KI-generiertes Symbolbild: Donald Trumps Verhandlungsmethode – körpersprachlich ...

Kommentar | Trumps „Grand Bargain“: ein Deal ohne Gegenseitigkeit

Washington verlangt von Teheran Verzicht, Gefolgschaft und strategische Selbstentkernung – und nennt es Verhandlung. Der eigentliche iranische „Grand Bargain“ sah seit Jahren etwas anderes vor: Gegenseitige Zugeständnisse statt einseitiger Unterwerfung.

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Der Ausdruck klingt nach Staatskunst, nach historischer Größe, nach einem Wurf, der einen festgefahrenen Konflikt endlich auflöst. Doch der „Grand Bargain“, den US-Vizepräsident JD Vance nach Gesprächen mit iranischen Vertretern in Islamabad umriss, ist bei näherem Hinsehen gerade kein großer gegenseitiger Ausgleich, anstatt dessen die rhetorische Veredelung eines alten amerikanischen Musters. Iran soll verzichten, zurückweichen und seine regionalen Positionen räumen, während Washington dafür wirtschaftliche Erleichterung in Aussicht stellt. Vance formulierte es schlicht. Wenn Iran sich verpflichte, keine Atomwaffe zu besitzen, werde man dafür sorgen, dass das Land wirtschaftlich aufblühe. Wie großmütig. Genau darin liegt jedoch der blinde Fleck. Denn wenn dies tatsächlich das Angebot wäre, gäbe es den Kern eines Abkommens längst. Im JCPOA von 2015 hat Iran erklärt, niemals Atomwaffen anzustreben, zu entwickeln oder zu erwerben. Das Abkommen trat in Kraft, bevor Donald Trump es später aufkündigte. (1)(2)

Hier beginnt der entscheidende Unterschied zwischen amerikanischer und iranischer Vorstellung von einem „Deal“. Washington versteht darunter seit Jahren im Kern einen einseitigen Anpassungsvorgang. Iran soll sein Nuklearprogramm nicht nur begrenzen, es soll auch auf strategisch sensible Fähigkeiten verzichten, seine regionale Unterstützung für verbündete Akteure zurückfahren und sich einer von den USA definierten Sicherheitsordnung unterwerfen. Teheran hat demgegenüber wiederholt ein Tauschverhältnis angeboten. Atomare Begrenzung, sicherheitspolitische Kooperation und regionale Mäßigung gegen Anerkennung der eigenen Souveränität, gegen das Ende der Sanktionsstrangulierung, gegen Verzicht auf Regime-Change und gegen eine ernsthafte politische Bewegung in der Palästinafrage. Genau diese wechselseitige Logik ist in Washington seit Jahrzehnten die systematische Blockade. (3)(4)

Dass die Trump-Regierung heute so spricht, als beginne die Geschichte erst jetzt, verdeckt zudem die Kontinuität amerikanischer Politik. Auf Trumps Ausstieg aus dem JCPOA folgte die Strategie des „maximalen Drucks“, also eine umfassende Sanktionspolitik mit dem erklärten Ziel, Irans Ökonomie schwer zu treffen. Der Journalist Aaron Maté, der seit Jahren zur amerikanischen Außenpolitik arbeitet, weist in einer Analyse (1) darauf hin, dass diese ökonomische Kriegsführung in der Übergangszeit auch unter Präsident Biden nicht grundsätzlich revidiert wurde. Die Biden-Regierung kehrte zwar rhetorisch zur Diplomatie zurück, die Sanktionsarchitektur aber blieb in wesentlichen Teilen bestehen. Wer heute von einem neuen Angebot spricht, muss also zunächst erklären, warum die USA eine bereits erreichte nukleare Verständigung zerstörten und anschließend an der ökonomischen Erstickungslogik festhielten. (1)(2)(5)

Hinzu kommt, dass die israelische Kriegsbegründung selbst auf einem seit Jahren wiederholten, aber bis heute nicht belegten Kernvorwurf beruht. Israels Premier Benjamin Netanyahu behauptet regelmäßig, Iran stehe faktisch vor der Bombe oder arbeite konkret an ihrer Herstellung. Doch auch in der jüngsten Eskalationsphase wurden für diese zugespitzte Behauptung keine belastbaren Belege vorgelegt. Gerade diese Verwischung zwischen einem technisch sensiblen Nuklearprogramm und einer nachgewiesenen laufenden Atomwaffenproduktion ist politisch folgenreich. Denn auf dieser Grundlage wurde erneut eine Eskalation legitimiert, deren menschliche Bilanz verheerend ist. Im Libanon wurden Tausende Menschen getötet, Hunderttausende bis über eine Million vertrieben, ganze Wohngebiete zerstört und ein weiteres Mal eine Gesellschaft verwüstet. Die Frage ist deshalb nicht nur, was Netanyahu behauptet. Die immanente Frage lautet, wie lange unbelegte Maximalbehauptungen noch als moralische und politische Lizenz zur Verwüstung einer ganzen Region dienen sollen. (8)(9)(10)

