Der Scheck, der nicht kam
Warren Buffetts Pause bei der „Gates Foundation“ stürzt die größte Privatmacht der Weltgesundheit in eine Legitimationskrise: Warren Buffett hat die jährliche Milliardenüberweisung an die „Gates Foundation“ offenbar ausgesetzt, bis die Stiftung ihre Epstein-Verbindungen überprüfen lässt. Das ist mehr als ein Freundschaftsbruch unter Milliardären. Es ist ein seltenes Misstrauensvotum gegen eine Form privater Weltpolitik, die lange Wohltätigkeit versprach – und nun Transparenz schuldet.
Es gibt Gesten, die lauter sprechen als Erklärungen. Warren Buffett, 95 Jahre alt, hat nach übereinstimmenden Berichten seine übliche jährliche Spende an die „Gates Foundation“ vorerst nicht geleistet. Es ging um keine gewöhnliche Spende: Es war ein milliardenschwerer Transfer von Berkshire-Hathaway-Aktien, der seit 2006 fast rituell im Sommer erfolgte. „Reuters“ berichtet unter Berufung auf das „Wall Street Journal“, Buffett wolle die Ergebnisse einer externen Prüfung der Stiftung zu ihren früheren Kontakten mit Jeffrey Epstein abwarten. „Reuters“ selbst konnte den Bericht nicht unabhängig verifizieren. „Berkshire Hathaway“ und die „Gates Foundation“ reagierten zunächst nicht auf Anfragen. Doch schon die berichtete Verzögerung ist ein Einschnitt. Denn wenn der wichtigste externe Geldgeber der „Gates Foundation“ die automatische Überweisung aussetzt und zunächst abwartet, fragt ein erfahrener Investor nach mehr als nur nach Risiko. Dann steht das Geschäftsmodell moralischer Großphilanthropie selbst unter Prüfung. (1)
Buffett hatte 2006 in einem Brief an Bill und Melinda Gates erklärt, er verpflichte sich unwiderruflich, jährlich Berkshire-Hathaway-B-Aktien zugunsten der damaligen „Bill & Melinda Gates Foundation“ zu geben. Die Mechanik war präzise. Zehn Millionen B-Aktien wurden für die Stiftung vorgesehen, jährlich sollten fünf Prozent des verbleibenden Bestands übertragen werden, im Juli oder zu einem späteren von den Gates gewählten Zeitpunkt. Der Brief enthielt Bedingungen. Mindestens einer der beiden Gates musste aktiv an Politiksetzung und Verwaltung der Stiftung beteiligt bleiben. Die Stiftung musste weiter die rechtlichen Voraussetzungen für steuerbegünstigte Wohltätigkeit erfüllen und Buffetts Gabe sollte zusätzlich zu einem Mindestniveau der Stiftungsausgaben wirken. Schon diese Details zeigen, die oft zitierte „lifetime pledge“ war ein moralisches Versprechen, aber auch ein institutionelles Arrangement mit Erwartungen und Kontrolle. (2)
Bis 2025 funktionierte dieses Arrangement. In jenem Jahr wandelte Buffett nach Angaben von „Berkshire Hathaway“ 8.239 A-Aktien in mehr als 12,35 Millionen B-Aktien um und verteilte sie an fünf Stiftungen. Der größte Anteil, 9.433.839 B-Aktien, ging an den „Gates Foundation Trust“. Kleinere Tranchen erhielten die „Susan Thompson Buffett Foundation“ sowie die Stiftungen Sherwood, Howard G. Buffett und NoVo. Buffett selbst schrieb damals, die fünf Stiftungen hätten seit 2006 Berkshire-B-Aktien im Wert von etwa 60 Milliarden Dollar erhalten. Allein an die Gates Foundation gingen nach Reuters über zwei Jahrzehnte mehr als 47 Milliarden Dollar. Diese Zahlen erklären, weshalb die nun berichtete Pause nicht als Randnotiz behandelt werden kann. Sie betrifft die zentrale Finanzarchitektur einer Stiftung, die seit Jahren spendet und zugleich globale Prioritäten setzt.(3)
