Ein Blick in den Konferenz-Saal in Istanbul, wo prominente Politiker und Publizisten zusammenkamen. (Screenshot)

Beim East-West Forum in Istanbul entsteht die Vision einer Welt jenseits westlicher Hegemonie

(Red). Viel war darüber in den Mainstream-Medien nicht zu lesen, aber es könnte der Anfng einer sinnvollen Institution sein. Der gegenwärtige hochgefährliche Stand der geopolitischen Auseinandersetzungen darf ja nicht zum Dauerzustand werden. (cm)

Am 26. September fand in Istanbul im Kulturzentrum Akatlar das erste East-West Forum statt, organisiert von Harici Media in Zusammenarbeit mit der in Berlin ansässigen European Transcontinental Initiative (ETI). Harici ist ein türkisches Medienportal, das von Tunç Akkoç gegründet wurde, der auch als Chefredakteur tätig ist. Die European Transcontinental Initiative (ETI) definiert sich selbst als „Zentrum für kritisches Denken, innovative Lösungen und bedeutungsvolle Dialoge zu den Herausforderungen, die Europas Zukunft prägen“. Laut der Website der Organisation wurde sie „von einigen der einflussreichsten Stimmen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Geschichte und Kultur Europas“ gegründet. Die beiden Gründer sind die ehemalige Professorin für Politikwissenschaft Ulrike Guerot und der Philosoph Hauke Ritz. Zum Team gehören auch der Journalist, Autor und Regisseur Dirk Pohlmann sowie der Schweizer Pascal Lottaz, Associate Professor an der Kyoto-Universität in Japan und Gründer des YouTube-Kanals „Neutrality Studies“.

Das East-West Forum war als Konferenz konzipiert, mit 20 Referenten und vier Podiumsrunden. Der Ton war von Beginn an klar: Die erste Runde trug den Titel „Die Welt im Wandel: Multipolarität und das Ende der liberalen Ordnung“, mit dem norwegischen Professor Glenn Diesen, dem Leiter des Eurasia-Programms am Quincy Institute for Responsible Statecraft, Anatol Lieven, sowie dem chinesischen Professor Zhang Weiwei unter den Rednern. Weitere Podiumsrunden hießen „Außer Kontrolle geratene Eskalation – Wie lässt sich ein weiterer katastrophaler Weltkrieg verhindern? – Wie kann eine neue Ordnung gemeinsam geschaffen und friedlich institutionalisiert werden?“ (Unter den Rednern der ehemalige Diplomat und heutige BSW-Politiker Michael von der Schulenburg), „Europa jenseits der EU und seine philosophischen Grundlagen – Atlantizismus, Eurasien und strategische Autonomie“ und schließlich „Zooming in – vom Gesamtbild zu den spezifischen Merkmalen und Lösungsmöglichkeiten der regionalen Stellvertreterkriege“.

Der Organisator des East-West Forums, Tunç Akkoç, hatte sich ein ziemlich ehrgeiziges langfristiges Ziel gesetzt: die Schaffung einer Alternative zu Veranstaltungen wie der Münchner Sicherheitskonferenz, mit einem „breiteren Spektrum an Stimmen“ und einem „echten Bekenntnis zum Dialog“. Die Botschaft war ebenfalls sehr klar: „Mit Teilnehmern aus 30 Ländern, war die Kernbotschaft des Forums eindeutig: Die westzentrierte unipolare Ordnung löst sich auf, und die Multipolarität ist zu einer unumkehrbaren Realität geworden“. Mit anderen Worten: Der Westen ist im Niedergang begriffen, und eine neue Weltordnung nimmt Gestalt an. Es ist eine Erzählung, die in den letzten Jahren vielen vertraut geworden ist. „Die vorherrschende Einschätzung auf dem Forum, an dem Experten aus 30 Ländern teilnahmen, lautete, dass sich die Welt rasch von der nach dem Kalten Krieg etablierten westzentrierten Ordnung entfernt und dass neue Machtzentren zu festen Bestandteilen des globalen Systems geworden sind. Die Teilnehmer betonten, dass Stellvertreterkriege die Schwelle für direkte Konflikte zwischen Großmächten gesenkt hätten und dass das Risiko einer nuklearen Eskalation wieder in den Mittelpunkt der Weltpolitik gerückt sei“, so das Portal Harici.

