Moskau im September 2026 (Foto: Tilo Gräser)

«Die Merz kommen und gehen, die deutsch-russischen Beziehungen bleiben»

Eindrücke und Beobachtungen aus zwei Wochen in Moskau

Als wir am Morgen des 23. September aus Russland zurückfuhren, standen am russisch-polnischen Grenzübergang Mamonowo II/Grzechotki vor und hinter uns einige PKW mit unterschiedlichen Kennzeichen. In der Gegenrichtung war der Übergang leer, niemand wartete auf die Grenz- und Zollkontrolle. Vielleicht lag es daran, dass es mitten in der Woche war. Auch die Ferien- und Urlaubssaison war zu Ende. Aber es war sicher auch ein Zeichen dafür, dass immer weniger Menschen aus dem Westen nach Russland fahren, selbst wenn sie dort Verwandte haben.

Spätestens seit Februar 2022 ist der Umfang des Reiseverkehrs nach und aus Russland über Polen deutlich zurückgegangen, vor allem in Folge westlicher Sanktionen und verschärfter Bestimmungen. Polen akzeptiert selbst gültige Schengen-Visa russischer Bürger nicht mehr. Das ist ein Symbol für den Versuch der Staaten in der Europäischen Union (EU), Russland zu isolieren. Das selbst die Formalitäten für Reisende aus dem Westen, vor allem für Touristen, weiter erleichtert, wie unlängst die Russische Botschaft in Deutschland in ihren Telegram-Kanal informierte.

Aus Unwissenheit oder aus Absicht behaupten selbst Journalisten öffentlich-rechtlicher Sender entgegen aller Tatsachen, Russland würde sich von Westen isolieren. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie wir – meine Kollegin Éva Péli und ich – in den knapp zwei Wochen in Moskau und Kaliningrad erlebten. Und wie unsere Gesprächspartner immer wieder betonten: «Die Türen auf russischer Seite sind offen», sagte zum Beispiel der Politologe Wladislaw Below im Interview. Er verwies darauf, wie wichtig die Kontakte zwischen den Menschen in Deutschland und Russland sind. Das helfe, dass nicht alle Brücken zwischen beiden Ländern abgebrochen werden. Below ist stellvertretender Direktor und Leiter des Zentrums für Deutschlandstudien am Institut für Europa der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Er ist auch Vizepräsident der Gesellschaft Russland-Deutschland.

„Deutsche Elite ist unser Gegner“

Deutschland werde in Russland gegenwärtig als „unfreundlicher Staat“ wahrgenommen, erklärte Dmitri Trenin auf meine Frage. Er ist Präsident des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten (RIAC) und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für weltweite Militärwirtschaft und -strategie an der HSE-Universität. Trenin verwies im Gespräch darauf, dass Russlands Präsident Wladimir Putin immer wieder betone, «dass unser Gegner nicht die Länder, ganz sicher nicht die Völker, sondern die herrschende Elite» sei.

«Die heutige herrschende Elite Deutschlands – vom Bundeskanzler Merz bis zur Zeitschrift Der Spiegel – ist derzeit unser Gegner. Sie treiben die Eskalation voran, sie führen die Lage in Richtung Krieg.»

Der renommierte Politologe und ehemalige Leiter des Carnegie Centers in Moskau erinnerte an Stalins berühmten Satz «Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt bestehen!». Stalin habe das bereits im Februar 1942 gesagt. Diese Haltung sei «für das russische Volk, im Gegensatz zu vielen anderen Völkern, charakteristisch», so Trenin.

Für die Russen insgesamt sei diese Haltung «gleichzeitig gut und schlecht», erklärte er. Beides gelte, «weil wir uns selbst ein wenig geringer schätzen, als wir es eigentlich sollten». Deshalb bleibe die Einstellung gegenüber Deutschland und generell gegenüber dem Westen als Kultur, gegenüber den Völkern als Nachbarn insgesamt positiv, betonte der Politologe. Selbst die Einstellung gegenüber der Ukraine sei nicht negativ. In Russland gebe es keinen Hass.

