Der ungarische Journalist Gábor Stier (Foto: privat)

Medien in Ungarn: Erwürgte Öffentlichkeit

Als erstes EU-Land besitzt Ungarn seit dem 1. August dieses Jahres keine gedruckte politische Tageszeitung mehr. Im Gespräch mit Éva Péli analysiert Gábor Stier, langjähriger Außenpolitik-Chef der Zeitung «Magyar Nemzet» (Deutsch: «Ungarische Nation»), den Niedergang einer ganzen Zeitungskultur, politische Einflussnahme und die Folgen des digitalen Wandels.

Éva Péli: Herr Stier, Sie waren über viele Jahre hinweg als Ressortleiter und außenpolitischer Journalist bei der Magyar Nemzet eine prägende Gestalt der Zeitung. Wie erleben Sie diesen historischen Wendepunkt persönlich, und worin unterscheidet sich das heutige Blatt von der Redaktion, in der Sie einst gearbeitet haben?

Gábor Stier: In mir mischen sich Trauer, Wut, Scham und Entlastung zugleich. Traurig bin ich, weil ich zwar seit acht Jahren nichts mehr mit dem Blatt zu tun habe, aber immerhin 28 Jahre – einen bedeutenden Teil meines Lebens – in der Redaktion der Magyar Nemzet verbracht habe. Mein Leben wurde lange Zeit von dieser Zeitung ausgefüllt, und ich bin stolz darauf, Teil dieses Teams gewesen zu sein. Ich habe stets versucht, der Magyar Nemzet die Treue zu halten, und mich in kritischen Momenten immer für das Blatt und nie für eine Partei entschieden.

Nun bin ich wütend auf all jene, die die Zeitung ruiniert, zu einem Propagandablatt degradiert und an den Rand der vollständigen Einstellung gebracht haben. Ich empfinde jedoch auch Wut und Scham darüber, dass Ungarn – neben dem von mehreren Staaten bis heute nicht anerkannten Kosovo – das einzige europäische Land ist, in dem es keine landesweit verbreitete gedruckte Tageszeitung für Politik und Gesellschaft mehr gibt.

Die Erleichterung wiederum erklärt sich dadurch, dass mich das Schicksal 2018 auf einen anderen Weg geführt hat. So blieb mir erspart, die Agonie und das spätere Versinken des Blattes aus nächster Nähe mit ansehen und miterleben zu müssen. Ich weiß nicht, wie ich das verkraftet hätte. Das Schicksal wollte es so, dass ich meine geliebte Zeitung in meinem Inneren schon mehrmals zu Grabe tragen musste.

Zum ersten Mal ein Jahrzehnt nach meinem Eintritt, im Jahr 2000: Als die einst bessere Zeiten sehende Zeitung als Versuchskaninchen der postkommunistischen Medienumgestaltung nach langsamem Niedergang – ein Zeichen dafür war, dass ich 1996 als letzter Moskaukorrespondent des Blattes den Posten auflösen musste – von Fidesz mit der Napi Magyarország (Tägliches Ungarn) fusioniert wurde. Zu jener Zeit blieb im Wesentlichen nur das legendäre Logo der Zeitung erhalten, während sich ihre Geisteshaltung erheblich veränderte. Die bürgerliche* Haltung schwächte sich allmählich ab, der parteipolitische Kampfgeist verstärkte sich. Zusammen mit einigen alten Kollegen durfte ich jedoch in der neuen Redaktion bleiben – ich übernahm in diesem Zuge die Leitung des Außenpolitikressorts – und wir versuchten, zu retten und zu überliefern, was möglich und erhaltenswert war.

Dann im Jahr 2015, als das Zerwürfnis zwischen den zwei starken Männern des Fidesz, Viktor Orbán und Lajos Simicska – der seinerzeit als Orbáns rechte Hand galt –, die Redaktion spaltete und das Blatt nur knapp der Einstellung entging.

