Er weiß, was er sagt, wenn er etwas sagt oder schreibt: Jacques Baud an einem Seminar in Solothurn. (Foto Christian Müller)

Kommentar | Der Schock des Entzugs

Ein YouTube-Kanal verschwindet für Stunden, ein Wissenschaftler verliert für Monate oder Jahre den Zugriff auf ein Stück Lebenswerk. Was als technischer Vorgang erscheint, offenbart eine politische Realität, die für Betroffene mit voller Wucht eintritt. Entzug ersetzt Begründung, Verwaltung ersetzt Recht und Neutralität wird zur Abweichung. Der Fall „Neutrality Studies“ und die Sanktionierung des Schweizer Militäranalysten Jacques Baud zeigen, wie fragil Öffentlichkeit und Existenz im digitalen wie im administrativen Raum geworden sind.

Als der YouTube-Kanal „Neutrality Studies“ am Sonntagmorgen, 11.Januar 2026, plötzlich verschwand, war der formale Vorgang schnell erzählt: Automatische Sperre, pauschaler Vorwurf von „Spam, irreführenden Praktiken und Betrug“, ein Einspruch per Button, zunächst abgelehnt, Stunden später revidiert. Der Kanal ist wieder online. Doch wer den Vorgang darauf reduziert, verkennt den eigentlichen Einschnitt. Der Schock liegt im Moment des Entzugs, nicht im Ereignis.

Pascal Lottaz, Politikwissenschaftler und Professor in Japan, lebt und arbeitet seit Jahren in Ostasien. Sein englischsprachiger Kanal „Neutrality Studies“ ist ein kuratierter Gesprächsraum für internationale Wissenschaftler, Diplomaten, Historiker, Juristen und ehemalige Entscheidungsträger. Über 850 Interviews, mehrere hunderttausend Abonnenten, Ausgaben in zahlreichen Sprachen – Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch, Arabisch, Japanisch und Chinesisch. Ein Archiv globaler Debatten, das sich quer zu nationalen Narrativeinhegungen bewegt.

Als dieser Kanal für Stunden verschwindet, wird aus abstrakter Plattformkritik eine existentielle Erfahrung. Lottaz beschreibt den Moment nüchtern, fast sachlich, und doch ist die Erschütterung spürbar. Vier Jahre Arbeit, ein gewachsener öffentlicher Raum, eine internationale Community – alles scheinbar ausgelöscht, ohne Begründung, ohne Ansprechpartner und ohne menschliche Instanz. Die Reduktion auf ein automatisiertes System, das per Checkbox über Sichtbarkeit entscheidet, ist der eigentliche Einschnitt. Die spätere Wiederherstellung hebt diesen Moment nicht auf, sie macht ihn exemplarisch.

Die Reaktionen unter dem Video und in den sozialen Netzwerken sind bemerkenswert. Zuschauer aus Brasilien, Portugal, Deutschland, den USA, aus arabischen und asiatischen Ländern melden sich zu Wort. Viele formulieren Solidarität, andere benennen offen den Verdacht politischer Motivation. Wiederholt taucht der Hinweis auf, dass Lottaz in den Tagen zuvor den von der EU sanktionierten Jacques Baud interviewt hatte. Ob kausal oder nicht, für viele Nutzer genügt diese zeitliche Nähe, um Misstrauen gegenüber den Entscheidungsprozessen der Plattform zu artikulieren.

Auffällig ist weniger die Empörung als die Wiederholung bestimmter Begriffe: „Neutralität wird kriminalisiert“, „Wahrheit wird gelöscht“, „Das ist nicht Meinungsfreiheit“. Diese Kommentare verweisen auf ein tiefer liegendes Unbehagen. „Neutrality Studies“ steht für den Versuch, internationale Konflikte außerhalb moralischer Loyalitätszwänge zu diskutieren. Dass gerade ein solcher Raum als „Betrug“ klassifiziert wird, wirkt verstörend – symptomatisch.

