Die Angriffe der Ukraine auf Russland werden Russland nicht an den Verhandlungstisch zwingen. Ganz im Gegenteil.
(Red.) Russland hat in der Ukraine bisher deutlich gemacht, dass es kein Interesse hat, das ehemalige Bruderland mehr als nötig zu zerstören. Der Druck in Russland auf den Kreml aber steigt, der Welt endlich zu zeigen, was Russland kann, wenn es will. (cm)
In den vergangenen Wochen argumentieren immer mehr russische Experten und Kommentatoren, dass eine Eskalation des Stellvertreterkriegs zwischen Russland und dem Westen unvermeidlich werden könnte. Dieser Trend ist zu konstant, um bloß Zufall zu sein. Angesichts der zunehmenden Angriffe der Ukraine sehen viele Russen offenbar nur noch einen Ausweg.
Seit mehr als drei Jahren vermitteln westliche Regierungen, Thinktanks, Fernsehsender und große Zeitungen der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit, dass die Bewaffnung der Ukraine nicht nur eine Option, sondern die einzig moralisch vertretbare Politik sei. Verhandlungen mit Moskau galten nicht als Diplomatie, sondern als Kapitulation. Forderungen nach Kompromissen wurden wie ideologische Abweichungen behandelt. Anhaltender militärischer Druck werde stattdessen Putin letztlich „zu Verhandlungen zwingen“.
Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Italiener und andere wurden schrittweise darauf konditioniert, jeden ukrainischen Angriff tief im russischen Territorium als Zeichen dafür zu sehen, dass der Frieden — also Russlands Niederlage — näher rücke. Jeder Drohnenangriff auf eine Raffinerie, jede Explosion nahe eines Militärflugplatzes, jede Sabotageaktion gegen Infrastruktur galt als Beweis dafür, dass Russland strategisch erschöpft und psychologisch gebrochen werden könne. Das Problem damit ist nur: Russland lässt sich ungern zu irgendetwas zwingen. Russen verstehen sich als stolzes Volk, das Respekt einfordert.
In vielen westlichen Berichten über ukrainische Angriffe war eine spürbare Schadenfreude erkennbar. Berichte über Belgorod, die Krim, die Schwarzmeerflotte oder die russische Energieinfrastruktur wurden oft von einer gewissen Aufregung begleitet. Das emotionale Grundmuster war klar: Russland werde endlich gedemütigt.
Ähnlich war die Stimmung vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau. In westlichen Kommentaren wurde offen spekuliert, ein ukrainischer Angriff auf oder nahe dem Roten Platz würde eine verheerende symbolische Demütigung für den Kreml darstellen. Russische Beamte sollen westliche Diplomaten in Kiew zugleich gewarnt haben, ein solcher Angriff würde eine äußerst harte Reaktion provozieren.
„Die Russen bluffen nur“
Westliche Bürger und Experten, die vor einer Eskalation warnten, wurden häufig mit Spott behandelt. Die Vorstellung, Russland könnte irgendwann unvorhersehbar — vielleicht sogar irrational — reagieren, galt als „Hereinfallen auf russische nukleare Erpressung“. Moskaus Warnungen sollen nur als Theater verstanden werden. Jede frühere „rote Linie“, die nicht zu nuklearer Eskalation führte, wurde zum Beweis erklärt, dass auch die nächste bedeutungslos sei.
Diese Logik hat sich tief im strategischen Denken des Westens verankert. Russland eskalierte nicht nach den HIMARS-Lieferungen, nicht nach den Leopard-Panzern, nicht nach Storm Shadow, ATACMS oder Angriffen tief im russischen Hinterland. Also — so das Argument — werde Russland auch künftig jede Eskalation hinnehmen. Doch diese Interpretation beruht auf einer gefährlichen Annahme: dass die Zurückhaltung von gestern auch die Zurückhaltung von morgen garantiert.
„Hier ist ein Signal“
In Russland selbst wird die Lage anders diskutiert. Während westliche Medien russische Nuklearrhetorik als bloße Einschüchterung darstellen, hat sich die Debatte innerhalb Russlands deutlich verschärft. Russische Strategen, Sicherheitsratsmitglieder, Militäranalysten und Fernsehkommentatoren beschreiben den Krieg nicht als Konflikt mit der Ukraine, sondern als direkte existenzielle Konfrontation mit dem „kollektiven Westen“.
