Herbert Raymond McMaster, mit vielen Orden ausgezeichneter Generalleutnant, argumentiert nach wie vor auf der Situation des Kalten Krieges vor Jahrzehnten ... (Photo US-Military)

«Wir stehen kurz davor, den zweiten Kalten Krieg zu gewinnen»


So lautet die geopolitische Einschätzung eines ehemaligen Sicherheitsberaters von Donald Trump in einem Interview mit der «Weltwoche». Der pensionierte US-Generalleutnant Herbert Raymond McMaster gehört zu einer Kaste von neokonservativen Strategen, die man für ausgestorben hielt. Sie glauben, die USA seien die «auserwählte Nation» und ihre Aufgabe sei die militärische Führung der Welt. 

In einem Interview in «Die Weltwoche» wird McMaster die Frage gestellt, was er davon halte, das weltweite militärische Engagement der USA zurückzufahren, wie viele Unterstützer von Präsident Trump dies fordern. McMaster hält das für einen schweren Fehler, sind die USA doch seiner Meinung nach dabei, ihre verschiedenen Kriege zu gewinnen:

«Ich will nicht arrogant klingen, aber ich glaube nicht, dass es einen Ersatz für die Führungsrolle der USA gibt, denn wer soll Europa ohne die USA führen? Die USA können der Kitt sein, der die Familie zusammenhält. Sie bieten den nuklearen Schutzschild, die strategische Logistik, die Transportkapazitäten, die Raketenabwehr und so weiter. Wenn die USA den Stecker ziehen, würde das uns alle schwächen (…) Wir stehen kurz davor, den zweiten Kalten Krieg zu gewinnen.»

Der mit vielen Orden dekorierte General, der im Irak im Einsatz war, gehört zu den Strategie-Experten, die überzeugt sind, die USA seien berufen und verpflichtet, auf der Welt für Recht und Ordnung zu sorgen. In der Weltsicht von McMaster hat dies mit militärischer Gewalt zu geschehen.

Der Mann ist vor etwa drei Jahrzehnten ideologisch stehen geblieben, als Bill Clintons Außenministerin Madeleine Albright sagte: «Wenn wir Gewalt anwenden müssen, ist das so, weil wir Amerika sind. Wir sind die unverzichtbare Nation. Wir stehen aufrecht und blicken weiter in die Zukunft als andere Länder.»

Man möchte McMaster bei der Hand nehmen und ihm sagen: «Keep cool, man, it’s over.» Er hat nicht bemerkt, dass die Welt mit dem Aufsteigen der BRICS-Volkswirtschaften multipolar geworden ist. Er begreift nicht, dass sein ehemaliger Boss Donald Trump nach Peking fahren muss, um Xi um Goodwill im Iran-Konflikt zu bitten. Trump will auch seltene Erden bekommen und ein paar Boeing-Flieger verkaufen. McMaster hat nicht mitbekommen, dass die Macht des globalen Kapitalismus nicht mehr nur in London, New York oder Frankfurt konzentriert ist, sondern auch in Hongkong, Singapur und Mumbai. Er hat vor allem nicht bemerkt, dass die Zeiten vorbei sind, als die Politik auf der Welt von der US-Armee gemacht wurde.

«Regime Change ist ein amerikanisches Konzept, kein chinesisches»

 Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik stellt nüchtern fest: «China hat kein Interesse, die inneren Verhältnisse anderer Staaten mit Gewalt zu verändern. Es setzt eher auf ökonomische Penetration und ist damit sehr erfolgreich. Regime Change in fremden Staaten ist ein amerikanisches Konzept, kein chinesisches.» (Sonntagszeitung 24.Mai 2026). Fazit: Man kann Hegemonie nicht nur mit dem Abwurf von Bomben erreichen, sondern auch indem man eine Seidenstrasse baut. 

Herbert Raymond McMaster hat Heraklits Satz, der Krieg sei der Vater aller Dinge, allzu wörtlich verstanden. Der griechische Philosoph meinte, dass aus der Dialektik der Gegensätze die menschliche Geschichte entsteht. Herbert Raymond McMaster kann die Welt nicht anders begreifen als streng militärisch. Er hat vielleicht nie das Problem gesehen, dass das militärische Prinzip von Befehl und Gehorsam das Gegenteil von Demokratie ist. Das Time Magazin nannte ihn «a warrior thinker» und rechnete ihn 2014 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. In seiner Dissertation von 1997 über den Vietnam-Krieg vertritt er die These, die USA hätten den Krieg nicht auf dem Schlachtfeld verlieren müssen, wenn Präsident Johnson, Verteidigungsminister McNamara und ihre militärischen Berater nicht unfähig gewesen wären. Auch der Irak-Krieg war für McMaster kein grundsätzlicher Fehler, er wurde nur schlecht geplant. 

