Montag auf eine Rede des Hisbollah-Generalsekretärs Naim Qassem mit scharfem Widerspruch. Qassem hatte die Regierung erneut aufgefordert, nicht mit Israel zu verhandeln, wofür es kein Mandat der libanesischen Bevölkerung gebe. Aoun wies das zurück und warf Qassem vor, Hisbollah habe Verrat an Libanon verübt. Sie habe niemanden befragt, als sie Libanon in den Krieg gerissen habe.  Er werde also auch niemanden fragen, wenn er Frieden mit Israel machen wolle, so Aoun.

Gesellschaftliche Spaltung nutzt Israel

In der libanesischen Gesellschaft – die auch politisch in verschiedene Religionsgruppen zerteilt ist – verschärft sich der Ton gegen die Hisbollah, deren Bündnispartner und Unterstützer. Schiiten werden zunehmend als „Iraner“ bezeichnet, der Iran – den Israel ebenfalls zusammen mit den USA am 28. Februar angriff – sei eine Besatzungsmacht, heißt es in den so genannten „sozialen Medien“. Israel nutzt das, um neben den militärischen Angriffen im ganzen Land die gesellschaftliche Spaltung zu vertiefen. Gleichzeitig bietet Israel der libanesischen Regierung die Zusammenarbeit an – gegen die Hisbollah. 

Kurz vor Beginn der zweiten Gesprächsrunde der libanesischen und israelischen Botschafter in den USA (23.4.), hatte der israelische Außenminister Gideon Sa’ar an die libanesische Regierung appelliert, mit Israel zusammenzuarbeiten. „Lassen sie uns zusammen gegen den Terrorstaat arbeiten, den Hisbollah auf ihrem Territorium aufgebaut hat“, so Sa’ar. Es gäbe nur „ein Hindernis für Frieden und Normalisierung zwischen unseren Ländern – das ist Hisbollah.“

Die Partei verfügt über 15 Sitze im Parlament und hat im Bündnis mit der Amal-Bewegung und der Freien Patriotischen Bewegung 62 von 128 Abgeordneten im libanesischen Parlament. Die letzten Wahlen waren 2022. Neuwahlen wären 2026 fällig, wurden aber von dem neuen Ministerpräsidenten Nawaf Salam um zwei Jahre verschoben. Präsident Joseph Aoun hat wiederholt Neuwahlen ins Spiel gebracht. Die angespannte innenpolitische Situation und der Krieg mit Israel vertiefen die gesellschaftliche Spaltung, was Israel für seine Interessen nutzt. 

Generationen auf der Flucht

Die fortgesetzten Angriffe Israels richten sich gegen die schiitischen Libanesen, deren Häuser, Höfe, Geschäfte, Felder, deren ganzes Leben Tel Aviv zu Stützpunkten der „iranischen Hisbollah“ erklärt hat. Damit niemand im Land auf die Idee komme, sich mit seinen Landsleuten, die einen anderen Glauben haben, zu verbünden, hat Israel den gesamten Libanon zur Kampfzone gegen die Hisbollah erklärt. Mehr als 2.520 Menschen seien seit dem 2. März von Israel getötet worden, so das libanesische Gesundheitsministerium. Darunter fast 200 Kinder und etwa ebenso viele Frauen wurden von Israel getötet. Der Krieg richtet sich gegen die gesamte libanesische Gesellschaft.

Viele der Menschen, die seit dem 2. März auf der Flucht sind, haben seit Generationen Flucht erfahren. Die Eltern, Großeltern und auch die Generation davor mußten fliehen: vor den Osmanen, vor den Franzosen, vor zionistischen Milizen, vor der israelischen Armee. Die Osmanen führten Zwangsrekrutierungen im ersten Weltkrieg durch und töteten Aktivisten der Arabischen Nationalbewegung auf dem Märtyrerplatz in Beirut. Die französische Mandatsmacht hinterließ dem Libanon ein sektiererisches politisches System, wonach die höchsten politischen Ämter auf die (christlichen) Maroniten (Präsident), sunnitische Muslime (Ministerpräsident) und schiitische Muslime (Parlamentspräsident) aufgeteilt wurden. Das verhindert bis heute nicht nur ein freies, politisches System, sondern trägt auch zu religiösen innergesellschaftlichen Spannungen bei.

Nach UN-Angaben leben aktuell in 642 Notunterkünften im Libanon mehr als 120.000 Inlandsvertriebene. Andere Inlandsvertriebene konnten mit Hilfe von Angehörigen im Ausland auch eine Hotelunterkunft in Anspruch nehmen oder eine Wohnung nördlich von Beirut in den mehrheitlich von Drusen und Christen besiedelten Bergen mieten. Gestrandete Gemeinden und solche, die ihre Dörfer nicht verlassen wollen, können mit Hilfskonvois versorgt werden. Zwischen dem 2. März und dem 23. April konnten demnach 84 solcher Konvois unter anderem die Orte Hasbaya, Chebaa, Ein Ebel, Tyros, Rmeish, Rihane, Ebel El Saqi und Tebnin erreichen.