Und es bleibt nicht bei Worten. Zwischen dem 19. und 21. Mai finden groß angelegte Manöver der strategischen Nuklearstreitkräfte statt. Berichten zufolge nehmen rund 64.000 Soldaten, über 200 Raketenabschusssysteme, 140 Flugzeuge, 73 Kriegsschiffe und 13 U-Boote teil, darunter acht strategische Atom-U-Boote. Beteiligt sind die strategischen Raketentruppen, die Nord- und Pazifikflotte, die Luftstreitkräfte sowie Einheiten des Leningrader und der Zentralen Militärbezirke. Separate Übungen sollen den Einsatz taktischer Atomwaffen in Belarus simulieren.
Der pensionierte Oberst Viktor Litowkin erklärte gegenüber der „Rossijskaja Gazeta“, der Zeitpunkt der Übungen sei bewusst gewählt worden und richte sich als Signal an ausländische Zielgruppen. „Die Präsenz von acht strategischen Raketen-U-Booten ist eine ernste Angelegenheit“, sagte Litowkin. „Normalerweise geben wir solche Zahlen nicht bekannt. Dass es acht sind, ist beispiellos. Es ist ein sehr klares Signal.“
Der russische Oberst sprach ausdrücklich von einem „Signal an jene, die sich auf eine Aggression vorbereiten — vor allem an die Europäische Union und die NATO“.
Russland sieht sich längst nicht mehr im Krieg gegen die Ukraine allein. Das verändert die Logik der Eskalation grundlegend. Angriffe tief im russischen Territorium erscheinen aus dieser Perspektive nicht als isolierte Vorfälle, sondern als Tests dafür, wie weit Russland gedrängt werden kann, ohne entschlossen zu reagieren.
Dem Feind Angst einflößen
Einer der prominentesten Vertreter eines härteren Kurses ist Sergei Karaganow, wohl der einflussreichste russische Stratege, der offen für eine nukleare Eskalation argumentiert hat. Im Westen wird er oft als radikaler Nationalist dargestellt. Tatsächlich ist er tief in die außenpolitische Elite Russlands eingebunden: Ehrenvorsitzender des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, Mitbegründer des Waldai-Clubs und seit Jahrzehnten mit den strategischen Kreisen des Kremls verbunden.
In Interviews — darunter einem viel diskutierten Gespräch mit Tucker Carlson — argumentierte Karaganow offen, Russland müsse möglicherweise begrenzte Nuklearschläge gegen Europa erwägen, um „die Angst wiederherzustellen“ und Abschreckung neu zu etablieren. Er behauptete, Europas politische Eliten hätten ihren Selbsterhaltungstrieb verloren und würden die Konfrontation mit einer Nuklearmacht verantwortungslos eskalieren.
Diese Rhetorik wäre selbst im Kalten Krieg außergewöhnlich gewesen. Karaganow argumentiert seit Jahren, das „Atomtabu“ erodiere, weil mehrere Generationen von Europäern ohne existenzielle Angst gelebt hätten. Westliche Politiker diskutierten Atomwaffen zunehmend abstrakt, fast wie Variablen in einer Simulation. Aus russischer Sicht habe jede erfolgreiche Zurückhaltung paradoxerweise weitere westliche Eskalation begünstigt.
Auf Panzer folgten Langstreckenraketen. Geheimdienstkooperationen wurden ausgeweitet. Drohnenangriffe drangen tiefer nach Russland vor. Militärhilfen wurden umfangreicher. Diskussionen, die einst absurd wirkten – etwa Angriffe auf russische strategische Infrastruktur –, wurden allmählich salonfähig. Russische Falken sehen darin keinen Erfolg der Abschreckung, sondern deren Zusammenbruch.
Diese Wahrnehmung reicht weit über Karaganow hinaus. Dmitri Medwedew, einst als liberalere Figur innerhalb der russischen Führung betrachtet, hat sich zur vielleicht aggressivsten öffentlichen Stimme der Elite entwickelt. Viele westliche Beobachter lachen über seine Telegram-Beiträge, weil sie apokalyptisch und provokativ wirken.
