Eine bombardierte und zerstörte Brücke kann man wieder reparieren oder, wie hier, man kann eine neue Brücke bauen. Die betroffenen Menschen, die von den Bomben verletzt wurden, können ihre Erinnerungen nicht so leicht abschütteln: im Bild die Varvarinski Most, die Brücke über den Fluss Morava bei Varvarin.

„Der Fall dauert immer noch an“

78 Tage dauerte die Bombardierung Serbiens durch die NATO-Koalition im Jahr 1999. Am 68. Tag der Bombardierung starben 34 Menschen in Varvarin. Die damals 15-jährige Marijana Jovanovic überlebte schwer verletzt. Ihre beste Freundin starb, als sie Hand in Hand eine Brücke überquerten und zwei Bomben sie trafen. Eine Mitschuld Deutschlands wird vermutet, doch niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Auch die Opfer haben keine Entschädigung erhalten.

Die drei Mädchen gingen glücklich von der Feier über die Brücke zurück in ihre Dörfer auf der anderen Seite des Flusses. Zu Hause wartete ein Festtagsessen: „Wir hüpften, lachten und schlenderten Hand in Hand über die Brücke“, erinnert sich Marijana fast 27 Jahre später. Es war der 30. Mai 1999 und die drei 15-jährigen Freundinnen, Marijana, Marina und Sanja, hatten keine Angst. Sie waren in Feierlaune, denn es war der höchste Feiertag des Ortes: der Dreifaltigkeitssonntag.

Aus der ganzen Gegend kamen Menschen zusammen, um an der kirchlichen Feier im 3.500-Seelen-Dorf teilzunehmen. Die Kirche befand sich nur hundert Meter vom Fluss Velika Morava entfernt, erzählt mir Marijana. Wir sitzen bei frühsommerlichem Wetter und Sonnenschein im Gastgarten eines Wiener Kaffeehauses.

Zwischen der Kirche und der Brücke, die über den Fluss hinausragte, lag der kleine Marktplatz. An jenem 30. Mai war er voller Menschen, die ihre Produkte aus der Region anboten; es gab Essen, Handwerk und Musik: „Wir waren in guter Stimmung und fühlten uns sicher“, erzählt sie.

Weiter flussabwärts vereinen sich die beiden Morava-Arme und fließen rund 180 km später in die Donau bei Belgrad. Von dort wurden erst wenige Wochen zuvor die drei Mädchen nach Varvarin gebracht. Seit dem 24. März 1999 bombardiert eine NATO-Koalition Serbien und seine Hauptstadt. Doch Varvarin erschien sicher: „Es gab hier keine militärische Infrastruktur, es war strategisch unbedeutend, daher gab es in der ganzen Region gerade einmal vier Polizisten und keine Flugwarnsirenen“, erzählt Marijana.

Ihre Eltern holten die 15-jährigen Mädchen aus Belgrad nach Hause, da Varvarin im Gegensatz zur Hauptstadt von keinem Bewohner als mögliches Ziel angesehen wurde. Der 30. Mai 1999 war der 68. Tag der NATO-Bombardierung, doch „wir fühlten uns so sicher in Varvarin, dass unsere Eltern uns allein auf die andere Flussseite zum Feiern auf den Markt gehen ließen“.

Zum Mittagessen sollten die drei wieder zurückkommen. Gegen 13 Uhr schlenderten sie über die Brücke, über die keine Schwertransporte fahren durften: „Die Traglast war nicht ausreichend und sie war so eng, dass es nur eine Fahrspur gab.“ Somit hat sie auch keinen militärischen Nutzen, da sie kein militärisches Gerät tragen konnte.

Marijana erinnert sich an einen kleinen weißen Minibus auf der Brücke vor ihnen. Plötzlich hörte sie ein lautes Zischen: „Wir begannen zu rennen, um die andere Seite der Brücke zu erreichen, wo unser Dorf war“, doch sie schafften es nicht mehr. Zwei Bomben schlugen ein, als die drei Mädchen sich auf der Brücke befanden – die herannahenden Militärjets hatten sie nicht mitbekommen.

Die drei verloren den Boden unter den Füßen und stürzten. Der Fall dauerte lange und eigentlich hörte er für Marijana niemals auf: „Der Fall dauert bis heute an, so fühlt es sich an. Bis heute bin ich nicht angekommen.“ Ihre Stimme stockt; das Reden fällt ihr schwer. Sie erinnert sich, dass ihr während des Falls viele Fragen durch den Kopf gingen: Bin ich tot? Was machen meine Eltern, wenn ich nicht mehr da bin? Wie werden sie weiterleben?

Sie dürfte nach dem Beschuss der Brücke einige Zeit lang ohnmächtig gewesen sein. Als sie aufwachten, hingen die drei Mädchen an einem Stück der Brücke: „Überall war schwarzer Rauch“, sie konnten kaum atmen, und es herrschte enorme Hitze, als ob „wir von innen heraus verbrennen würden“.

Danach sah sie Sanja an der Brücke neben ihr hängen. Sie war immer noch ohnmächtig, und Marijana erkannte ihre zerstückelten Körperteile: „Marina und ich waren wieder bei Bewusstsein und haben um Hilfe gerufen. Danach versuchten wir, Sanja zurück ins Leben zu bringen.“ Sie zeigte Lebenszeichen.

Von überall kamen Menschen zu Hilfe, doch die Strömung war sehr stark. Sie hörte die Rufe ihrer Mutter nach ihrem Namen. Doch nach wenigen Minuten erklingen erneut Flugzeuggeräusche. Der andere Teil der Brücke wird ebenso mit zwei Bomben angegriffen: „Es gab keine Notwendigkeit; die Brücke war bereits zerstört. Sie wollten einfach so viele Menschen wie nur möglich töten“, sagt Marijana.

