So ermorden die Israelis gezielt Presse-Leute, um sie definitiv zum Schweigen zu bringen
Die libanesische Journalistin Amal Khalil berichtete täglich aus dem Kriegsschauplatz Südlibanon, bis sie von israelischen Streitkräften angegriffen wurde. Zuvor erhielt sie Morddrohungen, die nun Realität wurden. Zusammen mit der Fotojournalistin Zainab Faraj suchte sie Zuflucht und wählte den Notruf. Der Rettungsdienst, der zu ihnen eilte, wurde selbst vom israelischen Militär beschossen.
Der Journalist Hassan Al Khalaf sprach zur Recherche auf arabisch mit Amal Khalils Bruder Ali Khalil aus dem Libanon.
Die Berichterstattung der getöteten Journalistin Amal Khalil galt bis zu ihrem Tod der verheerenden Zerstörung von Wohngebieten und der Vertreibung der Zivilbevölkerung im Süden Libanons. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen des israelischen Militärs an den Bewohnern des Landes zu dokumentieren. Die 42-Jährige Kriegsreporterin berichtete über den Krieg vor Ort für die linke, säkulare und in Beirut ansässige Tageszeitung Al-Akhbar. Gemeinsam mit der freiberuflichen Fotojournalistin Zainab Faraj befand sie sich am 22. April dieses Jahres in der Kleinstadt Al-Tayri in einem PKW, als Bomben plötzlich auf ein Auto in ihrer Nähe fielen. Die beiden Journalistinnen schafften es noch aus dem Auto zu fliehen, aber mussten mitansehen, wie das Auto Amals gezielt beschossen wurde. Sie fanden Zuflucht in einem nahegelegenem, dreistöckigen Haus, von wo aus Amal ihre Familie, ihre Redaktion und das libanesische Militär über ihren Verbleib informierte, in der Hoffnung, bald gerettet zu werden. Mehrere Stunden lang mussten die beiden Frauen in diesem Zustand ausharren, während sie auf Hilfe warteten. Ehe der Rettungsdienst sie evakuieren konnte, wurde das Gebäude, das ihnen als Schutzraum diente, von einer dritten Bombe getroffen.
Amals Familie befand sich währenddessen in einem Zustand der Ungewissheit. Kurz nachdem sie mit ihrer Schwester telefonierte und ihr versicherte, dass sie unverletzt sei, schaltete sich das Handy der Journalistin aus. Wenig später erhielt die besorgte Familie das Foto einer Rauchwolke nach einer Explosion in Al-Tayri. Aufgenommen wurde es von der libanesischen Aljazeera-Journalistin Carmen Joukhadar, die zuvor mit Amal telefonierte, um sich nach ihr zu erkundigen. Zum Zeitpunkt des Beschusses befand sie sich in der umkämpften Nachbarstadt Chiyam, die die israelischen Streitkräfte regelmäßig bombardieren und seit Beginn des Krieges zu besetzen versuchen.
Für Amals Bruder Ali besteht kein Zweifel, dass seine Schwester vorsätzlich von den israelischen Streitkräften getötet wurde.
“Acht Stunden lang hat Israel den Rettungsdienst verwehrt, Amal und Zainab zu retten, bis sie wussten, dass Amal tot war. Erst dann haben sie dem Rettungsdienst erlaubt, ihre Leiche abzuholen”, kritisiert der 48-Jährige. Obwohl sowohl das Rote Kreuz als auch die libanesische Armee bereits am Nachmittag einsatzbereit waren, konnten sie aufgrund der andauernden Bombardierungen des israelischen Militärs nicht zu den beiden Zivilisten. Sogar die Straße, die den Krankenwagen direkt zum Zufluchtsort der Beiden geführt hätte, wurde bombardiert, erzählt Ali Khalil.
