Gruppendenken: Die Story stimmt, wenn die Moral stimmt.
Alice Schwarzer schickt das feministische Flaggschiff «Emma» zurück ans Altersdock, und im Blätterwald sprießen die Würdigungen ihrer Verdienste um die Sache der Frauen. Nur als sie der NATO und den Kriegsertüchtigern an den Karren fuhr, war es vorbei mit lustig. Da fiel der Meutenjournalismus über Alice Schwarzer her.
Am 29. April 2022, wenige Wochen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, publizierte Alice Schwarzer in ihrer Zeitschrift «Emma» einen offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz, in dem der deutsche Regierungschef aufgefordert wurde, sich für Diplomatie und einen Waffenstillstand im Ukraine-Konflikt einzusetzen. Immer mehr Waffenlieferungen seien der falsche Weg. Der Appell wurde von renommierten Künstlern und Intellektuellen unterzeichnet, darunter der Filmer Alexander Kluge, die Theologin und Politikerin Antje Vollmer, der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel, der Schriftsteller Martin Walser und die Verfassungsrichterin und Autorin Juli Zeh.
In dem Appell heißt es: «Wir teilen das Urteil über die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts. Wir teilen auch die Überzeugung, dass es eine prinzipielle politisch-moralische Pflicht gibt, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen. Doch alles, was sich daraus ableiten lässt, hat Grenzen in anderen Gebieten der politischen Ethik.»
In Bezug auf solche Grenzen wird geltend gemacht: «Die unter Druck stattfindende eskalierende Aufrüstung könnte der Beginn einer weltweiten Rüstungsspirale mit katastrophalen Konsequenzen sein, nicht zuletzt auch für die globale Gesundheit und den Klimawandel.»
Die «eskalierende Aufrüstung» war zu diesem Zeitpunkt in vollem Gang. Der deutsche Bundeskanzler hatte in einer Rede am 27. Februar 2022 unter Berufung auf eine von ihm visionierte «Zeitenwende» spontan hundert Milliarden Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr aus dem Ärmel geschüttelt. Der Betrag wurde unter der Bezeichnung «Sondervermögen» von der Schuldenbremse ausgenommen, ein wortschöpferischer Trick, um Schulden als Guthaben zu verkleiden. Der Täuschungsversuch war so ungeschickt, dass das Wort «Sondervermögen» später zum Unwort des Jahres avancierte. Die ausufernde Schuldenwirtschaft zur Finanzierung des Ukraine-Krieges und zur Vorbereitung eines Krieges gegen Russland wird seither als Normalität der Sachzwänge erklärt.
In Anbetracht dieser Zustände war der offene Brief in «Emma» recht eigentlich maßvoll. Er gab die Meinung der Hälfte der Bevölkerung wieder und hätte ein Beitrag zu einer nach demokratischen Prinzipien notwendigen Debatte sein sollen. Umso erstaunlicher waren die hasserfüllten Reaktionen und die Häme, die den Unterzeichnern des Friedensappells in den Medien entgegenschlug. Auf einer Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sagte der Schriftsteller Marcel Beyer im Mai 2022 über den Emma-Appell:
«In einer ruhigen Stunde wird der Präsident der Russischen Föderation dieses Schriftstück in sein Poesiealbum einkleben, mit dem Blut jener verschleppten Ukrainer vielleicht, denen die russische Armee bis an den Rand der Bewusstlosigkeit Blut abnimmt, um ihre eigenen Verwundeten damit zu versorgen.»
Beyer war 2016 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. In der Begründung der Jury hieß es, seine Texte seien «kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich».
