Die Halbinsel Krim war das Ferienparadies par excellence – und ist es zumindest für russische Touristen bis heute. Vor allem die Südküste zwischen Sewastopol und Feodossija ladet zum Baden, wie das Bild zeigt. (Photo Christian Müller)

Unruhe im Paradies — die Krim unter Angriff

(Red.) Die Ukraine beschießt mehr und mehr Ziele im Innern Russlands, notabene mit Waffen aus dem Westen und mit westlicher Steuerung der Drohnen und Raketen. Und seit einiger Zeit gehört auch die Krim zu den Zielen des ukrainischen Militärs. De facto verstärkt die Ukraine damit sogar den Willen der Krim-Bewohner, nicht zur Ukraine, sondern zu Russland zu gehören. (cm)

In den letzten Wochen hatte die Ukraine ihre Angriffe auf die Krim massiv verstärkt, jene Halbinsel, die seit langem ein Zankapfel zwischen Russland und der Ukraine ist. Die Angriffe mit Drohnen und Raketen haben systematisch nicht nur militärische Ziele wie Flugplätze getroffen, sondern auch Kraftwerke, Eisenbahnstrecken und Brücken. Russische Schiffe, die Öl und Benzin transportieren, wurden in großer Zahl im Asowschen Meer östlich der Krim getroffen. Auch die Straßen, die von der Südukraine zur Krim führen, sind zu Zielen geworden. Die berühmte Kertsch-Brücke, die die Ukraine in der Vergangenheit zu zerstören versuchte, blieb jedoch vorerst verschont. Tausende Menschen haben die Krim in den vergangenen zwei Monaten über diese Brücke verlassen. Die Ukraine will angeblich die Brücke als Fluchtweg offen lassen — für diejenigen, die die Halbinsel verlassen wollen.

Die ukrainischen Angriffe auf die Krim haben zu häufigen Strom- und Wasserausfällen sowie zu Benzinknappheit geführt. Maria ist Reiseleiterin und Lehrerin, sie wohnt in Sewastopol, wo bis 2022 die russische Flotte stationiert war. „Auf der Krim ist die Lage schwierig“, sagte Maria. „In Dschankoi [im nördlichen Teil der Halbinsel, Anm. d. Red.] gibt es seit über einer Woche keinen Strom mehr. Kühlschränke funktionieren nicht, Geschäfte schließen. Manche haben Generatoren, dort kann man sein Handy für 200 Rubel [etwa 2 Euro, Anm. d. Red.] aufladen.“ 

In Sewastopol, das weiter von der Front entfernt liegt, scheint die Lage etwas besser zu sein: „Auch hier in Sewastopol haben wir Stromengpässe, Strom haben wir jeweils nur drei Stunden lang. So hat man zumindest Zeit, sein Handy und so weiter aufzuladen. Die Kühlschränke werden nicht warm, die Lebensmittel bleiben gut erhalten. Viele Geschäfte werden mit Generatoren betrieben.“ 

Und wie reagieren die Menschen auf der Krim? Die Leute seien müde, sagte Maria, aber sie würden alles „mit Verständnis“ hinnehmen: „Wir sind das gewissermaßen gewohnt. Als wir noch zur Ukraine gehörten, wurden Strom, Wasser und Gas ständig rationiert. Wir erinnern uns auch an 2014, als sie [die Ukraine, Anm. d. Red.] die gesamte Stromversorgung unterbrochen haben. Für uns war die Ukraine immer mit Engpässen verbunden.“ 

Es gibt jedoch etwas, das man nicht so leicht hingenommen hat. Am 10. Juni griff die Ukraine das Museum „Panorama“ an, gewidmet dem Krimkrieg des 19. Jahrhunderts. Das Museum wurde bei dem Angriff „praktisch zerstört“. „Der Brand im Panorama-Museum war das Schrecklichste. Meine Freunde und Kollegen haben mich angerufen und geweint. Das wird man nicht verzeihen können.“