Trotz dieser Verzögerungen gelang es dem Krankenwagen, unter aktivem Beschuss zum Zufluchtsort vorzudringen. Sie fanden die schwerverletzte Zainab Faraj mit mehreren Knochenbrüchen und schweren Kopfverletzungen vor sowie die beiden toten Zivilisten, die zuvor in ihrem Auto beschossen worden waren. Bevor sie Amal ausfindig machen konnten, wurden sie vom israelischen Militär mit einer Blendgranate beschossen. Die Rettungskräfte sahen sich zum Rückzug gezwungen, um zumindest die schwerverletzte Patientin ins nächstgelegene Krankenhaus zu bringen. Mit mehreren Einschusslöchern und Schäden durch die israelischen Angriffe erreichte der Krankenwagen das Nachbardorf Tibrin, wo Zainab Faraj sofort im örtlichen Krankenhaus notoperiert werden musste. Amal hingegen blieb tot unter den Trümmern im Keller des Hauses, bis sie erst eine Stunde vor Mitternacht geborgen werden konnte. Obwohl die Journalistin selbst die Weltöffentlichkeit am Nachmittag über ihren Verbleib informierte, konnte ihr lebloser Körper erst nach elf Uhr nachts aus den Trümmern befreit werden.
“Die Absicht der Israelis ist klar. Sie wollten nicht, dass Amal gerettet wird, weil sie ihre Verbrechen aufdeckt. Dass Krankenwagen davon abgehalten werden, Verletzte zu retten, ist ein Phänomen, das wir häufig in Gaza und im Libanon sehen. Das ist ein gewaltiges Verbrechen. Auch nach Amal haben wir oft miterlebt, dass Rettungswagen davon abgehalten werden, Verletzte zu retten. In Tyros zum Beispiel wurden kürzlich ein verletzter Zivilist und vier Rettungskräfte im Krankenwagen getötet.”, teilt Ali seine Beobachtungen und Einschätzungen. Die Familie Khalil besuchte Zainab im Krankenhaus und zeigt sich erleichtert, dass es ihr seitdem etwas besser geht. Gleichzeitig hört man noch den Schmerz aus Alis Stimme, wenn er über seine jüngere Schwester erzählt. “Sie wurde im April geboren und wurde im selben Monat getötet.”
„Die wiederholten Angriffe auf denselben Ort, das gezielte Angreifen eines Gebiets, in dem Journalisten Zuflucht gesucht hatten, und die Behinderung des medizinischen und humanitären Zugangs stellen einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar“, sagte die Regionaldirektorin des Committee for Protecting Journalists Sarah Qudah. „Das Komitee macht die israelischen Streitkräfte für die Gefährdung des Lebens von Amal Khalil und die Verletzungen verantwortlich, die Zeinab Faraj nach dem gezielten Angriff auf ihren Standort erlitt.“
Für den mittlerweile tagtäglichen Fall, dass Zivilisten wie Amal und Zainab aus dem selbsterklärten Einsatzgebiet des IDF evakuiert werden müssen, wurde unter anderem eine neue Kommission eingerichtet: der “Mechanismus.” Diese diplomatische Mission, geführt von den USA, Frankreich und teilweise auch UNIFIL, wurde 2024 während dem Waffenstillstand gegründet, mit dem Ziel, zwischen Israel und dem Libanon zu vermitteln. Am schicksalhaften Tag mussten die Rettungskräfte und die libanesische Armee auf die Genehmigung des „Mechanismus“ warten, die sich trotz der Dringlichkeit der Situation hinauszögerte. Obwohl Israel über den Standort der beiden unbewaffneten Journalistinnen an jenem Ort vom „Mechanismus“ informiert wurde, hielten die Bombardierungen auf das Haus und die unmittelbare Nähe an.
“Man bittet den Mörder um Erlaubnis, zum Opfer zu gehen”, kritisiert Ali das System scharf, welches eigentlich dazu gedacht ist, zivile Opfer zu vermeiden. Er betont, dass die ursprünglichen Bewohner bereits aus dem Haus vertrieben waren und sich außer den beiden Frauen niemand sonst dort aufhielt. Es waren keine anderen Menschen, geschweige denn Kämpfer, präsent. Die Überlebende Zainab erzählte der Familie Khalil im Krankenhaus, dass sich ihnen eine Drohne näherte, woraufhin die beiden Zivilistinnen tiefer ins Gebäude gingen. Für Ali bestätigt dies die Überzeugung, dass das IDF bewusst nach Amal suchte, um ihr Schweigen zu erzwingen.