Mit solchen Thesen geriet McMaster in Widerspruch zu Trump, der mit seiner America-first-Politik die weltweite militärische Präsenz der USA zurückfahren wollte, was ihm offensichtlich nicht gelingt. Die militärisch-industrielle Lobby und die Falken im Sicherheitsapparat treiben Trump vor sich her. Eine der letzten Persönlichkeiten in seiner Entourage, die den militärischen Abenteuern abschwören wollte, war Tulsi Gabbard, die Direktorin der US-Geheimdienste. Sie ist am 22. Mai zurückgetreten. Im Übrigen verstärkt sich der Eindruck, Trump habe «America first» durch die Parole «Israel first» ersetzt. 

Iran-Krieg: «Eine neue Sicherheitsstruktur am Golf»

Zum Bruch zwischen McMaster und Trump kam es wahrscheinlich über dessen Zerwürfnis mit den Geheimdiensten. Trump sah, dass im nationalen Sicherheitsapparat Leute wirkten, die in Absprache mit den Demokraten die Erzählung verbreiteten, Russland hätte Trump zum Wahlsieg verholfen und Putin ziehe hinter Trump die Fäden. McMaster wurde 2018 als Nationaler Sicherheitsberater von Trump entlassen. Heute spürt McMaster wieder Aufwind. Den Angriffskrieg Trumps und Netanyahus  gegen den Iran sieht er als brillanten geostrategischen Schachzug: 

«Deshalb glaube ich, dass wir jetzt Bilder von einer Sicherheitsinfrastruktur am Golf sehen werden. Das ist es, was die Vereinigten Staaten zusammen mit den Golfstaaten seit den 1970er Jahren verfolgt haben.» Zusammen mit Israel verfolgt haben, hätte es wohl genauer heissen müssen, aber das sagt McMaster nicht.

Für den Militärstrategen haben sich die alten Ziele seit den siebziger Jahren nicht geändert. Es ging damals und geht heute sozusagen um die Erlösung vom Bösen. Der Iran ist das absolut Böse. Denn Teheran will in den Worten von McMaster «die Vereinigten Staaten aus dem Nahen Osten vertreiben, seinen hegemonialen Einfluss in der Region ausweiten, Israel umzingeln, zerstören und alle Juden töten.»  

Die Frage, was die USA eigentlich im Nahen Osten verloren haben, käme dem Strategen McMaster nicht in den Sinn. So wenig wie die Frage, ob das Bestreben, die Bodenschätze anderer Nationen unter Kontrolle zu halten, eine Art Naturrecht sei: ein paradoxes Naturrecht der Energiekonzerne der Vereinigten Staaten von Amerika. Im Petrodollar-Abkommen von 1974 vereinbarten Washington und Riad, dass Saudiarabien sein Öl nur in Dollar verkaufen dürfe. Die Saudis haben das Abkommen 2024 gekündigt. 

Etwas beginnt zu zerfallen in der alten westlich dominierten Weltordnung. Aber der Westen hat keine andere Antwort als die Haltung, die die Historikerin Barbara Tuchman als «Auto-Hypnose» bezeichnete: das blinde Verharren in einer Politik, die den eigenen Interessen zuwiderläuft. Von Vietnam bis Afghanistan ist keine Lernfähigkeit festzustellen. 

Wenn Benjamin Netanyahu den Iran bombardiert, weil er sich angeblich von noch nicht-existierenden Atombomben vor seiner Haustür bedroht sieht, ist das für Geostrategen wie McMaster vernünftig und lobenswert. Wenn Wladimir Putin die Ukraine angreift, weil er sich von noch nicht-existierenden NATO-Atombomben vor seiner Haustür bedroht sieht, ist das für die Logik der McMasters ein Jahrhundertverbrechen. Es kann sich nur um «russischen Imperialismus» handeln. Putin will mit seinen Panzern Europa überrollen. Bei den McMaster-Boys ist Autismus zur politischen Grundhaltung geworden.  