„Große Ambitionen“

Veränderungen in der politischen Landschaft Deutschlands, Britanniens und Frankreichs würden nicht dazu führen, «dass wir Freunde und Genossen werden». «Aber zumindest können wir ganz normal, ganz pragmatisch zusammenarbeiten, Handel treiben und uns gegenseitig besuchen», wies Trenin auf eine mögliche Zukunft hin. Das hänge aber alles vom Westen ab. Die notwendigen Veränderungen würden «schwierig und langwierig» sein.

Dmitri Trenin beim Gespräch in Moskau (Foto: Tilo Gräser)

«Aber letztendlich: Wenn sich die Politik in Europa ändert, dann geht das hier sehr, sehr schnell. Man wird einfach diese Einstufung als ‚unfreundlicher Staat‘ aufheben, und dann ist es ganz einfach: Nachbar.»

Nachbarn müssten immer irgendeine Art von Beziehung aufrechterhalten. Das seien die «großen Ambitionen» der russischen Politik für die Zukunft. In Russland gebe es dafür keinerlei Hindernisse, betonte Trenin. Dagegen sieht er dafür in Europa «sehr ernsthafte Hindernisse, und ich glaube nicht, dass diese bald überwunden werden».

Diese Hindernisse sorgen auch dafür, dass immer weniger Menschen aus dem Westen nach Moskau und nach Russland kommen. Ihnen wird verwehrt, den Alltag und die Kultur in dem großen Land kennenzulernen, wieder zu entdecken oder als Vertrautes wieder zu erleben. Aber sie verwehren es sich es zum Teil selber, unter anderem weil das bundesdeutsche Auswärtige Amt vor Reisen nach Russland warnt. Hinzu kommt die gleichgeschaltete Desinformation der sogenannten Leitmedien, ob öffentlich-rechtlich oder privat.

Schatten des Krieges

Unsere Reise begann mit dem Zug nach Gdansk und von dort dann mit dem Bus nach Kaliningrad. Dort haben wir einiges erledigt, bevor es dann mit dem Flugzeug nach Moskau ging. Dabei habe ich das erste Mal erlebt, was ich bisher nur von anderen hörte: Unser Flug mit Aeroflot war überbucht und für uns gab es nur noch einen der reservierten Plätze. So kamen wir dann getrennt, aber mit Business Class und den damit verbundenen Annehmlichkeiten in die russische Hauptstadt.

Die Flüge selbst verliefen ohne jegliche Probleme. Natürlich ging mir die Drohung aus Kiew gegen die zivile Luftfahrt in Russland durch den Kopf. Aber es schien an dem Tag keine direkte Gefahr zu bestehen, wie auch der rege Flugverkehr zeigte. Moskau empfing uns so, wie wir es kannten: quirlig, lebendig, hektisch – und dieses Mal mit Sonnenschein.

Es gibt keine direkt sichtbaren Spuren des Krieges in der Ukraine, bis auf einen erkennbar höheren Sicherheitsaufwand an allen öffentlichen Orten und einigen Werbeplakaten für den Vertragsdienst bei der russischen Armee. An einigen Stellen verkünden große Werbetafeln von den neuen Helden Russlands, die in der Ukraine kämpfen. Um den Roten Platz und Gebäuden wie dem des Parlaments, der Staatsduma, oder dem Föderationsrat, gibt es Patrouillen der Sicherheitskräfte, auch mit Maschinenpistolen. Beim Moskauer Herbst-Fahrrad-Festival auf den ehemaligen Lenin-Bergen, heute Sperlingsberge, am 13. September gab ebenfalls zahlreiche Absperrungen und waren Angehörige der Nationalgarde, der Rosgwardija, im Sicherungseinsatz.

Abends waren im Stadtzentrum Aktivitäten zur möglichen Drohnenabwehr zu sehen. Aber das Ganze geschieht ohne Stress und Nervosität. Die Uniformierten sind freundlich und die Menschen nehmen die Situation mit Gelassenheit. Am 20. September wurde der bisher massivste ukrainische Drohnenangriff auf Moskau gemeldet. Neben einer Raffinerie am Stadtrand soll ein Wohnhaus getroffen worden sein, was auch Tote gefordert habe. Im Stadtzentrum war an dem sonnigen Tag davon nichts zu spüren. Die Menschen waren in der Stadt unterwegs, als gäbe es keine Gefahr. Über den Roten Platz spazierten die russischen und ausländischen Touristen ohne Hast und Panik.