Schließlich 2018, als der sich zum Regierungsgegner gewandelte Simicska am Tag nach den Wahlen angesichts einer erneuten Zweidrittelmehrheit des Fidesz aus Wut definitiv den Stecker zog. Zu diesem Zeitpunkt begrub ich die Magyar Nemzet endgültig in mir, obwohl ich ihre letzte gedruckte Tagesausgabe dennoch mit Schmerz in den Händen hielt. In der Folge stellte die Magyar Nemzet für ein Jahr ihr Erscheinen ein, bis die Redaktion nach der Abspaltung den Namen von dem in die Enge getriebenen Simicska übernahm und das Blatt ab 2019 weiterführte.

Die unter den Einfluss des Fidesz geratene Magyar Nemzet hatte auch nach der Jahrtausendwende und der Fusion gute Phasen. Als Orbán 2002 in die Opposition geriet, spielte die Zeitung acht Jahre lang eine wichtige Rolle beim Fortbestehen des konservativen Denkens. Mit der Rückkehr des Fidesz an die Macht wurde jedoch die direkte Steuerung und Parteiweisung immer spürbarer. Das hörte zwischen 2015 und 2018 verständlicherweise auf; in dieser Phase herrschte jedoch ein fast schon unvertretbarer, reflexartiger Anti-Orbánismus vor.

Ab 2019 wurde die Parteisteuerung dann noch enger, und das Blatt degradierte im Wesentlichen zum Sprachrohr der Regierung. Das hinterließ tiefe Spuren in Inhalt und Popularität der Zeitung. Dieses Blatt erinnerte bestenfalls in Spuren an die besten Zeiten der Magyar Nemzet, aber immerhin existierte es noch, und theoretisch bestand die Chance auf eine Erneuerung.

Péli: Die Magyar Nemzet galt historisch als das Flaggschiff des ungarischen bürgerlich-konservativen Journalismus. Welche Rolle und Funktion erfüllte die Zeitung in den verschiedenen Epochen der modernen ungarischen Geschichte, und was geht mit dem Ende der täglichen Printausgabe für immer verloren?

Stier: Die Zeitung wurde 1938 von Sándor Pethő und Gyula Hegedűs gegründet, nachdem sie zusammen mit mehreren Mitarbeitern aus der seit 1920 bestehenden Zeitung Magyarság (Ungartum) ausgetreten waren – die ebenfalls von Pethő und dem rechtsextremen Journalisten István Milotay gegründet worden war –, weil der Eigentümer sie in jener Phase zu einem nationalsozialistischen Blatt erklärt hatte. Wie die Magyarság war auch die Magyar Nemzet eine rechte, national-konservative, in dieser Periode jedoch vor allem antinazistische Zeitung. Infolgedessen vertrat sie eine vielfältige Geisteshaltung und wurde zum wichtigsten Forum für die Gegner des Nazi-Einflusses. Sie gewann schnell an Popularität und konnte Namen wie den Historiker Gyula Szekfő, den christdemokratischen Politiker István Barankovics oder den Schriftsteller Sándor Márai zu ihren Mitarbeitern zählen – jenen großen Chronisten des mitteleuropäischen Bildungsbürgertums, den die deutschen Leser vor allem als Autor des Romans Die Glut kennen und der in den 1920er-Jahren ja auch für deutsche Zeitungen schrieb. Die Zeitung wurde mehrmals suspendiert, endgültig jedoch erst nach der deutschen Besetzung im Jahr 1944 verboten und erschien erst 1945 nach Kriegsende wieder.

Im Jahr 1956 übernahm die Zeitung die Popularisierung des Petőfi-Kreises*** – jenes Intellektuellenforums, das eine grundlegende Rolle bei der geistigen Vorbereitung der Revolution spielte – und wurde ab dem 23. Oktober zum führenden Presseorgan der Revolution sowie zum halboffiziellen Blatt der zweiten Regierung von Ministerpräsident Imre Nagy. Nach der Niederschlagung der Revolution am 4. November durfte sie jedoch bis September 1957 nicht mehr erscheinen.

