Wirtschaftswunder Weißrussland: Wachstum und Vollbeschäftigung trotz Sanktionen
Während in der Europäischen Union Stagnation und Werksschließungen zur Tagesordnung gehören, hat die Wirtschaft der Republik Belarus in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Erholung hingelegt. Nach den externen Schocks, die auf die Volkswirtschaft in Form von Pandemie und EU-Sanktionen eingewirkt haben, verzeichnete das Land im Jahr 2023 ein Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent und im Jahr 2024 von 4 Prozent. Diese kleine, vom Export abhängige Ökonomie schafft es, trotz widriger Umstände erfolgreicher zu wirtschaften als die meisten EU-Staaten.
Der ökonomische Aufschwung in Belarus kommt bei der Bevölkerung an: Nach einem inflationsbedingten realen Rückgang der Reallöhne um rund drei Prozent im Krisenjahr 2022 setzte eine kräftige Dynamik ein. Im darauffolgenden Jahr stiegen die Reallöhne um rund elf Prozent, gefolgt von einem weiteren Zuwachs von circa 13,0 Prozent im Jahr 2024. Auch für 2025 gab es ein deutliches Plus, was zu einem kumulierten Anstieg von über 32 Prozent seit 2022 führt.
Diese Entwicklung verlief parallel zu einer Stabilisierung der Inflation. Während die Teuerung 2022 einen Spitzenwert von 12,8 Prozent, zeitweise sogar 18 Prozent, erreichte, konnte sie durch staatliche Preiskontrollen und geldpolitische Maßnahmen 2023 auf 5,8 Prozent und 2024 auf sechs Prozent gesenkt werden. Die gute konjunkturelle Lage spiegelt sich auch in der traditionell ohnehin niedrigen Arbeitslosenquote wider, die auf einem historischen Tiefstand von unter einem Prozent verharrt – es kann also von Vollbeschäftigung gesprochen werden. So übersteigt die Zahl der gemeldeten offenen Stellen die der registrierten Arbeitslosen um das Fünfzigfache.
Im Vergleich dazu waren 2022 und 2023 in Österreich und Deutschland von erheblichen Reallohnverlusten geprägt, wobei die Rückgänge in Österreich 4,2 bzw. zwei Prozent und in Deutschland vier bzw. 0,4 Prozent erreichten. Erst ab 2024 kam es zu einer moderaten Erholung mit Reallohnzuwächsen von zwei bis drei Prozent in Österreich und von etwa 1,5 Prozent in Deutschland.
Eine Betrachtung nach Branchen zeichnet ein differenziertes Bild der belarussischen Wirtschaft. Während die traditionelle Industrie – insbesondere der Maschinenbau, der Fahrzeugbau und die Düngemittelproduktion – eine hohe Kapazitätsauslastung aufweist, befindet sich der IT-Sektor in einer Phase der Kontraktion. Der Anteil der Informations- und Kommunikationstechnologie am BIP ist rückläufig, da zahlreiche Unternehmen des High-Tech-Parks (HTP) aufgrund von EU-Sanktionen Standorte ins Ausland verlagerten und die Nachfrage bei westlichen Kunden abnahm. Im Gegensatz dazu erreichte der Export von Kalidünger 2025 trotz EU-Sanktionen ein neues Rekordniveau von über zwölf Millionen Tonnen. Der Export des Düngers stieg im ersten Halbjahr 2026 weiter deutlich an, da die USA zunehmend aus Belarus importierten und die globale Nachfrage zudem durch die US-israelische Aggression gegen den Iran und die Schließung der Straße von Hormus stieg. Die Landwirtschaft zeichnet sich insgesamt durch hohe Produktivität und eine hohe Exportquote aus und trägt mit sieben Prozent zur Bruttowertschöpfung des Landes bei.