Es gab und gibt eine andere indirekte Spur des Krieges: Das Internet funktioniert nicht so einfach für jene wie uns, die entweder auf westlichen Seiten recherchieren oder Nachrichten über die gängigen Plattformen wie WhatsApp oder Telegram austauschen müssen. Das erschwerte die Arbeit etwas, aber bisher gab es immer eine Problemlösung. Für das Telefonieren mit Freunden im Land sind wir inzwischen mit einer russischen SIM-Karte ausgestattet. Für das weit verbreitete digitale Bezahlen können wir nun eine MIR-Bankkarte benutzen.

Bunte Mischung

Moskau zeigte sich wie gehabt quirlig, lebendig, geschäftig, manchmal auch entspannt und fröhlich – trotz des Krieges und der potenziellen Gefahren. Es kommt darauf an, welchem Ort wir uns befinden. Unser Hotel «Aqua Marin» liegt im Zentrum, gar nicht weit vom Roten Platz. Entsprechend sahen wir hier viele Menschen, die entweder am Morgen zum Büro gehen, abends von dort kommen oder tagsüber eine Zigarettenpause vorm Gebäude machen. Es ist vom Menschentyp her die klassische Business Class: Jünger bis zum mittleren Alter, entsprechend angezogen, dynamisch, zielstrebig, und das auch beim Gang zum oder vom Büro.

Spätestens in der Metro ist die Mischung viel bunter: vom Alter über den Bekleidungsstil bis zum Anlass des Weges. Gerade tagsüber sind viele Menschen in den Metro-Stationen und -Bahnen unterwegs. Aber auch hier keine überflüssige Hektik, eher Gelassenheit bei aller Zielstrebigkeit und Eile, ans Ziel zu kommen. Und immer wieder Musik in den Stationen, von Klassik bis Pop. Die kommt nicht aus Lautsprechern, sondern von Straßenmusikanten.

In Moskau ist viel Luxus zu sehen, ob es nun die «dicken» Autos sind – neben asiatischen Marken immer wieder ebenso BMW, Mercedes und Porsche –, oder die Geschäfte und Restaurants für jene, die in Russland in den letzten Jahren reich geworden sind. Davon scheint es nicht wenige zu geben, auch wenn wir erfuhren, dass zahlreiche der neu gebauten Eigentumswohnungen keine Käufer finden. Es gibt gleichfalls jene Menschen, denen ihre Armut anzusehen ist, und manche von ihnen bitten um Geld. Sie sind nicht so zahlreich im Zentrum Moskaus wie vergleichsweise in Berlin. Aber sie sind nicht zu übersehen und erinnern daran, dass es auch Verlierer der russischen Entwicklung gibt.

Gegen Krieg mit Deutschland

Wir haben eine Reihe von Gesprächen geführt, mit renommierten Politologen wie Dmitri Trenin, Wladislaw Below und Fjodor Ljukanow sowie mit „einfachen“ Menschen. Einer von diesen ist Viktor, der in einer Stadt im Moskauer Gebiet lebt und arbeitet. Ihn hatten wir am 9. Mai 2025 im «Park des Sieges» in der russischen Hauptstadt kennengelernt, als die Menschen dort den 80. Jahrestag des Sieges über den Faschismus feierten und der dabei Gefallenen gedachten. Bei jedem unserer Aufenthalte hier treffen wir uns mindestens einmal, erzählen uns von unserem Leben und Alltag, sprechen über das, was uns bewegt.

Viktor trägt an seinem Rucksack einen herzförmigen Anhänger, auf dem die deutsche und die russische Fahne und davor eine Friedenstaube zu sehen sind. Den hatten wir ihm im letzten Jahr geschenkt. Darauf wird er in seiner Heimatstadt und auch in dem Betrieb, in dem er arbeitet, immer wieder angesprochen, wie er berichtete. Er trage ihn, weil er gegen einen Krieg mit Deutschland und für Frieden sei, antworte er darauf. Und noch kein einziges Mal habe er in seinem Umfeld daraufhin Widerspruch bekommen oder habe ihn jemand wegen des Anhängers beschimpft.

