Bericht | Beit Atfal as Soumoud – das Haus der standfesten Kinder
(Red.) Wir lesen die Zeitung, hören Radio und schauen Fernsehen. Die Tagesaktualität hat Vorrang. Aber es gibt auch eine Realität, die kaum beachtet wird: Menschen, die sich um die unzähligen Opfer der seit Jahrzehnten anhaltenden israelischen Vertreibungspolitik und um die Waisenkinder der Opfer kümmern. Karin Leukefeld war selber in so einem Heim und hat mit den Pflegenden gesprochen. Eine kleine, aber beachtenswerte Reportage. (cm)
Beirut, 24. Februar 2026. Kassem Aina hat wie immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Groß und aufrecht steht der 80-Jährige in seinem Büro, das mit palästinensischen Stickereien und Bildern „aus der Heimat“ ausgestattet ist.
Hinter dem Schreibtisch hängt ein großes Bild der Al Aksa Moschee und der Geburtskirche in Jerusalem. An der Seitenwand sind die Fotos der „Straßen von Jerusalem“ auf einem Plakat zu sehen. Ebenso ein Bild und ein Gedicht von Mahmud Darwish und ein Bild von Handala, dem zehnjährigen palästinensischen Jungen. Der politische Karikaturist Naji al Ali malte sich selbst in der Figur des Handala, der sich aus Protest gegen die Nakba, die Vertreibung von 700.000 Palästinensern aus ihrer Heimat, weigerte, weiter zu wachsen, bis er in sein Dorf zurückkehren würde. Naji al-Ali wurde als Zehnjähriger 1948 mit seiner Familie aus einem unweit von Tiberia gelegenen Dorf vertrieben und wuchs im Flüchtlingslager Ain al Hilwa, nahe der Stadt Sidon im Libanon auf. 1987 wurde er in London von einem Agenten des israelischen Mossad erschossen.
Palästinensische Geschichte
Das Arbeitszimmer von Kassem Aina atmet palästinensische Geschichte. Die Sessel sind mit Bezügen aus feinen palästinensischen Stickereien geschmückt, Stickbilder stehen im Regal, die Box mit Taschentüchern auf dem großen Tisch steckt in einer bestickten Hülle. Kaum etwas symbolisiert die Verbundenheit mit Palästina so sehr, wie die palästinensische Stickerei, die Frauen seit Generationen – auch in Syrien – zu einer großartigen Handwerkskunst entwickelt haben.
In alten Zeiten wurden Hochzeitskleider, Jacken und Blusen bestickt, um die Herkunft der Braut und – wie der immer wiederkehrende „Baum des Lebens“ – Wünsche für Glück für das Paar zu symbolisieren. Seit der israelischen Besatzung Palästinas sind die Stickereien zunehmend ein Versprechen der Frauen, ihre Heimat nie zu vergessen. Sie sticken Oliven- und Orangenbäume, Blumen, Vögel, Symbole der verschiedenen Städte und immer wieder auch die Al Aksa Moschee in Jerusalem oder auch das Damaskus Tor, den Zugang zur Altstadt. Zur Zeit der Intifadah und des palästinensischen Befreiungskampfes wurden die Motive der Stickereien politisch. In den vielen Flüchtlingslagern der Region, in denen die von Israel vertriebenen Menschen ausharren müssen, wurde die palästinensische Stickerei zu einem Broterwerb für die Frauen, die oft allein für ihre Kinder und Familien zu sorgen haben.
Gaza: ein Krieg gegen uns alle
Auf die Frage, wie es ihm gehe, schweigt Kassem Aina einen Moment bevor er antwortet: „Nie haben wir gedacht, dass so etwas passieren würde, wie das, was unserem Volk in Gaza angetan wird“, sagt er. „Das ist kein Krieg gegen die Hamas, das ist ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung, die Menschen, die in Gaza leben, in ihrer Heimat.“ Israel zerstöre nicht nur deren Lebensgrundlagen, auch Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Journalisten würden getötet. Israel wolle verhindern, dass Augenzeugen über das Geschehen in Gaza berichten könnten, „und wir können nichts tun, wir können nur weiter unsere Solidarität zeigen.“ Alle Palästinenser seien „ein Volk“, was in Gaza geschehe, treffe Palästinenser überall.
