Was Russland einsetzen könnte, so es denn wollte: die Sarmat-Rakete. Die RS-28 Sarmat ist eine dreistufige Interkontinentalrakete mit Flüssigkeitsraketentriebwerken, die aus einem Raketensilo gestartet wird. Ein Großteil der Technik basiert auf der R-36M. Westlichen Schätzungen zufolge soll die RS-28 eine Gesamtmasse von rund 208 t haben, rund 35,3 m lang sein und einen Durchmesser von 3 m besitzen. Gemäß russischen Angaben soll die Maximalreichweite 18.000 km betragen. Westliche Schätzungen gehen von einer geringeren Maximalreichweite von rund 10.000 km aus

Waffenstillstand oder Eskalation?

Zähes Ringen an der Front, ausufernder Drohnen- und Raketenkrieg, eine neue Welle im Informationskrieg und gleichzeitig Andeutungen betreffend Verhandlungen. Was haben wir in den nächsten Wochen in Sachen Ukraine zu erwarten? Wird Volodymyr Selenskyj zur Belastung für seine engsten Partner?

Wenn man die internationalen Nachrichten verfolgt, entsteht der Eindruck einer völligen Ruhe an der russisch-ukrainischen Front. Manche westlichen Medien sprechen von einer angeblichen Offensive der ukrainischen Armee im Süden der Oblast Saporischschja. Die aktuelle Lage vor Ort ist allerdings eine andere. In den letzten Tagen war ein knappes halbes Dutzend ukrainischer Angriffe über die gesamte Front hinweg zu beobachten, von Kupjansk über Krasnyi Liman und Orikhiv (1) bis hin in den Raum unmittelbar südlich von Saporischschja. Eine zusammenhängende, koordinierte Offensive ist das nicht, eher eine Reihe von isolierten Angriffen der Stufen Kompanie, vielleicht Bataillon, an erkannten Schwachstellen der russischen Front. In militärischer Hinsicht ist mit solchen verzettelten Angriffen nicht viel zu erreichen, da wird es eher um die Wirkung im Informationsraum gehen. Über den tatsächlichen Frontverlauf sind sich pro-russische, pro-ukrainische und eher neutrale Quellen im Übrigen weitgehend einig (2). 

Karte: Frontverlauf südöstlich von Saporischschja, 22. Mai 2026. Weitgehende Einigkeit / Quelle: Live UA Map, Ergänzungen Verfasser

Im Unterschied dazu setzen die Russen eindeutige Schwergewichte in den Räumen Kostiantynivka (3) und Huliaipolje (4). Ersteres umgehen sie gerade im Norden. Von Huliaipolje aus stoßen sie auf Orikhiv vor. Manche Beobachter sehen schon die Front vor Saporischschja im Wanken, aber für diese Aussage ist es wohl noch etwas früh. All das geht langsam vor sich, weil beide Seiten in der Lage sind, gegnerische Vorstöße rasch mittels Drohnen aufzufangen, welche ja sehr rasch an Brennpunkte verschoben werden können. 

Selenskyj unter Druck

Volodymyr Selenskyj gerät zuletzt sichtbar stärker in die Kritik westlicher Medien – auch vor dem Hintergrund neuer Korruptionsskandale, die sich in jüngster Zeit Schlag auf Schlag entwickeln. Sein Image als „Saubermann“ hat gelitten. Mittlerweile ist kaum mehr abzustreiten, dass sein Kabinett korrupt ist und dass er davon wissen musste. Es liegen auch konkrete Hinweise darauf vor, dass sein Apparat teilweise kriminell ist und Straftaten in Westeuropa anordnet (5). Über diesen Aspekt der aktuellen ukrainischen Regierung machten sich die Menschen aus der Ukraine wohl seit Jahren kaum mehr Illusionen. Damit wird klar, dass Westeuropa auf ein schwaches und korruptes Regime gesetzt hat, und wiederholt die alten Fehler aus der Zeit des Kalten Kriegs, als der Westen besonders in Afrika bereit war, jeden Scharlatan zu unterstützen, wenn er sich nur genügend anti-kommunistisch gebärdete. Das hat langfristige negative Folgen bis heute und so ähnlich wird es wohl auch den Westeuropäern in ganz Osteuropa gehen. Quellen aus Moldawien berichten, dass man auch dort wisse, was vor sich gehe. 