In anderen Teilen der Krim ist es ruhiger. Die Menschen machen weiterhin Urlaub und gehen an den Strand, wie in normalen Zeiten. Denis lebt normalerweise in Simferopol, derzeit macht er Urlaub. „Hier gibt es keine Probleme, weder mit Wasser noch mit Strom, am Himmel fliegt nichts herum.“ Auch in Simferopol, der Regionalhauptstadt, scheint die Lage akzeptabel. „Die Stadt wird langsam mit Benzin versorgt, auch bei der Stromversorgung läuft fast alles reibungslos, es gibt so gut wie keine Stromausfälle.“ Die Menschen weigern sich, sich über die Probleme allzu sehr aufzuregen, und versuchen, Inseln der Normalität zu finden. „Touristen kommen weiterhin. Nicht so viele wie in Friedenszeiten, aber alle Geschäfte, Märkte und Cafés sind geöffnet. Die Menschen bleiben optimistisch“, sagte Denis.

Im Herbst 2022, sechs Monate nach Beginn des russisch-ukrainischen Krieges, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass „alles auf der Krim begann und auf der Krim enden wird“. Selenskyj meinte damit den Übergang der Krim zu Russland im Jahr 2014, nach der antirussischen Maidan-Revolution, die die Ukraine für immer veränderte. 

Zwischen 2014 und dem Beginn der jüngsten Phase des Ukraine-Kriegs im Februar 2022, als Russland direkt intervenierte, glaubte niemand ernsthaft daran, dass die Ukraine die Krim jemals zurückerobern könnte. Die russische Kontrolle der Krim schien — wenn auch international nicht anerkannt — gefestigt. Doch im Februar 2022 erschütterte der Krieg zwischen Russland und der Ukraine alles, an dem man geglaubt hatte.

In den ersten vier Jahren des Krieges war die Krim, anders als der Donbass, kein Kriegsgebiet. Nun ist sie praktisch zu einem solchen geworden. Im Sommer 2023 bereitete die Ukraine eine massive Gegenoffensive, auch mithilfe deutscher Panzer. Das Ziel der Gegenoffensive war es, den Donbass und die Südukraine von der Krim abzutrennen und damit die 100 km breite Landbrücke zurückzugewinnen, die Russland im Jahr zuvor erobert hatte. Manche träumten davon, die ganze Krim zurückzuerobern und bald „in Jalta Kaffee zu trinken“. Die ukrainische Offensive endete jedoch in einem Fiasko. 

Diesmal scheinen die Angriffe auf die Krim erfolgreicher. Doch selbst im Westen glauben nicht viele, dass die Aussicht auf eine ukrainische Rückeroberung der Krim sehr realistisch ist. Russland Schaden zuzufügen ist eine Sache, eine Operation zur „Befreiung“ von Menschen durchzuführen, die gar nicht „befreit“ werden wollen, wäre etwas ganz anderes.

Siehe dazu die Berichte über die Krim von Christian Müller, hier anklicken. Während seines mehrwöchigen Besuchs der Krim im Jahr 2019 hat er in über hundert Gesprächen mit Menschen auf der Krim – nicht mit Politikern, mit ganz normalen Einwohnern! – niemanden gefunden, der zurück zur Ukraine möchte. Kiev hatte der Krim 1991 eine gewisse Autonomie zugesichert, aber nie eingehalten, und sogar die auf der Krim gesprochene russische Sprache sollte verboten werden.

Und ein kurzes Zitat aus Globalbridge.ch:

Ironie der Geschichte

Nur zehn Tage nach dem Referendum, am 27. März 2014, stimmte die Generalversammlung der UNO mit 100 von 193 Stimmen bei 11 Gegenstimmen und 53 Enthaltungen (etliche Mitglieder waren gar nicht anwesend) für eine Resolution, mit der das Referendum auf der Krim für ungültig erklärt wurde – mit 51,8 Prozent also der stimmberechtigten Staaten, wobei China mit 1,4 Milliarden Einwohnern und auch Indien mit 1,4 Milliarden Einwohnern sich der Stimme enthielten, die vier europäischen Miniatur-Staaten Andorra, Liechtenstein, Monaco und San Marino mit zusammen nicht einmal 200’000 Einwohnern aber vier Stimmen auf die Waage brachten – und damit eine Mehrheit ermöglichten, das Referendum auf der Krim für völkerrechtlich illegal zu erklären. 

Globalbridge unterstützen