Belarus 1941-1944: „Kalkulierte Morde“
Der sogenannte „Hungerplan“ der deutschen Militärplaner hatte das Ziel, viele Millionen Sowjetbürger durch Nahrungsmittelentzug verhungern zu lassen, um die Ernährung der deutschen Invasionsarmeen in der Sowjetunion sicherzustellen. Wie der Hungerplan in Weißrussland umgesetzt wurde, zeigt eine bemerkenswerte Studie des Historikers Christian Gerlach.
Vormerkungen
Im Herbst 2025 habe ich mit Jan Gorski eine Reise nach Belarus unternommen, die uns nach Minsk und Umgebung geführt hat. Dort haben wir auch die Nationale Gedenkstätte Chatyn besucht. Über dieses bewegende Erlebnis haben wir auch in unserem Reisebericht geschrieben, der Anfang 2026 auf Globalbridge veröffentlicht worden ist (Fußnote 1). Im Juli 2026 erschien eine erweiterte Fassung in 4 Teilen im Manova-Magazin (Fußnote 2).
Erst in der Nachbearbeitung unserer Reise bin ich auf die bemerkenswerte Studie des Historikers Christian Gerlach (Fußnote 3) gestoßen, die 1999 auf der Basis seiner Dissertation in der Hamburger Edition erschienen ist und zu den wichtigsten wissenschaftlichen Werken über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion gehört. Der Titel lautet: „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944“ (Fußnote 4). Es ist ein „Buch-Ziegel“ mit einem Umfang von ca. 1200 Seiten und vielen hundert Anmerkungen und Quellen. Allein die Zusammenfassung hat einen Umfang von 24 Seiten.
So, wie die Tatsachen, die in diesem Buch ausgebreitet werden, ist deren Lektüre erschreckend und ergreifend, aber auch gewinnbringend, weil sie Zusammenhänge aufdeckt, die in den vorliegenden Büchern über den deutschen Vernichtungskrieg im Osten während des Zweiten Weltkriegs nicht oder nur selten thematisiert werden.
Der Historiker Gerlach, seit 2008 ordentlicher Professor für Zeitgeschichte am Historischen Institut der Universität Bern, hat in seiner oben genannten Studie im Detail die Ursprünge und wirtschaftlichen Hintergründe des „Hungerplans“ beschrieben, der auf die Vernichtung von ca. 30 Millionen Sowjetbürgern während der Deutsch-Sowjetischen Kriegs abzielte und über den in der üblichen deutschen Geschichtsschreibung weitgehend geschwiegen wird.
Um die unfassbare Tragödie des weißrussischen Volkes während der deutschen Besatzung in den Jahren 1941 bis 1944 wirklich zu verstehen, sind die Inhalte und Ergebnisse der Forschungen von Gerlach, wie sie in seiner umfassenden Studie dargestellt sind, jedoch von zentraler Bedeutung. Aus diesem Grunde habe ich im Folgenden einige wichtige und kennzeichnende Passagen aus den Abschnitten Einleitung und Zusammenfassung und Schlussfolgerungen dieser wichtigen Studie zitiert, wobei die Hervorhebungen von mir stammen, ebenso wie ein abschließender Kommentar.
Es folgen zunächst einige Passagen aus der Studie von Christian Gerlach (Fußnote 4, S. 11 ff. und S. 1116 ff.):
Einleitung
„Kaum ein Land ist so stark vom Zweiten Weltkrieg betroffen gewesen wie Weißrussland. Nach offiziellen Angaben wurden dort bei einer Bevölkerungszahl von 10,6 Millionen Menschen (1939) während der deutschen Besetzung 1941 bis 1944 2,2 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet. In der nationalen Weißrussischen Gedenkstätte, an der Stelle, wo 1943 das Dorf Chatyn in Flammen aufging, symbolisieren drei Birken die Weißrussen, die den deutschen Überfall überlebten, eine Flamme brennt für ein weiteres Viertel der Weißrussen, die starben. Fast alle Städte des Landes waren 1944 völlig zerstört. Es gab drei Millionen Obdachlose. Die Zahl der Industriebetriebe war um 85 Prozent zurückgegangen, die Industriekapazität um 95 Prozent, die Saatfläche um 40 bis 50 Prozent und der Viehbestand um 80 Prozent. Weißrussland wurde in seiner wirtschaftlichen Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen und blieb für sehr lange Zeit vom Krieg geprägt.