Zusätzlich zu der Zerstörung der palästinensischen Lebensgrundlagen seien die Palästinenser damit konfrontiert, dass die USA und Israel auch die UNRWA zerstörten, das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge. „Sie wollen die Zeugen der Nakba, der Vertreibung vernichten“, sagt Kassem Aina. „Unser Recht auf Rückkehr soll zerstört werden, UNRWA bricht zusammen.“ Die Palästinenser würden nie vergessen, dass „Israel aus Europa gekommen ist. Wir sind aber nicht für das verantwortlich, was dort geschehen ist.“
Ruhig, aber voller Sorge spricht Kassem Aina über die Zerstörung des UNRWA-Hauptquartiers im besetzten Ostjerusalem, über das israelische Verbot der UNRWA im Westjordanland und in Gaza. Das systematische Vorgehen von Israel und den USA, die sämtliche Zahlungen an die UN-Organisation eingestellt hätten, werde von anderen, auch europäischen Partner-Ländern unterstützt. „Leider,“ fügt er hinzu. Er verstehe nicht, warum europäische Länder das Vorgehen gegen die Palästinenser unterstützten.
Seit Februar 2026 würden harte Maßnahmen gegen die UNRWA im Libanon durchgesetzt. Die Gehälter für palästinensische UNRWA-Mitarbeiter – Lehrer, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter – seien um 20 Prozent gesunken. Zahlreiche Mitarbeiter seien entlassen worden, weil ihre Projekte nicht mehr unterstützt würden, andere hätten nur noch stundenweise Arbeit. Die palästinensischen UNRWA-Mitarbeiter unterlägen den gleichen Problemen wie alle palästinensischen Flüchtlinge im Libanon, deren Situation nicht durch libanesische Gesetze gesichert sei. 39 Berufe dürften Palästinenser im Libanon nicht ausüben – darunter in den Bereichen der Medizin, Recht, Ingenieurswesen – selbst, wenn sie die entsprechende Qualifikation erhalten hätten. Sie lebten in Armut, die sich von Generation zu Generation vertieft habe. Die Lebensumstände in den Lagern seien schlecht, die Häuser in schlechtem Zustand.
Der Leiter von UNRWA, Herr Lazzarini, habe die Frage gestellt, welche Zukunft es für UNRWA und die Palästinenser geben könne, wenn UN-Mitgliedsstaaten derart gegen den Auftrag von UNRWA und die Rechte der Palästinenser vorgingen, unterstreicht Kassem Aina: „Und was bedeutet das für uns, für die Palästinenser, für unser Leben?“
Das Haus der standfesten Kinder
Beit Atfal as Soumoud, das Haus für die standfesten Kinder, wurde 1976 nach einem Massaker im palästinensischen Flüchtlingslager Tel al Zaatar gegründet. Das Lager war 1949, unmittelbar nach der Nakba von der – 1919 gegründeten – Liga der Rote-Kreuz-Gesellschaften errichtet worden. Der Name Tell al Zaatar bedeutet „Hügel des Tymians“. Rechtsgerichtete, christliche Milizen der Kataeb Partei (Phalangisten) verhängten gegen das Lager Anfang 1976 eine Blockade und verhinderten, dass die Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Dingen versorgt wurden. Aus- und Eingang in das Lager wurde von den Milizen verhindert. Im August 1976 drangen die Milizen in das Lager ein und ermordeten mehr als 2000 Personen. Das Lager wurde zerstört, die Überlebenden vertrieben.
Ein Kreis von Aktivisten um Kassem Aina stellten ein Haus zur Verfügung, in dem sie Kinder aufnahmen, die bei dem Massaker ihre Eltern verloren hatten. „Wir nahmen damals 180 Kinder unterschiedlichen Alters auf“, erinnert sich Kassem Aina. „Es waren Libanesen, Palästinenser, Syrer und Kurden. Das war am 12. August 1976, das war der Tag, als unsere Organisation entstand.“
50 Jahre später ist Beit Atfal as Soumoud in allen palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon vertreten. Was zunächst für die Kinder gedacht war, die ihre Eltern in dem Massaker von Tell al Zaatar verloren hatten, wurde im Laufe der Jahre und der ungelösten Situation für die Palästinenser eine Einrichtung für soziale Betreuung und Berufsausbildung. Die Waisenkinder von Tel al-Zaatar wuchsen auf, gründeten Familien, deren Kinder erneut in den Einrichtungen von Beit Atfal as Soumoud mit Schulen, Kindergärten, psycho-sozial, medizinisch und mit Ausbildungsstätten versorgt wurden.