Der Auslöser ist Jeffrey Epstein. Die „Gates Foundation“ erklärte im Februar 2026, ihr seien vom US-Justizministerium freigegebene E-Mails bekannt, die Kommunikation zwischen Epstein und Mitarbeitern der Stiftung zeigten. Ein kleiner Kreis von Stiftungsmitarbeitern habe mit Epstein interagiert, weil dieser behauptet habe, erhebliche philanthropische Mittel für globale Gesundheit und Entwicklung mobilisieren zu können. Die Stiftung betonte zugleich, es sei keine Zusammenarbeit zustande gekommen, kein Fond geschaffen worden, Epstein habe keine Zahlungen erhalten und sei nie bei der Stiftung beschäftigt gewesen. Im April erklärte die Stiftung weiter, CEO Mark Suzman habe mit Unterstützung von Bill Gates und unabhängigen Board-Mitgliedern eine externe Prüfung in Auftrag gegeben, um frühere Epstein-Kontakte und heutige Verfahren zur Prüfung neuer philanthropischer Partnerschaften zu bewerten. Medienberichten zufolge soll die Kanzlei WilmerHale diese Prüfung durchführen. Offiziell bestätigt ist vor allem, die Prüfung läuft, ein Update wird für den Sommer erwartet. (4)
Bill Gates selbst hat die Verbindung zu Epstein vor dem „House Oversight Committee“ als schweren Fehler dargestellt. In seiner vorbereiteten Erklärung sagte Gates, er sei 2011 durch Personen aus seinem beruflichen und philanthropischen Umfeld mit Epstein bekannt gemacht worden. Epstein habe behauptet, Milliarden für globale Gesundheit mobilisieren zu können. Gates erklärte, er habe nicht die nötige Prüfung angewandt, nie kriminelles Verhalten beobachtet, nie Epsteins Insel, Ranch oder Haus in Florida besucht und niemandem Schaden zugefügt. Zugleich räumte er ein, Epstein habe später versucht, Informationen über sein Privatleben zu nutzen, um ihn wieder an sich zu binden. Der entscheidende Satz lautet, das Treffen mit Epstein sei ein „schwerwiegendes Fehlurteil“ gewesen. Diese Formulierung vermeidet ein Schuldeingeständnis, räumt aber zugleich ein gravierendes Versagen der eigenen Urteilskraft ein. Juristisch bleibt sie kontrolliert, moralisch ist sie verheerend. Denn sie bedeutet, das Problem lag nicht allein bei Epstein. Es lag auch im Zugangssystem der Macht. (5)
Es wäre unredlich, aus den vorliegenden Informationen mehr zu machen, als belegt ist. Gates ist im Zusammenhang mit Epstein nicht strafrechtlich angeklagt. „Reuters“ hält ausdrücklich fest, Gates habe keine Straftat vorgeworfen bekommen, er habe sein Bedauern über den Kontakt geäußert und bestritten, Zeit mit Opfern von Epsteins sexuellem Missbrauch verbracht oder kriminelles Verhalten beobachtet zu haben. Der Punkt ist jedoch, dass eine Stiftung, die Milliarden bewegt, Regierungen berät, multilaterale Programme mitprägt und in globalen Gesundheitsfragen Gewicht besitzt, nicht wie ein privater Freundeskreis geführt werden darf. Wer Weltpolitik im Modus der Wohltätigkeit betreibt, kann sich nicht auf private Fehlurteile zurückziehen, wenn diese Fehlurteile institutionelle Türen geöffnet haben. (6)
Die „Gates Foundation“ ist keine gewöhnliche Stiftung. Sie beschreibt ihre Finanzierung selbst so, dass die operative Stiftung ihre Mittel überwiegend aus dem „Foundation Trust“ erhält, der wiederum Beiträge von Bill Gates, Melinda French Gates und Warren Buffett bekommen hat. Auf ihrer Webseite nennt sie Bill Gates als Chair und Board Member, er präge und genehmige Stiftungsstrategien, vertrete die Anliegen der Stiftung und setze ihre Gesamtausrichtung. Mark Suzman ist CEO und Board Member. Daneben gibt es weitere Board-Mitglieder wie Ashish Dhawan, Helene Gayle, Sri Mulyani Indrawati, Strive Masiyiwa, Minouche Shafik und Tom Tierney. Warren Buffett wird historisch als Trustee von 2006 bis 2021 geführt, Melinda French Gates als Co-Chair von 2000 bis 2024. Das ist formell breiter als früher – aber die Personalisierung bleibt. Der Name Gates ist Machtachse. (7)