Warum wurde dieses relativ unbedeutende Land , das nach dem ersten Weltkrieg als Sowjetrepublik zum ersten Mal eine Autonomie erhalten hatte und seit 1991 formell unabhängig ist, von der deutschen Besatzungsmacht in besonderem Maße mit Tod und Vernichtung überzogen? Warum ein so armes bäuerliches Land mit wenig Industrie und ohne Bodenschätze?
Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Die von den größten Massenmorden betroffenen Bevölkerungsgruppen waren sowjetische Kriegsgefangene, Juden und im Zuge der Partisanenbekämpfung getötete Bauern. Weshalb überlebte jeder dritte Kriegsgefangene, den die deutsche Heeresgruppe Mitte machte, bereits den Aufenthalt in diesem seinem ersten Abschubsland nicht? Wie kam es zu dem schrecklichen Phänomen der „verbrannten Dörfer“, die zu hunderten – weit mehr als irgendwo sonst auch innerhalb der besetzten sowjetischen Gebiete – von deutschen Einheiten bei der sogenannten Partisanenbekämpfung mit den meisten oder mit allen Einwohnern vernichtet wurden?“ (….)
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
„Der Ansatz der vorliegenden Studie ist durch die Frage nach Zusammenhängen, Wechselwirkungen und Widersprüchen zwischen NS-Verbrechen und der deutschen Wirtschaftspolitik im Zweiten Weltkrieg, konkret zwischen Wirtschaftsinteressen und Besatzungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, bestimmt worden. Grundidee der Untersuchung war, die deutsche Wirtschaftspolitik hierzu umfassend zu untersuchen, anstatt sich auf bestimmte Segmente oder gar einfach auf Mutmaßungen zu beschränken. Zudem musste die Vernichtungspolitik gegen alle wesentlichen Opfergruppen analysiert werden.
Die Deutschen verfolgten in Weißrussland, ausgenommen im Bezirk Bialystok (siehe Kap. 2.4), keine ernsthaften Siedlerinteressen. Daher war es ihr besatzungspolitisches Konzept, vor allem die weißrussische Landbevölkerung in ihrer Mehrheit nicht zu verdrängen oder zu ermorden, sondern als abhängige bedürfnis- und willenlose Bauern auszubeuten. Ein leeres Land hätte den deutschen Machthabern nichts genützt. Strategisch konnten sie das aus ihrer Sicht wenig attraktive Gebiet als Sprungbrett nach Moskau nicht aufgeben. Es gab zwar anfangs Pläne, im Zuge der geplanten „Volksverschiebungen“ in Osteuropa Polen aus dem Warthegau, „unsoziale Menschen“ aus dem Baltikum in Weißrussland anzusiedeln oder Juden aus dem Generalgouvernement speziell in Polesje massenhaft als Zwangsarbeiter zu verwenden. Doch wurde das Polesje nicht, wie die Regierung in Krakau vorschlug, dem Generalgouvernement angegliedert, sondern dem Reichskommissariat Ukraine (Kap. 3.3). Daran zeigt sich, welche Interessen Vorrang hatten, nämlich die Beherrschung, Ausbeutung, in Teilen auch deutsche Besiedlung der Ukraine. Weder wurde etwas aus den geplanten Massendeportationen nach Weißrussland, noch lässt sich ein Einfluss dieser Pläne auf die Politik der regionalen Besatzungsorgane nachweisen: Auch praktische Anweisungen des Ostministeriums blieben aus.
Den einzigen Fall bilden Judendeportationen nach Minsk, die die Verantwortlichen jedoch wegen diverser Schwierigkeiten einschränken mussten. Von den in Berlin anvisierten Transporten nach Weißrussland konnte 1941 nur ein kleiner Teil stattfinden; 12.000 Minsker Juden wurden damals ermordet, um für die 7.000 Deportierten Wohnraum freizumachen. Weitere Abschiebungen scheiterten damals am Einspruch des Militärs und der Zivilverwaltung. 1942 wurden fast alle 17.000 aus dem Reich eingetroffene sofort ermordet (Kap. 7.5a). Letztlich blieb dieser Massenmord im zynischen Kalkül der Täter eine Randepisode der deutschen Besatzungspolitik in Weißrussland. Für die Ermordung der weißrussischen Juden waren deutsche Besiedlungspläne oder die Verschiebung anderer Völker insgesamt nicht ausschlaggebend, ganz zu schweigen von den Kriegsgefangenen oder den Opfern der Partisanenbekämpfung. (…)
Der Hungerplan, seine Konsequenzen und sein weitgehendes Scheitern
Mit der Niederlage in der Schlacht um England 1940 war die deutsche Führung in eine prekäre militärstrategische Lage geraten. Es drohte ein langer Zermürbungskrieg mit den Westmächten, dem das deutsche Reich wegen fehlender Ressourcen nicht gewachsen war. Um dem zu entgehen und sich für den Abnutzungskrieg zu wappnen, sollte die Sowjetunion angegriffen werden. Dies erschien gleichzeitig wünschenswert, weil in der NS-Programmatik langfristig eine Ostexpansion und die Beherrschung der angeblich „rassisch“ minderwertigen Völker Osteuropas vorgesehen war. Politisch sollte der Sozialismus, machtpolitisch und militärisch die Großmacht Sowjetunion / Russland ausgeschaltet werden.