Im Libanon zeigt sich, dass diese Eskalationspolitik nicht in einem politischen Vakuum einschlägt. Die Bevölkerung trägt dessen Last unmittelbar durch die ständige Erfahrung, zwischen israelischer Militärgewalt, westlicher Verhandlungsrhetorik und den eigenen inneren Spannungen zerrieben zu werden. Zwar gibt es im Libanon erhebliche Differenzen über die Rolle und den Kurs der Hisbollah, doch eine Normalisierung mit Israel unter den Bedingungen fortgesetzter Gewalt und offener Drohkulissen wird von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt. Gerade deshalb ist der Libanon in diesem Konflikt Exerzierfeld fremder Interessen. Was wird aus Gesellschaften, die zum dauerhaften Austragungsort geopolitischer Strategien gemacht werden? (8)(9)

Hinzu kommt, dass der aktuelle Streit schon längst nicht mehr auf die Frage der Urananreicherung reduziert werden kann. Medienberichte über die gegenwärtigen Gespräche konzentrieren sich zwar stark auf technische Parameter des Nuklearprogramms, auf Laufzeiten, Begrenzungen und Kontrollfragen. Doch selbst Matés Einordnung macht deutlich, dass das Nukleare allein nicht das eigentliche Zentrum des Konflikts ist. In der jüngsten Verhandlungsrunde in Genf, so seine Darstellung, habe Iran sogar zusätzliche Beweglichkeit erkennen lassen und jede Anhäufung von Uran ausgeschlossen, die einen potenziellen Weg zur Bombe offenließe. Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, ob Teheran zu technischen Einschränkungen bereit ist. Welche politischen Gegenleistungen Washington dafür zu geben bereit wäre, steht unweigerlich im Raum. Wenn die USA fordern, Iran solle zugleich auf friedliche Anreicherung und auf seine Unterstützung regionaler Kräfte verzichten, dann ist das kein symmetrischer Interessenausgleich. Es ist schlicht und ergreifend die Forderung nach strategischer Selbstentkernung. (1)

Dass in Washington durchaus bekannt ist, dass Diplomatie möglich wäre, zeigt auch der Bericht der „New York Times“ über Trumps Weg in den Krieg. Demnach berichteten Jared Kushner und Steve Witkoff nach Gesprächen mit iranischen Vertretern in Genf dem Präsidenten, man könne „wahrscheinlich etwas aushandeln“, allerdings werde dies Monate dauern und erhebliche Mühe kosten. Dieser Punkt ist bemerkenswert. Denn ein mehrmonatiger Verhandlungsprozess wäre im Vergleich zum fast zweijährigen JCPOA-Verlauf keineswegs außergewöhnlich lang gewesen. Die eigentliche Botschaft lautet also, dass ihr erneut die strategische Geduld fehlte. Kushner und Witkoff kommen in dieser Geschichte als Boten einer Möglichkeit, die politisch nicht ausgeschöpft wurde. (1)(6)

Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, wie eng die israelische Seite nach den Enthüllungen von Journalisten Maggie Haberman und Jonathan Swan von der „New York Times“ in die amerikanische Kriegsentscheidung selbst eingebunden war. Nach ihrer Rekonstruktion saß Benjamin Netanyahu in einer Situation-Room-Sitzung mit Trump und dessen Beratern, als er gemeinsam mit seinem Team die Bedingungen eines angeblich nahezu sicheren Erfolgs gegen Iran präsentierte. Geschildert wird also nicht bloß israelischer Druck von außen. Es bestätigt eine Szene im innersten Entscheidungsraum amerikanischer Macht, in der Netanyahu selbst die Kriegs- und Eskalationslogik vortrug, der Trump anschließend zustimmte. Das wirft ein grelles Licht auf die spätere amerikanische Verhandlungsrhetorik. Wer in einem solchen Setting bereits Teil der Kriegslogik geworden ist, tritt gegenüber Iran schwerlich als neutraler Makler auf. (6)