Er sei vor kurzem im Urlaub in Sotschi am Schwarzen Meer gewesen, berichtete Viktor. Als Patriot trägt er immer etwas «prorussisches»: Ob ein Basecap, ein T-Shirt oder eine Jacke mit russischen Symbolen. Aber er macht das, bodenständig wie er ist, nie übertrieben oder aufdringlich. Er sei auch auf die Krim gefahren, erzählte er uns. Dort habe ihn jemand gefragt, ob er denn für Putin sei. Als er das bejaht habe, habe der Mann ihn beschimpft und behauptet, der russische Präsident habe seine ganze Familie umgebracht. Für Viktor handelte es sich um einen proukrainischen Provokateur, von denen es auf der Krim noch eine ganze Reihe gebe.

Er erzählte uns auch, dass das Leben in Moskau selbst sicher sei und kaum von Drohnen-Alarmen gestört werde. Die gebe es immer wieder in seinem Heimatort nahe der Hauptstadt, ebenso wiederholt Aufenthalte im Schutzraum seines Betriebes dort. Auch in Sotschi seien sie Teil des Alltages dort, aber würden von den Menschen meist ignoriert. Immer wieder gebe es Angriffe aus der Ukraine mit Drohnen, auch Tote und Verletzte. Aber die Menschen dort würden ungeachtet der Sirenen und der Gefahr weiter ihren Geschäften und Alltagsdingen nachgehen, im Meer baden und den Sommer genießen.

Nervosität und Befürchtungen

Aus Gesprächen erfuhren wir, dass manche in Moskau in den kommenden Monaten spektakuläre Angriffe aus der Ukraine mit ballistischen Raketen auf die russische Hauptstadt befürchten. Wie weit diese Sorge verbreitet ist, wissen wir nicht, abgesehen von der Frage, ob das möglich ist und die Machthaber in Kiew dazu in der Lage sind. Das Leben für die Menschen in Russlands Hauptstadt sei nicht schlechter geworden, berichtete eine Moskauerin. Aber es sei eine größere Nervosität spürbar, auch bei den Behörden. Die Drohnen aus der Ukraine habe sie bisher nicht gesehen. Allerdings lebe sie mitten in der Stadt, die gut geschützt scheine. Dagegen gab es immer wieder Angriffe auf Objekte in der Umgebung oder am direkten Stadtrand, wo bereits im Juni eine Raffinerie attackiert wurde.

Auf dem Roten Platz in Moskau am 20. September 2026 (Foto: Tilo Gräser)

Die Menschen würden zwar untereinander immer wieder über den Krieg sprechen, aber nur im privaten Kreis. Sie würden sich eher ablenken von der potenziellen Gefahr, die dennoch über Moskau schwebt. Gefragt nach dem Verhältnis zu Deutschland, berichtete die Moskauerin, dass die bundesdeutschen Politiker wie Kanzler Friedrich Merz oder EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verhasst seien. Aber das gelte nicht für die Menschen, die in dem Land leben, dessen Außenminister meint, Russland bleibe immer der Feind. Und aus dem ein Journalist kommt, der gern helfen möchte, „mehr Russen zu töten“.

Ähnlich hörten wir es von den Politologen und Historikern, mit denen Éva Péli für verschiedene Medien Interviews führte. Sie macht das perfekt auf Russisch, während ich mit meinem rudimentären Schulrussisch am Schluss jeweils die Frage nach der Sicht auf das heutige Deutschland stellte. Der Politologe und Sicherheitsexperte Wassili Kaschin von der renommierten Moskauer Universität HSE (Higher School of Economics) verwies auf «sehr viele Emotionen, denn Deutschland war viele Jahre lang Russlands engster und wichtigster Partner in Europa». Die Beziehungen zwischen Russland und Europa seien in vielerlei Hinsicht um die russisch-deutschen Beziehungen herum aufgebaut worden.