Die deutschen Hauptinteressen in Weißrussland und in den besetzten sowjetischen Gebieten lagen für die Dauer des Krieges auf landwirtschaftlichem und ernährungswirtschaftlichem Gebiet. Spätestens im Januar 1941 wurde im Reichsernährungsministerium die Auffassung entwickelt, es reiche nicht, einfach den europäischen Teil der Sowjetunion zu erobern. Größere Importe aus den zu erobernden Gebieten nach Deutschland und an die Wehrmacht seien nur zu erzielen, wenn bestimmte Teile des sowjetischen Territoriums gezwungen würden, ihre Überschüsse dem Reich abzutreten. Eine massive Unterversorgung der übrigen Sowjetunion sollte die Folge sein. Erstens müsse man den Konsum der sowjetischen Bevölkerung an Nahrungsmitteln allgemein senken, zweitens einen Großteil der Städte und Industrieregionen Nord- und Mittelrusslands zum Aussterben bringen, und drittens die Stadtbevölkerung in den sogenannten Überschussgebieten ebenfalls vermindern. Weißrusslands Rolle in diesem Plan war nicht ganz eindeutig definiert, es gehörte aber zusammen mit einem Streifen mittel- und nordrussischen Gebiets zu den wenigen Territorien in den Händen der Deutschen, die bestimmt waren, die fürchterlichsten Opfer zu bringen. Insgesamt war eine Reduzierung der sowjetischen Bevölkerung um etwa 30 Millionen Menschen vorgesehen. Dieser bisher größte Massenmordplan der Geschichte stand im Februar 1941 in seinen Grundzügen fest (Kap. 2.2a-b). Er hatte zwei wesentliche Ursprünge:
Der erste Beweggrund war die Ernährungs- und Vorratslage in Deutschland. Das Deutsche Reich und der von ihm beherrschte Raum waren durch die britische Seeblockade von interkontinentalen Nahrungsmittellieferungen praktisch abgeschnitten, konnten den Bedarf selbst aber nicht decken. Nach Ansicht der von Staatsekretär Backe (Ergänzung KDK: Fußnote 5) angeführten Ernährungsplaner könnte dies relativ schnell zu einer Niederlage im Krieg führen, da durch einschneidende „Rationskürzungen“ die „Moral“ der deutschen Bevölkerung ebenso wie ihre Leistungskraft ausgehöhlt, der politische Bestand der NS-Regierung gefährdet und durch massive Viehschlachtungen das agrarwirtschaftliche Gleichgewicht und damit die Produktion gestört würden (Fehlen von Stalldünger). Im Ernährungsjahr 1940/1941 wurden die deutschen Getreidevorräte so gut wie aufgebraucht. Die Frage, ob kurzfristig genug Lebensmittel aus der Sowjetunion herbeizuschaffen wären, wurde darum, von Hitler gebilligt, allgemein als eine Frage von Sieg und Niederlage im Krieg betrachtet. Die „Erweiterung der Nahrungsmittelbasis“ oder die „Blockadefestigkeit“ mit allen Mitteln, auch den mörderischsten, zu erreichen, hatte als Ziel der Besatzungspolitik stets absoluten Vorrang (Kap. 2.2b).