Der Kanal ist ein Fundus an Stimmen, die in westlichen Leitmedien kaum oder nur selektiv vorkommen: ehemalige UN-Diplomaten, NATO-Kritiker, Historiker aus Osteuropa, Analysten zu politischen  Gemengelagen, Juristen zum Sanktionsrecht, Wissenschaftler aus dem globalen Süden. Es geht um Russland, die EU, den Nahen Osten, China oder Venezuela – analytisch und nicht agitatorisch. Wer sich durch die Videoübersichten bewegt, erkennt schnell, hier wird diskutiert.

Gerade deshalb ist der Schock, den Lottaz beschreibt, mehr als eine persönliche Kränkung. Er markiert den Moment, in dem viele Produzenten die Fragilität digitaler Öffentlichkeit erst begreifen, wenn sie selbst betroffen sind. Die Vorbereitung auf mögliche Sperren bleibt theoretisch, solange der Kanal existiert. Erst im realen Entzug wird sichtbar, wie prekär Sichtbarkeit geworden ist – selbst für international vernetzte Wissenschaftler. Die spätere Rücknahme bestätigt die jederzeitige Entziehbarkeit.

Dass Lottaz unmittelbar dazu aufruft, sich über Substack zu vernetzen, E-Mail-Listen aufzubauen und alternative Plattformen zu nutzen, ist kein Marketingreflex. Es ist die Konsequenz aus der Erfahrung. Der Versuch, der Illusion technischer Neutralität zu entkommen und resilientere Formen des Austauschs zu schaffen.

Die Sanktionierung Jacques Bauds folgt demselben Muster – nur mit ungleich gravierenderen Konsequenzen. Sie erfolgte am 15. Dezember 2025. Seit diesem Datum unterliegt der frühere Schweizer Generalstabsoffizier, UN- und OSZE-Mitarbeiter restriktiven Maßnahmen des EU-Rates. Seine Bankkonten sind eingefroren, Vermögenswerte blockiert, geschäftliche Beziehungen untersagt. Ein Anhörungsrecht, ein gerichtliches Verfahren oder eine konkrete rechtliche Begründung gingen diesem Schritt nicht voraus.

In einem in dieser Woche in Brüssel geführten Interview beschreibt Baud diesen Vorgang als eine Umkehrung des rechtsstaatlichen Prinzips. Die Sanktion selbst ersetze das Verfahren. Man habe zuerst die Strafe verhängt, sagt Baud, und verlange nun von ihm den Beweis, dass sie falsch sei. Die Maßnahme sei außerrechtlich – jenseits richterlicher Kontrolle und Verteidigungsmöglichkeiten.

Was abstrakt nach Verwaltung klingt, beschreibt Baud als sozialen Entzug mit konkreten Folgen. Er kann kein Geld abheben, keine alltäglichen Einkäufe tätigen und auch keine Reisen antreten. Hilfe durch Dritte wird rechtlich riskant, da jede Unterstützung sanktionierter Personen selbst strafbar sein kann. „Wer mir hilft, macht sich strafbar“, sagt Baud. Eine ältere Frau in Brüssel kocht für ihn und bringt Essen vorbei – aus schlichter Notwendigkeit.

Erst die Wucht dieser praktischen Folgen machte den Fall auch in der Schweiz sichtbar. Baud schildert, dass die zuständigen Stellen in Bern zunächst kaum reagierten – weniger aus Ablehnung als aus einem offenkundigen Unverständnis für die Tragweite der Maßnahme. Die Wirkung von EU-Sanktionen auf einen Schweizer Staatsbürger, der in Brüssel lebt, sei nicht antizipiert worden. Erst mit zeitlicher Verzögerung habe man dort begriffen, dass hier ein Individuum faktisch aus dem ökonomischen und rechtlichen Raum gedrängt wird. Dass ein Schweizer Bürger in Brüssel sagen könne „Ich bin Schweizer“ – und dies zunächst keinerlei Schutzwirkung entfaltet –, markiert einen Bruch mit einem gewohnten Verständnis staatlicher Verantwortung.

Gleichzeitig löste der Fall in der Schweiz eine ungewöhnlich breite Reaktion aus. Bürgerinitiativen entstanden in allen Landesteilen. Sie speisen sich aus einem Demokratieverständnis, das Meinungsvielfalt als Voraussetzung begreift. Baud verweist darauf, dass es in der politischen Kultur der Schweiz unüblich sei, Menschen wegen ihrer Analyse oder Einschätzung zu sanktionieren. Abstimmung, Dissens und das Aushalten gegensätzlicher Positionen gehören dort zum demokratischen Selbstverständnis. Gerade deshalb wird sein Fall von vielen als Warnsignal gelesen.