Als Amal noch lebte, appellierten Nichtregierungsorganisationen wie „Reporter ohne Grenzen“ und das Committee for Protecting Journalists an die internationale Gemeinschaft, Druck auf Israel auszuüben, um den Rettungskräften endlich Zugang zu ermöglichen. Sogar der libanesische Präsident Joseph Aoun sprach sich für die Rettung der beiden Journalisten aus. Eine karge Antwort von offizieller israelischer Seite erhielt „Reporter ohne Grenzen“ bereits um 17:30 Uhr. Der Sprecher des israelischen Militärs antwortete und gab laut der NGO an, er werde es sich ansehen. Dies führte nicht dazu, dass die Luftanschläge seitens Israels auf das Gebäude stoppten, Rettungskräfte wurden durch Beschuss davon abgehalten, Amal zu retten und die lebensrettende Genehmigung kam erst zu einem Zeitpunkt, als die libanesische Journalistin schon unter Trümmern lag.
“Acht Stunden vergingen, während die ganze Welt hoffte, dass meine Schwester wohlauf sein wird. Um 11 Uhr nachts verließ sie das Gebäude als Märtyrerin.”, erzählt der 48-Jährige von dem Moment, als die Familie vom Tod Amals erfuhr. Im arabischsprachigen Raum werden Opfer, die als Folge eines Gewaltverbrechens sterben, als Märtyrer bezeichnet. Spricht Ali von seiner Schwester, so nennt er sie stets “ Al Shahida Amal – die Märtyrerin Amal”. Seit 2006 war sie im Süden des Landes aktiv, um die Geschichten der Menschen vor Ort, die von Krieg und Vertreibung betroffen und gefährdet waren, zu erzählen.
“Amal war eine Tochter des Südens. Sie liebte den Süden und war eng verbunden mit den Menschen dort. Sie war in jedem Haus im Süden willkommen und jede Familie kannte sie. Sie war dort nicht nur zum Arbeiten. Sie kannte die Geschichten der Menschen und versuchte, ihnen stets bei Problemen zu helfen. Sie lebte in ihrer Mitte.” erinnert sich Ali an die Verbundenheit seiner Schwester zur Bevölkerung des Landes, die am benachteiligsten ist und selbst während des Krieges von der Zentralregierung in Beirut vernachlässigt wird. Als die bedrückende Nachricht ihres Todes ihre Angehörigen erreichte, bekundeten zahlreiche Familien aus dem Süden ihr Beileid und ihre Solidarität zu Amal Khalil. Selbst nach ihrem Tod zeigt die von ihr gefilmte Youtube Serie namens “Ahl al Ardh – die Menschen ihrer Erde” – Einblicke in das alltägliche Leben der Bewohner des Südlibanon, sowohl während des Krieges als auch zu friedlichen Zeiten.
Ihr Bruder behält sie als eine starke und mutige Frau in Erinnerung. Sogar nachdem sie mehrmals persönlich bedroht wurde, verließ sie den Süden nicht. “Ich hab nie gesehen, dass sie Angst hatte. Sie erzählte uns immer, was für Verbrecher Israel regieren. Sie wusste ganz genau, dass Israel keine Grenzen achtet und ihr eines Tages sowas antun wird. Natürlich wollte sie sich nicht in den Tod stürzen, aber sie wusste, wozu diese Leute fähig sind.“, erklärt er die Haltung seiner Schwester.
“Wir wissen, wo du bist. Flieh… wenn du deinen Kopf auf den Schultern behalten möchtest”
Der Regierung in Israel missfiel die journalistische Berichterstattung Amal Khalils schon länger. Als sie 2024 wie üblich im Süden ihres Landes aktiv war, erhielt sie eine brutale Morddrohung von einer unbekannten, israelischen Nummer in fehlerhaftem Arabisch über WhatsApp.
“Wir wissen, wo du bist und wir werden dich erreichen, wenn die Zeit reif ist. Flieh nach Qatar oder woanders hin, wenn du deinen Kopf auf den Schultern behalten möchtest”, musste sie im Wortlaut auf ihrem Bildschirm lesen. Die Nachricht enthielt nicht einfach nur leere Worte, denn der Absender demonstrierte ihr, dass er tatsächlich private Informationen über das Leben der Libanesin hat. Die Familie Khalil hat Verwandte in Qatar, zu denen Amal kürzlich Kontakt hatte, erzählt ihr Bruder. Damit wollte der Droher, der von einem geeinten “Wir” sprach, verdeutlichen, dass sie den tatsächlichen Standort Amals kennen. Trotz der Drohung, enthauptet zu werden, ließ sie sich nicht einschüchtern und setzte ihre Arbeit als Reporterin an Ort und Stelle fort.