Der zweite Beweggrund lag in der Anlage der militärischen Operationen gegen die UdSSR. Die Invasion war militärisch und politisch ein großes Risiko. Wegen ihrer enormen Dimension warf sie aber auch bei einem für die Deutschen günstigen Verlauf rein technisch enorme Probleme auf, besonders auf dem Versorgungs- und Transportsektor. Wegen der großen Entfernungen, die zu überwinden, und wegen der riesigen Truppenverbände und Materialmengen, die zu bewegen waren, musste der Vormarsch jenseits der kritischen Straßentransportweite von 400 km hauptsächlich mit der Eisenbahn erfolgen. Das Eisenbahnnetz in der westlichen UdSSR wies jedoch nur wenige ausgebaute West-Ost-Verbindungen auf. Wenn die tatsächlichen Probleme sich nach dem Angriff auch als noch erheblich größer erwiesen, wurde doch von deutschen Militärstrategen schon lange vorher vorausgesehen, dass mit dem Eisenbahntransportraum rationell umgegangen, also der Nachschub möglichst reduziert werden müsse. Die deutschen Truppeneinheiten sollten sich daher auf Kosten der sowjetischen Bevölkerung möglichst vollständig „aus dem Lande ernähren“. So sollten die Kriegsgefangenen zum Großteil im besetzten Land verbleiben und allenfalls in Fußmärschen nach Westen gebracht werden, um die Umlaufzeiten des rollenden Materials der Bahn zu vermindern. Eine ausreichende Versorgung der riesigen Gefangenenlager wurde mengen- wie transportmäßig von vornherein nicht geplant (Kap. 2.2b, 8.2 bis 8.3).
Versorgte man die Gefangenen ausreichend und transportierte sie ab, und ernährte man überdies die Zivilbevölkerung ausreichend, dann musste mehr Lebensmittelnachschub gefahren werden. Daraus würde eine Verringerung der Munitions-, Gerät- und Betriebsstoffzufuhr und damit eine geringere Reichweite der Operationen folgen, bis die Truppen zur taktischen Defensive übergehen müssten. Beim ganzen Angriffsplan kam es aber für die Wehrmacht entscheidend auf Tempo an, um den zahlenmäßig zu mindestens nicht unterlegenen (in Wirklichkeit weit überlegenen) Gegner in großräumigen Aktionen einzuschließen und ihm ein Ausweichen in die Tiefe des Raumes unmöglich zu machen. Sonst müsste, das war den Strategen der deutschen Führung klar, der Angriff scheitern, mit unabsehbaren Folgen. Der Hungerplan und das Verhungernlassen der Kriegsgefangenen waren in dieser Logik einfach eine unbedingte Voraussetzung für den deutschen Sieg.
Dazu kam ein weiteres Motiv, das ebenfalls auf der Überdimensionierung des Kriegsplans beruhte: Selbst wenn alles klappte, besaß NS-Deutschland gar nicht genug Truppen, um die eroberten Gebiete zu sichern und dann auf anderen Kriegsschauplätzen noch operationsfähig zu sein. Das Sicherungsnetz musste also „dünn“ sein, und aus Sicht der deutschen Führung mussten die Truppen aufgrund der zu erwartenden Resistenz der Bevölkerung, von der man ja noch dazu Millionen zum Verhungern bringen wollte, ausgesprochen drakonisch und brutal selbst gegen lediglich potentielle Träger des Widerstands vorgehen (Kap. 3.6). Gleichermaßen als Repräsentanten des Systems wie als potentielle Träger des Widerstands galten die Juden. Im März 1941 hatte sich der Gedanke des Hungerplans und der Massenverbrechen bereits in der gesamten Militärführung durchgesetzt (Kap. 2.2b), relativ leicht, weil sie eben als militärische und politische Notwendigkeit gesehen wurden. Nicht nur in der Wehrmachtspitze; der Hungerplan war quasi deutsches Regierungsprogramm. Mit der „Grünen Mappe“ (Ergänzung KDK: Fußnote 6) blieb er bis zum Schluss Richtlinie der deutschen Besatzungspolitik in der Sowjetunion, zwar modifiziert, aber keineswegs aufgehoben (Kap. 2.2a-b). (….)
Enge Verbindung zwischen wirtschaftlichen und ideologischen Zielsetzungen im besetzten Weißrussland
Als Gesamtergebnis der vorliegenden Untersuchung ist festzustellen, dass Wirtschaftsinteressen die deutsche Besatzungspolitik in Weißrussland wesentlich mitbestimmten. Dabei standen die agrar- und ernährungspolitischen Ziele im Vordergrund. Eine Besetzung des Landes, bei der lediglich vorhandenen Überschüsse an Produkten abgeschöpft worden wären, schien den Deutschen aufgrund der geringen Produktivität, der Arbeitsorganisation, der bestehenden Güterverteilung und der vorauszusehenden Zerstörungen zwecklos. Das Konsumniveau sollte gesenkt, die Bevölkerungsstruktur sollte geändert werden. Ausbeutung und Zwang und Gewalt waren vorgezeichnet. Das war mit der Zerstörung des sowjetischen politischen Systems verbunden: Widerstand sollte gebrochen werden.