Harald Welzer und Richard David Precht bringen das Blutentnahme-Zitat von Beyer in ihrer Medienstudie «Die Vierte Gewalt» (2022). Sie widmen ein ganzes Kapitel der Empörungswelle, die der Friedensappell von Alice Schwarzer reflexartig in führenden Medien hervorrief. Dass Leitmedien sich angesichts von Kriegsvorbereitung eng an die Regierungspolitik anschließen, ist nicht die Ausnahme, sondern eine traurige historische Regel. Alice Schwarzers offener Brief störte die Konformität der Zeitenwende-Politiker. Kein Anchorman, keine Tagesschau-Moderatorin verzichtete damals auf das Statement, die Welt sei über Nacht und, ohne dass man es hätte ahnen können, eine andere geworden. Precht und Welzer schreiben:
«Zugleich trat ein verblüffender Schuldstolz der politischen Klasse zutage, der in der Geschichte der Bundesrepublik seinesgleichen sucht. Das jahrzehntelang gepflegte und lange erfolgreiche Konzept des Wandels durch Annäherung und Handel galt plötzlich als der Irrtum unserer Zeit.»
Chefredakteure und politische Kommentatoren inszenierten die Kunst des öffentlichen Schämens. Man wiederholte unablässig die öffentliche Beichte, wie sehr man sich doch in der Vergangenheit vom Moskauer Imperialismus habe täuschen lassen, wie sehr man auf die dummen Sprüche der Friedensbewegung hereingefallen sei und wie sehr man die Kriegstüchtigkeit vernachlässigt habe. Vor allem verbreitete sich heftiges Fremdschämen für Leute wie Alice Schwarzer und ihren Friedensappell. Der Werbetexter und Podcaster Sascha Lobo setzte den Grundton. Im «Spiegel» bezeichnete er Leute, die für Friedensgespräche demonstrierten, als «Lumpenpazifisten» und attestierte ihnen eine «zutiefst egozentrische Ideologie», die dem «Faschistenführer Putin» in die Hände spiele. Mahatma Ghandi war laut Herrn Lobo eine «sagenhafte Knalltüte».
Die Stimmung im Land erinnerte an 1999, als die «Atlantiker» jeder Couleur in Politik und Medien den Ton angaben und sich einig waren, dass – Völkerrecht hin oder her – unverzüglich Serbien zu bombardieren sei, weil im Balkankonflikt die Serben die Täter und die anderen die Opfer seien. Eine in der Psychologie bekannte Projektion, die radikale Spaltung zwischen gut und böse. Kurz danach ereignete sich der Anschlag von 9/11, und die «Atlantiker» beschlossen in einer psychologischen Ersatzhandlung, die sie «Krieg gegen den Terror» nannten, Afghanistan zu bombardieren. Anschließend waren Irak, Libyen und Syrien an der Reihe. Auch dort sollte mit Luftangriffen die Demokratie und die sogenannte regelbasierte Weltordnung hergestellt werden. Die Ergebnisse sind in all diesen Ländern zu besichtigen. Die jüngste geopolitische Korrektur in dieser Serie praktizierten im vergangenen Februar Israel und USA im Iran, wo sie Verhandlungsdiplomatie vortäuschten, um mit einem Raketenangriff auf einen Schlag die gesamte politische und religiöse Führung des Landes zu töten.
Die Diffamierungs-Kampagne gegen Alice Schwarzer in den Medien war umso unverständlicher, als die Meinungsumfragen schon 2022 ergaben, dass eine große Mehrheit der Deutschen im Ukraine-Konflikt weniger Waffenlieferungen und mehr Diplomatie forderte. Schwarzer und die Unterzeichner des Appells waren also alles andere als eine kleine, isolierte Gruppe von «Lumpenpazifisten». Daran hat sich in den folgenden Kriegsjahren nichts geändert. Dass Schüler landesweit Schulstreiks gegen die Wehpflicht organisieren, sollte dem politischen Establishment zu denken geben.
Alice Schwarzer ließ sich nicht beeindrucken von der Treibjagd. Im Februar 2023 lancierte sie zusammen mit Sahra Wagenknecht ein Manifest für den Frieden, das nach und nach von rund einer Million Menschen unterschrieben wurde. Darin wird die deutsche Regierung erneut aufgefordert, die militärische Eskalation zu stoppen und Verhandlungen zu beginnen.