„Jeder hat das Recht auf eine warme Mahlzeit“

Auch die „Küche von Maria“ hat sich bereits an einigen dieser Konvois für die Orte Debel, Rhmeish und Ein Ebel im Bezirk von Bint Jbeil beteiligt. Pater Hani Tawk sitzt in dem großen Restaurant, wo normalerweise Tische und Stühle die hungrigen Mittagsgäste willkommen heißen. Nun ist der Raum vollgestellt mit Wasserflaschen, Toilettenpapier, Medikamentenkartons, mit Mehl- und Linsensäcken, mit Obst und Gemüse. Auf allen Paketen prangt ein Aufkleber „Sidney to Lebanon“. Eine Gemeinde in Australien, deren Priester aus Debel komme, habe die Hilfe gespendet. „Morgen um 5:00 Uhr geht es los“, sagt Pater Hani und blickt sorgenvoll auf die vielen Kartons. „Ich habe um drei Lastwagen gebeten, aber uns wurde nur ein Lastwagen zugestanden“, sagt er. Er hoffe die restlichen Hilfsgüter dann bei späteren Konvois zu den Menschen in den drei christlichen Orten im Südlibanon bringen zu können. 

Auf die Frage der Autorin, ob sie sich dem Konvoi anschließen könne, kommt eine klare Absage: „Wir müssen Wochen vorher eine Liste der Personen vorlegen, die den Konvoi begleiten“ erklärt Pater Hani. Die Angaben würden von der Libanesischen Armee, von der UNIFIl und vom Israelischen Militär geprüft. Journalisten seien nicht zugelassen.“ Dieses Mal werde der Konvoi wieder vom Nuntius des Vatikan im Libanon, von Erzbischof Paolo Borgia begleitet, sagt Pater Hani. Der Lastwagen seiner Küche werde in Rmeisch und in Debel entladen. „Ein Ebel ist beim nächsten Mal wieder dran.“ Die Fahrt dauert sieben Stunden, den Geleitschutz bietet UNIFIL. Pro Ort haben sie eine Stunde zum Entladen, für einen kurzen Gottesdienst und Austausch von Neuigkeiten. Dann geht es weiter, um die Rückfahrt noch bei Tageslicht antreten zu können.

Die Suppenküche der Maria liegt in Karantina, am Hafen von Beirut. Hier wurden ursprünglich – vor Jahrhunderten – kranke Seeleute in Quarantäne untergebracht. Nach  der Vertreibung der Armenier aus dem Osmanischen Reich fanden armenische Flüchtlinge hier nach dem Ersten Weltkrieg um 1920 Zuflucht, ein Flüchtlingslager blieb es für Armenier, Palästinenser, Kurden, Syrer und für libanesische Vertriebene, zumeist Schiiten – bis das Lager 1976 von christlichen Milizen überfallen und zerstört wurde. Bis zu 1500 Menschen wurden getötet.

Pater Hani richtete die Suppenküche für Wohnungslose, Arbeitslose und andere Gestrandete und Hilfesuchende ein. In Erinnerung an seine Mutter Maria nannte er die Küche nach ihr. Nach der Explosion im Hafen von Beirut half die Küche Hunderten Menschen mit einer warmen Mahlzeit am Tag, später kam eine fahrbare Küche dazu, die in die Stadtteile von Beirut und auch auf die Dörfer fuhr. Während des Krieges 2024 und auch aktuell wieder ist die Hilfe der Küche gefragt. Sie versorgt nicht nur Menschen, die Hunger haben, sondern gibt auch Arbeitslosen und Menschen, die besondere Bedürfnisse haben, Arbeit. Finanzielle Hilfe bekommt das Projekt u.a. von dem libanesisch-stämmigen Inhaber des internationalen Containerunternehmens CMA-CGM. Wichtig für ihn sei, dass die Menschen, die in die Küche kämen, weder über Religion noch über Politik reden sollten. „Wir haben verschiedenen Glauben und unterschiedliche Meinungen“, so der Priester. „Aber Hunger hat jeder Mensch, und jeder Mensch hat das Recht auf eine warme Mahlzeit.“

Die ursprünglichen Bewohner des Landes

Die Notunterkünfte in Beirut werden vom Ministerium für Familie und Soziales verwaltet. Die Arbeit mit den Menschen, die dort untergebracht sind, wird von Freiwilligen absolviert. Das ehemalige allgemeine Krankenhaus von Beirut gehört der Familie Nawfal, in der es viele Ärzte gibt. Schon 2024 haben sie das Krankenhaus zur Verfügung gestellt, 140 Familien sind dort aktuell untergebracht. Fast alle Familien kommen aus den südlichen Orten an der „Blauen Linie“, der Waffenstillstandslinie zwischen Libanon und Israel. Nun hat Israel fast alle Orte zerstört. Viele der Familien, die aktuell im Allgemeinen Beirut Krankenhaus wohnen, waren schon im Krieg 2024 hier untergekommen, erzählt Zahra, eine Studentin, die mit ihrer Familie schon damals aus Mais al Jabel fliehen mußte.

