Der Publizist Gábor Stier ist spezialisiert auf die Beziehungen Ungarns und der EU zu Russland. Als regelmäßig Valdai-Diskussions-Club-Teilnehmer verfügt er über zahlreiche intime Kontakte auch zu russischen Politikern.

Kann Trump Europa näher an Russland rücken?

Sicherheitsarchitektur, strategische Autonomie und das Ende der transatlantischen Illusion: Während Washington unter Donald Trump Europa zunehmend als Rivalen behandelt und geopolitisch instrumentalisiert, wächst in Brüssel die Erkenntnis, dass eine stabile Ordnung ohne Russland kaum denkbar ist. Gábor Stier analysiert die notwendige Abkehr von alten Dogmen und die schwierige Suche nach einem neuen Dialog mit Moskau, um Europas drohende Marginalisierung zwischen den USA und China zu verhindern. Ein Plädoyer für geopolitischen Realismus.

Die Kluft zwischen der Europäischen Union und den USA vertieft sich zusehends. In dieser prekären Lage kann Brüssel nicht länger auf eine bloße Kehrtwende in den politischen Kräfteverhältnisse in den USA hoffen; stattdessen sucht man händeringend nach Gegengewichten zu Donald Trump. Wirtschaftlich öffnet sich der Kontinent bereits in Richtung Südamerika, Indien und China – und vorsichtig keimt sogar die Idee auf, den Dialog mit Russland wiederaufzunehmen.

Zwar ist der europäische Mainstream noch weit davon entfernt, Russland nicht mehr als Problem, sondern als Teil der Lösung zu begreifen. Doch Trumps Rückkehr ins Weiße Haus und die zunehmende Distanzierung Washingtons treiben Europa fast zwangsläufig in diese Richtung. Bisher zeigt sich auch Moskau wenig bereit für eine Annäherung, doch es bleibt bemerkenswert, dass man dort die Wiederaufnahme des Dialogs nicht kategorisch ablehnt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Ist eine Neuregelung der europäisch-russischen Beziehungen mittelfristig überhaupt möglich?

Geopolitischer Bruch: Europas Ernüchterung unter Trump

Der Auftakt des Jahres 2026 hat Europa in einen Schockzustand versetzt. Bereits das knappe Jahr seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus hat die Nerven der europäischen Mainstream-Eliten bis zum Äußersten strapaziert. Die jüngsten Schritte des US-Präsidenten, der Europa eher als Rivalen und Herausforderung denn als Partner behandelt, haben den ohnehin schon beängstigend tiefen Graben zwischen Washington und dem alten Kontinent weiter aufgerissen. In dieser neuen Realität schwindet die europäische Gewissheit, dass Russland das „Böse“ verkörpert, während die USA als unumstößliche Sicherheitsgarantie fungieren.

Trumps Politik, die Interessen Washingtons mit zunehmender Aggressivität durchzusetzen, löst auch jenseits der westlichen Welt einen tiefgreifenden Umdenkprozess aus. Sein Auftreten zwingt Akteure von Südamerika über Kanada bis nach Europa dazu, strategische Gegengewichte aufzubauen. Dieser neuen Logik folgten zuletzt etwa der kanadische Premierminister Mark Carney, sein britischer Amtskollege Keir Starmer sowie der französische Staatspräsident Emmanuel Macron bei ihren Verhandlungen in Peking. Gleichzeitig beschleunigte dieser Druck die seit Jahrzehnten festgefahrenen EU-Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit Südamerika und Indien. Über die Entwicklungen im Ukraine-Konflikt hinaus führte diese Erkenntnis schließlich dazu, dass selbst Politiker wie Macron oder Bundeskanzler Friedrich Merz offen aussprechen, was lange undenkbar schien: die notwendige Wiederaufnahme des Dialogs mit Russland.

Europas Geopolitik: Die Falle des Ukraine-Konflikts

Soweit geht die transatlantisch orientierte Elite also bereits: Um geopolitische und wirtschaftliche Gegengewichte zu schaffen, bringt sie eine engere Verknüpfung mit China ins Spiel. Bezeichnenderweise ist sie jedoch noch immer nicht fähig, sich aus der Gefangenschaft des Ukraine-Konflikts zu befreien; eine Neuregelung des Verhältnisses zu Russland wird daher nur zögerlich oder gar nicht thematisiert.

Unter den führenden Politikern Europas wächst das Bewusstsein, dass der Kontinent zunehmend auf sich allein gestellt ist und in einer immer turbulenteren Welt schutzloser wird. Der US-Schutzschirm wird schwächer und zugleich teurer; selbst die NATO kann nicht mehr als unumstößliche Gegebenheit gelten. Daher ist die Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeiten mittlerweile unaufschiebbar. Zudem wird die wirtschaftliche Abhängigkeit von Washington immer drückender. Über die Schaffung strategischer Autonomie reicht es nicht mehr bloß zu dozieren – man muss beginnen, sie zu verwirklichen.

