Lesenswerte Neuerscheinung | Was wir Kultur nennen
Wolfgang Bittners neuer Gedichtband „Der Dompfaff verschwand pfeifend im Hibiskus“ – eine Rezension
Ein Buch, das auslöst, was ich nur von wenigen Büchern kenne: Eine „Landschaft“ von Gedanken und Gefühlen, Erinnerungen, Wünschen, Freude, Trauer, Entsetzen und mehr, was ich nicht alles beschreiben kann und muss. Es öffnet meine Phantasie, provoziert Ideen. All dies nach der Lektüre von Wolfgang Bittners neuem Gedichtband von 2026.
Wer in „unsere“ Sprache hineinsieht, wobei „unsere“ für jede Sprache der Welt steht, ihre tausendfach verschiedene Melodie hört, ihr nachspürt, erblickt und erlauscht nichts Geringeres als das Leben mit allem Schönen und Schrecklichen, spürt seine Geschichte von Anbeginn der Menschen, das, was wir Kultur nennen und was wir heutzutage überwiegend nur noch mit dem formalisierten Begriff von Kunst und Künstlern verbinden, womit nicht etwa etwas gegen beides gesagt werden soll. Wer ein Volk zerstören will, muss ihm nur seine Sprache nehmen.
Hier hält jemand wie Wolfgang Bittner einen Schatz von unwiederbringlichem Wert in der Hand, der damit umzugehen versteht, ihn zu formen vermag, weil er seinen Wert verstanden hat. Das kann nicht genug hervorgehoben werden angesichts der fortschreitenden täglichen Zerstörung und Uniformierung unserer Sprache, eines der wesentlichsten Teile der Menschheit, eines der mächtigsten Werkzeuge der Verständigung, des Ausdrucks dessen, was man sonst nicht zu sehen, nur zu erahnen vermag, des eigenen Inneren.
Mir erscheint das Buch als eine Zusammenfassung der Geschichte, die Bittner mit seinem Leben mit offenen Augen und Ohren durchwandert und hier niedergelegt hat. In Versen von großer Tiefe, die aus eigenem Erleben entsprungen sein müssen, Freuden, Sehnsüchten, Ängsten, Befürchtungen, Erfahrungen von Schönem und Hässlichem, Erkenntnissen, Wünschen – in einer Sprache, der man sich nicht entziehen kann, die man unmittelbar spürt, drastisch und sanft, kurz oder ausführlich, liebevoll, immer genau, ohne überflüssige Verzierungen, oft mit überraschender, erhellender Schärfe.
Ich kann nur jedem empfehlen, sich in dieses Buch hineinzubegeben. Für diese „Reise“, auf die man sich damit begibt, zahlt er nur den Buchpreis, kehrt aber von einer bewegenden Weltreise zurück.
Ein subjektiver Eindruck
Vielleicht mag dies eine kleine, ganz subjektive Auswahl von Gedichten verdeutlichen. Meine Auswahl ist nicht systematisch, ich habe darauf geachtet, solche auszuwählen, die mich in bestimmter Weise und insgesamt ansprechen, denn hier geht es nicht um die Analyse zum Beispiel von Statistiken, wo das angebracht wäre, hier geht es um Ausdruck und Weitergabe von Eigenem, von Lebendigem in unterschiedlichster Situation, Zeit und Empfindung.
1. Nach dem Gewitter, S. 13
Schmetterlinge über den Rosen,
der Salbei duftet, so grün das Laub.
Und wolkenlos der Himmel
nach dem Gewitter.
Noch vor dem verschuldeten Krieg.
In der Bläue die Kondensstreifen
der fliegenden Särge.
Das erste Gedicht, das mich unmittelbar angesprochen hat, ist „Nach dem Gewitter“. Es mag daran liegen, dass ich selbst als Kind noch den Krieg miterleben musste. Es beginnt sanft, mit schmalen, leichten, unschuldigen Worten, die man mit Wärme liest, die jeden anzusprechen vermögen. Sie entspannen schon beim Anblick. Wohltuend das abziehende Gewitter. Dann wie ein Stück Metall, das auf Glas fällt, das kalte Wort KRIEG, dann Aufatmen, der Blick zum Himmel und – unerwartet – das Schlusswort, wie ein Blitzeinschlag, in dessen grellem Licht ich erwache unter blauer Luft auf blühender Wiese inmitten von Toten. Ich kenne keine andere Beschreibung, die dies so kurz ausdrücken kann, wie „Nachdem Gewitter“. Es wird nichts zerredet, nur gezeigt: sieh hin, so ist es!