Übereinstimmend mit anderen Medienberichten erzählt ihr Bruder, dass auch ihr Chefredakteur vom selben Absender auf ähnlichem Wege bedroht wurde. Telefonisch wurde angedroht, das Verlagshaus anzugreifen, wenn Amal Khalil nicht aus dem Süden abgezogen werde. Auch kündigten sie vor dem Chefredakteur damals bereits an, Amal zu töten, wenn sie weiter dort verbleibe. “Sie war die Stimme der Zeitung und sie wollten Amal zum Schweigen bringen, weil sie die Verbrechen Israels im Südlibanon aufdeckt.”, erklärt Ali mit Stolz, aber auch mit schmerzerfüllter Stimme.
Dies war nicht die erste Drohung, die Amal aufgrund ihrer Tätigkeit erhielt. Schon länger drohten ihr israelische Accounts Gewalt an, schildert ihr Bruder.
Doch diese Drohung teilte sie ihrer Familie nicht mit, um ihre Angehörigen nicht zu kränken. Von der verstörenden Drohung erfuhren sie erst durch Medienberichte. Eine weitere Drohung derselben Nummer erhielt sie am Tag des israelischen Pager-Massakers, bei welchem laut dem Hohen Kommissariat für Menschenrechte der UN 32 Menschen getötet wurden, darunter mehrere Rettungskräfte und Angestellte im Gesundheitswesen, welche die Pager beruflich nutzten. Über 3.200 Menschen, unter ihnen Kinder, wurden schwer verletzt, darunter 500 Menschen, die durch den Angriff Augenverletzungen erlitten oder erblindeten. Das Timing diente dabei als weitere Einschüchterungstaktik, die jedoch an der Medienschaffenden abprallte.
Amal war fest davon überzeugt, dass die Drohnachrichten vom Mossad stammten, teilte sie im arabischsprachigen Podcast “Heidak” mit. Dort sprach sie öffentlich darüber, wie sie mit dem Wissen, dass man sie gezielt töten möchte, lebt. Sie bekräftigte ihre Absicht, die Drohung zu ignorieren und ihre Arbeit fortzusetzen, da sie sonst akzeptierte, sich von Israel vorschreiben zu lassen, wo sie sich in ihrem eigenen Land bewegen darf. Die Libanesin sollte aus dem Süden vertrieben werden, damit Tel Aviv dort ihr eigenes Narrativ etablieren und die freie Berichterstattung aus dem Libanon unterdrückt, schilderte die Journalistin im Podcast.
Das libanesische Außenministerium reichte beim UN-Sicherheitsrat offizielle Beschwerde über die systematische Einschüchterung von Journalisten ein, doch erst nach Amals Tod wurde klar, wer den Journalisten gedroht hat. Der Absender war der Israelische Influencer und Orientalist Gideon Gal Ben Avraham, der nach eigenen Angaben pensionierter Offizier des IDF sei und als Medienanalyst Auftritte im israelischen Fernsehen verzeichnet, wie Recherchen des gemeinnützigen investigativ-Portal Drop Site News. ergeben haben. Der Investigativjournalist Jeremy Loffredo kontaktierte die israelische WhatsApp-Nummer und Gideon bekannte sich, den Journalisten gedroht zu haben.
Auch im Gespräch mit dem Journalisten nutzte der Mann, dessen Drohungen vom IDF verwirklicht wurden, das Wort “wir”, sprach von “unseren Soldaten” und behauptete, das Israelische Militär mit Informationen zu unterstützen. Journalisten wie Amal und andere bezeichnete er schlicht als “Hezbollah Spione”, die Daten an die Miliz weitergeben, und erklärte die Medienschaffenden somit zu legitimen Zielen, ohne Beweise vorzulegen. Auf die Frage, ob er Soldat war, als er die Journalisten bedrohte, antwortete er lediglich mit “Kein Kommentar.”