Daraufhin ging wieder eine Welle der Empörung durch das Land, von der sich selbst einige als Intellektuelle figurierende TV-Prominente mitreissen ließen. Der Medien-Star Jan Fleischhauer machte seinem Namen alle Ehre mit einem Kommentar auf Biertisch-Niveau:
«Wagenknecht ist für mich eine Machtpolitikerin, die bei allem, was sie tut, vorher kalkuliert, was es ihr bringt. Ich sehe in ihre Augen, und ich sehe das schwarze Herz der Leninistin. Aber Schwarzer? Narzissmus und Idealismus gingen bei ihr stets Hand in Hand. Ihr politischer Kampf war immer eng mit dem Interesse an der eigenen Person verknüpft. Jetzt ist nur noch Narzissmus übrig (…) Ein Freund sagte, er wünsche sich, Schwarzer und Wagenknecht wären dazu verurteilt, einen Tag russisches Propagandafernsehen zu schauen, diesen Mahlstrom an Lüge, Verleumdung und Vernichtungsfantasien. Aus ihren genozidalen Wünschen machen sie in Moskau gar kein Hehl. Dass man die ukrainischen Frauen vergewaltigen, ihre Kinder versklaven und die Männer alle umbringen müsse, wird dort als kleiner TV-Happen zum Nachmittagstee gereicht.»
Es hat nie einen Krieg gegeben, der ohne die Geschichten auskommt, die den Feind zur Ausgeburt des Bösen machen. Man nennt es «atrocity management», und es gib tausende Spezialisten, die auf diesem Gebiet ihre Fähigkeiten beweisen. Frappierend ist es aber immer wieder, zu beobachten, wie Leute, die aufgrund ihres Bildungslevels zu vernünftigen Urteilen tendieren sollten, in den Sog solcher Propaganda-Fabeln geraten und jede Urteilsfähigkeit verlieren.
Für die Beglaubigung der Propaganda stellt sich seit Beginn des Ukraine-Konfliktes eine große Zahl von sogenannten Nicht-Regierungs-Organisationen in den Dienst der Kriegsplanung in Berlin und Brüssel. Aus verständlichen Gründen. Sie werden finanziell von den Regierungen unterstützt, von denen sie angeblich unabhängig sind. Laut Antworten der deutschen Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen erhalten jährlich mehrere Hundert Organisationen (je nach Erfassung und Abgrenzung zwischen 300 und 580 NGO) direkte oder indirekte Bundesmittel, darunter Menschenrechtsgruppen, Faktenchecker und so weiter. Sie alle beissen nicht die Hand, die sie füttert.
Wie oft muss man noch daran erinnern, dass selbst eine um Seriosität bemühte Menschenrechts-Organisationen wie Amnesty International seinerzeit attestierte, irakische Soldaten hätten im ersten Golfkrieg 300 Babys aus ihren Brutkästen gerissen und «auf dem kalten Boden sterben lassen»? Es war eine von einer PR-Agentur frei erfundene Story, und Amnesty musste sie zurücknehmen.
Propagandalügen im Krieg sind keine Seltenheit, sondern die Regel. In den NATO-Kriegen der letzten Jahrzehnte war keine Horrogeschichte zu platt, wenn es um die effiziente Manipulation der öffentlichen Meinung ging. Denn wie grotesk die Erzählung auch sein mag, irgendetwas bleibt immer hängen. Selten ist die Mär so unglaubwürdig, dass die Propagandisten selbst einknicken. Die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Ljudmilla Denissowa wurde 2022 vom ukrainischen Parlament durch ein Misstrauensvotum von ihrer Aufgabe entbunden, weil nicht mehr zu verbergen war, dass sie fortgesetzt Lügen verbreitete, darunter die Behauptung, russische Soldaten vergewaltigten Kleinkinder.