2. Nachbarlich, S. 27
So sind die Nachbarn,
selbstbewußt und grün,
grußlos wenden sie sich ab.
Überwuchert die grenze
und lautstarke Abende
bis in die Träume hinein.
Alles für sie und noch mehr,
das ist ihr Vorrecht.
Wir richten uns ein.
Ein Gedicht über Nachbarschaft, oder sollte ich eher sagen, über eine Nicht-Nachbarschaft? Die ersten Zeilen machen in nüchterner Form sofort klar, dass genau dies gemeint ist. Was z.B. Rupert Darwall* auf 334 Seiten detailliert belegt zusammengefasst hat, gelingt dem Dichter mit vier Sätzen (so erscheint es mir, ohne zu wissen, ob Bittner ihn kennt): die Kennzeichnung eines politischen Netzwerks, das seit Jahrzehnten über Organisationen und Institutionen als ideologisches Virus zumindest die westliche Welt infiziert hat, so dass ich manchmal versucht bin, statt „Grün“ nur noch „Komplementärrot“ zu sagen.
Der erste Satz zeigt wie ein Spotlight das Wesentliche, gewissermaßen ihr arrogantes Kennzeichen, der zweite ihr immer wieder vorfindbares Handeln, sozusagen als überheblicher „grenzüberwuchernder Efeu“ am Zaun und „Lautstärke“, und der dritte ihre Ziele und Überzeugungen, die sie antreiben, in meinen Augen konzentriert in dem stolz präsentierten Symbol der versteckten Sonnenblumen-Swastika, das zudem nur grob oberflächlich etwas mit Helianthus annuus und ihren feinen lanzettlichen Blütenblättern zu tun hat, eher mit dem gelb-stilisierten vielfachen Kopf von Fer de Lance**.
Der letzte Satz verweist mit kühler Schlichtheit auf die nicht nur, aber auch dadurch (s.o.) wesentlich entstandene gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation. Dies alles so kurz mit diesem geballten Inhalt zu schreiben, gelingt nur Wolfgang Bittner. Es ist als würde er eine Handgranate in feinstes Seidenpapier wickeln und mit goldener Schleife verziert präsentieren.
3. Seelisch, S. 66
Du hast mir eine Rose geschenkt,
eine kleine gelb-rote
mit grünen Blättern,
spitzen Stacheln
und einer ganz hellen Seele.
Sie steht vor mir auf dem Tisch
und lächelt mich an.
Aus dem Blutstropfen
auf dem Papier
forme ich ein rotes Herz,
das ich Dir per Eilpost schicke.
Ein Moment der Stille und Freude, nur bei sich, allein mit seiner Liebe. Ein ergreifendes Bild. Ich denke, jeder der liebt und geliebt wird, wird dies nicht nur verstehen, sondern unmittelbar empfinden. Die Liebe, das Gegenüber, gelb und rot – auch die Farben der Leben spendenden Sonne – unverstellt („eine helle Seele“), ganz zugewandt, doch wehrhaft: verletzt man sie, trifft man sich selbst. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden. Dem anderen das eigene „Herz“-Blut geben, was für ein Bild: näher kann man sich nicht sein.
Auch hier wieder der Umgang mit der Sprache. Reden, schön reden, kann jeder, über alles; nur, die Worte finden, die für den anderen nicht zu schwer sind, so dass sie ihm entfallen würden oder zu leicht, dass sie hinweggeweht werden, solche Worte weiterzugeben, die ich halten und öffnen kann, ihren Inhalt zu erkennen und zu verstehen, die ich als meine annehmen kann, die Gestalt und Gefühl werden, das ist Sprachkunst und daraus besteht dieses Gedicht.
4., 5., 6. Hoffnungsvoll, S. 111, Aussichten, S. 118, Akupunktiert, S. 119
Bei manchen Gedichten, ich muss es gestehen, fehlen mir die Worte. Nein das nun nicht, aber ich hadere mit meinen Worten, habe Sorge, die Verse zu zerreden, sie hinter meinem Gesagten verschwinden zu lassen. Jedoch machen sie es mir hier leichter als ich vermutete. Ich sehe die Worte und bin tatsächlich in diesem Moment, ich kann hineingehen, dort verweilen, spüren, was gesagt wird, es sind nun auch meine Worte, wie ein Geschenk des Dichters. Ich kann sie für mich verwenden, sie formen sich fast selbst zu einem Teil meines Nerven- und Gedankennetzes, Berührungen, Gefühl, Erinnern…, sie sind in mir.
Hoffnungsvoll
Manchmal ist es still in Haus und Hof.
Kommt März, bricht Frühling aus
und riecht nach feuchter Erde.
