„Der Iron Dome fängt jede Chance ab, die wir auf eine normale Zukunft haben könnten“
(Red.) «Israels Raketenabwehrsysteme haben die Kosten eines Krieges drastisch gesenkt – und eine Gesellschaft, die Krieg nicht fürchtet, ist dazu verdammt, für immer mit ihm zu leben.» Das schreibt Guevara Bader, ein Student an einer israelischen Universität. Seine Beobachtungen und Gedanken sind beachtenswert! (cm)
Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat die israelische Technik etwas hervorgebracht, das dem ultimativen technologischen Wunder nahekommt: ein mehrschichtiges Raketenabwehrsystem, das anfliegende Geschosse in ein Feuerwerk am Nachthimmel verwandeln kann. Doch unter diesem schützenden Dach hat sich ein unscheinbarer, aber folgenschwerer Wandlungsprozess vollzogen, der gefährlicher ist als die Raketen selbst: Der Iron Dome hat die Angst der Israelis vor dem Krieg beseitigt.
Eine Technologie, die entwickelt wurde, um Leben zu retten, hat ein Gefühl nahezu vollständiger Immunität erzeugt und die Katastrophe des Krieges in eine akzeptable Störung, wenn nicht gar in ein steriles Konsumprodukt verwandelt – etwas, das mit Gleichgültigkeit in den Alltag mit aufgenommen wird, irgendwo zwischen den Abendnachrichten und einer Essenslieferung.
Wenn die Angst vor dem Krieg schwindet, dann auch die Motivation der Öffentlichkeit, ihn zu beenden. In diesem Umfeld verkürzt technologische Sicherheit Kriege nicht, sondern hilft dabei, sie als dauerhaften Zustand aufrechtzuerhalten. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Israel zeigt sich im Zeitalter des Iron Dome nicht mehr als lebendige Zivilgesellschaft, die auch über ein Militär verfügt; stattdessen ist es stolz darauf, im Wesentlichen eine gewaltige Militärbasis zu sein, um die herum das zivile Leben organisiert ist.
Ein seltener Moment der Aufrichtigkeit von Premierminister Benjamin Netanjahu verlieh dieser Transformation Gestalt, als er im vergangenen September in einer Ansprache vor Finanzbeamten warnte, dass Israel einer wachsenden internationalen Isolation gegenüberstehe und zu einem ökonomisch autarken „Super-Sparta“ werden müsse. Später tat er diese Äußerung als „Versprecher“ ab, nachdem die Aktienkurse an der Tel-Aviv-Börse eingebrochen waren. Doch wenn es tatsächlich ein Versprecher war, dann war es ein aufschlussreicher.
Was Netanjahu beschrieb, ist die politische und kulturelle Mischform, in der die Israelis leben: die liberale, kreative Dynamik Athens gepaart mit der strengen Disziplin und dem Militarismus Spartas. In der rohen Version von 2026 entwirft Athen den Algorithmus und Sparta drückt den Abzug.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die wie ein befestigter Militärkomplex funktioniert, der nach nominellen demokratischen Prozessen regiert wird und wo die Grenze zwischen zivilem und militärischem Bereich vollständig verschwommen ist.
Die israelische Industrie ist zu einer gut geölten Maschine militärischer Innovation geworden. Der Krieg ist von einem Versagen der Diplomatie zu einem bestimmenden Merkmal der Existenz des Staates gemacht worden. Dieser interne Verlust der Abschreckung ist unsere nationale Katastrophe, denn eine Gesellschaft, die den Krieg nicht fürchtet, ist dazu verdammt, für immer mit ihm zu leben. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Krieg als Monatsabonnement
Um das Ausmaß dieser Verzerrung zu begreifen, ist es hilfreich, einen Blick auf die Sprache zu werfen, mit der sich die Israelis selbst beschreiben. In Israel gibt es keine „Bürger“, schon gar nicht im langweiligen Sinn demokratischer Teilhabe. Vielmehr gibt es eine „Heimatfront“ – ein Begriff, der die Öffentlichkeit als passive Nachhut der kämpfenden Streitkräfte auffasst. Ihre Funktion besteht darin, die Auswirkungen der Situation abzufedern und Gelassenheit zu bewahren, während sie gleichzeitig die Armee bejubelt, die im Luftraum über ihnen Operationen durchführt.