Das Zentrum im Lager Shatila
Unweit des Büros von Kassem Aina liegt das Flüchtlingslager Schatila. Frau Zouhour, eine der Mitarbeiterinnen, wartet dort auf die Autorin und ihren Begleiter Hamza. „Die Straßen im Lager sind wie ein Labyrinth“, hatte Hamza gesagt, „wir würden uns verlaufen.“ Die „Straßen“ des Flüchtlingslagers sind eng, es sind eher Gassen, von denen noch schmalere Gänge nach links und rechts abzweigen. Viele Menschen laufen hin und her, Lastenmotorräder laden vor den kleinen Geschäften Waren aus, junge Männer rasen auf Mopeds durch die Menschenmenge, die Luft ist erfüllt von dem scharfen Abgasgemisch, das die Raser hinterlassen. Die Häuser rechts und links ragen bis zu einem dritten Stock hinauf und stehen so eng aneinander, dass der Himmel kaum zu sehen ist. Über den Straßen hängen Kabelgewinde, die den Gassen und Gängen folgen. „Unser Strom kommt aus Generatoren und wird mit den Kabeln verteilt“, erklärt Frau Zohour. „Die Generatoren gehören Privatleuten und wir müssen zu viel für den Strom bezahlen.“ Die meisten Leute im Lager seien ohne feste Arbeit und könnten sich nur wenig Strom leisten.
Im Zentrum von Beit Atfal as Soumoud ist der Unterricht der jüngeren Kinder gerade zu Ende. Eltern und Geschwister warten in der engen Gasse vor der Tür, um die Kleinen nach Hause zu begleiten. Frau Sana und Frau Heba gesellen sich zu Frau Zouhour und die Autorin und beginnen über die Arbeit, deren Bedeutung für die Palästinenser und die vielen Schwierigkeiten zu berichten, die sich mit dem Abbau der UNRWA ergeben. „Wir sind alle betroffen“, sagt Frau Heba. „Als Sozialarbeiter in unseren Projekten, die mehr und mehr eingeschränkt und gestoppt werden. Und als Palästinenser sind wir sowieso mit unseren Familien eingeschränkt.“ Manchmal frage sie sich, ob die Libanesen überhaupt noch von der Existenz der Palästinenser in ihrem Land wüssten, fügt Aya, eine junge Sozialarbeiterin hinzu, die später gekommen ist. „Ob die überhaupt wissen, dass wir hier sind und wie wir leben?“
Gedanken über die Zukunft
Gefragt, wie sie ihre Zukunft sähen, werden alle etwas nachdenklich. Sie bleibe optimistisch, macht schließlich die 60jährige Zouhour den Anfang. „Unsere Jugend weiß, woher sie kommen und welche Rechte sie haben. Unser Recht ist es, in Palästina zu leben und auch wenn es alles jetzt so schrecklich ist, ich sehe das Licht einer Kerze. Wir werden unser Recht bekommen.“ Die 50-jährige Sana ist verhalten. Das Leben sei schwer, es gebe kaum Unterstützung für die Palästinenser, „ich weiß nicht, was aus uns wird.“ Aber vielleicht sollte sie doch Hoffnung haben? „Ich träume schon von unserem Dorf, davon, dass wir – vielleicht – eines Tages zurückkehren können.“
Aya ist mit ihren 23 Jahren die jüngste im Team. Sie ist sicher, dass sie etwas im Leben erreichen werde. Sie versuche im Ausland eine gute Ausbildung zu bekommen, im Libanon sei das für sie nicht möglich. Vielleicht könne sie eines Tages nach Deutschland gehen, oder nach Finnland? Sie mache bereits Kurse in Informationstechnologie und befasse sich auch mit Künstlicher Intelligenz, das sei wichtig für die Zukunft.