Besonders schwer wiegt für Baud ein Angriff aus den eigenen Reihen. In einer Schweizer Militärzeitschrift erschien ein Artikel, der ihm sinngemäß unterstellte, ein „Lakai Moskaus“ zu sein – ohne belastbare Belege, ohne Auseinandersetzung mit seinen Texten, ohne Zitiergenauigkeit. Viele aktive und ehemalige Offiziere hätten diesen Beitrag als inakzeptabel empfunden, berichtet Baud, weil die Vorwürfe einer sachlichen Überprüfung nicht standhalten. Wer seine Bücher gelesen habe, wisse, dass zentrale Unterstellungen schlicht falsch seien. In diesem Moment kehre sich der Vorwurf um. Nicht der Analytiker verbreite Desinformation, es ist der Ankläger.

Diese mediale Vorverurteilung erhält im Kontext der Sanktionen besonderes Gewicht. Sie erscheint als Teil eines Klimas, in dem Diffamierung den Boden für administrative Maßnahmen bereitet. Journalisten und Kommentatoren hätten die Sanktionen teils ausdrücklich begrüßt, ohne zu reflektieren, dass damit ein fundamentaler Grundsatz des Rechtsstaats preisgegeben wird. Sanktionen ohne Verfahren sind kein politisches Signal, sie sind Systembruch. Wer diesen Bruch akzeptiert, akzeptiert dessen Ersatz.

Spätestens hier verdichtet sich der Befund, den Baud nüchtern formuliert, wenn politische Entscheidungsträger bestimmen, was Recht ist, und nicht mehr das Recht bestimmt, was Politik darf, dann handelt es sich um die beginnende Auflösung eines defizitären Rechtsstaats. Die Sanktionen seien nicht illegal, betont er, aber sie sind außerrechtlich. Genau darin liege die Gefahr. Denn was außerhalb des Rechts steht, entzieht sich Korrektur, Verteidigung und Verhältnismäßigkeit. Der Satz „Wir leben nicht mehr im Rechtsstaat“ ist in diesem Kontext die Beschreibung eines Zustands und keineswegs rhetorische Zuspitzung.

Baud betont, dass seine Analysen ausschließlich auf westlichen und ukrainischen Quellen beruhen. Russische Staatsmedien habe er bewusst gemieden, um nicht als Propagandist zu erscheinen. Dennoch genügt die Abweichung vom dominanten Narrativ, um sanktioniert zu werden. Die Abweichung selbst wird geahndet und nicht ein Rechtsverstoss. 

Sanktionen sind kein punktuelles Ereignis, sie sind ein Zustand. Ein Schwebezustand zwischen Schuldzuweisung und Rechtslosigkeit. Ihre Wirksamkeit liegt gerade darin, dass sie nicht bewiesen, nicht erklärt und nicht verteidigt werden müssen. Sie wirken durch Entzug – still und kalt.

Wenn Sichtbarkeit, Konten und Bewegungsfreiheit entzogen werden können, bleibt am Ende wenig – aber nicht nichts. Gespräche, Nähe, gemeinsames Gehen, gemeinsames Lachen. Ein Sommerfest, Musik, gemeinsames Essen oder Kochen, Tanz. Dinge, die keine Plattform kontrolliert und kein Algorithmus versteht. Dinge, die nicht sanktioniert werden können, weil sie keinem System gehören.

Der Sommer 2026 wird kommen. Und bislang gibt es (noch) kein Verfahren, mit dem man ihn abschalten kann.

Quellen und Anmerkungen: 
1.) pascallottaz.substack.com
2.) www.youtube.com/@neutralitystudies/videos
3.) www.youtube.com/watch?v=vwXKbTpKiTA&t=65s
4.) www.youtube.com/watch?v=SIWp-PhXZNA

(Red.) Siehe dazu auch die Beiträge zu den Sanktionen gegen Jacques Baud auf dieschweiz-online.ch

Globalbridge unterstützen