Jasmin und Hamamelis Zaubernuss.
Trotz allem
baut die Amsel ihr Nest
Rufe in der Höhe.
Über den Wolken fliegen sie,
lange Keile, nachts,
im Schein des zunehmenden Mondes
Ja, „Hoffnungsvoll“, ich spüre es auch, Frühling, den Geruch frischer Erde, höre die Amsel, sehe die Zugvögel, den Mond – hoffe…
Aussichten
Heute hat mich die Sonne besucht:
eine heller Schein an der Wand
über dem Schreibtisch.
Welch eine Freude!
Nach langen dunklen Wintertagen
leuchtet mir ein neuer Frühling,
steigt die Hoffnung.
Aussichten – ich kenne ihn auch, glaube ich, weiß ich, diesen Moment, das Aufatmens, Entspannens, der Freude – ein Druck weicht, etwas öffnet sich.
Akupunktiert
Sieben goldene Nadeln
in der linken Schulter
helfen der rechten,
gesund zu werden.
Der Fluß des Qi,
gespiegelt.
Ich halte aus,
meditiere das grün
vor dem fenster.
Vergessen der Schmerz.
Akupunktiert –Nadeln, die heilen, „Antennen“ für meine Gedanken nehmen den Schmerz. Das, was ich zu „Seelisch“ sagte, sehe ich auch hier: die Kunst, Worte zu finden, die jeder Leser entgegennehmen kann, Dichtkunst eben!
7. Amtlich, S. 31
Die Regierung,
die Krieg führt,
beabsichtigt,
Eruptionen der Sonne,
Zyklone, Sintfluten und
den Ausbruch der Vulkane
zu verbieten.
Um das Klima zu retten.
Acht Zeilen, in denen eine als real und wissenschaftlich seriös verkaufte Angstpolitik ohne Basis zu Ende gedacht und ihre Absurdität durch bizarre Übertreibung vor Augen geführt wird. In nüchternen Worten: eine Nachricht, eben eine amtliche Mitteilung. Wer das glaubt, ist auch überzeugt, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber auffällig wie ein Haken der letzte Satz.
Die Verlautbarung der „Regierungsplanung“ liest sich flüssig, dann aber hält man ein. Der Schluss wirkt wie zusätzlich „angenagelt“. Es entsteht das Gefühl, die Verfasser trauen ihrem Vorhaben nicht ganz und müssen es für sich selbst begründen. Dadurch wirkt die – offiziell gängige – Aussage‚ „Um das Klima zu retten‘, ähnlich bizarr wie die vorhergehende Absichtserklärung und zugleich auch hilflos. Es klingt ebenso kindlich-naiv wie etwa der Vorschlag: Wir sollten den Pazifik etwas abpumpen, um z.B. die Cook-Inseln oder Tonga zu retten oder Ähnliches.
Mit diesem gekonnten Kunstgriff wird jeder geradezu mit der Nase darauf gestoßen, dass hier etwas nicht stimmt und mit der ständig erneuerten „Klimaangst“ eine unseriöse, konkrete Absicht verfolgt wird – eine Billionen-Geschäftsidee. Immerhin für jeden, der sich hier ansprechen lässt, eine relativ leichte Aufgabe, sich dies durch zahlreiche Quellen bestätigen zu lassen. Es ist geradezu ein Sprachspiel: wer merkt‘s zuerst? Selbst denken!
Eine Schlussbemerkung
Vielleicht kann der geneigte natürliche (= ungegenderte) Leser mir nicht in Allem zustimmen, aber das ist auch nicht Sinn meiner Überlegungen. Ich wollte am Beispiel einiger Gedichte darlegen, was diese bei mir auslösen können bzw. ausgelöst haben, ohne im Banalen steckenzubleiben. Das mag bei anderen durchaus ganz anders sein, aber dass diese Texte dafür gemacht sind, den Leser anzuregen, zu überraschen, zu bestätigen, was auch immer, und dies auch bewirken, darüber besteht, denke ich, kein Zweifel, und das macht den Wert dieses zur Lektüre zu empfehlenden Werkes aus.
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* Rupert Darwall, Green Tyranny, Encounter books, NewYork/London
**Terciopelo Lanzenotter (Bothrops asper), hochgiftige Grubenotter, Mittel- u. Südamerika
Wolfgang Bittner, „Der Dompfaff verschwand pfeifend im Hibiskus“, Gedichte, Verlag am Park (in der Eulenspiegel Verlagsgruppe), Berlin 2026, Broschur, 126 Seiten, ISBN 978-3-89793-418-4, 13,00 Euro.