Im Chatverlauf drohte auch er dem Journalisten Loffredo persönlich mit den Worten: „Ich denke, es ist möglich, dass du einer von ihnen bist.” Gemeinsam mit der Drohung rät der Bekenner dem Journalisten, sich andere “Partner” als Schiiten, die Religionsgemeinschaft, der Amal angehörte, im Libanon zu suchen. Namentlich nennt er Maroniten, Drusen und Sunniten. Aus diesem Appell sticht die Strategie hervor, schiitische Muslime, die mehrheitlich den Süden des Landes bewohnen, zu isolieren, sodass sich niemand für sie einsetzt, wenn das israelische Militär ihre Heimat angreift, den Süden bis zum Fluss Litani besetzen will und Zivilisten wie Amal Khalil tötet. Diese Vorgehensweise, die stark an das “Teile und Herrsche”-Prinzip erinnert, wirkt besonders entlarvend, wenn man bedenkt, dass der Bekenner libanesische Sunniten “gute Leute” nennt, während Israel im Gaza-Streifen, der eine überwiegende Mehrheit Sunniten beheimatet, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübte. Strafrechtliche Verfolgungen, geschweige denn internationale Untersuchungen für den Bekenner sowie die Verantwortlichen beim IDF wurden bislang nicht eingeleitet.
Das missachtete Recht der Opfer
Die Familie fordert Aufarbeitung des Mordes an Amal, doch Vertrauen, dass ihre eigene Regierung in Beirut die Verantwortlichen verfolgen will, haben sie keins. “Mit ihrer Unterschrift haben sie Amal und all die anderen Opfer begraben”, blickt Ali auf das Treffen israelischer und libanesischer Diplomaten in Washington, während Bomben nach wie vor den Südlibanon treffen. Besonders der 13. Punkt des US-entworfenen 14-Punkte-Plans hat der Familie schmerzlich klar gemacht, dass ihre Regierung sich nicht dafür einsetzen wird, dass die Schuldigen an Amals Tod Konsequenzen erfahren.
In dem Rahmenabkommen, dass die beiden Länder unter Vermittlung der USA am 26. Juni unterzeichnet haben, finden der Fall Amal Khalils sowie andere Kriegsverbrechen, die von der IDF begangen wurden, keine Erwähnung. Stattdessen ist in Punkt 13 von “Einstellung aller feindseligen oder nachteiligen Handlungen in internationalen, politischen und rechtlichen Foren.” die Rede.
Die libanesische Regierung verzichtet faktisch darauf, Kriegsverbrechen wie den Beschuss auf die Journalisten vor ein internationales Gericht zu stellen, damit für Israel kein Nachteil entsteht. Die Opfer der eigentlichen israelischen Angriffe im Süden wurden bei den Verhandlungen nicht miteinbezogen.
Amnesty International kritisiert, dass dieses Abkommen die Opfer von Kriegsverbrechen verrät, wie Medizinpersonal, Journalisten und ganze Familien, die durch rechtswidrige Angriffe getötet wurden. In ihrer Stellungnahme dokumentiert die Menschenrechtsorganisation den Einsatz von weißem Phosphor in Wohngebieten, der zu schweren Verbrennungen an der Zivilbevölkerung führt, sowie die rechtswidrige Vertreibung von Zehntausenden Libanesen aus ihrer Heimat.
“Die libanesische Regierung hat ein Recht, dass ihnen nicht zusteht, abgetreten: Das Recht der Opfer, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Das Recht steht den Menschen zu, die ihre Liebsten verloren haben, deren Häuser und Erinnerungen zerstört wurden. Das ist das Recht der Menschen, die inmitten von Gefahren ihre Pflichten erfüllten wie Journalisten und Rettungskräfte.”, wird die Präsidentin der Union of Journalists in Lebanon von der Organisation zitiert.
Von ihrer Regierung fühlt sich die Familie Khalil komplett entfremdet und verlassen. “Bis jetzt hat unsere sogenannte Regierung nichts unternommen. Trotz aller Ressourcen waren sie nicht in der Lage, zwei Journalisten zu retten, die um Hilfe baten. Diese Regierung spricht weder für uns noch im Namen der anderen Opfer. Leere Worte des Beileids reichen uns nicht.”, distanziert sich Ali von der Administration des Präsidenten Joseph Aouns. Tatsächlich sprachen der Präsident und der Premierminister Nawaf Salam der Familie ihr Beileid aus. Letzterer prangerte auf X die systematischen Angriffe auf Journalisten an und kündigte strafrechtliche Konsequenzen an. Gleichzeitig gehören sie zu dem Lager im libanesischen Parlament, das die Verhandlungen mit Israel vorantreibt und die Zustimmung zur kontroversen Klausel, die die Strafverfolgung von Kriegsverbrechen blockiert, gaben. Ein Widerspruch, der ihm viel Kritik, insbesondere aus dem Süden, einbrachte.