Melinda French Gates hat sich inzwischen institutionell gelöst. 2024 verließ sie die von ihr mitgegründete Stiftung, erhielt laut Reuters zusätzliche 12,5 Milliarden Dollar für ihre eigene Arbeit zugunsten von Frauen und Familien, und die Stiftung wurde zur Gates Foundation umbenannt. Ihre heutige Organisation „Pivotal“ beschreibt sich als Plattform zur Beschleunigung sozialen Fortschritts für Frauen und junge Menschen. In einem „Fortune“-Bericht über ihre Reaktion auf die Epstein-Dateien wird sie mit der Aussage wiedergegeben, Gates und andere in den Dokumenten Genannte müssten selbst antworten – nicht sie. Das ist mehr als private Distanz nach einer Scheidung. Es ist der Bruch mit der alten Familienmarke einer Stiftung, die lange aus drei Namen bestand: Bill, Melinda, Warren. (8)
Zeitlich fällt diese Reputationskrise in eine Phase maximaler Verdichtung. Bill Gates kündigte 2025 an, die Stiftung solle bis Ende 2045 geschlossen werden und in den kommenden zwei Jahrzehnten mehr als 200 Milliarden Dollar ausgeben. Die „Gates Foundation“ selbst spricht von einer historischen Beschleunigung. Für 2026 billigte ihr Board einen Jahresetat von neun Milliarden Dollar. Zugleich sollen die Betriebsausgaben auf höchstens 1,25 Milliarden Dollar beziehungsweise rund 14 Prozent des Budgets begrenzt werden. Offizielle Angaben verweisen auf geplante Personalkürzungen von bis zu 500 Stellen bis 2030. Das bedeutet, während die Stiftung ihre letzten zwanzig Jahre plant, will sie mehr Geld schneller ausgeben, schärfer fokussieren und zugleich intern schrumpfen. In einer solchen Phase ist Vertrauen keine Nebensache. Es ist die Währung, ohne die selbst Milliarden verdächtig werden. (9)
Die Verteidiger der Stiftung werden wohlwollend sagen, die „Gates Foundation“ habe in globaler Gesundheit, Impfprogrammen, Polio, Malaria, Tuberkulose, Frauen- und Kindergesundheit, Landwirtschaft und Bildung enorme Ressourcen mobilisiert. Das stimmt. Sie weist für 2024 mehr als acht Milliarden Dollar an Fördermitteln aus, darunter große Summen für globale Entwicklung, globale Gesundheit und Geschlechtergerechtigkeit. Doch genau hier beginnt das Problem. Bill Gates ist längst nicht mehr nur der reiche Wohltäter, der sein Vermögen für gute Zwecke einsetzt. Er ist zum Machtunternehmer einer neuen Weltgesundheitsordnung geworden, in der Stiftungsgelder, politische Beratung, internationale Organisationen, Impfstoffprogramme, Agrartechnologie, Datenmodelle, Medienkampagnen und Kapitalmärkte ineinandergreifen.
Wer Gates kritisiert, kritisiert daher nicht die Hilfe für kranke Kinder oder den Kampf gegen Malaria. Kritisiert wird ein philanthropiekapitalistisches System, das Wohltätigkeit mit Marktmacht verbindet und private Entscheidungen in öffentliche Politik übersetzt. Die Stiftung fördert Impfprogramme, investiert über ihren „Strategic Investment Fund“ gezielt in Gesundheits-, Impfstoff-, Biotech- und Plattformtechnologien und ist zugleich ein gewichtiger Geldgeber jener Institutionen, die globale Gesundheitsprogramme normativ prägen. Bei der WHO zählt die „Gates Foundation“ zu den größten freiwilligen Geldgebern. „Gavi“, die Impfstoffallianz, wurde 1999 durch eine Gates-Zusage von 750 Millionen Dollar maßgeblich angeschoben und beschreibt die Stiftung bis heute als Schlüsselpartner bei der gezielten Gestaltung von Impfstoffmärkten. Damit geht es nicht mehr um klassische Mildtätigkeit. Es geht um die Fähigkeit, Märkte zu schaffen, Nachfrage zu organisieren, Standards zu setzen und politische Prioritäten zu verschieben.