Dies erweist sich schon deshalb als schwierig, weil den europäischen Politikern die hierfür unerlässliche strategische Vision fehlt. Dies offenbarte sich bereits in der Unfähigkeit, die eigene Politik nach Kriegsausbruch an die veränderten geopolitischen Realitäten anzupassen; stattdessen manövrierte man sich in die Rolle einer Geisel des Ukraine-Konflikts. Die europäische Führung blieb derart in alten Denkmustern gefangen, dass sie die letzte Gelegenheit, die sich mit dem Regierungswechsel in Washington bot, schlicht verkannte und den Ausweg aus der geopolitischen Falle verpasste.

Energiepolitik und die strategische Schwächung der EU

Die Führung der Europäischen Union hat das Wesen, die Triebfedern und die Prioritäten der sich radikal wandelnden Welt nicht begriffen. Dies offenbarte sich insbesondere darin, wie sie die Energiepolitik in eine moralisch-politische Dimension hob und damit bereitwillig in eine mehrfache asymmetrische Falle tappte.

Diese Situation ist längst über eine rein wirtschafts- und industriepolitische Herausforderung hinausgewachsen; sie ist zu einer existenziellen Souveränitätsfrage geworden. Die EU hat den „zuverlässigen Feind“ gegen einen „unzuverlässigen Verbündeten“ eingetauscht. Heute geht es nicht mehr allein darum, dass US-amerikanisches Flüssiggas (LNG) teurer ist, sondern dass die Energiepolitik Washingtons als geopolitische Waffe eingesetzt wird. Kirill Dmitrijew, der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für Auslandsinvestitionen, konfrontierte die Europäische Union in einem Beitrag sarkastisch mit ihrer strategischen Verwundbarkeit durch die Abhängigkeit von US-Gaslieferungen: „Wer in der EU trägt die Verantwortung für diese selbst herbeigeführte Schwächung? Postet ruhig Zitate von Ursula [von der Leyen] und ihrem ‚talentierten Team‘ bezüglich des russischen Gases. Jetzt fehlt euch Nord Stream, was?“, kommentierte der russische Sonderbeauftragte auf seiner Social-Media-Seite.

Dabei ist die im Zusammenhang mit Grönland offenkundig gewordene sicherheitspolitische Dimension dieser Lage noch gar nicht vollends berücksichtigt.

Washingtons Interessen: Europa als Proxy im Machtspiel

Europa muss endlich zur Kenntnis nehmen, dass die USA heute längst nicht mehr als einfacher Verbündeter agieren, sondern als eigenständige Macht, die den Kontinent als Instrument in ihren globalen Spielen missbraucht. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Washington instrumentalisiert Europa im Ukraine-Konflikt als strategischen Stellvertreter. Solange es den eigenen Interessen entsprach, befeuerte man in Übersee die europäische Fixierung auf die ‚russische Gefahr‘. Doch nun, da Washingtons Ziele eine Beruhigung der Lage erfordern, stößt der Druck auf Brüssel ins Leere: Das ursprüngliche Narrativ war so effektiv, dass der Schwenk zur Realpolitik an der eigenen Dynamik scheitert – obwohl die Interessen beider Seiten derzeit eigentlich harmonieren.

Will Europa seinen schwindenden Handlungsspielraum erweitern und dem wachsenden Druck aus Washington entkommen, führt der direkteste Weg über eine Normalisierung des zerrütteten Verhältnisses zu Russland. Hierfür muss Europa jedoch vor allem erkennen, dass die Abhängigkeit von Washington weit über eine rein wirtschaftliche Herausforderung hinausgeht. Freihandelsverträge und die Aufrechterhaltung der Handelsbeziehungen mit China reichen nicht mehr aus, um dieses Problem zu bewältigen. Es handelt sich vielmehr um eine fundamentale sicherheitspolitische Frage, die sich ohne Russland und ohne ein Überdenken der gesamten europäischen Sicherheitsstruktur schlicht nicht lösen lässt.

Sicherheitsarchitektur: Warum Europa mit Russland reden muss

Doch eine Änderung dieser Lage bleibt unvorstellbar, solange die europäische Führung nicht verinnerlicht, welche Mechanismen zu diesem Punkt geführt haben: Warum es nämlich im wirtschaftlichen und geopolitischen Interesse Washingtons lag, den eurasischen Raum zu spalten und damit beide Pole zu schwächen. Gelangte die Brüsseler Elite zu dieser Einsicht, müsste sie zudem die psychologisch schmerzhafte Realität akzeptieren, dass die europäische Dominanz endgültig Geschichte ist. Europa muss von seinem hohen Ross herabsteigen; es kann es sich nicht länger leisten, Russland belehrend gegenüberzutreten.

Hinzu kommt der massive Vertrauensverlust. Moskau vergisst nicht, wie oft Europa es allein in den letzten zwei Jahrzehnten getäuscht hat. Es ist kein Zufall, wenn man heutzutage im Kreml betont, mit Personen wie Kaja Kallas gar nicht erst das Gespräch zu suchen. Eine ernsthafte Annäherung wäre zudem zwingend daran gebunden, dass Brüssel die russischen Interessen als legitime Verhandlungsgrundlage anerkennt, in diesem Geiste die Sanktionen abbaut und die Bewaffnung der Ukraine einstellt.