Einerseits standen die deutschen wirtschaftlichen Interessen und Ansprüche, die sich an Weißrussland und seine Bevölkerung richteten, seit Anfang 1941 fest, andererseits ergaben sich immer neue Zuspitzungen der ökonomischen Krise im deutschen Herrschaftsraum. Die Versuche der Krisenbewältigung schlossen kampagnenartige Programme zu Massenmord, Verschleppung und Vertreibung mit ein. Gerade das Zustandekommen und der Verlauf dieser Kampagnen ist allein mit dem Hinweis auf ideologische Motive, Antisemitismus, rassistische Abwertung der slawischen Völker, militanten Antikommunismus, Chauvinismus oder Sozialdarwinismus konkret kaum zu erklären – ohne all diese Faktoren freilich undenkbar. Diese Krisen und die Gewaltpolitik in Weißrussland standen im direkten Zusammenhang mit der Kriegsentwicklung. Das Hauptziel der deutschen Führung war auch bei ihren Verbrechen in Weißrussland, den Krieg zu gewinnen. (….)
Der Fall Weißrussland
Ein US-Journalist nannte Weißrussland 1946 „the most devasted territory in the world“. Die meisten Städte waren furchtbar zerstört. Nach den Erkenntnissen der vorliegenden Untersuchung wurden von etwa neun Millionen Menschen, die den Deutschen in Weißrussland in die Hände fielen, etwa 1,6 bis 1,7 Millionen ermordet, 18 bis 19 Prozent: nämlich 700.000 Kriegsgefangene, 500.000 bis 550.000 Juden, 350.000 Opfer der sogenannten Partisanenbekämpfung und ungefähr 100.000 Angehörige sonstiger Bevölkerungsgruppen. Dazu kamen mehrere hunderttausend in den Reihen der Roten Armee gefallene Weißrussen. Unter den elf bis zwölf Millionen sowjetischen Kriegstoten befanden sich etwa 550.000 bis 600.000 Opfer aus Weißrussland. (…..)
Das Besondere an Weißrussland lag darin, dass dem Land im Hungerplan von Anfang 1941 von den sowjetischen Regionen, die die Deutschen dauerhaft besetzen konnten, die negativste und mörderischste Position zugewiesen wurde (zusammen mit den nord- und mittelrussischen Gebieten). Im Herbst 1941, in der Phase des Übergangs von utopischen zu realisierbaren Massenmordplänen, herrschten hier, durch die Nachschubkrise der Heeresgruppe Mitte, wiederum die schlechtesten Bedingungen. Deshalb wurden hier im Winter 1941/1942 noch mehr Kriegsgefangene durch gezielte Unterversorgung ermordet als anderswo, die Juden im Osten Weißrusslands noch rascher als in anderen Regionen getötet, die Städte noch massiver entvölkert. Bei dem besonders brutalen Vorgehen von Wehrmacht, SS und Polizei im Sommer 1941 – von zerstörerischen Luftangriffen bis zu großen Internierungslagern – hatten auch die bekannten prosowjetischen Traditionen in Weißrussland eine Rolle gespielt. 1942 entwickelte sich dort die Hochburg der Partisanenbewegung in Europa. Die Reaktion der Besatzungsmacht bestand nicht einfach in einem harten Zurückschlagen. Vielmehr entwickelte sie eine Gegenstrategie unterschiedlicher Interessenszonen und intensivierter Nutzung und Ausbeutung sowohl der zu erhaltenen als auch zu zerstörenden Gebiete. Dieses systematische Vorgehen sorgte für mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung als in jeder anderen Sowjetrepublik und für mehr Terror, als ihn bloße Repressalien hervorgerufen hätten. Mit dieser gezielten Gewaltpolitik gelang es dem Besatzungsapparat, seine Interessen und seine Herrschaft durchzusetzen.