Der oben zitierte Jan Fleischhauer weiss zu berichten: «Die Verschleppung ukrainischer Kinder in das russische Hinterland hat biblische Ausmasse angenommen». Ein Menschenrechtsbeauftragter der Regierung Selenskyj hatte seinerzeit vor dem UN-Sicherheitsrat angegeben, die Russen hätten «eine Million Kinder» deportiert und würden sie in Lagern in Sibirien umerziehen und an die Front schicken.
Im offiziellen Brüssel reduzierte Frau von der Leyen die Zahl der «deportierten Kinder» dann aus Gründen der Logik und Glaubwürdigkeit (Frau Denissowa lässt grüssen) von einer Million auf rund neunzehntausend. In einem Aufsatz für Globalbridge hatte ich daraufhin die Frage gestellt, warum Tausende von Waisenkindern, die die US-Armee von Vietnam bis Afghanistan «in Sicherheit brachte», in die Gnade humanitärer Rettungen gekommen waren, die Russen hingegen angeblich «Kinderraub» betrieben, wenn sie Waisenkinder aus Kampfgebieten evakuierten. Die Redaktion von Emma übernahm mit meinem Einverständnis den Artikel und erlebte den vorhersehbaren Ausbruch des notorischen deutschen Empörungs-Magmas. Das Deutschland der Kriegsertüchtiger stand Kopf und Frau Schwarzer ohne jeden Zweifel auf der Gehaltliste des großen Teufels im Kreml.
Es gehört Rückgrat dazu, solche Momente durchzustehen, und Alice Schwarzer und ihre Crew hatten diesen Mut. Glücklicherweise haben auch andere Leute in Deutschland die Widerstandkraft, sich gegen den Strom zu stellen, wenn der Mainstream-Journalismus in eine Lawine von Halbwahrheiten ausartet. Die Schauspielerin und Kabarettistin Christine Prayon warf das Handtuch in der «Heute-Show» des ZDF, als sie merkte, dass die Sendung, die Satire sein soll, von der Corona-Krise bis zum Ukraine-Konflikt zum Lautsprecher der Regierungspolitik umfunktioniert wurde:
«Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war das ‘Manifest für Frieden’ im Februar 2023 von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht. Ich hatte dieses Manifest auch unterzeichnet. Es wurde in der Heute-Show als ‘Manifest der Volksverdummung’ bezeichnet. Und dann wurden die Erstunterzeichner gezeigt und lächerlich gemacht (…) Für mich war damit eine Grenze erreicht.»
Einen Gegenentwurf zu der Haltung von Christine Prayon bietet Sarah Bosetti in ihrer ZDF-Satiresendung «Bosetti will reden». Ein zutreffender Titel, denn dort gibt es wider Erwarten keine Comedy und nichts zu lachen, denn Bosetti widmet sich mit einer vor Entrüstung bebenden, atemlosen Diktion in immer neuen Auftritten der bitterernsten Mission, Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht in den untersten Kreis der Hölle zu schicken:
«Ihr solltet euch schämen, den Frieden für euere Zwecke zu vereinnahmen. Ihr solltet euch schämen für euere Heuchelei. Ihr solltet euch schämen dafür, dass, während tausend Kilometer entfernt Menschen sterben, ihr nur an euere politische Karriere denkt.»
Kein Kabarett, sondern wütende Moralpredigt. Man fragt sich erstaunt, wie diese Kleinkunst-Künstlerin, bei der man vergeblich nach einem Rest von Humor sucht, den Salzburger Stier, den Deutschen Kleinkunstpreis, den Deutschen Fernsehpreis und den Dieter-Hildebrandt-Preis bekommen konnte. Hildebrandt machte mit seinem «Scheibenwischer» keine Satire, die daherkommt, als hätte ein Mediensprecher der NATO den Text geschrieben.
Der Anblick einer solchen ZDF-Show lässt einen ratlos. Denn es ist schlicht unmöglich, dass all die Bosetti, Fleischhauer und tausende andere, die über die Lumpenpazifisten herziehen, seit 2014 nicht mitbekommen haben, dass dieser Krieg in der Ukraine nicht stattgefunden hätte, wenn Brüssel und Washington auf die sehr maßvollen russischen Vorschläge für eine europäische Sicherheitsstruktur eingegangen wären.