Bemerkenswert ist auch die russische Reaktion auf den Stimmungsumschwung in Europa. Der Kreml nahm die rhetorische Kehrtwende mit spürbarem Misstrauen auf, lehnte die Annäherung jedoch nicht kategorisch ab. Schon deshalb nicht, weil auch Russland Gegengewichte benötigt und eine pragmatische Zusammenarbeit mit Europa seinem strategischen Interesse entspricht. Wie schwer dieses Interesse wiegt, belegen indirekt die seit gut einem Jahrhundert andauernden Bestrebungen der US-amerikanischen Supermacht, genau diese Zusammenarbeit zu zerschlagen.

Es ist auch kein Zufall, dass die Spannungen zwischen Europa und den USA um Grönland heftige Diskussionen im russischen Diskurs ausgelöst haben. Ein Teil der russischen Elite würde sich, basierend auf einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur, mit Europa gegen Washington verbünden. Ein anderer, weitaus einflussreicherer Flügel hofft hingegen eher auf eine Partnerschaft mit Trump – um Europa durch einen Tauschhandel „Grönland gegen die Ukraine“ einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Diese Fragestellung – ob Russland mit einem Teil der euroatlantischen Region gegen den anderen paktieren sollte – ist im russischen politischen Denken tief verwurzelt.

Fazit: Geopolitische Realität zwischen den USA, China und Russland

Moskau kann es sich unter Umständen nicht leisten, gegen Trump Position zu beziehen. Dennoch verspricht eine Normalisierung der Beziehungen zu Europa – so zeitaufwendig dieser Prozess auch sein mag – weit mehr als nur wirtschaftliche Vorteile: Sie würde ein notwendiges Gegengewicht im Machtgefüge zwischen den „Großen Drei“ – Washington, China und Russland – schaffen. Genau deshalb verdient diese Option auf europäischer wie auf russischer Seite ernsthafte Erwägung.

In Europa setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass das US-amerikanische Modell weder Wachstum noch Sicherheit garantiert. Mehr noch: Das Leben ohne Russland erweist sich als weitaus teurer und gefährlicher als erwartet. In diesem Licht betrachtet, erscheint Russland nicht mehr länger als das zentrale Problem, sondern als Teil der Lösung. Freilich handelt es sich dabei vorerst um bloße Gedankenexperimente; von einem Durchbruch oder einer echten Annäherung kann kurzfristig keine Rede sein, dafür sind die Beziehungen zwischen Europa und Russland zu tief zerrüttet.

Dennoch erzwingt die geopolitische und wirtschaftliche Rationalität eine Zusammenarbeit – eine Logik der Interessen, die beide Seiten langfristig zueinander treiben dürfte. Dies geschieht trotz der Tatsache, dass die europäische Führung einmal mehr zeitversetzt reagiert und viel zu spät den Dialog sucht. Donald Trumps Rückkehr und die radikale Neuausrichtung der Interessen Washingtons könnten somit paradoxerweise nicht nur die strategische Autonomie Europas erzwingen, sondern – selbst gegen den erklärten Willen der Brüsseler Elite – genau bei diesem Problem Schützenhilfe leisten.

(Red.) Dieser Beitrag wurde zuerst in der ungarischen Wochenzeitung «Demokrata» publiziert und ist online über das Fachportal Moszkvatér. Die Übersetzung aus dem Ungarischen besorgte Éva Péli. 

Zum Autor Gábor Stier: Geboren 1961, ist er Journalist, Analyst und Publizist für Außenpolitik. Er ist Außenpolitik-Journalist für die Wochenzeitungen «Demokrata» und «Magyar Hang» und Gründungschefredakteur des Portals «#moszkvater», das sich mit der slawischen Welt und dem postsowjetischen Raum befasst. Zuvor war er 28 Jahre lang bis zur Einstellung der Zeitung Mitarbeiter der konservativen Tageszeitung «Magyar Nemzet», von 2000 bis 2017 Leiter der außenpolitischen Rubrik und anschließend leitender Mitarbeiter der Zeitung. Er war der letzte Moskau-Korrespondent der Zeitung. Sein Interessengebiet ist der postsowjetische Raum sowie globale Prozesse. Er veröffentlicht regelmäßig in außenpolitischen Zeitschriften, seine Artikel und Interviews erscheinen von Zeit zu Zeit in der mittel- und osteuropäischen Presse. Und er ist Autor des Buches „Das Putin-Rätsel” (2000) und seit 2009 ständiges Mitglied des Valdai-Clubs. Er ist Dozent für Kommunikationswissenschaften an der Metropolitan University. Und er ist Mitglied des Vorstands der Tolstoi-Gesellschaft für die ungarisch-russische Zusammenarbeit.

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