Faktisch verwandelt die „Heimatfront“ die Bürger in logistische Unterstützungseinheiten, von denen erwartet wird, dass sie „Widerstandsfähigkeit beweisen“ – ein Euphemismus dafür, Leiden ohne Widerspruch zu ertragen, um den ruhigen Blick des Scharfschützen nicht zu beeinträchtigen, während dieser den nächsten erfolgreichen Mordanschlag ausführt.
Dieses Organisationsprinzip trat im vergangenen Juni mit ungewöhnlicher Deutlichkeit zutage. Nach der ersten Kampfrunde mit dem Iran präsentierte der Haaretz-Militäranalyst Amos Harel der Öffentlichkeit Daten, die die israelischen Todesopfer der Anzahl der Raketen gegenüberstellten, die die Luftabwehr des Landes durchbrochen hatten. Die Schlussfolgerung – ein Todesopfer pro drei Raketen, die besiedelte Gebiete trafen – wurde als Beweis dafür herangezogen, dass „Verluste an der Heimatfront bei weitem nicht so katastrophal waren, wie zuvor befürchtet“.
In einer solchen Kalkulation ist der Tod lediglich ein Eintrag in einem Rechnungsbuch. Eine Beerdigung wird nicht als Katastrophe, sondern als akzeptable Betriebskosten verbucht, als trockene Statistik, die es dem System ermöglicht, weiter zu funktionieren. Der Preis ist gering genug, dass Entscheidungsträger einfach zum Stift greifen und ohne jede Ironie fragen können: „Wo unterschreiben wir?“
Wenn Statistiken den Menschen in Tel Aviv erlauben, zwischen den Gängen in den Schutzbunker wieder zu ihrem Kaffee zurückzukehren, fängt die Dringlichkeit, den Kreislauf zu beenden, an zu schwinden. Krieg wird eher zu einer monatlichen Abonnementgebühr als zu einem existenziellen Risiko, und das Abonnement wird so lange aufrechterhalten wie der Preis tragbar sind.
Natürlich wird der Preis unverhältnismäßig stark von Israels palästinensischen Bürgern getragen, die, verglichen mit jüdischen Israelis, sehr viel weniger Zugang zu angemessenen Schutzräumen haben und möglicherweise in Gebieten leben, die als „offene Gebiete“ eingestuft sind, wo der Iron Dome so programmiert ist, dass Raketen einschlagen oder Abfangraketen über ihnen detonieren können.
Diese Normalisierung hat ein beispielloses Wirtschaftsmodell hervorgebracht, in dem Israel sich vom Selbstbild als belagerte Festung zu dem einer Produktionslinie für Verteidigungstechnologien gewandelt hat. Dabei fungiert jeder Konflikt als eine Art kontinuierliches Testfeld. Jede Abfangaktion generiert Daten. Jede Eskalation verfeinert das System.
Die „Heimatfront“ fungiert in diesem Sinne als riesige Gruppe von Beta-Testern, und ihre Störungen werden in Forschungs- und Entwicklungszyklen aufgefangen. Erfolg misst sich nicht nur an geretteten Menschenleben, sondern an Leistungskennzahlen, die den Wert von Aktien der Rüstungsindustrie auf Messen in Paris und Singapur in die Höhe treiben.
Die Welt schaut nicht nur besorgt zu. Wie treue Apple-Kunden, die auf das nächste iPhone warten, ist sie ein Konsument, der beobachtet, welche Technologien unter „Live-Bedingungen“ am besten funktionieren. Der Krieg selbst ist die beste Marketingkampagne, und wenn die nationale Wirtschaft auf globale militärische Überlegenheit angewiesen ist, wird das Streben nach Ruhe als vorsätzliche Sabotage der nationalen Produktionslinie wahrgenommen.