Für die Weißrussen bedeutete diese Besatzungsgeschichte, dass sie in besonders hohem Maß, zunehmend und schließlich nahezu ausnahmslos in die deutschen Zwangs- und Gewaltmaßnahmen einbezogen waren. Damit sind nicht nur Zwangsabgaben der Bauern und Warenproduktion für die deutsche Kriegswirtschaft gemeint, sondern Zwangsanweisung von Arbeitsplätzen, zwangsweise Ausquartierung und Umsiedelung in andere Orte, zunächst von den Städten aufs Land, dann mehr vom Land in die Städte, Deportation ins Deutsche Reich, erzwungene Mobilität wegen der Notwendigkeit, die Städte zu verlassen oder zu hamstern, Massenflucht aus den Dörfern vor deutschen Vernichtungsmaßnahmen, schließlich Masseneinweisung in Arbeitslager, das Heranziehen zu Schanzarbeiten und die Mitnahme der gesamten Bevölkerung beim Rückzug sowie ihre totale Selektion. Einige Städte ließ die Wehrmacht praktisch menschenleer zurück. Für immer weniger Weißrussen war ein zurückgezogenes bürgerliches Leben unter der Besatzung noch möglich; schließlich galt das praktisch für niemanden mehr. Politisch hieß das, die Menschen mussten sich entscheiden. Das erklärt den außergewöhnlich starken Widerstand der weißrussischen Bevölkerung in Stadt und Land gegen die Deutschen, über den Kollaboration nicht hinwegtäuschen können. Die Deutschen griffen in jeden Lebenslauf ein. Am Ende waren einschließlich der Gefallenen nicht nur über zwei Millionen von knapp zehneinhalb Weißrussen tot, weitere 1 bis 1,5 Millionen waren 1941 vor den Deutschen geflohen, rund zwei Millionen waren irgendwann von den deutschen Verwaltungen zwangsumgesiedelt oder zur Flucht gezwungen worden. Von den verbliebenen Menschen besaßen vier Millionen noch eine Wohnung, drei Millionen waren obdachlos, und ungeheure Mengen an staatlichem, genossenschaftlichem und privatem Eigentum waren verloren. Weniger als die Hälfte der Weißrussen lebten noch an ihrem Wohnort der Vorkriegszeit. (….)
Soweit in dieser Arbeit der Versuch gemacht wurde, den Einfluss wirtschaftlicher Interessen und Entscheidungen auf die deutschen Massenverbrechen in Weißrussland 1941 bis 1944 festzustellen, liegt darin keine Geringschätzung der Opfer. Denn welche Beweggründe immer zur Ermordung verschiedener Bevölkerungsgruppen beigetragen haben – Rassenwahn, „Untermenschen“-Ideologie, mörderisches ökonomisches Kalkül – wichtig ist, alle wesentlichen Faktoren zu finden. Wirtschaftliche, quasi volkswirtschaftliche rationale Motive entlasten und entschuldigen die Initiatoren und Befehlsgeber nicht– eher im Gegenteil, weil sie ihren mörderischen Vorsatz, ihr reflektiertes Handeln, unwiderlegbar beweisen. Auch dass die Perspektive der Opfer in dieser Untersuchung weniger als die der Täter zum Tragen kam, ebenso wenig wie die genaue Schilderung von Grausamkeiten und Mordaktionen, soll keine Missachtung der Opfer sein. Hier ging es darum, die Struktur der Massenmorde zu erkennen und die unfassbare Tragödie des weißrussischen Volkes zu erklären.“
Ende der zitierten Passagen aus dem Buch von Christian Gerlach „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944“
Kommentar
Belarus war während des Zweiten Weltkriegs von 1941 bis 1944 von der deutschen Wehrmacht besetzt. Es entwickelte sich dort in Folge der Besatzung durch die Nazi-Wehrmacht ein grausamer und unerbittlicher Partisanenkrieg, in dem viele Städte und tausende Dörfer mit ihren Einwohnern vernichtet wurden. Darüber hinaus wurde besonders hier seit Beginn des Krieges 1941 ein „kalkulierter“ Massenmordplan umgesetzt, der als der bisher größte der Geschichte eingeschätzt wird (Fußnote 4).
Darüber hat der deutsche Historiker Christian Gerlach eine detaillierte, mehr als 1.200 Seiten umfassende, erschütternde Studie mit dem Titel „Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944“ verfasst, die 1999 in der Hamburger Edition veröffentlicht wurde (Fußnote 4). In dieser Studie weist er nach, dass für das Ausmaß der dort stattgefundenen verbrecherischen Massenmorde an der belarussischen und jüdischen Bevölkerung und anderen Bevölkerungsgruppen neben ideologischen auch wirtschaftliche Gründe, vor allem auf dem Gebiet der Ernährungspolitik mit einem Hungerplan, ausschlaggebend gewesen sind. Über dieses Thema wird in den Geschichtsbüchern für das interessierte Laienpublikum meist geschwiegen.
Gerlach führt in seiner Studie an, dass 1946 ein US-Journalist Weißrussland als „das am stärksten verwüstete Land auf der Welt“ bezeichnet hat. Von den ca. 9 Millionen Menschen, die den Deutschen dort in die Hände fielen, wurden etwa 1,6 bis 1,7 Millionen ermordet, nämlich 700.000 Kriegsgefangene, 500.000 bis 550.000 Juden, 345.000 Opfer der sogenannten Partisanenbekämpfung und circa 100.000 aus sonstigen Bevölkerungsgruppen. Dazu kommen ca. 550.000 bis 600.000 gefallene Weißrussen der Roten Armee (Fußnote 4).