Aus iranischer Sicht ist das Muster deshalb leicht zu benennen. Man soll am Tisch akzeptieren, was militärisch nicht vollständig durchgesetzt werden konnte. Maté zitiert einen hochrangigen iranischen Beamten mit dem Vorwurf, die Amerikaner glaubten irrtümlich, sie hätten den Krieg gewonnen, und wollten deshalb am Verhandlungstisch diktieren statt verhandeln. Es beschreibt präzise das Wahrnehmungsproblem. Ein Abkommen, das Geben und Nehmen verlangt, wird von Washington immer wieder in die Form eines Loyalitätstests gedrückt. (1)

Die Tiefe dieser Gegensätzlichkeit zeigt sich besonders deutlich im Rückblick auf das Jahr 2003. Damals legte Iran den USA nach später bekannt gewordenen Dokumenten einen umfassenden Vorschlag vor. Begrenzung des Atomprogramms, Kooperation gegen Terrorismus, ein Ende materieller Unterstützung für palästinensische militante Gruppen und Hilfe bei der Umwandlung der Hisbollah in eine rein politische Organisation im Libanon. Im Gegenzug verlangte Teheran Respekt für seine Souveränität, die Aufhebung von Sanktionen und die Akzeptanz der saudischen Friedensinitiative, also letztlich einer regionalen Ordnung, in der auch die Palästinenser einen Staat innerhalb der Grenzen von 1967 erhalten sollten. Das ist der eigentliche Punkt der Gegenseitigkeit. (1)(3)

Dass dieses Angebot in Washington scheiterte, ist ebenfalls dokumentiert. Die „Washington Post“ zitierte Richard Haass – früherer US-Diplomat und langjähriger Präsident des „Council on Foreign Relations“ – mit der rückblickenden Einschätzung, die Grundtendenz der Bush-Regierung sei damals auf Regime-Change gerichtet gewesen. Genau an dieser Stelle wird sichtbar, wie tief der Konflikt reicht. Wenn das eigentliche Ziel politischer Umbau des Gegners ist, dann wird jede Gegenseitigkeit systematisch entwertet. (4) Diese Logik reicht bis in die Gegenwart und erklärt, warum auch multilaterale Initiativen wirkungslos bleiben. Selbst Erklärungen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, die eine Zwei-Staaten-Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines palästinensischen Staates unterstützen, wurden von westlicher Seite nicht in eine verbindliche politische Strategie übersetzt. (7)

Ein sogenannter „Grand Bargain“, der auf unbelegten Bedrohungen, militärischer Vorentscheidung und politischer Einseitigkeit beruht, ist kein Angebot zum Frieden. Er ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln und bleibt damit ein politisches Narrativ. Denn es mangelt am Willen.

(Red.) Am Dienstagabend ist bekannt geworden, dass die neuen „Verhandlungen“ in Pakistan abgesagt wurden. Verständlicherweise, wenn man die US-amerikanischen Verhandlungsangebote kennt …

Quellen und Anmerkungen:
1.) https://www.aaronmate.net/p/trumps-grand-bargain-rejects-irans
2.) https://www.eeas.europa.eu/eeas/joint-comprehensive-plan-action_en
3.) https://static01.nyt.com/packages/pdf/opinion/20070429_iran-memo-3.pdf
4.) https://www.washingtonpost.com/archive/politics/2006/06/18/in-2003-us-spurned-irans-offer-of-dialogue-span-classbankheadsome-officials-lament-lost-opportunity-span/1b6aa764-7acf-4baa-8a4b-e84406d52232/
5.) https://responsiblestatecraft.org/us-war-iran-poverty/
6.) https://www.abc.net.au/news/2026-04-11/iran-war-reshaping-us-politics-trump-netanyahu/106552156,
https://www.axios.com/2026/04/07/exclusive-maggie-haberman-jonathan-swan-book-on-trump-regime-change-coming-in-june; https://globalbridge.ch/dieser-krieg-ist-das-ergebnis-eines-staatsstreichs/; https://www.nytimes.com/2026/04/07/us/politics/trump-iran-war
7.) https://www.oic-oci.org/docdown/?docID=1699&refID=1073
8.) https://www.reuters.com/world/asia-pacific/hopes-middle-east-peace-grow-israel-discusses-lebanon-ceasefire-2026-04-16/
9.) https://www.reuters.com/world/middle-east/lebanon-heads-historic-israel-talks-with-few-hopes-except-staunch-bloodshed-2026-04-10/
10.) https://www.reuters.com/world/china/how-close-is-iran-having-nuclear-weapons-2025-06-18/

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