„Wir sind friedvolle Leute“, sagt ihr Vater im Gespräch mit der Autorin. Mais al Jabal liege genau an der „Grenze“. 25.000 Einwohner habe Mais vor Oktober 2023 gehabt. Er habe ein Geschäft für Möbel gehabt, der Familie sei es gut gegangen. Seine Tochter Zahra übersetzt souverän, dass er der Regierung skeptisch gegenüber stehe. „Wenn Ministerpräsident Nawaf Salam in einem Moment großer Gefahr die libanesische Armee abzieht und uns, die Leute, dem Feind überläßt, was sollen wir dann denken?!“ Ob der Mann ehrlich sei, wenn er die Menschen dem Feind überläßt? „Wir denken, dass Nawaf Salam von den USA in den Libanon geschickt wurde, um andere, nicht unsere Interessen zu vertreten“, fügt er hinzu. „Das ist, was wir sehen.“ 

Herr A. sitzt mit Teilen seiner Familie und Nachbarn aus seinem Heimatort in einem schmucklosen Gang der Notunterkunft, an dessen Ende sie mit Sesseln eine Sitzecke eingerichtet haben.  Auf die Frage, wie sie sich informierten, sagen die Anwesenden, über soziale Medien sei man über das, was im Land geschehe, aktuell informiert. „Und wir verfolgen die Nachrichten aus Israel, den USA und Libanon“, sagt Herr A. „Über das Handy.“ „Wenn wir Strom haben und Internet“, fügt seine Nachbarin hinzu. Alle lachen. Strom ist knapp, es fehlt an Treibstoff, um den Generator zu betreiben.

Sie alle seien traurig, über das, was ihrer Heimat angetan werde, sagt Familienvater A.. Schon 2024 sei ihr Ort von Israel weitgehend zerstört worden, jetzt sei alles dem Erdboden gleichgemacht und Israel habe begonnen, Teile des Südlibanon zu besetzen. „Es heißt, dass die Waffen schweigen, seit es eine ‚Waffenruhe‘ gibt“, so Herr A. „Aber die israelische Zerstörung geht weiter, jeden Tag gibt es Tote.“

Auf die Frage, ob er ein Ende in Sicht sehe, zückt der Mann mit den Schultern. „Wir hoffen es“, sagt er. „Aber das wird nicht durch Reden gehen, sondern nur mit militärischer Stärke“, beantwortet er eine Frage, die als nächstes folgen sollte. „Was denken Sie denn über die Gespräche der Botschafter in Washington?“ Israel habe „keine Ahnung von Diplomatie“, antwortet Herr A. „Selbst einige europäische Staaten haben Israel schon aufgefordert, seinen Kurs zu ändern.“ Sie alle wollten Frieden, doch „nur der Widerstand wird Frieden durchsetzen können.“

Abu Ali, der gemeinsam mit einem Herrn Mohamed die Aufgabe der Koordination übernommen hat, berichtet von Hilfe, die engagierte Organisationen ihnen gebracht hätten. Eine davon ist die Frauenorganisation Wardah Boutros, die entsprechend von Listen, die ihnen Abu Ali gibt, Sanitärboxen, Hygieneartikel, Kartons mit Grundnahrungsmitteln oder Öl gespendet hat. Die Hilfsgelder kommen durch Sammelaktionen im Ausland zusammen, aktuell soll das Krankenhaus wieder an das Stromnetz angeschlossen werden, damit Wasser in die Tanks auf dem Dach gepumpt werden kann und die Bewohner ihre Handys wieder aufladen können. Wardah Boutros war eine Arbeiterin in einer Tabakfabrik und hatte sich 1946 an einem Streik für den 8-Stundentag beteiligt. Der Inhaber der Fabrik war damals ein Franzose, das französische Mandat war gerade abgelaufen. Der damalige Innenminister mobilisierte die Armee, um den Streik niederzuschlagen. Die Soldaten schossen auf die Streikenden und Wardah Boutros, die in der ersten Reihe gestanden hatte, wurde getötet.