Danach, in der Kádár-Ära****, zeichnete sich die Magyar Nemzet, die vor allem als Blatt der Intellektuellen galt und besonders in der Berichterstattung und Publizistik zu Außenpolitik und Kultur stark war, durch ein separates, vorsichtiges Erweitern der vom Regime gesteckten Grenzen aus – eine vorsichtige Meinungsäußerung, die sich zwischen den Zeilen von Reportagen und Leitartikeln verbarg. Eine geistige Kontinuität in der Geschichte des Blattes zeigt sich darin, dass ab 1973 der Sohn des Gründers, Tibor Pethő, fast zehn Jahre lang Chefredakteur des Blattes war und auch in den Jahren nach dem Systemwechsel eine Rolle in der Führung der Zeitung spielte.

Den Höhepunkt ihrer Popularität erreichte die Magyar Nemzet Ende der 1980er Jahre; sie wurde zur Zeitung der Wendezeit. Ein bedeutendes pressegeschichtliches Ereignis war der Weihnachtsartikel des berühmten Dichters Gyula Illyés aus dem Jahr 1977 über das bis dahin tabuisierte Thema der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen. 1987 führte die Magyar Nemzet im Zusammenhang mit dem historischen Oppositionstreffen in Lakitelek und der Gründung der Wende-Partei Ungarisches Demokratisches Forum (MDF) als erste und einzige Zeitung ein Interview mit dem Reformkommunisten Imre Pozsgay*****.

Direkt nach dem Systemwechsel galt die Magyar Nemzet als die wohl glaubwürdigste Zeitung, doch wenig später begannen die Probleme: Spaltungen innerhalb der Redaktion und die Wirren der Privatisierung.

Die Magyar Nemzet wurde schließlich die letzte gedruckte landesweite Tageszeitung. Ihrem Ende ging das ebenfalls nicht unpolitische Aus für die sozialdemokratische Népszabadság (Volksfreiheit) und später für die gedruckte Népszava (Volksstimme) voraus. Die Népszava existiert online weiter, während die Magyar Nemzet ebenfalls online und als Wochenzeitung weiterlebt. Vorerst…

Damit endet in Ungarn eine Tradition, die seit 1848 mit dem Erscheinen des Budapesti Híradó (Budapester Nachrichten) bestand. Es ist ein zweifelhafter Ruhm, dass Ungarn – im Gleichschritt mit dem Kosovo – den Trend der Zerstörung vorgibt und beim Sterben der gedruckten Tagespresse an vorderster Front steht. Das Aus für gedruckte überregionale Tageszeitungen für Politik und Gesellschaft in Ungarn ist nicht nur ein pressegeschichtlicher Moment. Es ist mehr als das; dieser Trend geht über die Presse hinaus. Eine Welt geht für immer verloren. Sagen wir es so: eine Welt, die aus den Kaffeehäusern erwachsen ist.

Die ungarische Presse steckt schon seit langer Zeit in einer tiefen Krise, aber am Ende war sie, wie sie war – doch sie war Teil meines Lebens, unseres Lebens. Jetzt können wir von Wien über Prag, Warschau, Paris und Berlin bis nach Washington neidisch auf die Frühstückslokale blicken. Wo der durchschnittliche Bürger vor Ort Zeit und Geld hat, sich auf einen Kaffee hineinzusetzen und die riesigen Tageszeitungen auf den Schoß zu nehmen. Nicht nur eine. Auch die Kioske sind voll mit Tageszeitungen. In Europa gehört das Zeitungslesen nämlich immer noch zur Kultur.

Krise der ungarischen Gesellschaft und des öffentlichen Lebens

Péli: Dass ein Land mit knapp zehn Millionen Einwohnern keine einzige gedruckte politische Tageszeitung mehr hat, ist selbst im europäischen Vergleich außergewöhnlich. Ist dies Ihrer Meinung nach in erster Linie ein ökonomisch bedingter Medientrend – die Krise der Printpresse und die Digitalisierung – oder vielmehr das Ergebnis einer gezielten strukturellen Umgestaltung des heimischen Medienmarktes?