«Endspielmodus blinder Zerstörungskraft»

In seinem Buch «Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens» konstatiert der Psychologe Rainer Mausfeld, «dass die vom Westen geschaffenen ideologischen Scheinwelten mit den auf eine Multipolarität gerichteten geopolitischen Realitäten nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Statt auf diplomatischen Wegen einen Interessenausgleich zwischen Staaten zu suchen, reagiert der Westen auf diese Herausforderung mit der Steigerung seiner Bereitschaft zu organisierter Gewalt. Aus Angst um einen Machtverlust wechseln seine politischen Eliten in den Endspielmodus blinder Zerstörungskraft. Sie riskieren lieber eine nukleare Katastrophe, als dass sie eine Begrenzung ihres hegemonialen Anspruchs hinnehmen.» 

Der Journalist Patrick Baab wurde kürzlich in einem  Interview gefragt, wie der Ukraine-Krieg außerhalb des Westens gesehen werde. Baab sagte, der Rest der Welt beobachte den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Bankrott des Westens:

«Jeder Taxifahrer in Colombo oder Neu Dehli kann Ihnen diesen Krieg besser erklären als ein leitender Redakteur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.» Die Leute im globalen Süden, so Baab, sagten sich: 

«Die wollen uns beibringen, wie wir zu leben haben. Sie können nicht einmal Frieden auf ihrem eigenen Kontinent halten. Sie sind moralisch am Ende. Sie haben sich wirtschaftlich ins Knie geschossen mit ihren Sanktionen. Sie sind politisch dumm genug, um in diesem Schlamassel zu verharren, statt einen Weg zum Frieden zu bahnen.»

Wer an Pfingsten das Radio einschaltete, erfuhr, dass Lettland für eine Milliarde Euro eine 30 Kilometer breite «Baltic Defense Line» an der russischen Grenze baut. Mit Panzersperren, Minen, Drachenzähnen und so weiter. «Time is ticking» sagt ein Offizier, man wolle nicht in der ersten Angriffswelle überrollt werden und müsse jeden Zentimeter verteidigen. In unseren Medien vergeht kein Tag ohne die russische Bedrohung, kein Tag ohne die medien-industrielle Fabrikation von Angst. Die Vision einer «Bedrohung Europas» hat um sich gegriffen wie eine ansteckende Krankheit. Wir sind nicht mehr hinreichend «kriegstüchtig», und eine «gefährliche Friedensmentalität» hat sich breit gemacht, so verkünden Politiker, Armeechefs, Denk-Tank-Experten und ihre Wahrsager und Hellseher unter den Leitartiklern. 

Die Strategen in Brüssel lassen verlauten, sie rechnen mit einem Krieg gegen Russland «ab 2029», und der Schweizer Verteidigungsminister wiederholt die Befehle aus Brüssel: «Wir müssen uns auf einen baldigen Krieg einstellen», sagt er und lässt von den Fotografen ein Foto machen, das zeigt, wie er von einem Panzer springt. Im blauen Anzug mit Krawatte. Die Sache nimmt bisweilen groteske Züge an. Da wird Tag für Tag mit einer Hysterie, die man selbst in den kritischsten Momenten des Kalten Krieges für Dummheit gehalten hätte, der russische Teufel an die Wand gemalt.

Die westlichen Nachrichtendienste wissen nur allzu gut, dass der flächenmäßig größte Staat der Welt mit all seinen Bodenschätzen nicht das Bedürfnis hat, Europa anzugreifen. Wenn die NATO im Dezember 2021 auf die russischen Vorschläge für eine europäische Sicherheitsvereinbarung eingegangen wäre, hätte es den Krieg in der Ukraine nicht gegeben. Der in New York ansässige Nachrichtensender MSNBC titelte nach dem russischen Einmarsch im Februar 2022: 

«Die Invasion der Ukraine wäre vermeidbar gewesen.» MSNBC zitiert George Beebe, den ehemaligen Direktor der CIA-Russland-Abteilung: «Die Wahl, vor der wir in der Ukraine standen – und ich benutze absichtlich die Vergangenheitsform – war, ob Russland sein Veto zu einer NATO-Beteiligung der Ukraine am Verhandlungstisch oder auf dem Schlachtfeld ausüben würde. Und wir haben uns entschieden, dafür zu sorgen, dass das Veto auf dem Schlachtfeld ausgeübt wird, in der Hoffnung, dass Putin sich entweder zurückhält oder der Militäreinsatz scheitert.» 