Die Opferzahlen sind in den letzten Jahrzehnten von belarussischen Forschern ständig aktualisiert worden, weil auf dem Territorium von Belarus immer wieder, vor allem bei der Bautätigkeit, neue und bisher unbekannte Massengräber gefunden worden sind. Nach den neuesten Opferzahlen gehen die Historiker in Belarus heute davon aus, dass von den etwa 9 Millionen Einwohnern von Belarus 1941 im 2. Weltkrieg ungefähr 3 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet worden sind (Fußnote 7). Etwa 27 Prozent davon waren Juden, denn während der Zarenzeit gehörte Belarus zum Hauptsiedlungsgebiet der jüdischen Bevölkerung im russischen Reich.
In dieser neuesten wissenschaftlichen Dokumentation mit dem ins Deutsche übersetzten Titel „Genozid an der belarussischen Bevölkerung“, die auch in englischer Sprache vorliegt, werden für die Zeit der Nazi-Besetzung von 1941 bis 1944 für Belarus folgende Opferzahlen und Zerstörungen genannt (Fußnote 7):
- mehr als 3 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene wurden umgebracht;
- mehr als 377.000 Zivilisten wurden unter Todesdrohungen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet und viele von ihnen sind durch untragbare Arbeitsbedingungen, Auszehrung und Folter zu Tode gekommen;
- 209 Städte wurden zerstört und verbrannt, eingeschlossen Minsk, Gomel, Vitebsk, Polotzk, Orsha, Borisov, Slutsk;
- mehr als 9.200 Dörfer und Siedlungen wurden zerstört und verbrannt, eingeschlossen 5.295 Siedlungen, die von den deutschen Besatzern mit der gesamten oder einem Teil der Bevölkerung vernichtet wurden;
- mehr als 1.270.000 Gebäude in Städten und Dörfern wurden zerstört.
Belarus hat von allen Sowjetrepubliken während des 2. Weltkriegs, der insgesamt mindestens 27 Millionen Todesopfer in der ehemaligen Sowjetunion gefordert hat, relativ zur Bevölkerung die meisten Opfer gehabt und hat am meisten gelitten.
Die belarussische Geschichtsschreibung spricht heute von einem „Völkermord“, der sich in Belarus während der deutschen Besatzung zugetragen hat, und das sicher zu Recht.
Bei den Beweisen, dass es während der deutschen Besatzung in den Jahren 1941 bis 1944 in Belarus nicht nur zu einem exzessiven Massenmord an der belarussischen Bevölkerung gekommen ist, sondern zu einem Völkermord, einem Genozid, dem schlimmsten aller Kriegsverbrechen, stützen sich die belarussischen Historiker unter anderem auf den „Generalplan Ost“, dessen letzte Fassung aus dem Jahre 1942 stammte (Fußnoten 7 und 8).
Dieser war die Planungsgrundlage für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Ostmittel- und Osteuropas einschließlich Belarus und des europäischen Russlands. Geplant war die groß angelegte Vernichtung und Vertreibung von 30 bis 50 Millionen Menschen aus Bevölkerungsgruppen, die für eine zukünftige Siedlungsstruktur als „nicht geeignet“ angesehen wurden.
Die belarussischen Forscher können sich aber auch auf den Hungerplan berufen, der auch zum Ziel hatte, die sowjetische Bevölkerung um ca. 30 Millionen Menschen zu dezimieren. Dieses verbrecherische Ziel wurde zu einem großen Teil tatsächlich auch umgesetzt. Aber es gibt Unterschiede zwischen dem Hungerplan und dem Generalplan Ost.
Der Hungerplan, auch Backe-Plan genannt, war ein konkretes wirtschaftliches Vorhaben zur Unterversorgung, Aushungerung und Ermordung der sowjetischen Bevölkerung im Winter 1941/1942 und danach, dem neben vielen anderen Opfern z. B. mindestens drei der insgesamt fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen und ca. eine Million Zivilisten in Leningrad zum Opfer gefallen sind. Ziel war, die deutsche Wehrmacht möglichst vollständig auf Kosten der sowjetischen Bevölkerung „aus dem Lande zu ernähren“. Der Generalplan Ost war dagegen ein langfristiges Programm zur systematischen Vertreibung, Versklavung und Vernichtung von 30 bis 50 Millionen Slawen, um „Lebensraum im Osten“ für deutsche Siedler zu schaffen, das von Nazi-Deutschland erst nach einem gewonnenen Krieg hätte umgesetzt werden können.