Gerade die Corona-Jahre haben gezeigt, wie explosiv diese Machtkonzentration geworden ist. Gates trat weltweit als Mahner, Modellierer und Impfstoffbefürworter auf. Seine Stiftung finanzierte Programme, seine Netzwerke reichten in WHO, Gavi, Forschung, Medien und Regierungen hinein, und seine öffentlichen Aussagen konnten Erwartungen, politische Entscheidungen und ökonomische Fantasien mitbewegen. Die Impfstoffe kamen unter Notfall- und Beschleunigungslogik in die Bevölkerung, begleitet von einem moralischen Druck, der Zweifel rasch als Unvernunft oder Gefährdung markierte. Genau hier liegt der wunde Punkt. Ein privater Milliardär durfte in einer globalen Angstlage mit einer Autorität sprechen, die demokratisch nie gewählt wurde, während die sozialen, gesundheitlichen und politischen Folgekosten von Staaten und Bürgern getragen wurden.
Hinzu kommt „Gavi“ als besonders empfindlicher Baustein dieses Systems. Die Allianz ist keine gewöhnliche Firma, sondern eine öffentlich-private Konstruktion zwischen Staaten, Stiftungen, Industrie, internationalen Organisationen und Impfstoffmärkten. In der Schweiz wurde „Gavi“ 2009 als internationale Institution anerkannt und erhielt dadurch eine Sonderstellung, die Kritiker als schwer kontrollierbar empfinden – die Institution genießt offenkundig Immunität. Wer solche Strukturen gutheißt, muss erklären, wie demokratische Kontrolle, Haftung, Transparenz und Interessenkonflikte praktisch gesichert werden. Denn eine globale Impfstoffarchitektur, die mit öffentlichem Geld, privaten Stiftungsmilliarden und industriellen Gewinnerwartungen arbeitet, darf nicht hinter dem Wort „Partnerschaft“ verschwinden.
Wer diese Arbeit pauschal abtut, macht es sich zu leicht. Wer sie jedoch naiv verklärt, macht es sich gefährlich bequem. Wohltätigkeit hebt Verantwortung nicht auf. Sie erhöht sie. Je mehr eine private Stiftung Aufgaben übernimmt, die früher Staaten, Parlamente oder internationale Organisationen verantworteten, desto weniger darf sie sich auf die Aura des Guten verlassen. Die Frage lautet dann nicht mehr nur, wie viele Leben gerettet wurden. Zur Debatte steht, wer entscheidet, wer profitiert, welche Risiken ausgelagert werden, welche Kontakte intern geduldet wurden, welche Märkte durch moralische Kampagnen entstehen – und wer darüber öffentlich Rechenschaft ablegt. (10)
Buffetts Pause ist deshalb interessant, weil sie ausgerechnet von einem Mann kommt, der das System selbst groß gemacht hat. Buffett war nicht der Außenseiter, der schon immer vor der Macht privater Stiftungen warnte. Er war ihr mächtigster Verstärker. Zusammen mit Bill Gates und Melinda French Gates gründete er 2010 den „Giving Pledge“, eine Initiative, mit der Superreiche öffentlich versprechen, den Großteil ihres Vermögens philanthropisch einzusetzen. Die Idee war moralisch attraktiv. Wer unfassbar wohlhabend geworden ist, gibt zurück. Doch fünfzehn Jahre später zeigt sich die Schwachstelle dieser Erzählung. Wenn private Vermögen private Institutionen nähren, die öffentliche Wirkungen entfalten, reicht Großzügigkeit nicht. Dann braucht es Regeln, Offenlegung, Kontrolle und unabhängige Prüfung. Der gute Wille des Milliardärs ist dann keine demokratische Legitimation. (11) (Hervorhebung durch die Redaktion.)
In der Öffentlichkeit wird der Vorgang gern als persönlicher Bruch zwischen Buffett und Gates erzählt: Alte Freunde, altes Vertrauen, nun Epstein-Schatten. Das ist verständlich, aber doch zu klein. Die eigentliche Geschichte dreht sich um Netzwerke. Jeffrey Epstein war nicht mächtig, weil er eine große Stiftung leitete, ein Amt innehatte oder ein öffentlich nachvollziehbares Mandat besaß. Seine Macht lag in Zugängen, Versprechen, Nähe, Gerüchten, Kompromat, Steuer- und Spendenfantasien, in jenen Zwischenräumen also, in denen Reichtum, Einfluss, Sexualgewalt, Geheimnisse und Imagepflege einander berühren können. Wenn Gates sagt, Epstein habe behauptet, Milliarden für globale Gesundheit mobilisieren zu können, dann wird sichtbar, weshalb solche Personen überhaupt Eintritt finden. Sie bieten Kontakte, Geld und Abkürzungen. Und genau diese Abkürzungen sind das Risiko.
