„Wir wollen mit allen Völkern befreundet sein“: Russland darf kein Feind sein!
(Red.) Es gibt sie in Deutschland, die Menschen, die sich der Geschichte erinnern und die mit der Russland-feindlichen Politik der jetzigen Regierung nicht einverstanden sind. Am Samstag haben sie es in Berlin gezeigt. (cm)
Am 22. Juni 1941 um 3:15 Uhr morgens begann an mehreren Fronten der Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion. Es war ein Krieg, der früher oder später kommen sollte, schließlich war der „jüdische Bolschewismus“ schon immer der Erzfeind Hitlers und seiner Nazi-Verbündeten gewesen. Der Nichtangriffspakt zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion von 1939 erwies sich als nichts anderes als ein taktischer Schachzug, um einen unvermeidlichen Krieg hinauszuzögern.
Am Samstag, 20. Juni, anlässlich des 85. Jahrestags des Beginns der Operation Barbarossa versammelten sich in Berlin etwa 700 Menschen vor dem Brandenburger Tor unter dem Motto „Russland ist nicht unser Feind“. Zwei Stunden an einem sehr schwülen Nachmittag zu Beginn des Sommers, der nur kurz durch ein paar vereinzelte Regentropfen eines angekündigten, aber letztendlich ausbleibenden Regengusses erfrischt wurde.
Christiane Reymann ist Journalistin. Sie ist diejenige, die den Impuls zu dieser Veranstaltung gegeben hat. Sie eröffnet die Kundgebung mit einer eindringlichen und bewegenden Rede. Es geht um historische Verantwortung und auch um die Notwendigkeit, dass sich so etwas nicht wiederholt: „Vor 85 Jahren begann im Namen Deutschlands ein Morden, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Auf dem Russlandfeldzug hat Deutschland seinen Anspruch, eine Kulturnation zu sein, verwirkt.“
Auf der Bühne erinnert Christiane Reymann an den Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands: „Wir wollen, dass das Massenverbrechen Deutschlands in der Sowjetunion endlich auch von der Bundespolitik als Völkermord anerkannt wird!“ Es handelt sich nicht nur um müßige Sorgen für Berufshistoriker, sondern um eine von der Zeit diktierte Notwendigkeit: „Der große Mantel des Vergessens ist die Vorbereitung darauf, die Geschichte umzuschreiben.“
Die Sowjetunion, sagt Reymann, habe gezeigt, dass eine andere Art der gesellschaftlichen Organisation möglich war, wenn auch nur für kurze Zeit: „Unsere Eliten verzeihen Russland nicht, dass die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg Deutschland besiegt hat. Sie verzeihen nicht, dass die Sowjetunion und andere gezeigt haben, dass eine Gesellschaft möglich ist, die nicht allein auf Profit aufgebaut ist.“
Am Ende der Rede ein Appell, bei dem die Rednerin fast Mühe hat, ihre Emotionen im Zaum zu halten: „Die Russen ehren ihre gefallenen Rotarmisten mit der Musik eines Deutschen. Das ist Großmut. Und wir können uns dankbar zeigen und tapfer wehren gegen Russenhass und Kriegsvorbereitungen gegen Russland. Russland ist nicht unser Feind!“
Auch Daniela Schramm gehört zu den Organisatorinnen. Ihre Botschaft dreht sich, wie die vieler anderer Teilnehmer der Kundgebung, um die Verständigung zwischen den Völkern. „Politiker versuchen, die Menschen in den verschiedenen Ländern zu spalten“, sagt sie im Gespräch mit Globalbridge. „Wir wollen mit der Kundgebung zeigen, dass wir mit allen Völkern befreundet sein wollen. Ich habe drei Kinder. Ich will nicht, dass sie in den Krieg für die geopolitischen Interessen der Politiker ziehen. Wir wollen zeigen, dass wir mit den Russen befreundet sein wollen, eigentlich nicht nur mit den Russen, sondern auch mit den Ukrainern und allen anderen Völkern.“
„Wer andere Völker verstehen will, führt keinen Krieg“, sagt Petra, eine andere Frau, die an der Kundgebung teilnimmt.

Unter den Anwesenden ist auch Sevim Dağdelen. Zwanzig Jahre lang war sie Abgeordnete im Bundestag, die meiste Zeit davon in der Partei „Die Linke“. Heute ist Sevim Dağdelen Mitglied der 2024 gegründeten Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Im Jahr 2025 verfehlte das BSW die 5-Prozent-Hürde um wenige Stimmen. Ein Antrag auf Neuauszählung der Stimmen wurde vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt.
Die Partei von Sahra Wagenknecht gilt als eine der russlandfreundlichsten in der deutschen Politik. Nicht alle meinen das als Kompliment. „Ein Journalist hat mich gefragt, ob Russland unser Freund ist“, erzählt Sevim Dağdelen auf der Bühne in einer sehr leidenschaftlichen Rede. „Ich habe ihm gesagt: Jawohl. Natürlich. Der Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit, den die Bundesrepublik Deutschland 1991 mit der Sowjetunion beschlossen hat, ist bis heute gültig!“
Im Gespräch mit Globalbridge sagt Sevim Dağdelen: „Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist es wichtig, dass man die Geschichte aufarbeitet und den Völkermord an den Völkern der Sowjetunion anerkennt und wieder zu guten Beziehungen kommt. Es schmerzt mich zu sehen, wie zerrüttet und verschüttet die deutsch-russischen Beziehungen mittlerweile sind.“
Die Menschen hier vor dem Brandenburger Tor aber setzen ein kleines Zeichen: Russland und Deutschland müssen nicht unbedingt Feinde sein.
… und ein kleiner zusätzlicher Kommentar des Herausgebers von Globalbridge:
Unser Berichterstatter Stefano di Lorenzo meint, dass es an diesem Anlass etwa 700 Teilnehmer gab. Vielleicht waren es ja auch 1000, es war ohnehin nicht mehr als – Zitat – „ein kleines Zeichen“. Die Frage sei erlaubt: Was ist mit den Deutschen los? Im Oktober 2015 gab es in Berlin eine Demonstration gegen das geplante internationale Handelsabkommen TTIP – und es kamen, laut Schätzungen, aus allen Regionen Deutschlands um die 250’000 Menschen nach Berlin, um der Regierung zu zeigen, dass man mit ihrer Politik nicht einverstanden war. 250’000 Menschen! Ich, Herausgeber von Globalbridge, war persönlich vor Ort und machte Fotos. Es war echt eindrücklich! Und jetzt, wenn es um eine Demo gegen die grauenvolle, brandgefährliche Russlandhass- und Pro-Kriegspolitik der deutschen Regierung geht, sind es vielleicht 1000 Teilnehmer … (cm)

Die Zahl der Teilnehmer der Anti-TTIP-Demo in Berlin im Oktober 2015 wurde auf 250’000 geschätzt. Es war echt beeindruckend! (Fotos Christian Müller)