Stier: Wir sind uns bewusst, dass sich die Presse wandelt. Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch, Presseprodukte erscheinen überwiegend auf neuen Plattformen. Wir sehen auch, dass in den heutigen technologisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beispielsweise die Grenze zwischen professionellen Journalisten und begeisterten Amateuren verschwimmt. Die nächste Herausforderung ist der Vormarsch der künstlichen Intelligenz.

Zum Journalismus gehört jedoch – ebenso wie zur bürgerlichen Kultur, die das Fundament einer demokratischen Öffentlichkeit bildet – die gedruckte Tageszeitung für Politik und Gesellschaft. Das Geschehene zeigt deutlich die Krise der ungarischen Gesellschaft und des öffentlichen Lebens. Die Politik hat sich über diese Gesellschaft gelegt, genau wie über die Presse. Letztere brauchte sie nur so lange, wie es die Parteiinteressen erforderten. Solange man sie für Propaganda nutzen konnte. Dass die gedruckte Presse auch ein Element des bürgerlichen Lebens ist, interessiert niemanden mehr.

Es gibt auch keine Mäzene. Nur Räuber. Das Denken in Kategorien des Mäzenatentums steckt noch in den Kinderschuhen. Wäre dem nicht so, stünden die Magyar Nemzet, die Népszava und die Népszabadság auch heute noch – wenn auch in begrenzter Auflage – an den Kiosken und in den Kaffeehäusern.

Was passiert ist, lässt sich nicht allein mit neuen Trends, der Digitalisierung oder der Umgestaltung des Werbemarktes erklären. Es hat diesen Prozess verstärkt, dass die Politik ihre Hand auf die Presse gelegt hat. Man könnte auch sagen, dass sie sie durch das Ausschalten von Marktbedingungen letztlich erwürgt hat. Solange sie die geschriebene, gedruckte Presse brauchte, nutzte sie sie – und warf sie dann weg.

Péli: In Deutschland werden die ungarischen Medienverhältnisse oft recht vereinfacht als «zentralisiert» beschrieben. Wie beurteilen Sie als erfahrener Insider die tatsächliche Vielfalt, Reichweite und Wirkung unabhängiger beziehungsweise kritischer Medien im ungarischen digitalen Raum?

Stier: Die ungarische Presse ist gleichzeitig «zentralisiert» und vielfältig. Es stimmt nicht, dass in den vergangenen 16 Jahren keine regierungskritischen Artikel und Reportagen erscheinen konnten. Was am wichtigsten ist: Im heute maßgeblichen digitalen Raum herrschte Ausgewogenheit.

Die öffentlich-rechtlichen Medien sind jedoch in der Tat zum Sprachrohr der Regierung geworden, und der Fidesz hat ein ganzes Medienimperium aufgebaut, das wie ein Vielfraß auch die Regionalzeitungen verschlungen hat. Dabei war Orbán von den Erfahrungen der zwei Jahrzehnte nach dem Systemwechsel geprägt. Er war sich bewusst, dass man ihn ohne Presse ersticken würde. Er wollte die linksliberale Medienübermacht brechen, und das ist ihm auch gelungen. Auf eine typische «Fidesz-Art». Das Aneignen funktionierte, das Betreiben schon weniger.

Als Fidesz in die Opposition geriet, brach das gesamte Medienimperium innerhalb von drei Monaten zusammen. Nun versucht die neue Regierung, ihre Hand auf die öffentlich-rechtlichen Medien zu legen. Seit einiger Zeit sind die Nachrichtensendungen ausgesetzt, es läuft die «Umstrukturierung», und neulich legte Péter Magyar persönlich in einem Facebook-Post sein Veto gegen die Ernennung des neuen Chefredakteurs der Fernseh-Nachrichten ein.