Gefährliche Strategien

Mittlerweils ist der Drohnen- & Raketenkrieg in vollem Gange (6). Wladimir Putin sprach neulich sogar über das Raketensystem RS-28 Sarmat (7). Damit verband er ein Signal, das sich wohl an zwei Seiten richtete: an Westeuropa, dem klar sein muss, dass es sich gegen die neue Generation strategischer Waffen aus Russland nicht wird verteidigen können, weil das nicht einmal die USA können. Die Botschaft war weniger für die Amerikaner gedacht, mit denen man ja in wichtigen Fragen ein grundsätzliches Einvernehmen hat. Eine zweite Adressatengruppe waren vielleicht auch Putins Kritiker in Russland, die schon lange eine härtere Gangart gegenüber den Westeuropäern forderten (8). Generell zeigt Putin damit, dass seine jüngsten Worte über mögliche Verhandlungen kein Zeichen von Schwäche sind. Das muss er, weil in den vergangenen zehn Jahren im internationalen Umfeld eine Atmosphäre entstand, in welcher Verhandlungsbereitschaft grundsätzlich als Schwächezeichen aufgefasst werden. Tatsächlich gibt es auch seitens Westeuropas eine Reihe von Anzeichen, die auf baldige Verhandlungen hindeuten. Diese Einschätzung wurde vor wenigen Tagen auch durch Präsident Putin bekräftigt, der davon sprach, dass sich der Krieg dem Ende nähere und Altkanzler Schröder als Vermittler ins Gespräch brachte (9).

Die Strategie des „Peace through strength„, der Demonstration von Stärke vor Verhandlungen, welcher beide Seiten zu huldigen scheinen, birgt aber ihre Gefahren in sich: Sehr leicht kann eine Demonstration militärischer Macht in ein Desaster münden, das unschuldige Opfer fordert und unnötige Schäden verursacht und die Aufnahme von Verhandlungen für lange Zeit verunmöglicht. Das kommt dann zur generell bestehenden Sorge, dass Kreise, die einen Kompromiss ablehnen, einen sich anbahnenden Friedensprozess durch besonders brutale Aktionen torpedieren könnten. Deswegen sollte man jetzt nicht in die Schützengräben des Informationskriegs springen ob der Frage, ob russische Raketen oder ukrainische Drohnen nun Studentenwohnheime treffen, die als Truppenunterkünfte umgenutzt wurden oder nicht. Der Schlagabtausch per se ist besorgniserregend.

Listen im Raketenkrieg

Kürzlich beschuldigte der Auslandsnachrichtendienst der Russischen Föderation die Ukraine, Angriffe auf Russland vom Territorium Lettland aus vorzubereiten. Grundsätzlich stellt sich dadurch die Frage, wie realistisch aus militärischer und technischer Sicht ein Szenario ist, in welchem ukrainische Drohnen von lettischem Gebiet aus gegen Ziele in Russland gestartet werden. Im Visier Zelenskys sind seit einiger Zeit die Erdölraffinerien Russlands, sowie die Hafenanlagen an der russischen Ostseeküste. Wenn Selenskyj mit den bisherigen Angriffen auf russische Ölraffinerien zufrieden wäre, dann müsste er nicht auch Belarus mit Angriffen auf die dortigen Raffinerien drohen (10).

Mit Angaben über Einschläge ist allerdings immer Vorsicht geboten und mit spektakulären Bildern von Bränden sowieso, denn die Verbreitung von Informationen über Treffer und Wirkungen ist Teil der Wirkungsaufklärung und damit des militärischen Nachrichtendiensts, der in kriegführenden Ländern seit jeher streng bestraft wird. Die Nachrichtendienste der Kriegführenden geben uns möglicherweise einfach jene Informationen, die sie verbreiten möchten. Das ist nicht neu: Im Zweiten Weltkrieg verbreiteten die Briten über ein Netzwerk aus Doppelagenten und über die klassische Tagespresse absichtlich falsche Einschläge von V-1-Raketen. Die Deutschen waren darauf angewiesen zu erfahren, wo die Geschosse einschlugen, um die Reichweite zu justieren, damit sie das geplante Hauptziel, das Stadtzentrum von London, trafen. Tatsächliche Einschläge im Süden Londons wurden verschwiegen oder als zu kurz geraten dargestellt, während Einschläge im Norden Londons, das heißt solche, die über das Ziel hinausgeschossen waren, als Volltreffer im Zentrum gemeldet wurden. Die Täuschung funktionierte: Die deutschen Ingenieure glaubten den gefälschten Berichten und korrigierten die Einstellungen der V-1 fälschlicherweise so, dass die Raketen fortan kürzer flogen. Dadurch gingen tausende V-1 nicht im dicht besiedelten Stadtzentrum von London nieder, sondern stürzten in dünner besiedelte Gebiete im Süden (11). Wenn die Russen an solches noch nicht gedacht haben, dann werden sie noch darauf kommen. Darüber hinaus verfügt die russische Armee in den sogenannten Aerosol-Bataillonen Gerät, mit welchem sie große Flächen einnebeln kann, mit Rauch, der auch Infrarot- und Radar-Sensoren die Aufklärung erschwert.