Es ist nicht möglich, dass all diese Journalisten und Vortragskünstler nicht irgendwann einmal ein Zeitungs-Interview gelesen haben, in dem ein John Mersheimer sagt: «Wenn ich Putin wäre, hätte ich noch viel früher angegriffen». Es ist unmöglich, dass all diejenigen, die die Weltpolitik auf die Litanei reduzieren, dass es Krieg gibt, weil Putin böse ist, nie etwas gehört haben von den hunderten Diplomaten, Politikwissenschaftern, Russland-Expertinnen und Journalisten, die Jahrzehnte lang vergeblich gewarnt hatten. Sie warnten, dass es zu einem gefährlichen Konflikt mit Russland führen würde, wenn Moskaus wichtigster Flottenstützpunkt Sewastopol, seit Jahrhunderten Russlands Tor zur Welt, von der NATO in Beschlag genommen würde. Es ist auch nicht anzunehmen, dass all diese eifrigen Intellektuellen nie von der Studie der US-Rand-Corporation gehört haben, in der konzipiert wird, wie der Westen Russland kaputt machen kann. Und schließlich fällt es auch schwer zu glauben, dass all die hochgebildeten russophoben Prominenten so wenig Geschichtskenntnisse haben, dass sie nicht wüssten, was seit den Verträgen von Brest-Litowsk im Jahre 1918 im europäischen Osten passiert ist.
Eine mögliche Erklärung der ungelösten Widersprüche lautet: Wir sind als Spezies Gruppenwesen. Zugehörigkeit ist wichtiger als Wahrheit und Realität. Wer nicht mitläuft, wird von der Meute gebissen, und die Angst vor dem Gebissenwerden ist erheblich stärker als die Unbequemlichkeit einer kognitiven Dissonanz. Ich denke nicht, dass mein Vater, der im Alter jeden Sonntag ins katholische Hochamt ging, überzeugt war, dass dort Weißwein und Gebäck aus ungesäuertem Weizenmehl in das Fleisch und Blut des Herrn Jesus Christus verwandelt wurde. Er ging mit meiner Mutter in die Messe, weil sie beide in der Dorfgemeinschaft der Gläubigen soziale Geborgenheit suchten, die ihnen wichtiger war als alles andere.
Die Psychoanalytikerin Jeanette Fischer sagte in einem Gespräch über Kriegsrhetorik auf die Frage, welches die häufigste Angst sei, die sie in ihrer Praxis begegne: «Die Verlustangst – und das heißt nicht nur die Angst, ein Kind oder den Partner zu verlieren, sondern vor allem die Angst außerhalb der Gemeinschaft zustehen, egal welcher: einer politischen, familiären oder religiösen. Kriegsrhetorik erzeugt immer diese Spaltung zwischen denen drinnen und denen draußen. Wir sind Gemeinschaftswesen, wir funktionieren draußen nicht. Dort sind wir stigmatisiert und allein. Das macht uns anfällig, uns wieder anzupassen.»
Es gibt eine Schwelle, die man überschreiten muss, um auszubrechen. Da draußen, außerhalb der Herde und ihrer Moral, kann man umkommen. Und diese Moral formulierte Bob Dylan schon 1963 nach der Kuba-Krise: «I learned to hate Russians all through my whole life». Der US-amerikanische Künstler und Informatiker Jaron Lanier sagte 2014, als ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde, über seine Angst vor dem «Rudelcharakter» des Menschen: «In uns ist ein Schalter. Wir neigen dazu, uns immer wieder in Rudel zu verwandeln, ohne dass wir es selber merken (….) und so ist das Stammesgefühl vielleicht die gefährlichste unserer Sünden.»
Es ist der Sieg der Gruppenloyalität über die Urteilskraft. Die Story stimmt, wenn die Moral stimmt.