Auch Wladimir Putin bezeichnet den Krieg als „Existenzkampf“ des Westens gegen Russland. Zugleich wurde 2024 die russische Nukleardoktrin erweitert: Atomwaffen könnten theoretisch auch als Reaktion auf groß angelegte konventionelle Angriffe eingesetzt werden, die von Atommächten unterstützt werden.
Das bedeutet nicht, dass Russland unmittelbar einen Atomschlag vorbereitet. Aber die politischen und doktrinären Grundlagen für eine Eskalation wurden sichtbar erweitert.
Die Gefahr liegt dabei nicht nur in militärischen Kalkülen, sondern in der Psychologie. Während des Kalten Krieges verband sowjetische und amerikanische Eliten zumindest eine gemeinsame zivilisatorische Angst vor dem Atomkrieg. Heute wirkt dieser Instinkt schwächer. Der politische Diskurs erinnert zunehmend an Tribalismus in sozialen Medien: Drohnenangriffe werden zu „Siegen“, Raketenangriffe zu „Botschaften“. Die Demütigung einer Atommacht wird fast beiläufig diskutiert — als hätte Demütigung in der Geschichte nie gefährliche Reaktionen ausgelöst.
Eine rationale Eskalation?
Der zentrale Widerspruch westlicher Rhetorik ist auffällig: Russland wird zugleich als irrational, paranoid und imperialistisch beschrieben — während man gleichzeitig erwartet, dass es unter unbegrenztem Druck dauerhaft rational und zurückhaltend bleibt.
Die Geschichte legt jedoch nahe, dass Mächte, die sich gedemütigt oder existenziell bedroht fühlen, gerade dann am gefährlichsten werden, wenn sie aufhören, innerhalb gewöhnlicher strategischer Kategorien zu denken.
Das moderne russische Selbstverständnis wurde durch Katastrophen geprägt: Invasion, Vernichtung, Überleben. 27 Millionen Sowjetbürger starben im Zweiten Weltkrieg. Ganze Städte verschwanden. Die Vorstellung kollektiver Ausdauer unter existenzieller Bedrohung besitzt bis heute einen nahezu heiligen Stellenwert im russischen Geschichtsbewusstsein.
Ob westliche Beobachter diese Mentalität für übertrieben oder manipulativ halten, ist letztlich nebensächlich. Entscheidend ist, dass viele einflussreiche Russen ihr Land tatsächlich durch diese Brille betrachten. Aus dieser Perspektive erzeugen Angriffe tief im russischen Territorium keinen Druck zum Kompromiss. Sie verstärken vielmehr die Überzeugung, Kompromiss sei gleichbedeutend mit Schwäche. Druck kann ebenso radikalisieren. Er stärkt oft gerade jene Kräfte, die argumentieren, Russland sei bislang zu vorsichtig und zu zurückhaltend gewesen.
Das bedeutet nicht, dass ein Atomkrieg unvermeidlich wäre. Selbst Hardliner in Moskau betonen regelmäßig, keinen globalen Konflikt anzustreben. Die russische Führung weiß, dass ein umfassender Atomkrieg Selbstmord wäre.
Die eigentliche Gefahr entsteht vielmehr dann, wenn beide Seiten überzeugt sind, die jeweils andere werde am Ende nachgeben. Jahrelang wurde der westlichen Öffentlichkeit versprochen, Eskalation werde den Frieden näherbringen. Doch trotz jahrelanger Eskalation bleiben die Frontlinien weitgehend statisch, Russlands Wirtschaft hat sich deutlich widerstandsfähiger gezeigt als viele westliche Prognosen erwarteten, und nukleare Rhetorik ist in einem Ausmaß normalisiert worden, das seit dem Kalten Krieg beispiellos erscheint.
Ukrainische Angriffe auf russisches Territorium werden Russland nicht zu Verhandlungen zwingen. Europa könnte eines Tages feststellen, dass es kein Realismus war, nukleare Risikopolitik als permanenten Bluff zu behandeln — sondern eine rücksichtslose Form des Wunschdenkens.
(Red.) Man vergleiche dazu die Erkenntnis der RAND Corporation, der wichtigsten Berater-Firma des US-Militärs, hier.