Die „Gates Foundation“ muss deshalb mehr liefern als eine interne Beruhigungsgeste. Sie sollte offenlegen, welchen Auftrag die externe Prüfung genau hat, welche Jahre untersucht werden, welche Personen und Kommunikationswege einbezogen sind, ob private Gates-Büros, Stiftungspersonal, Berater, Intermediäre und potenzielle Geldgeber getrennt oder gemeinsam bewertet werden, ob es Grantmaking-Prozesse gab, die durch Epstein oder Epstein-nahe Personen indirekt beeinflusst wurden, und welche neuen Regeln daraus folgen. Eine Prüfung, deren Ergebnis nur als knappe Zusammenfassung an Board und Management geht, wäre zu wenig. Wer globale Gesundheit mit Milliarden prägt, schuldet Transparenz dem Board ebenso wie den Partnern, Empfängern, Mitarbeitern, Regierungen und letztlich der breiten Öffentlichkeit.
Der 2006er Brief von Warren Buffet enthält eine lebenslange Verpflichtung, aber auch Mechanismen, Bedingungen und die Möglichkeit eines späteren Zeitpunkts für die jährliche Gabe. Nach den bisher bekannten Informationen ist nicht bewiesen, dass Buffett die Zusage endgültig aufkündigt. Belegt ist vielmehr, der automatische Ablauf ist unterbrochen. Und diese Unterbrechung ist politisch brisant. Sie sagt, selbst in einem System, das auf Vertrauen unter Milliardären gebaut wurde, ist Vertrauen nicht mehr selbstverständlich.
„ZeroHedge“ weitet den Vorgang über die Epstein-Frage hinaus aus und verweist zusätzlich auf „Arabella Advisors“, eine US-amerikanische Philanthropieberatung, die über Jahre mit gemeinnützigen Trägerstrukturen wie dem „New Venture Fund“, dem „Hopewell Fund“, dem „Windward Fund“ und dem „Sixteen Thirty Fund“ verbunden war. Kritiker beschreiben dieses Geflecht als System intransparenter politischer Schatten-Finanzierung, weil große Geldgeber darüber Kampagnen und politische Initiativen unterstützen können, ohne dass die ursprünglichen Geldflüsse für die Öffentlichkeit immer klar erkennbar sind. Belegbar ist, die „Gates Foundation“ beendete 2025 ihre langjährige Zusammenarbeit mit Arabella-nahen Fonds. Laut „Chronicle of Philanthropy“ hatte „Arabella“ über 16 Jahre rund 450 Millionen Dollar an Gates-Mitteln administriert.
Trotzdem muss der Ton schärfer werden. Bill Gates traf sich nicht mit einem beliebigen fragwürdigen Lobbyisten. Er traf sich mit Jeffrey Epstein, einem verurteilten Sexualstraftäter, dessen Netzwerk und Verbrechen inzwischen Gegenstand jahrelanger Ermittlungen, Veröffentlichungen und politischer Kämpfe sind. Dass ein Mann mit Gates’ Ressourcen, Beratern und Sicherheitsapparaten nach Epsteins 2008er Verurteilung überhaupt auf dessen behauptete Fähigkeit hereinfiel, Milliarden für globale Gesundheit zu mobilisieren, ist kein kleiner Fehler. Es ist ein Versagen der Urteilskraft im Zentrum einer Institution, die von der Welt Urteilskraft verlangt.
Buffett hat das nun offenbar verstanden – spät, aber sichtbar. Sein Zögern ist Risikomanagement. Doch manchmal enthüllt Risikomanagement mehr Wahrheit als moralische Reden. Wenn ein Investor, der jahrzehntelang in Disziplin, Reputation und langfristigem Vertrauen dachte, bei einer Stiftung innehält, die er selbst mit aufgebaut hat, dann ist das ein Signal. Nicht nur an Bill Gates. Sondern an die gesamte Klasse derer, die ihre Macht „Impact“ nennen. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Vielleicht wird die Prüfung der „Gates Foundation“ ergeben, dass die institutionellen Kontakte begrenzt waren, dass keine Gelder flossen, dass Epstein keinen formalen Einfluss auf Programme hatte. Das wäre wichtig. Aber es würde das Größere dahinter nicht erledigen. Warum konnte ein solcher Zugang überhaupt entstehen? Warum brauchte es erst veröffentlichte Daten, politische Anhörungen und den möglichen Rückzug eines 95-jährigen Großspenders, damit die Stiftung ihre Partnerschaftsprüfung öffentlich zum Thema macht? Und weshalb sollen Bürger weltweit akzeptieren, dass private Großvermögen globale Prioritäten setzen, wenn die Rechenschaft erst beginnt, sobald die Reputation brennt?