Später wurde der Pfarrer, der zuvor die Messe gehalten hatte und den Mädchen zu Hilfe eilte, kopflos an der Böschung des Ufers gefunden. Die Familie im weißen Minibus wurde vollständig ausgelöscht. Insgesamt starben zehn Menschen durch die Bombardierung, mehrere Dutzend wurden verletzt, 16 davon schwer.

Marijana wurde gerettet und wachte im Krankenwagen wieder auf: „Da sah ich auch wieder meinen Vater.“ Sie musste notoperiert werden und verbrachte mehrere Wochen im Krankenhaus, gemeinsam mit Marina im Zimmer. Mehrmals fragten die Mädchen, wo denn Sanja sei, doch die Ärzte und Eltern beschlossen, den Mädchen nicht die Wahrheit zu sagen, um den Heilungsprozess nicht zu gefährden. Sanja sei zur Behandlung in ein anderes Krankenhaus gebracht worden, wurde ihnen versichert: „Als wir nach Wochen die Wahrheit erfuhren, fühlte es sich schlimmer an als die Bombardierung selbst.“ Marijana hat Tränen in den Augen, als sie das sagt. Ihre beste Schulfreundin war bereits im Krankenwagen auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.

„Ich habe mit den Verletzungen gelernt zu leben, aber die Wunden werden niemals heilen“, sagt Marijana am Ende des Gesprächs. Heute hat sie drei Kinder. Was am 30. Mai 1999 passierte, bestimmt jeden Tag ihres Lebens: „Es tut weh. Es führt zu schlaflosen Nächten, zu den voller Albträume und untertags zu physischer Ohnmacht“, erzählt sie: „Da muss ich dann kämpfen, um die Mutter zu sein, die meine Kinder brauchen.“

Einen Tag zuvor sprach Marijana Jovanovic auf einem Symposium zum Jahrestag des Beginns der Bombardierung Serbiens in Wien. Seit mittlerweile 26 Jahren organisiert die Jugoslawisch-Österreichische Solidaritätsbewegung, die sich mittlerweile Serbisch-Österreichische Solidaritätsbewegung nennt, jährlich derartige Symposien. Dieses Jahr lag der Fokus bewusst auf den Opfern und ihrem Schicksal, erzählt der Organisator, David Stockinger, im Globalbridge-Gespräch.

Entschädigung hat Marijana bisher keine bekommen – genauso wenig wie andere Überlebende oder die Familien und Hinterbliebenen der Getöteten. Dies wollte eine Gruppe um Gordana Milanovic Kovacevic ändern. Sie klagten gegen die Bundesrepublik Deutschland. Denn der Verdacht besteht, dass die BRD direkt am Angriff auf die Brücke von Varvarin beteiligt war und daher für die zivilen Opfer verantwortlich ist. Bestätigung dafür gibt es keine, denn die NATO schweigt.

Dennoch ging der Prozess bis in die letzte Instanz nach Karlsruhe. Inklusive der dreijährigen Vorbereitungszeit dauerte alles 18 Jahre und kostete 250.000 Euro – dann wurde die Klage abgewiesen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied, dass die Klage eigentlich bereits in erster Instanz hätte abgewiesen werden sollen, da Individuen nicht gegen Staaten klagen könnten. Außerdem, so berichtet Kovacevic im Globalbridge-Interview, wurde behauptet, dass die deutschen Gesetze dem Land nur die Vorbereitung eines Angriffskriegs verbieten würden, aber nicht die Durchführung – und die Vorbereitung sei außerhalb Deutschlands von der NATO betrieben worden. Denn das Grundgesetz würde nicht im Ausland für Taten des deutschen Militärs gelten. Die Forderung nach Entschädigung wurde zurückgewiesen.

Dennoch errichtete Deutschland später erneut eine Brücke bei Varvarin. Für Kovacevic ist dies ein Schuldeingeständnis, wonach die BRD direkt an der Bombardierung beteiligt gewesen sei.

Auch am Ort des Verbrechens beteiligt sich Marijana jedes Jahr an den Gedenkveranstaltungen. Während sie täglich mit den Erinnerungen kämpft, blieben Deutschland und die NATO davon unberührt. Das Verbrechen der Bombardierung von Zivilisten in Varvarin bildet, wie die gesamte 78-tägige NATO-Bombardierung Serbiens, eine Zäsur der Weltpolitik.

Damals wurden in der Terminologie der Vereinten Nationen und in der Öffentlichkeit die Begriffe „humanitäre Intervention“ und „Kollateralschaden“ zum Standardrepertoire der westlichen Kriegspropaganda. Heute gehören sie zur Normalität, und Raketen der NATO und ihrer Verbündeten bombardieren in den letzten Wochen weiterhin Brücken, auf denen sich Zivilisten bewegen – oder der Journalist Steve Sweeney und sein Kameramann, die Live auf Sendung nur knapp einen israelischen Raketenangriff auf sie und eine Brücke überlebten. Diesmal sind es die Brücken über den Litani-Fluss im Süden des Libanons, auf denen Hunderttausende Richtung Norden fliehen. Bei Redaktionsschluss sind dort bereits 1.500 Zivilisten durch Raketen aus der Luft ermordet worden, allein in den letzten zwei Tagen waren es über 180 Tote. Diejenigen, die überleben, werden wie Marijana den Fall in den Fluss niemals beenden können.

(Red.) Und jetzt meldet Israel stolz, Libanon in nur 10 Minuten 100 Mal bombardiert zu haben. Und die Welt schaut zu … (cm)

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