Fehlende Dialog-Kanäle

Deshalb habe der Bruch «vor allem emotionalen Charakter», so Kaschin. Er beobachte «eine äußerst feindselige Rhetorik sowohl seitens Deutschlands als auch hierzulande». Es werde dabei «auf die dunklen Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte Bezug genommen». Deshalb rechnet er damit, dass beide Seiten in eine langwierige, besonders schwere Konfrontation geraten.

«Uns fehlen die Kanäle für einen Dialog. Und wir respektieren das bisher zwar zunehmend, aber hier besteht sozusagen die Möglichkeit, dass wir dies stoppen können, wenn es uns gelingt, eine gewisse Fähigkeit zur Aufrechterhaltung von Kontakten und zur vernünftigen Diskussion der Situation wiederherzustellen. Mit Deutschland entwickelt sich die Lage wahrscheinlich schlechter als mit den meisten anderen europäischen Ländern.»

Kaschin verwies bei der Frage nach den Ursachen auch auf die zahlreichen inneren Probleme Deutschlands, einschließlich des industriellen Niedergangs sowie der politischen Umbrüche. Auf die verwies ebenso der Historiker und Publizist Artjom Drabkin im Gespräch. Er hat zusammen mit Kollegen für das Projekt «I remember» in über 25 Jahren mehr als 4.000 Veteranen des Zweiten Weltkrieges auf allen Seiten befragt, dar zahlreiche Deutsche. Drabkin sieht Deutschland in einer „sehr ernsten Lage“ und in einer Identitätskrise, die mit der Migration verbunden sei.

Hinzu komme die Wirtschaftskrise, die mit dem Verzicht auf billige Ressourcen zusammenhänge. Die politische Krise sei mit der Europäischen Union verbunden, die aus seiner Sicht «überhaupt kein lebensfähiges Gebilde ist». Zugleich sei sie «eindeutig eine Gefahr für Russland». Eigentlich müssten Russland und Deutschland Verbündete sein, um gemeinsam verschiedene Herausforderungen zu bewältigen, einschließlich der durch Chinas Aufstieg, meint Drabkin. Er sieht einen «riesigen Spielraum für Zusammenarbeit». Und erinnerte an die Aussage eines sowjetischen Kriegsveteranen:

«Hätte ich im Jahr 1942 irgendjemandem gesagt, dass ich ein deutsches Auto fahren würde, und zwar genau diesen Volkswagen, hätten mich meine eigenen Leute auf der Stelle umgebracht. Ich fahre ihn, ein toller Wagen.»

Auf der Ebene der Menschen gebe es keine Konfrontation mit Deutschland. Das Problem sei die Ebene der Politiker. «Genau hier stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Politiker für das, was geschieht», betonte Drabkin.

Offene Türen

«Die Merz kommen und gehen, die deutsch-russischen Beziehungen bleiben», zeigte sich der Politologe und Deutschland-Fachmann Wladislaw Below optimistisch und wandelte dabei das berühmte Stalin-Zitat um. Er kritisierte im Gespräch deutlich die derzeitige Regierung in Berlin.

Wladislaw Below im Gespräch im Moskauer Europa-Institut (Foto: Tilo Gräser)

Die Völker beider Länder bräuchten statt Versöhnung direkte Kontakte. Dafür seien die Türen in Russland offen, betonte Below. Die antirussische Politik der derzeitigen Bundesregierung sei «sehr grob» und für ihn unverständlich. Sie sei auch falsch aus Sicht der Interessen Deutschlands, schätzte er ein. Dennoch bleibe er Optimist, betonte der Politologe vom Moskauer Europa-Institut. Er hofft auf die Menschen beider Länder, die die «Reserve» dafür seien, wenn es darum gehe, wieder bessere Beziehungen zu gestalten.