Angst ist das Produktionsmittel der Kriegstreiber.

Angst ist das Instrument der psychologischen Strategie, die die Masse der Menschen unter Kontrolle halten soll. Angst ist ein Herrschaftsmittel. Wenn so etwas wie ein «Zeitgeist» jemals existiert hat, dann gibt es ihn heute ohne Zweifel als große Angst vor der Bedrohung. Leitende Medien wirken als Verstärker der Angst-Hypnose. Der Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung hat seine Weltanschauung als Konzentrat formuliert: «Die USA und ihre Alliierten wollen Stabilität und Frieden. Die revisionistischen Mächte Russland, China und Iran wollen Chaos.» 

Der Chefredakteur der NZZ am Sonntag doziert gleichermaßen: Die Russen «bomben sich den Weg zum großrussischen Reich frei, – koste es, was es wolle.» (22.02.2026) Und derselbe Leitartikler erkennt nach der AHV-Abstimmung: «Wir werden uns entscheiden müssen. Mehr Rüstung oder noch mehr Rente». (31.3.2024)

Selbverständlich leben wir alle in Geschichten, die wir uns erzählen. Aber manche Leute erzählen sich Geschichten von bestürzender Einfalt. Die großen Medienkonzerne in der Hand privater Verleger sind eine Propagandamacht, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegt. Die meisten von ihnen sind in diesen Tagen die wichtigsten Kriegstreiber.

Die diffuse Bedrohungsangst wird verstärkt durch eine subtile Vermengung verschiedener Angriffe auf unsere Psyche. Das Smartphone verwandelt unser Leben in ein Informations-Gefängnis, eine neue Hörigkeit. Die ständige Bereitschaft, responsiv und verfügbar zu sein, überfordert die Menschen. Für das zwanghafte und unaufhörliche Lesen von unheilvollen Nachrichten auf den Social Media haben Kommunikationsforscher die Begriffe «Doomsurfing» oder «Doomscrolling» geprägt. Da meldet ein Cyber Security Report kürzlich, im Jahr 2025 habe es 1’338 Cyberattacken auf Schweizer Unternehmen gegeben. Und der Bundesrat verschickt dringende Botschaften und Meldeformulare zu «Angriffen auf kritische Infrastruktur».

Die Panikstimmung wird auf raffinierte Weise verflochten und verstärkt mit den Warnungen vor «Cyberattacken des Feindes». Die Erkenntnisse über «Cognitive Warfare» sind tägliches Medienfutter geworden. Der «Negative Bias», die Neigung unseres Gehirns, Gefahren stärker zu beachten als Erfreuliches, erzeugt die Bedrohungsangst, welche die Aufrüstungs-Politiker benötigen, um eine gigantische Anhäufung von Schulden zu rechtfertigen. Die Medienkonsumenten werden zugeschüttet mit Emotionen, die den nüchternen Sachverstand überfluten. Rund um die Uhr schwadroniert auf irgendeinem Sender irgendeine Expertin oder irgendein Politologe, dass wir uns in einem «Hybriden Krieg» mit dem Feind befinden. Das Propagandaziel ist erreicht, wenn die Angst vor Putin größer ist als die Angst vor dem Tag, an dem die Steuerzahlenden zur Kasse gebeten werden, um das Kriegsspielzeug und den wirtschaftlichen Schaden zu bezahlen.   

Die Social Media sind so vielversprechend wie undurchsichtig. Zwar waren und sind sie ein Raum für oppositionelle Stimmen, die sich den großen Konzernmedien widersetzen, diese versuchen aber erfolgreich, das Netz als Echokammern ihrer Politik in Beschlag zu nehmen. Die Kriegsertüchtiger in Politik und Medien wissen sehr wohl, dass sie das Netz in den Griff bekommen müssen, um den Verlust an Glaubwürdigkeit abzuwehren, den die Wahlergebnisse in Frankreich, Deutschland und Großbritannien zeigen. 