Die 36-jährige Heba meint: „Ich wünsche mir das Gegenteil von dem, was ich hier sehe. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels, besonders hier in den Flüchtlingslagern nicht.“ An erster Stelle stehe für sie, dass sie am Leben bleiben könnten, sie werde alles tun, damit es gleiche Rechte für alle gäbe. Sie habe aber auch einen Wunsch an diejenigen, die diesen Bericht vielleicht lesen würden: „Hören Sie auf, Israel zu unterstützen. Helfen Sie uns, dass wir in unser Land zurückkehren können und unser Recht bekommen. Alles was ich mir wünsche, ist in Frieden in meiner Heimat zu leben, mit meiner Familie, mit meinen Kindern.“
Israel greift weiter an
Beirut, 6. März 2026. Seit sieben Tagen dauert der US-israelische Krieg gegen Iran, der seit fünf Tagen auch Libanon erfasst hat. Die israelische Armee hat die gesamte Bevölkerung des Südlibanon aufgefordert, ihre Dörfer, die Städte und Höfe zu verlassen. Und bombardiert nahezu pausenlos. Sie kündigt eine Bodenoffensive an und veröffentlicht eine Landkarte, wonach sie bis zur südlibanesischen Hafenstadt Sidon im Westen und bis zum Jbeil Sheikh, dem Berg Hermon im Osten das gesamte Gebiet besetzen will. Der Plan stammt aus dem Jahr 1919 (!) als die Zionisten von den Großmächten auf der Pariser Friedenskonferenz eine „Jüdische Heimstatt in Palästina“ forderten.
Am Nachmittag des 5.3.2026 wird die gesamte Bevölkerung der südlichen Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut aufgefordert, ihre Häuser und Wohnungen umgehend zu verlassen. Israel werde dort „Infrastruktur der Hisbollah“ zerstören. 700.000 Menschen leben dort – alte und kranke Menschen, schwangere Frauen, Kinder – sie versuchen in der Nacht zum 6.3., das war am Freitag, sich in Sicherheit zu bringen. Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Sie alle stammen aus Dörfern im Südlibanon, aus denen Israel sie bereits mit seiner Invasion 1982 und mit Angriffen davor vertrieben hatte. Ein Freund schickt ein Video, das einen Hirten zeigt, der seine Ziegenherde in der Nacht über die Corniche, die Küstenstraße von Beirut, treibt.
Die Angriffe auf die südlichen Vororte beginnen noch vor Mitternacht. Mindestens zehn Angriffswellen treffen die Wohnungen und Häuser in den dicht bewohnten Stadtvierteln Chiyah, Ghobeiri, Haret Hreik, Hadath and Burj al-Barjaneh, berichten libanesische Medien. Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich von der rechtsextremen Siedler- und religiösen Zionistenpartei prahlt in israelischen Medien, die südlichen Vororte von Beirut würden „bald aussehen wie Khan Younis“. Khan Younis ist ein ehemaliges Flüchtlingslager im Gaza-Streifen, das von der israelischen Armee im Zuge ihres Vernichtungskrieges gegen die Palästinenser in Gaza (seit 2023) weitgehend zerstört wurde.
In der Nachricht einer Freundin aus Beirut am Freitag, 6.3.2026, heißt es: Die Libanesen haben heute einen langen Tag mit zionistischen Bombardements in allen Regionen erlebt, vom Süden bis zur westlichen und nördlichen Bekaa, über Beirut und seine südlichen Vororte, die seit gestern Abend mehr als 20 Angriffe erlitten haben. Gebäude und Geschäfte wurden zerstört, Autos, Strommasten und Wasserleitungen – nichts wurde verschont.
Eine Million Libanesen wurden aus dem Süden, den südlichen Vororten und bestimmten Teilen der Bekaa vertrieben. Einige konnten ein Dach über dem Kopf finden, andere leben mit ihren Kindern in ihren Autos oder sogar unter freiem Himmel. Nur 100.000 Menschen konnten in den wenigen, vom Sozialministerium eröffneten Aufnahmezentren, aufgenommen werden. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie die grundlegendsten Dinge des Lebens benötigen, nachdem sie fast alles zurückgelassen haben, um ihre Kinder und Angehörigen in „sicheren” Gebieten zu schützen, bevor das Ultimatum des Sprechers Israels ablief. Die Zahl der Märtyrer stieg innerhalb von vier Tagen auf über 230, darunter mehr als 40 Kinder, die zusammen mit ihren Eltern ums Leben kamen. Die Zahl der Verletzten stieg auf über 800.
(Red.) Dieser Bericht ist eine leicht geänderte Übernahme einer Reportage von Karin Leukefeld aus der Zeitung vum Laetzebuerger Vollek, zlv.lu, Luxemburg.