Die Verschiebung einer Lösung ist zum Dauerzustand geworden
Diese Entwicklung vollzog sich schrittweise. Vom Raketenabwehrsystem „Arrow“, das im Jahr 2000 erstmals einsatzbereit war, über den „Iron Dome“ im Jahr 2011 bis hin zu „David’s Sling“ im Jahr 2017 hat jede dieser Innovationen das Sicherheitsgefühl der Israelis gestärkt und verringerte damit das Bewusstsein ihrer Verwundbarkeit. Denn wenn das Dach hermetisch versiegelt ist, gibt es keine Notwendigkeit, einen politischen Weg nach vorne zu suchen oder sich eine Zukunft jenseits des Konflikts vorzustellen.
Heute treten wir in das Zeitalter der Lasersysteme ein. Der „Iron Beam“, der kürzlich in die israelische Luftwaffe integriert wurde, kann Raketen präzise, schnell und „zu einem unerheblichen Kostenaufwand“ abfangen, prahlte das Verteidigungsministerium Ende letzten Jahres.
Die Grenze zwischen Realität und Inszenierung ist inzwischen verschwunden. In einer vielgesehenen Sendunganalysierte ein hochrangiger Militärkommentator auf Channel 12 Videospielaufnahmen, als handele es sich um eine Dokumentation eines US-Angriffs auf den Iran, und hielt sie für Beweise eines anhaltenden Bombardements.
„Das ist amerikanisches Filmmaterial, wir genießen es einfach“, sagte er, während digitale Pixel auf dem Bildschirm flackerten. „Die B-2 greift seit Tagen an … Was wir sehen, ist die volle Kraft der amerikanischen Macht.“ Beunruhigender als seine falsche Identifizierung des Filmmaterials war: Hier wurde deutlich, wie Krieg zu einer Form der Unterhaltung wird.
Über all dem steht eine politische Führung, die mit rechtlichem und diplomatischem Druck zu kämpfen hat. Netanjahu sitzt in seiner Residenz in Caesarea mit einer offenen Vorladung nach Den Haag. Der ehemalige Verteidigungsminister Yoav Gallant wird ebenfalls wegen in Gaza begangener Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit gesucht. Zugleich taucht Präsident Isaac Herzog in Beweismaterial auf, das dem Internationalen Gerichtshof vorgelegt wurde, weil er angedeutet hatte, die gesamte Bevölkerung von Gaza trage die Verantwortung für die Angriffe vom 7. Oktober.
In diesem Kontext, in dem Israels Führung von den Vollstreckern des Völkerrechts verfolgt wird, hat der ewige Krieg Implikationen, die über Strategie hinausgehen. Er beeinflusst Motivationen und bindet das politische Überleben enger an die Fortsetzung der Krise.
Das Endergebnis ist ein geschlossener konzeptioneller Kreislauf. Verteidigungstechnologien wie Abfangraketen schützen die Bevölkerung; die Stabilität der Bevölkerung erhält die politische Ordnung aufrecht; und gemeinsam verringern sie den Druck, den Konflikt selbst zu lösen.
Die Vision von „Super-Sparta“ verdichtet diesen Zustand existenzieller Angst zu einer einzigen, sterilen technischen Lösung, bei der die Sicherung der Gegenwart mit zunehmender Präzision eine unbegrenzte Verschiebung der Lösung in die Zukunft ermöglicht. Mit einer Erfolgsquote von 97 Prozent fängt der Iron Dome jede Chance ab, die wir auf eine normale Zukunft haben könnten.
Zum Autor: Guevara Bader ist ein palästinensischer Staatsbürger Israels und derzeit Student an der Ben-Gurion-Universität
(Red.) Der Beitrag erschien im Original bei +972 Magazine, einem unabhängigen Onlinemagazin, das von einer Gruppe palästinensischer und israelischer Journalisten betrieben wird. Übersetzung aus dem Englischen von Marta Andujo.