Auch für den ausgebildeten Germanisten und renommierten Politologen Fjodor Lukjanow befindet sich Deutschland in einer Phase tiefgreifender innerer Umbrüche. Ursache seien die veränderten äußeren Rahmenbedingungen, die sich aufgrund des gesellschaftlichen Wandels noch weiter verändern würden. Lukjanow ist Chefredakteur der einflussreichen russischen Fachzeitschrift Russia in Global Affairs, Leiter des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des internationalen Diskussionsklubs Waldai. Er sieht als Problem für notwendige Veränderungen, dass die deutsche Gesellschaft sehr unflexibel sei. Lukjanow, von EU-Sanktionen gegen ihn betroffen, beschrieb etwas, was sich auch in der bundesdeutschen Politik gegenüber Russland zeigt:

«Die Deutschen sind sehr diszipliniert und sehr arbeitsfähig, aber absolut unflexibel. Sie legen einen Kurs fest. Wenn sie beschließen, dass dieser Kurs eingeschlagen werden muss, dann folgen sie ihm ungeachtet aller Umstände, bis sie gegen eine Wand stoßen. Und ich denke, dass jetzt der Moment der Kursentscheidung gekommen ist, und wenn man sich dabei irrt, wird es später schlimme Folgen geben, wie es in der Geschichte schon einmal der Fall war.»

Großes Interesse an Deutschland

In den Gesprächen haben wir nur wenig Optimismus erfahren, ob nun von den Politologen oder Freunden mit ihrer unterschiedlichen Perspektive auf Russland und den Konflikt mit dem Westen. Jemand wie Alexander Uschanow von der staatlichen Universität GIMO war eher die Ausnahme. Der ehemalige Offizier setzt sich unbeirrt für Völkerverständigung ein, so in der Form von Städtepartnerschaften. Er sprüht regelrecht vor Ideen und den ausgemachten Chancen der Menschheit, die zahlreichen Probleme gemeinsam zu lösen.

Auch er will, dass sich die Menschen begegnen, trotz aller politischer Barrieren. Vielleicht ist sein wichtigster Antrieb die eigene Familienbiografie: Uschanow stammt aus dem heutigen Belarus und viele seiner direkten Vorfahren wurden Opfer des faschistischen deutschen Vernichtungskrieges vor mehr als 80 Jahren.

Deutschland und seine Entwicklung wird in Russland immer noch intensiv beobachtet und analysiert. Das erlebten wir am 21. September, als wir an einem Rundtisch-Gespräch «Wirtschaft und Politik in Deutschland – eine Zwischenbilanz der Amtszeit von F. Merz vor dem Hintergrund der Wahlen in Ostdeutschland» im Moskauer Europa-Institut teilnehmen konnten. Thema waren die jüngsten Wahlen in Deutschland ebenso wie die wirtschaftliche Lage.

Beides wurde ausführlich analysiert und diskutiert, von russischen Wissenschaftlern und Teilnehmern ebenso wie von deutschen, die online zugeschaltet waren. Aus Moskauer Sicht geht es vor allem um die möglichen Folgen für die fortgesetzte Kanzlerschaft von Friedrich Merz (CDU), aber ebenso um die Rolle der AfD. Diese sieht der Politologe Below sehr differenziert und warnt vor zu viel Optimismus ob ihrer angeblichen «prorussischen» Politik.

Unser Aufenthalt in dem nachbarschaftlichen Moskau mit seiner Betriebsamkeit, aber auch mit seiner Gastfreundlichkeit, war wieder voller Begegnungen und Gespräche, Eindrücke und Beobachtungen. Dazu gehörte auch eine gewisse Anspannung bei den Menschen angesichts des andauernden Krieges in der Ukraine. Die meisten zeigten sich unsicher ob seines Ausgangs und der Folgen. Wir hörten auch, dass jene, die sich offen für Frieden einsetzen, Repressionen erfahren. Selbst für die einstige sowjetische Losung «Миру Мир» («Frieden für die Welt») seien Menschen verhaftet worden, wurde uns berichtet. An dem Anhänger mit der Friedenstaube an meinem Rucksack störte sich dagegen niemand.

Zurückgekehrt nach Berlin arbeiten wir die Eindrücke und Gespräche auf. Das Wichtigste ist, dass wir ein weiteres Mal ein Land mit offenen Türen und Herzen erlebt haben. Aber wir werden auch davon erzählen, dass in Russland das Unverständnis und der Zorn über das, was sich die deutsche Politik gegenüber Russland leistet, zunehmen. Wenn es nicht zu einer baldigen Rückkehr zu vernünftigen Beziehungen kommt, kann das dauerhaften Schaden anrichten.

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