Ein Prozess der Bestrafung im Sinne von Franz Kafka

Die Aufrüster erzeugen selbst die Angst, die sie dann zu lindern versprechen durch stärkere Kontrolle des Internets. Gegen die «Desinformation» des Feindes, so die Argumentation, gebe es nur eine Remedur: Man müsse alles sperren und löschen, was der Feind sagt und schreibt. Millionen Einträge werden täglich aus dem Netz gelöscht oder in den Suchmaschinen weit nach hinten geschoben. Mit Gesetzen zur Internetkontrolle, wie dem Digital Services Act der Europäischen Union, wird formaljuristisch der Weg in den digitalen Überwachungs-Staat geebnet. Google, Nvidia, Amazon, Oracle und Microsoft erwirtschaften enorme Gewinne mit den Aufträgen des US-Verteidigungsministeriums. Unerwünschte Meinungen werden mittels Algorithmen erkannt und eliminiert.

Eine politische Allianz der NATO-Staaten, ihrer «Nicht-Regierungs-Organisationen» und ihrer Leitmedien testet die flächendeckende, lautlose Entmündigung der Menschen. Es ist die permanente Demonstration eines Machtanspruchs: Wir sagen, was wir sagen wollen, auch wenn es nur ein winziger Teil der Wahrheit ist. Wir sagen es, weil wir glauben, dass es unsere Moral verlangt, und weil wir die Macht haben, es in der Öffentlichkeit als Wahrheit durchzusetzen. Der Journalist Claas Relotius hatte sich das Prinzip, das heute selbstverständlich geworden ist, schon vor Jahren zu Herzen genommen: Die Story stimmt, wenn die Moral stimmt. Relotius fälschte etwa neunzig Prozent seiner Stories und bekam dafür so ziemlich alle Journalistenpreise, die in Deutschland zu vergeben waren.

Die wenigen Journalistinnen und Journalisten, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, müssen nicht nur Zensur, sondern Repression in Kauf nehmen. Sie wachen eines Morgens auf und stellen fest, dass ihre Kreditkarten gesperrt sind, dass sie keinen Liter Milch mehr kaufen und ihre Miete nicht mehr zahlen können. Sie sind auf eine Sanktionsliste gesetzt worden. Ihre Pässe werden ihnen entzogen. Wer ihnen Hilfe zukommen lässt, wird schwer bestraft. Die Autorität, die dies angeordnet hat, sitzt in Brüssel und heißt Europäische Union. 

Es ist eine anonyme Behörde, man kann nicht mit ihr reden. Man kann nicht klagen, denn ein Verstoß gemäß Strafgesetzbuch liegt nicht vor. Die Vorwürfe reichen von «Kreml-Nähe» bis zu «Informations-Manipulation». Da wirkt ein nebulöses, völlig untransparentes System der Macht, jeder Widerstand trifft ins Leere. Es ist ein Prozess im Sinne von Franz Kafka. Anfang 2026 standen 3000 Personen auf den EU-Sanktionslisten, darunter auch etliche Publizisten wie Jacques Baud, Nathalie Yamb, Hüseyin Dogru, Alina Lipp, Thomas Röper und andere. So wird neben der digitalen Kontrolle auf einmal auch wieder auf das Ancien Regime zurückgegriffen. Nämlich auf die pädadogische Maxime, wie sie seit Kaiser Wilhelms Zeiten von der Obrigkeit praktiziert wurde: Bestrafe einen und erziehe tausende.  

Julian Assange veröffentliche 2010 auf Wikileaks geheime Militär-Dokumente, aus denen Kriegsverbrechen der US-Armee im Irak und in Afghanistan ersichtlich wurden. In einigen konservativen amerikanischen Medien, hiess es, man müsse den «son of a bitch» aufhängen. Auch von «erschießen» oder «mit einer Drohne erledigen» war die Rede. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas Mike Huckabee sagte: «Alles außer einer Hinrichtung ist eine zu milde Strafe.»

Assange sagte am 28. Oktober 2010 in einem Interview mit der Berliner «taz», die internationalen Medien seien ein Desaster: «Wir sehen die Anstrengung, mit der die Informationen, die wir geben, unterdrückt werden. Mein Fazit ist, dass das Umfeld der internationalen Medien so schlecht und verzerrt ist, dass es uns besser gehen würde, wenn es keine Medien geben würde.»  

(Red.) Zum Interview mit McMaster in der Weltwoche – mit Paywall.

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