Ein Grund für den Arbeitskräftemangel und den Reallohnzuwachs ist neben der starken Industriekonjunktur auch die Abwanderung. So ist die Gesamteinwohnerzahl von etwa 9,4 Millionen im Jahr 2020 auf aktuell rund 9,15 Millionen um 2,5 Prozent gesunken. Anders als zumeist in den westlichen Medien dargestellt ging ein großer Teil dieser Abwanderung in die Russische Föderation, wo seit Beginn des Ukrainekriegs hohe Löhne in der Rüstungsindustrie belarussische und zentralasiatische Industriearbeiter anlocken – in ihren Heimatländern fehlen diese Arbeiter. Diese Wanderungsbewegung wird nicht nur durch eine gemeinsame Sprache, sondern auch durch den russisch-belarussischen Unionsstaat erleichtert. Analog zur Personenfreizügigkeit in der EU genießen die Bürger beider Staaten im jeweils anderen Staat weitgehend die gesetzliche Gleichbehandlung, insbesondere die Niederlassungs- und Erwerbsfreiheit. So ist es besonders leicht und rasch möglich, einen Job anzunehmen und den Wohnsitz umzumelden, wenn dort besser bezahlt wird.
Um die außerordentliche Krisenfestigkeit und strategische Anpassungsfähigkeit der belarussischen Wirtschaft nachvollziehen zu können, muss auf die besondere Rolle der Staatsbetriebe eingegangen werden. Als einzige ehemalige Sowjetrepublik hat Belarus bei den Schockprivatisierungen der 1990er-Jahre ab 1994 nicht mehr mitgemacht und seine großen staatlichen Industriebetriebe weder aufgelöst noch abverkauft. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Eine der wichtigsten Forderungen, mit der Alexander Lukaschenko 1994 als Außenseiter zur ersten freien Präsidentschaftswahl in Belarus antrat, war der Stopp der Privatisierung der Staatsbetriebe. Die Schließung der Industriebetriebe, die auf die Produktion für die gesamte Sowjetunion ausgerichtet waren, die damit einhergehende Deindustrialisierung des Landes sowie die Zerstörung von Arbeitsplätzen und Volksvermögen sollten verhindert werden. Der pragmatische Direktor eines landwirtschaftlichen Großbetriebs, Sowchos, und der krasse politische Außenseiter Lukaschenko setzten sich mit der populistischen Plattform sowohl gegen Kandidaten der bestehenden prowestlichen liberal-nationalistischen Regierung als auch gegen den Kandidaten der alten kommunistischen Bürokratie überraschend deutlich durch. Entgegen den Empfehlungen westlicher Berater und einheimischer Geschäftsleute, wonach die Staatsbetriebe nicht effizient wirtschaften könnten, hielt der frisch gewählte Präsident sein Versprechen ein und stoppte die Privatisierungen. Damit der Plan funktionieren konnte, wurde kurz darauf eine Zollunion mit Russland gebildet, wodurch der wichtigste Absatzmarkt für belarussische Produkte erhalten wurde. Die meisten der damals erhaltenen großen Staatsbetriebe, wie das Minsker Traktorenwerk MTZ, Belaz, Hersteller der größten Kipplaster der Welt für den Bergbau, oder die Minsker Autofabrik MAZ, aber auch mehrere Molkereikombinate sind heute rentabel und am Weltmarkt erfolgreich. Durch die Erhaltung der Schlüsselindustrien konnten nicht nur Massenarbeitslosigkeit, Armut und soziale Unruhen verhindert werden, sondern bereits ab 1996 das höchste Wirtschaftswachstum aller ehemaligen Sowjetrepubliken erzielt werden.
Während die riesigen industriellen Staatsbetriebe in den frühen Jahren der Eigenständigkeit von Belarus eine willkommene Quelle für Staatseinnahmen und ein arbeitsmarktpolitisches Instrument für die Regierung darstellten, wurden sie später konsequent modernisiert und marktfähig gemacht, blieben jedoch größtenteils im Staatsbesitz. Privatisierung an ausländische Investoren wurde nur punktuell und als letztes Mittel eingesetzt, wenn eine Modernisierung aus eigener Kraft scheiterte. Im Regelfall wurde mit staatlicher Unterstützung kräftig in moderne Technologie und Anlagen, oft aus Deutschland oder Österreich, sowie in die Schulung der Führungskräfte in modernen Managementmethoden investiert. Es handelt sich nicht mehr um eine klassische Planwirtschaft, sondern um eine strategische Steuerung durch die Behörden, ähnlich einer Konzernholding.