Der nicht gekommene Scheck ist deshalb mehr als eine Finanznachricht. Er ist ein Riss in der Ikone Gates. Über Jahre galt die Gates-Buffett-Philanthropie als Gegenbild zur Gier der Superreichen – rational, effizient, messbar, global und humanitär. Nun zeigt sich, dass auch dieses Modell im selben Material gebaut ist wie andere Machtmodelle. Vertrauen – Namen – Netzwerke – Schweigen – Zugang. Wer so viel Geld in Bewegung setzt, darf nicht erst transparent werden, wenn der größte Spender wartet.
Sicher, die Welt braucht Hilfe. Sie braucht Forschung, vielleicht auch Impfstoffe, Medikamente, Landwirtschaftsprogramme, Bildung und Gesundheitsinfrastruktur. Aber sie braucht keine private Weltregierung im Gewand der Wohltätigkeit, die ihre inneren Risiken nur dosiert erklärt. Wenn die „Gates Foundation“ weiterhin beansprucht, Leben zu retten, muss sie jetzt beweisen, dass sie auch Rechenschaft ertragen kann. Genau darin liegt die Lehre dieser Affäre. Nicht jede gute Tat macht eine Machtstruktur gut. Und nicht jeder Scheck, der fehlt, ist ein Verlust. Manchmal ist er der erste Anfang von Kontrolle. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Quellen und Anmerkungen: (am 30.Juni 2026 abgerufen)
1.) „Reuters“ berichtete am 30. Juni 2026 unter Berufung auf das „Wall Street Journal“, Warren Buffett überspringe beziehungsweise verzögere seine übliche Midyear-Spende an die „Gates Foundation“, bis Ergebnisse der Epstein-Prüfung vorliegen; Reuters weist zugleich darauf hin, den Bericht nicht unabhängig verifiziert zu haben. „Fortune“ und weitere Medien griffen denselben WSJ-Kern auf: https://www.reuters.com/world/us/warren-buffett-skips-donation-gates-foundation-amid-epstein-review-wsj-reports-2026-06-30/
2.) Warren Buffetts Brief vom 26. Juni 2006 an Bill und Melinda Gates enthält die Formulierung einer „irrevocable“ jährlichen Gabe von Berkshire-Hathaway-B-Aktien „throughout my lifetime“, zugleich die konkrete Mechanik von fünf Prozent des verbleibenden Aktienbestands pro Jahr und drei Bedingungen für die Zusage: https://www.berkshirehathaway.com/donate/bmgfltr.pdf
3.) „Berkshire Hathaway“ dokumentierte für 2025 die Umwandlung von 8.239 A-Aktien in 12.358.500 B-Aktien und die Verteilung von 12.358.321 B-Aktien an fünf Stiftungen, darunter 9.433.839 B-Aktien an den „Bill & Melinda Gates Foundation Trust“. „Reuters“ nennt für Buffetts Gates-Foundation-Spenden seit 2006 mehr als 47 Milliarden Dollar.https://www.berkshirehathaway.com/news/jun2725.pdf
4.) Die „Gates Foundation“ erklärte im Februar 2026, es habe Kommunikation zwischen Epstein und Stiftungsmitarbeitern gegeben, aber keine Zahlungen an Epstein, keine Beschäftigung Epsteins und keine formale Zusammenarbeit. Im April bestätigte sie eine externe Prüfung der früheren Epstein-Kontakte und heutiger Partnerschaftsprüfungen; „Reuters“ berichtete ebenfalls über diese Prüfung: https://www.gatesfoundation.org/ideas/media-center/press-releases/2026/02/doj-statement
5.) Das „House Oversight Committee“ veröffentlichte im Juni 2026 das Transkript der Gates-Befragung. Gates’ vorbereitete Erklärung nennt Epstein-Kontakte ab 2011, Gespräche über mögliche globale Gesundheitsfinanzierung und die Formulierung, das Treffen mit Epstein sei ein „grave error in judgment“ gewesen: https://oversight.house.gov/release/oversight-committee-releases-gates-and-groff-transcripts/