Zu befürchten ist, dass sich die seit dem Systemwechsel etablierte Praxis – das Öffentlich-Rechtliche ist immer das Sprachrohr der Regierung – fortsetzt, im besten Fall in einem etwas eleganteren Stil. Vorerst sieht es jedoch nicht danach aus. Darüber hinaus könnte durch den Zusammenbruch des Medienimperiums des Fidesz das Gleichgewicht auch ganz allgemein aus den Fugen geraten.

Péli: Einer der Hauptschwerpunkte Ihrer journalistischen Arbeit war von Anfang an Russland und der post-sowjetische Raum. Wie viel Spielraum gab und gibt es in den maßgeblichen ungarischen Medien im Vergleich zur deutschen Presse für differenzierte außenpolitische Analysen und Debatten?

Stier: Dem stand bislang nichts im Wege. In dieser Hinsicht ist die ungarische Presse in einer besseren Lage als die deutsche. Jede Meinung kann erscheinen. Auch solche, die in Deutschland als «pro-russisch» gebrandmarkt werden.

Wir können nur hoffen, dass sich dies mit dem Regierungswechsel nicht ändert und die Haltung zur Presse sich nicht «eindeutscht», obwohl die Macht selbst bezüglich Russland eindeutig anders denkt als Viktor Orbán. Dagegen ist nichts einzuwenden; aus Sicht der Presse ist entscheidend, dass jede Meinung geäußert werden kann. Wenn man jedoch die Einschüchterung sieht, die in der politischen Kommunikation eindeutig überhandnimmt, kann man nicht optimistisch sein, aber wir vertrauen dennoch auf die Normalität.

Péli: Mit dem Ende der täglichen Printpresse verlagert sich die politische Kommunikation endgültig auf Online-Portale und Social-Media-Plattformen. Verändert dieser Formatwechsel die Qualität des politischen Diskurses in Ungarn – und wenn ja, in welche Richtung?

Stier: Die politische Kommunikation verlagert sich in Ungarn nicht einmal nur auf Online-Portale, sondern direkt in die sozialen Medien. Das vereinfacht die Debatten und macht sie brutaler. Persönliche Angriffe und Rohheit haben diese Auseinandersetzungen überrollt. Jeder füttert seine eigene Blase, spricht nur zum eigenen Lager. Das ist kein Dialog, sondern ein Aneinander-Vorbeireden. Obwohl Péter Magyar sich in den sozialen Medien sehr zu Hause fühlt und diese Sprache versteht, verstärkt dieser Stil jedoch nur die Schau-Politik und geht eindeutig in die falsche Richtung.

Péli: Blicken wir in die Zukunft: Mit der Gründung des Portals Moszkva Tér (Moskauer Platz) haben auch Sie ein digitales Fachportal ins Leben gerufen. Ist der klassische gedruckte Journalismus in Mitteleuropa endgültig Geschichte, oder sehen Sie noch eine Chance für papierbasierte Nischen- und Wochenzeitungen?

Stier: Für mich gab es schon allein aus finanziellen Gründen keine andere Wahl, ganz zu schweigen davon, dass man mit der Zeit gehen muss. Die Plattform ändert sich, das bedeutet jedoch nicht, dass man aus dem traditionellen Journalismus nicht das hierher hinüberretten könnte, was wichtig und erhaltenswert ist.

Obwohl es eine Tatsache ist, dass zur Bewahrung des klassischen gedruckten Journalismus neben bürgerlichem Denken und einem starken Mittelstand ein ausreichend großer Markt und Kapital erforderlich sind, würde ich die Krise dieses Mediensegments nicht auf Mitteleuropa beschränken. Ich bin mir sicher, dass nicht die gesamte Region dem «ungarischen Weg» folgt und die gedruckte Presse Teil des Kaffeehauslebens bleibt. Vorausgesetzt, es gibt ein «Kaffeehausleben».

