Venezuela: Toxischer Mix aus Interessenspolitik und Kleptokratie

Die verheerenden Erdbeben in Venezuela verursachten eine unermessliche Tragödie und die hohen Opferzahlen von bisher 3’600 Toten, 17‘000 Verletzten und noch Tausenden von Vermissten verdeutlichen das schiere Ausmass des Leids vor Ort. Wer trägt die Verantwortung für die mangelhafte Infrastruktur und die korrupten Strukturen, die diese Katastrophe so tödlich gemacht haben? Die Frage verlangt eine differenzierte Antwort. Sie berührt sowohl die historische Rolle ausländischer Akteure als auch die jahrzehntelange interne Fehlwirtschaft des Landes.

Schnell ist die Katastrophe wieder aus den internationalen Schlagzeilen verschwunden. Die vielen ausländischen Helfer wurden in den aktuellen Berichten ausgiebig gewürdigt und die lokalen Hilfsequipen knallhart abqualifiziert.

So funktioniert heute das schnelle, renditegetriebene Mediengeschäft. Um die vielschichtigen Ursachen aufzuzeigen, fehlt das Geld und damit Zeit und Kompetenz. Die hastige Journalistenschar lässt ein emotional kurz aufgeladenes Publikum zurück, das mit Ignoranz und Vorurteilen gefüttert wird. Die Menschheit gewinnt damit keinerlei Erkenntnisse über globalpolitische Zusammenhänge und Hintergründe des Dramas in Südamerika. Somit werden auch Veränderungen für eine gerechtere Welt verhindert, ganz im Sinne der etablierten, meist versteckten Machtstrukturen.

Der Westen profitierte massiv

Bis zur Verstaatlichung der Ölindustrie in den 1970er-Jahren und auch danach profitierten westliche Konzerne (insbesondere aus den USA) stark von den immensen Ölvorkommen Venezuelas. Die massive Nachfrage nach dem „Schwarzen Gold“ führte dazu, dass das Land extrem einseitig von Rohstoffexporten abhängig wurde. Dieser Zufluss von leichtem Geld begünstigte bereits Mitte des 20. Jahrhunderts eine Kultur der Bereicherung in der herrschenden Elite.

Westliche Interessen konzentrierten sich primär auf die Stabilität des Ölflusses und weniger auf die Förderung einer transparenten, demokratischen Governance oder den Aufbau nachhaltiger ziviler Infrastruktur.

Während die Elite im Ölreichtum schwelgte, bildeten sich rund um Grossstädte wie Caracas riesige, unregulierte Armenviertel („Barrios“). Die Gebäude dort wurden ohne jegliche antiseismische Standards oft an steilen Hängen errichtet. Diese historische Ungleichheit legte das Fundament für die Verwundbarkeit, die wir heute sehen. Es wäre jedoch verkürzt, die Schuld allein im Ausland zu suchen. Die Verantwortung für die konkrete Bauaufsicht und die Verwendung der staatlichen Gelder liegt bei den jeweiligen venezolanischen Regierungen der letzten Jahrzehnte.

Bauvorschriften systematisch umgangen

Während des Ölpreisbooms in den 2000er-Jahren unter Präsident Chávez flossen hunderte Milliarden Dollar in die Staatskasse. Ein erheblicher Teil davon versickerte jedoch in korrupten Netzwerken, anstatt in die Erdbebensicherheit flächendeckender Infrastrukturprojekte investiert zu werden. Bauvorschriften existierten zwar auf dem Papier, wurden aber durch Bestechung und mangelnde staatliche Kontrolle systematisch umgangen.

In den letzten zehn Jahren haben die USA und andere westliche Staaten harte Wirtschaftssanktionen gegen die Regierung in Caracas verhängt, um politischen Druck auszuüben. Die Sanktionen sollten eigentlich die korrupte Führung unter Präsident Maduro treffen, doch haben sie den wirtschaftlichen Kollaps des Landes drastisch beschleunigt. Dem Staat fehlten dadurch jegliche Ressourcen für den Katastrophenschutz, moderne Rettungsausrüstung oder die Durchsetzung von Sicherheitsstandards am Bau. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Im geoopolitischen Würgegriff der Sanktionen

Die Tragödie zeigt die tödlichen Folgen, wenn ein Land über Jahrzehnte aufgrund geopolitischer Interessen den Fokus auf die reine Rohstoffausbeutung setzt und durch massive hausgemachte Korruption geschwächt wird. Das Resultat dieser ursprünglich westlichen Interessenspolitik ist eine Infrastruktur, die einem schweren Naturereignis schlussendlich nichts mehr entgegenzusetzen hat. Die toxische Mischung aus dem geopolitischen Würgegriff des Westens und landesinterner Kleptokratie bezahlt nun die betroffene Bevölkerung.

Quellen: Berichte von World Vision (Humanitäre Bedarfsanalysen 2026), UN-Nothilfekoordination (ReliefWeb), Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO/WHO), Recherche KI-unterstützt (Quellen überprüft)

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