Abschließend sei noch auf Isabel Heinemann`s gelungener Rezension von Christian Gerlach`s Buch hingewiesen (Fußnote 9). Sie schreibt: „Die Hauptthese des Buches, die Annahme eines ursächlichen Zusammenhangs von deutschen Wirtschaftsinteressen und Vernichtungspolitik, wird an zahlreichen Beispielen verdeutlicht und plausibel belegt. Vernichtung erschöpft sich nicht in Umsiedlung, Deportation und Mord, sondern hatte die Vorstufen von geplantem Hunger und bewusster Vernachlässigung. Gleichzeitig wurde gemordet, um Ernährungsreserven zu sichern und in den Dienst der deutschen Kriegsführung zu stellen. Gerlach gelingt es, ein weiteres wichtiges Strukturelement des Verbrechens herauszuarbeiten und gleichwohl einen bisher noch wenig beachteten Täterkreis zu präsentieren: denjenigen der Ernährungsplaner und Landwirtschaftsexperten aus dem Kreise des Reichsernährungsministeriums und anderer Dienststellen.“
Am Schluss ihrer ausgezeichneten Buchbesprechung sagt die Wissenschaftlerin: „Wer die Mühe auf sich nimmt, die gut 1200 Seiten der dichten, quellengesättigten Darstellung zu rezipieren, wird dafür reich belohnt. Allerdings wäre zu wünschen, dass sich der Autor in absehbarer Zeit zu einer gestrafften Taschenbuchversion entschließt, damit das hier ausgebreitete (und für unser Verständnis der Besatzungspolitik in der Sowjetunion dringend benötigte) Wissen auch wirklich einem breiten Kreis von Lesern zugänglich wird.“ Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen, außer dass seit 1998 von Christian Gerlach ein empfehlenswertes Taschenbuch mit dem Titel „Krieg, Ernährung, Völkermord“ (Fußnote 10) vorliegt, das sich ebenfalls mit dieser Thematik auseinandersetzt, in dem aber Weißrussland nicht im Mittelpunkt steht.
(Red.) Siehe zum Vorgehen der Deutschen in Belarus auch den Artikel «Das bestialische Vorgehen der Nazi-Deutschen darf nicht vergessen gehen!». Und einen Bericht von Leo Ensel über Chatyn! Und man schaue sich den Film «Komm und sieh!» zum gleichen Thema an! Hier anklicken! (cm)
Zum Autor: Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik und seit über 40 Jahren als medizinischer Gutachter bei den Sozialgerichten in Schleswig-Holstein tätig. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Artikel und eine Reihe von Fach- und Sachbüchern über die Prävention chronischer Krankheiten verfasst. Zuletzt hat er sozialmedizinische, sozialpolitische und friedenspolitische Beiträge in pharma-unabhängigen medizinischen Fachzeitschriften und alternativen Online-Medien und Websites veröffentlicht.
Fußnoten:
(1) Kolenda KD, Gorki J: Eine bewegende Reise nach Belarus. Globalbridge 22.01.2026 https://globalbridge.ch/eine-bewegende-reise-nach-belarus/
(2) Gorski J, Kolenda KD. Am Rande und im Herzen Europas. Teil 4 von 4. Manova-Magazin 11.07.2026; die Teile 1-3 des Artikels sind hier ebenfalls verlinkt; https://www.manova.news/artikel/am-rande-und-im-herzen-europas-4
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Gerlach_(Historiker)
(4) Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941-1944. Hamburger Edition 1999 https://www.amazon.de/Kalkulierte-deutsche-Wirtschafts-Vernichtungspolitik-Wei%C3%9Fru%C3%9Fland/dp/3930908638
(5) Herbert Backe, NSDAP-Politiker und seit 1933 Staatsekretär im Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Backe
(6) Grüne Mappe: „Richtlinien für die Führung der Wirtschaft vom Juni 1941 https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCne_Mappe
(7) Genocid of the Belarusian People: Informational and Analytical Materials and Documents. Minsk 2023, S. 3-6
(8) https://de.wikipedia.org/wiki/Generalplan_Ost
(9) Isabel Heinemann, Rezension zu: Gerlach, Christian: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944. Hamburg 1998, ISBN 3-930908-54-9 , in: H-Soz-Kult, 28.01.2000. https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-2166.
(10) Christian Gerlach: Krieg, Ernährung, Völkermord. Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Hamburger Edition, 1998 https://www.amazon.de/Ern%C3%A4hrung-V%C3%B6lkermord-Forschungen-deutschen-Vernichtungspolitik/dp/3930908395