Jenseits der Hilfe von privater Seite erhalten die Vertriebenen täglich drei Mahlzeiten, die eine Großküche zubereitet. „Leider kommt das Essen sehr unregelmäßig“, sagt Abu Ali und zuckt mit den Schultern. „Alle sind auf das Essen angewiesen, weil sie kein Geld haben, es hier keine Küche gibt und sie nicht kochen können.“

Im Fußballstadion gestrandet

Auch in dem größten Stadion von Beirut, im Camille Chamoun Stadion, sind Inlandsvertriebene untergebracht und auch hier leben aktuell Familien, die schon 2024 in dem Stadion untergebracht waren. Das Stadion hat mehr als 48.000 Sitze, bis zum Beginn des Krieges 2024 war hier eine Basis der libanesischen Armee, die auch aktuell weiter hier einen Stützpunkt hat.

Ein Blick ins Stadion, der Vater geht mit seiner Tochter gerade in die mobile Klinik …

Betreut werden die Vertriebenen vom Libanesischen Roten Kreuz, von Freiwilligen. Sie kommen aus allen Teilen des Landes, manche arbeiten schon seit den 1980iger Jahren für das Rote Kreuz. 1360 Inlandsvertriebene sind aktuell dort registriert, rund 300 Familien, die in 300 Zelten leben, die in den Sammelräumen unter den Sitzrängen des Stadions aufgebaut sind. Neben den Zelten wurde eine Trinkwasseranlage aufgebaut, Toiletten- und Waschmöglichkeiten, in zwei gesonderten Bereichen sind Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen, die Rollstühle benötigen und wo Rampen errichtet wurden. Die Frauen putzten jeden Morgen vor den Zelten, sagt ein Freiwilliger, der die Autorin bei einem Rundgang begleitet. Auch Männer würden zu Besen und Handfeger und helfen. Je nachdem, wie viele Personen eine Familie hat, gibt es drei oder auch mehr Zelte, auf jedem Zelt steht, wie viele Personen darin wohnen. Täglich ist eine mobile Klinik des Roten Kreuzes geöffnet, es gibt Strom vom Generator, der nachts um 1:00 Uhr morgens abgestellt wird. Auch Solarpanelen sind installiert. Essen wird von einer Großküche im Auftrag des Welternährungsprogramms geliefert: Frühstück, Mittag- und Abendessen. Alle 14 Tage erhalten die Familien zudem eine  Box mit Fertigmahlzeiten, doch vor allem die älteren Menschen leiden darunter, nicht selber kochen zu können, was sie kennen und mögen.

Die Inlandsvertriebenen kommen aus dem Südlibanon, aus dem Süden von Beirut, der auch massiv von Israel bombardiert wurde und aus der Bekaa-Ebene. Die Versorgung der Menschen ist gut, vergleicht man es mit anderen Notunterkünften. Doch kein Ort und niemand kann den Vertriebenen ihr Zuhause ersetzen.

„Unser Dorf, unser Land liegen uns am Herzen“, sagt die 71-jährige Zeinab Ridha im Gespräch mit der Autorin. „Wir sind alle traurig, weil wir nicht wissen, ob und wann wir in unser Dorf zurückkehren können.“ Die Frau stammt aus Markaba, direkt an der Grenze zu Israel. Sie habe nie geheiratet, früher habe sie als Buchhalterin bei Kentucky Fried Chicken gearbeitet. In Markaba habe sie mit Mutter und Schwester dann auf einem Hof gelebt, der ihnen gehört habe. Sie bauten Kräuter und Gemüse an, genug für die kleine Familie. Von ihrem Bruder hätten sie monatlich etwas Geld bekommen. Seit der Krieg 2024 begonnen habe, sei sie drei Mal geflohen. So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen. Sie sei mit ihrer Schwester erst nach Südbeirut geflohen, wo sie Familie hatten. Weil auch dort bombardiert wurde, seien sie alle zum Stadion gezogen. Die Familie habe 14 Personen, sie lebten jetzt in drei Zelten.

Die 71-jährige Zeinab Ridha im Gespräch mit der Autorin: „Wir sind alle traurig, weil wir nicht wissen, ob und wann wir in unser Dorf zurückkehren können.“ Die Frau stammt aus Markaba. Jetzt lebt sie in einem Zelt auf dem Areal des Stadions.

Nichts könne sie jetzt tun, nur warten, sagt Zainab Ridha. Sie kümmere sich um die Enkelkinder. Alles, was sie wolle, sei, nach Hause zu gehen und endlich in Frieden zu leben. Die anderen Staaten der Welt müßten eine Lösung für das Problem finden. Was das Problem sei? Israel, seit mehr als 80 Jahren. Sie und ihre Familie hätten alles erlebt. Immer wieder sei Israel in den Libanon eingefallen und habe versucht, sie zu vertreiben. Donald Trump sage immer, er wolle Frieden machen und beginne einen Krieg nach dem anderen. 

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