Ausweitung des Kriegs?

Verwirrung stiftete Mitte Monat der Absturz ukrainischer Drohnen im lettischen Rēzekne (12). Offizielle Version war, dass die russische Armee die ukrainischen Drohnen, die eigentlich Ziele in Russland hätten angreifen sollen, nach Lettland umgeleitet habe. Die Nähe von Rēzekne zur belarussischen Raffinerie in Navapalazk rückt aber noch eine andere Version in den Bereich des Möglichen, nämlich ein Angriff auf diese selbst.

Karte: Raffinerien in Belarus / Quelle: Verfasser

In Lettland waren aber bereits zuvor mehrfach ukrainische und russische Drohnen abgestürzt. Damit ist nicht auszuschließen, dass die Kriegführenden beschlossen haben, den lettischen Luftraum inskünftig für ihren Drohnenkrieg zu nutzen. Dieser ist ebenso wenig vor Drohnen zu schützen, wie jeder andere auch. Da hilft auch der Rücktritt eines Verteidigungsministers und einer Ministerpräsidentin nichts. Weder Estland, noch Lettland, noch Litauen könnten die Nutzung ihres Luftraums durch ukrainische oder russische Drohnen verhindern.

Ob Selenskyj sich und der Ukraine damit einen Vorteil verschafft, ist aber eher zweifelhaft. Seit über zehn Jahren versucht die Ukraine, den Westen an ihrer Seite in einen Krieg gegen Russland hineinzuziehen, und möchte, dass andere im Baltikum oder in Belarus eine zweite Front eröffnen. Selbst von den baltischen Staaten hat die Ukraine bisher nichts als rhetorische Unterstützung erhalten. Derzeit hängt das Schicksal der drei baltischen Republiken paradoxerweise eher von der Zurückhaltung des Kremls ab, als von der Unterstützung durch die NATO, und erstere ist am Abbröckeln. Selenskyj wird nun auch für ganz treue Supporter zu einem Problem. 