“Wir kennen bis heute keinen der Verantwortlichen des Angriffs.”, bemängelt Ali. Er sieht die Mitschuld auch beim „Mechanismus“, der acht Stunden lang Zeit hatte, eine Genehmigung von Israel einzuholen, um seine Schwester und Zainab Faraj zu retten. Ali und seine Familie fordern die Namen der Verantwortlichen, denen sie fahrlässige Tötung unterstellen. Der Familie ist klar geworden, dass sie aus Beirut keine Unterstützung auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit erhalten, da die Regierung auf die USA angewiesen ist, erklärt Ali. Stattdessen arbeiten die Libanesen auf die Einreise nach Europa hin, um dort zu versuchen, rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen einzuleiten. Dort hoffen sie Verbündete für ihr Anliegen, Gerechtigkeit für Amal Khalil zu finden. Bislang führen sie diesen Kampf ohne einflussreiche Unterstützer oder mediales Aufsehen. Alle Regierungen sowie Menschenrechtsorganisationen, die in der Lage sind, Konsequenzen für Israel zu erwirken, sollen vollen Einsatz leisten, verlangt die Familie der getöteten Journalistin.
Gleichzeitig ist Ali auch besorgt um den Rest seiner Familie. Besonders mit Hinblick darauf, wie das IDF bisher mit lautstarken Kritikern umgeht. Die Nachbarschaft seiner anderen Schwester in der historischen Stadt Nabatieh wurde ebenfalls beschossen. Sein Cousin verlor seine Frau und sogar sein Kind durch israelische Bomben. Solange der Krieg anhält, werden solche Schicksale für die Bewohner des Südens zum Alltag gehören. “Wir trauen Israel zu, uns alle zu töten. Hier dürfen sie jederzeit Verbrechen an Zivilisten begehen”, bekräftigt Ali, weshalb er davon überzeugt ist, dass es mit Israel keine Sicherheit geben kann. Trotzdem weigert sich die Familie, Einschüchterungen nachzugeben, ähnlich wie Amal selbst.
Unterdrückung des Wortes
“Israel besetzt nicht nur Land, sondern versucht auch das Wort zu unterdrücken. Die Botschafter, die die Wahrheit ans Licht bringen, werden von der Besatzung zum Schweigen gebracht werden. Amal steht repräsentativ für alle getöteten Journalisten“, reiht Ali das Schicksal seiner Schwester in die lange Liste der Journalisten, die durch israelische Bomben getötet wurden, ein.
Allein im Libanon wurden 16 Journalisten laut dem Committee for Protecting Journalists seit 2023 bis zum jetzigen Stand getötet. Unter ihnen war auch der libanesische Journalist Issam Abdallah, der für die britische Nachrichtenagentur Reuters tätig war. Schon in den Anfängen des Gazakriegs wurde er im Libanon von einem israelischen Panzer erschossen, während er seine gut sichtbare Presseweste um den Körper trug.
In Gaza wurden 220 Journalisten und Medienschaffende von 2023 bis 2025 durch Israel getötet, geben „Reporter ohne Grenzen“ in ihrer Jahresbilanz an. 65 dieser Journalisten wurden laut der Organisation dabei gezielt im Zusammenhang mit ihrer Arbeit getötet. Gaza galt im letzten Jahr als das tödlichste Einsatzgebiet für Journalisten, denn 43% aller global getöteten Journalisten gehen auf die Verantwortung Israels zurück.
Auch wenn die Familie Khalil bei ihrer Suche nach Gerechtigkeit bislang auf sich allein gestellt ist, geben sie nicht auf. Als Amal auf die Welt kam, gaben ihr ihre Eltern einen Namen, der auf das arabische Wort für Hoffnung zurückreicht. Selbst nachdem sie nicht mehr bei ihrer Familie sein kann, hilft Hoffnung ihnen Kraft zu schöpfen, Gerechtigkeit in Amals Namen zu fordern.