Die Eröffnungsrede hielt Ulrike Guerot, die in ihrer Ansprache auf das kantische Ideal des ewigen Friedens und den etwas anachronistischen Traum von einem vereinten Europa Bezug nahm: „Ich spreche hier für die vielen europäischen Bürger, die keinen Krieg mit Russland wollen. Die nicht länger für US-amerikanische geostrategische Interessen instrumentalisiert werden wollen, die für den europäischen Kontinent selbstmörderisch sind. Die nach wie vor an der in der Charta von Paris von 1990 festgeschriebenen Vision festhalten: einer europäischen Sicherheitsarchitektur mit Russland. Die immer noch von einem politisch vereinten Europa träumen – nicht von einem, das von engstirnigen oder rachsüchtigen Interessen eines Hohen Vertreters für Außen- und Sicherheitspolitik gekapert wird, die nicht die Interessen von 450 Millionen europäischen Bürgern widerspiegeln. Diese 450 Millionen haben genug von lächerlichen False-Flag-Operationen wie am Leipziger Flughafen und den durchsichtigen Versuchen, NATO-Staaten in den Ukraine-Krieg hineinzuziehen, den sogar die Ukrainer bald beenden wollen.“

Die Idee einer europäischen Sicherheitsarchitektur, die Russland einbezieht, war ein wiederkehrendes Thema auf dem Forum. Nach fünf Jahren Krieg in der Ukraine und angesichts der großen Feindseligkeiten zwischen Europa und Russland blieb jedoch unklar, wie eine solche europäische Sicherheitsarchitektur, die Russland einbezieht, realistisch aussehen könnte.

In einem Gespräch mit Globalbridge sprach Ulrike Guerot über das East-West Forum: „Das Konzept vom Forum war, dass wir ein Konferenzformat zwischen den Atlantischen Konferenzformaten wie etwa dem Brüssel-Forum, der Münchner Sicherheitskonferenz, oder auch Davos und den russischen und asiatischen Konferenzformaten, wie etwa Shanghai Cooperation-Format oder Sankt Petersburg, finden“, sagte Guerot. Die Idee sei, „in Istanbul, der alten Stadt der Brücke, zwischen Ost und West, zwischen Europa und Asien, eine Plattform zu schaffen, um alle zu vereinen – den Westen mit dem Osten oder Westeuropa mit Eurasien und auch mit dem Süden.“

Auf dieser Konferenz wurden viele Themen diskutiert. Man hat den Eindruck, dass es viel mehr Ideen gab als Zeit, um sie alle zu erörtern. Gab es einen besonders bedeutenden Moment? Guerot sagte: „Das Highlight war, dass wir es tatsächlich geschafft haben, auf fast allen Panels eine Mischung von Speakern und Panelisten hinzubekommen, von denen wir denken, dass sie auf anderen Formaten eben nicht möglich sind. Wir hatten ein Panel, da waren ein Russe, ein Iraner und ein Amerikaner gleichzeitig. Wir hatten kritische Amerikaner, die selber eingestanden haben, dass Amerika im Begreifen der Zeit und ihrer Verschiebungen nicht mehr auf dem neuesten Stand ist und immer noch irgendwo in den 1990er Jahren lebt, auch in der Vorstellung seiner eigenen militärischen Macht. Wir hatten Michael von der Schulenburg, der sehr deutlich gesagt hat, dass Europa in der Realitätsverweigerung lebt und nicht mehr begreift, was in der Welt vor sich geht.“

Aber die große Frage blieb offen: Wie würde dann eine neue Weltordnung aussehen? „Eine neue Weltordnung ist im Entstehen, keiner kann sagen, wie die jetzt aussieht, aber was man sagen kann, ist, dass wir das Ende der Pax Americana oder das Ende des sogenannten Westens und das Ende der sogenannten regelbasierten Ordnung sehen. Die neue Weltordnung muss definitiv multipolar sein, was auch immer man darunter versteht, aber von einer Verschiebung des Gleichgewichts der Mächte kann man auf jeden Fall sprechen. Die große Frage ist tatsächlich, wo sich Europa dort einsortieren wird“, so Guerot.

Im Hinblick auf eine Lösung des Ukraine-Konflikts sagte Guerot, dass es notwendig sei, dass Europa seine Einschätzung darüber überdenke, wer der Gute und wer der Böse ist. Eine Voraussetzung für den Frieden wäre, dass Europa die russischen Motive besser versteht und sich der Vorgeschichte des Krieges bewusster wird. Guerot argumentierte, dass der Westen derzeit nicht bereit sei, seine Mitverantwortung für den Krieg einzugestehen. Dennoch blieb sie etwas hoffnungsvoll: „Ich hoffe, dass es bald sein wird, und wenn dieser Schritt gemacht wird oder gemacht werden muss, dann dürfen sich auch die Russen zugänglich für Verhandlungen zeigen. Aber im Moment glaube ich, ist es der Westen, der sich bewegen muss. Ich glaube tatsächlich, dass inzwischen dieser Konflikt so mürbe ist und die Ukraine so unglaublich verloren hat, dass die bedingungslose Kapitulation, von der auch Russen inzwischen sprechen, gar nicht immer ausgeschlossen ist.“

Wird das East-West-Forum im nächsten Jahr einen Beitrag zum Weltfrieden und zu einer gerechteren Weltordnung leisten? Es ist schwer, die langfristigen Auswirkungen einer Konferenz abzuschätzen. Aber Ehrgeiz und Vision sind vorhanden.

(Red.) Zu einem knapp 20 Minuten dauernden Video über das East-West Forum mit Ulrike Guerot hier.

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