Eine besondere strategische Anpassung an den Wettbewerb auf den Weltmärkten bestand darin, in jeder Branche möglichst vertikal integrierte Staatskonzerne zu schaffen, sodass vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt möglichst alle Schritte der Wertschöpfung im Konzern oder in einem anderen Staatsbetrieb in Belarus stattfinden. Wie sich später zeigte, gelingt es diesen vertikal integrierten Unternehmen nicht nur, einen größeren Anteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung im Land zu halten, sondern sie waren auch von globalen Lieferkettenunterbrechungen während der Covid-Pandemie beinahe vollkommen unbeeinträchtigt und konnten weiter produzieren und verkaufen. Die großen Maschinenbaubetriebe haben zumeist ihre Absatzmärkte in Russland sowie in den Schwellenländern des globalen Südens, während EU-Betriebe oft Zulieferer für Spezialteile wie Getriebe oder CNC-Fräsen, also Werkzeugmaschinen, die durch den Einsatz von Steuerungstechnik in der Lage sind, Werkstücke mit hoher Präzision für komplexe Formen automatisch herzustellen, waren. Dies hat sich seit der Einführung der EU-Sanktionen gegen Belarus geändert.
Im Zuge von Protesten nach den Präsidentschaftswahlen im Sommer 2020 verhängten die EU und weitere westliche Staaten schrittweise Wirtschaftssanktionen. Wichtig für die Resilienz der belarussischen Wirtschaft war, dass die Einführung der Sanktionen schrittweise erfolgte, sodass Belarus ausreichend Zeit hatte, seine Wirtschaft und Betriebe umzustellen. Aufgrund der Vorschriften des Wirtschaftsministeriums hatten die Staatsbetriebe bereits vor der Verhängung der Sanktionen mehrschichtige Lieferantenbeziehungen für alle Produkte, die nicht im Land produziert werden konnten, aufgebaut. In den meisten Fällen gelang es rasch, europäische Partner durch Zulieferer aus freundlichen Staaten oder durch Importsubstitution zu ersetzen. Der belarussische Export in die EU bestand vorwiegend aus Grundstoffen wie Kalidünger, Holz, Zellstoff oder Erdölnebenprodukten aus den Raffinerien in Mozyr und Novopolotsk, die rasch an andere Abnehmer auf den Weltmärkten umgeleitet werden konnten. Der litauische Hafen in Klaipeda, über den belarussische Waren verschifft wurden, steht seitdem vor dem Bankrott, und die Waren werden nun über Sankt Petersburg, Ust-Luga oder per Schiene nach China transportiert – Belarus ist Teil des chinesischen Seidenstraßenprojekts. Einzig der IT-Sektor stagniert nachhaltig, da das Geschäftsmodell des Outsourcings der Softwareentwicklung hauptsächlich für Kunden aus westlichen Staaten interessant ist und sich nicht einfach übertragen lässt.
Ein Glücksfall für Belarus war der sprunghafte Anstieg der Nachfrage nach seiner Industrieproduktion aus der russischen Rüstungsindustrie in dem Moment, als der europäische Absatzmarkt wegbrach. Die beiden Staaten sind durch komplexe industrielle Wertschöpfungsketten sowie durch den Unionsstaat und die Eurasische Wirtschaftsunion wirtschaftlich und politisch eng miteinander verflochten. Die stark gestiegene Nachfrage aus Russland konnte den Rückgang infolge der Sanktionen mehr als kompensieren und wirkt auf Belarus wie ein kostenloses Konjunkturprogramm. Vorübergehend steigt dadurch die ohnehin hohe wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland. Aus Minsker Sicht erscheint diese trotzdem wie der kleinere Souveränitätsverlust.