Anmerkungen

  1. Russisch Orekhov
  2. Da zeugen gewisse westliche Elaborate schon von einem gewissen Realitätsverlust, z.B. „Ukrainische Offensive im Süden geht weiter! Iran (41) & Ukraine Lagebericht (575) und Q&A“, bei Militär & Geschichte mit Torsten Heinrich, Video auf YouTube, 23.05.2026, online unter https://www.youtube.com/watch?v=-xstDCi427w
  3. Russisch Konstantinovka
  4. Russisch Guljaipole
  5. Siehe „Krieg, Korruption und Flüchtlinge: Die ukrainischen Geheimdienste und die Mafia“, bei Global Bridge, 26.03.2026, online unter https://globalbridge.ch/krieg-korruption-und-fluechtlinge-die-ukrainischen-geheimdienste-und-die-mafia/. Vgl. auch Rafael Lutz: Wie Selenskyj den Krieg in die Schweiz trägt, bei Weltwoche, 15.04.2026, online unter https://weltwoche.ch/story/wie-selenskyj-den-krieg-in-die-schweiz-traegt/. David Shavin: Corruption Charges Brought Against Zelenskyy’s Former Top Aide, bei Executive Intelligence Review, 12.05.2026, online unter https://eir.news/2026/05/news/corruption-charges-brought-against-zelenskyys-former-top-aide/
  6. Siehe Mike Billington, Dennis Small: Ukraine Launches More than 1,000 Drones at Russia in One Day, bei Executive Intelligence Review, 17.05.2026, online unter https://eir.news/2026/05/news/ukraine-launches-around-600-drones-at-russia-zelensky-claims-justified-attack/
  7. Siehe Veronika Lehrl: Experten zweifeln. „Stärkste Rakete der Welt“: Putin kündigt Einsatz von „Satan II“ noch 2026 an, bei Focus online, 13.05.2026, online unter https://www.focus.de/politik/ausland/staerkste-rakete-der-welt-putin-kuendigt-einsatz-von-satan-ii-noch-2026-an_cf2e351a-51bf-46b2-8e73-7652120b440a.html
  8. Siehe Stefano di Lorenzo: Die Angriffe der Ukraine auf Russland werden Russland nicht an den Verhandlungstisch zwingen. Ganz im Gegenteil, bei Global Bridge, 21.05.2026, online unter https://globalbridge.ch/die-angriffe-der-ukraine-auf-russland-werden-russland-nicht-an-den-verhandlungstisch-zwingen-ganz-im-gegenteil/. Vgl. John Mearsheimer: Auf dem Weg zu einem totalen Krieg mit Russland und Iran, bei Glenn Diesen, Video auf YouTube, 18.05.2026, online unter https://www.youtube.com/watch?v=Dx7osj5gCmo. Scott Ritter: Europa hat Russland angegriffen – Vergeltung ist nun unvermeidlich, bei Glenn Diesen, Video auf YouTube, 19.05.2026, online unter https://www.youtube.com/watch?v=tZQIeeR17Hk. Vgl. 
  9. Siehe Hannah Grünewald: Altkanzler Schröder als Friedensvermittler im Ukrainekrieg? Bei Die Zeit, 11.05.2026, online unter https://www.zeit.de/politik/2026-05/wladimir-putin-wolodymyr-selenskyj-ukraine-russland-nachrichtenpodcast. Schröder als Vermittler im Ukrainekrieg? Kann das ein Schritt Richtung Frieden sein? Bei Politik & Kommunikation, 16.05.2026, online unter https://www.politik-kommunikation.de/schroeder-als-vermittler-im-ukrainekrieg-kann-das-ein-schritt-richtung-frieden-sein/. Simon Widmer: Alt-Kanzler Gerhard Schröder Vermittler im Ukrainekrieg? Putins letzter Joker zeigt sich lieber von seiner privaten Seite, bei Tages Anzeiger, 11.05.2026, online unter https://www.tagesanzeiger.ch/schroeder-als-vermittler-putin-schlaegt-altkanzler-vor-399453415464
  10. Siehe Veronika Lehrl: Selenskyj warnt Belarus scharf vor Konsequenzen: Mögliche neue Front an der Grenze, bei Focus online, 22.05.2026, online unter https://www.focus.de/politik/ausland/selenskyj-warnt-belarus-scharf-vor-konsequenzen-moegliche-neue-front-an-der-grenze_bafed8af-d174-4e94-83c6-c988dedfd9cb.html. Vgl. Сакина Нуриева: В офисе Зеленского пригрозили Белоруссии ударами. Подоляк: Украина при необходимости может наносить удары по территории Белоруссии (Sakina Nurijewa: Selenskyjs Büro drohte mit einem Angriff auf Belarus. Podoljak: Die Ukraine könnte Belarus notfalls angreifen), bei Газета.ру, 28.02.2026 online unter https://www.gazeta.ru/politics/news/2026/02/28/27957535.shtml, in russischer Sprache. 
  11. Siehe „Unternehmen Armbrust“, bei Der Spiegel 48/1965, 23.11.1965, online unter https://www.spiegel.de/politik/unternehmen-armbrust-a-6373d21c-0002-0001-0000-000046275106. Vgl.  David Irving: The Mare’s Nest, London1964, online unter http://www.fpp.co.uk/books/MaresNest/index.html, S. 251–53, 257f. Irving hatte schon Jahre vor der offiziellen Bekanntgabe begriffen, dass die Briten den deutschen Enigma-Code gebrochen hatten. Vgl. auch Frederick I. Ordway III, Mitchell R. Sharpe, The Rocket Team, New York, 1979, online verfügbar unter https://archive.org/details/rocketteam0000ordw, S. 467f. 
  12. Siehe „Lettlands Verteidigungsminister tritt nach Drohnenvorfall zurück“, bei Spiegel Ausland, 10.05.2026, online unter https://www.spiegel.de/ausland/drohnen-vorfall-in-lettland-verteidigungsminister-andris-spruds-legt-amt-nieder-a-38dce9fd-da23-4f1a-80e4-27a8e58432ea und „Lettlands Verteidigungsminister zurückgetreten“, bei Tages Anzeiger, 10.05.2026, online unter https://www.tagesanzeiger.ch/lettland-verteidigungsminister-tritt-nach-drohnenvorfaellen-zurueck-837936545166. Vgl. „Lettlands Regierungschefin tritt zurück“, bei Tagesschau, 14.05.2026, online unter https://www.tagesschau.de/ausland/europa/lettland-regierungschefin-100.html

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