Ich schließe nicht einmal aus, dass die gedruckte Presse auch in Ungarn nicht für immer verschwindet und zumindest die Wochenzeitungen erhalten bleiben. Leider verengt sich dieser Kreis zusehends – mit den politischen Umbrüchen und dem Wegfall der bisherigen Parteien- und Stiftungsfinanzierung ziehen sich immer mehr Blätter ins Netz zurück; so musste dieser Tage auch die gedruckte Wochenzeitung Mandiner ihr Erscheinen einstellen und sich auf das Online-Geschäft beschränken.

Dazu bedarf es jedoch eines ernsthaften Denkwandels, des Erstarkens eines echten, unabhängigen Mäzenatentums und einer klaren Entfernung von der direkten Parteipolitik. Wenn all dies zusammenkommt, bedeutet das auch, dass die Gesellschaft und das öffentliche Leben gesünder werden. Die Entwicklung der Medienverhältnisse ist nämlich letztlich auch ein Spiegelbild einer Gesellschaft und ihrer politischen Kultur.

Fußnoten

*Bürgerlich (polgári): Das ungarische Wort polgári geht über die rein westliche Parteikategorisierung hinaus. Es bezeichnet ein mitteleuropäisches Ideal von Unabhängigkeit, Bildungsbürgertum, Kultur und einer gefestigten wertekonservativen Haltung.

*Lajos Simicska (* 1960): Ehemaliger ungarischer Medienunternehmer und Schlüsselgestalt des Fidesz. Als enger Vertrauter Orbáns war er in den 1990er-Jahren Fidesz-Schatzmeister und leitete 1998–1999 die Steuerbehörde APEH. Später baute er ein mächtiges Imperium (Magyar Nemzet, Hír TV, Baukonzern Közgép) auf, das Orbáns Aufstieg absicherte. Nach einem spektakulären Bruch mit Orbán 2015 stellte er seine Medien gegen die Regierung und zog sich 2018 nach Orbáns Wahlsieg vollständig zurück.

Petőfi-Kreis (Petőfi Kör): Ein 1955/56 von Intellektuellen gegründeter Debattierclub. Seine Kritiken an der stalinistischen Parteiführung machten ihn zum geistigen Vorbereiter und Katalysator des ungarischen Volksaufstands von 1956.

***Kádár-Ära: Die nach János Kádár benannte Phase des ungarischen Sozialismus (1956–1988), auch als «Gulaschkommunismus» bekannt, die sich nach dem Aufstand von 1956 durch einen im Ostblock vergleichsweise hohen Lebensstandard und vorsichtiges Erweitern von Freiheit zwischen den Zeilen auszeichnete.

****Imre Pozsgay (1933–2016): Ungarischer Politiker und Schlüsselgestalt des friedlichen Systemwechsels 1989/90. Als hochrangiger Funktionär der Staatspartei MSZMP gehörte er zum Reformflügel. Er trug maßgeblich zum Abbau der Zensur bei und verhalf der Magyar Nemzet zu historischer Bedeutung, als er 1987 in einem Interview die Gründung der Oppositionsbewegung MDF verkünden ließ. Anfang 1989 brach er das größte Tabu des Regimes, indem er die Ereignisse von 1956 öffentlich als «Volksaufstand» statt als «Konterrevolution» bezeichnete.

Über den Interviewpartner:
Gábor Stier, Jahrgang 1961, ist ein ungarischer Publizist. Er ist Fachjournalist für Außenpolitik bei der ungarischen Wochenzeitschrift «Demokrata» sowie Gründungschefredakteur von «Moszkvatér», einem Internetportal mit Schwerpunkt auf den slawischen Völkern, insbesondere den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Davor war er 28 Jahre lang bis zu ihrer Auflösung bei der konservativen Tageszeitung «Magyar Nemzet» tätig, von 2000 bis 2017 als Leiter des außenpolitischen Ressorts. Er war der letzte Moskau-Korrespondent der Zeitung. Seit 2009 ist er ständiges Mitglied des russischen Waldai-Klubs.

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