6.) „Reuters“ hält fest, Gates sei im Zusammenhang mit Epstein keiner Straftat beschuldigt worden, habe den Kontakt bedauert und kriminelles Wissen oder Beteiligung bestritten. Die Kritik im Beitrag bezieht sich auf Governance, Zugang und Verantwortung, nicht auf eine strafrechtliche Behauptung. https://www.reuters.com/world/us/warren-buffett-skips-donation-gates-foundation-amid-epstein-review-wsj-reports-2026-06-30/
7.) Die „Gates Foundation“ beschreibt ihre Finanzierung über den „Foundation Trust“, der Beiträge von Bill Gates, Melinda French Gates und Warren Buffett erhalten hat. Die Leadership-Seite weist Bill Gates als Chair und Board Member aus; Warren Buffett wird historisch als Trustee 2006–2021, Melinda French Gates als Co-Chair 2000–2024 geführt. https://www.gatesfoundation.org/about/our-funding
8.) „Reuters“ berichtete 2024 über Melinda French Gates’ Austritt aus der Stiftung und die zusätzlichen 12,5 Milliarden Dollar für ihre eigene Arbeit zugunsten von Frauen und Familien. „Pivotal“ beschreibt sich als von Melinda French Gates gegründete Organisation zur Förderung von Frauen und jungen Menschen; „Fortune“ dokumentierte ihre Aussage, Gates und andere müssten selbst auf die Epstein-Dateien antworten. https://www.reuters.com/business/melinda-gates-step-down-co-chair-bill-melinda-gates-foundation-2024-05-13/
9.) Die „Gates Foundation“ kündigte 2025 an, bis Ende 2045 zu schließen und in den kommenden zwei Jahrzehnten mehr als 200 Milliarden Dollar auszugeben. Für 2026 billigte sie einen historischen Jahresetat von neun Milliarden Dollar und eine Betriebskostenobergrenze von 1,25 Milliarden Dollar; u.a. „GeekWire“ und weitere Berichte dokumentieren geplante Personalkürzungen von bis zu 500 Stellen bis 2030. https://www.gatesfoundation.org/ideas/media-center/press-releases/2025/05/25th-anniversary-announcement
10.) Der Jahresbericht der „Gates Foundation“ für 2024 weist 8,015 Milliarden Dollar „charitable support“ aus, darunter Ausgaben in den Bereichen Global Development, Global Health und Gender Equality. Diese Größenordnung begründet die im Beitrag formulierte Forderung nach höherer Rechenschaft: https://www.gatesfoundation.org/about/financials/annual-reports/annual-report-2024: Die „Gates Foundation“ weist in ihrem Jahresbericht 2024 insgesamt 8,015 Milliarden Dollar an Fördermitteln aus. Die WHO-Datenbank führt die „Gates Foundation“ für den Haushaltszyklus 2024/25 als einen der größten freiwilligen zweckgebundenen Geldgeber der WHO. „Gavi“ beschreibt die „Gates Foundation“ als Gründungspartner und Schlüsselakteur beim Aufbau und der Gestaltung von Impfstoffmärkten; die Stiftung sagte 1999 zunächst 750 Millionen Dollar zu. Der Schweizer Bundesrat erkannte „Gavi“ 2009 durch ein Sitzabkommen als internationale Institution an. Die „Gates Foundation“ beschreibt ihren „Strategic Investment Fund“ ausdrücklich als Instrument, mit dem private Innovation, Marktmechanismen und externes Kapital für Stiftungsziele mobilisiert werden sollen. Diese Quellen belegen die strukturelle Machtfülle, auf die sich die Kritik an philanthropiekapitalistischen Gesundheitsstrukturen stützt/ WHO, Contributors by fund type 2024/25: https://open.who.int/2024-25/contributors/by-fund-types/vcs; Schweizer Bundesrat, Sitzabkommen mit Gavi, 2009: https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-27613.html; Gates Foundation, Strategic Investments: https://www.gatesfoundation.org/about/how-we-work/strategic-investments
11.) Der „Giving Pledge“ wurde nach eigener Darstellung 2010 von Warren Buffett, Melinda French Gates und Bill Gates ins Leben gerufen, um sehr Vermögende zur Abgabe des Großteils ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu bewegen: https://www.givingpledge.org/about-the-giving-pledge/