Menschen im Krieg – Die angebliche „Waffenruhe“ im Libanon bedeutet für die Bevölkerung weiter Tod und Zerstörung
(Red.) Karin Leukefelds Berichte sind keine wertlosen Produkte einer Schreibtisch-Täterin. Im Gegenteil! Sie hat viele Jahre in Syrien gelebt und hat dabei auch den Libanon oft besucht – und das auch jetzt wieder: Eben war sie wieder ein paar Wochen im Libanon und hat das Elend der Bevölkerung, das Israel mit seinen Bombardierungen unaufhörlich verursacht, mit eigenen Augen gesehen und teilweise auch fotografieren können. (cm)
„Warum passiert das mit uns, was machen die mit uns, wie lange soll das noch dauern?“ J. ist blass, das Kopftuch ist eng ums Gesicht gebunden, es fällt ihr schwer, die Tränen zurückzuhalten. Die Mitfünfzigerin ist ganz in schwarz gekleidet. Während des Krieges hat sie ihre Mutter verloren, die sie Jahrelang mit Hingabe gepflegt hatte.
Als Israel Anfang März begann, Libanon Tag und Nacht zu bombardieren, hatten sie, ihr Mann und die Tochter ihr Haus im Südlibanon verlassen. Mit den Familien ihres Schwagers und ihres Bruders waren sie nach Jezzine geflohen. Die Stadt liegt hoch in den Bergen inmitten von Pinienwäldern, Weinbergen und Obstgärten und ist ein beliebter Ausflugsort. Ferienwohnungen, die dort angeboten werden, wurden schon im Krieg 2024 Zufluchtsort für Familien aus dem Süden. Auch die Familie von J. war dort während des Krieges 2024, wo ein Familienangehöriger – der Ehemann der Tochter ihres Schwagers – eine Wohnung hat.
Doch als die Wohnung mit immer neu ankommenden Familienmitgliedern zu eng wurde, zogen J., ihr Mann und ihre Tochter weiter in den Norden in den Gebirgsort Beisour, wo eine befreundete Familie ihnen Zuflucht gewährte. Ihre Mutter reiste mit ihnen, trotz der Strapazen, die für die 85-jährige bettlägerige Frau mit der langen Fahrt verbunden waren.
Christen und Drusen in Beissour hatten schon 2024 die Inlandsvertriebenen aus dem Süden willkommen geheißen. J., ihr Mann und die Tochter waren froh über die erneute freundliche Aufnahme. Mitte März verstarb ihre Mutter und es war nicht einfach, die Genehmigung zu erhalten, während des Krieges in das Heimatdorf im Süden zurückzukehren, um die Mutter zu bestatten. Nicht alle Familienangehörigen, die in alle Winde vertreut waren, konnten kommen. Unmittelbar nach einer kurzen Zeremonie kehrte J. mit Familie zurück nach Beisour, wo sie bis zum 17. April blieben. An dem Tag sollte eine Waffenruhe beginnen, die US-Präsident Donald Trump ausgerufen hatte. Besser wäre vielleicht zu sagen, die er angeordnet hatte. Israel hielt sich nicht daran und Einheiten der Hisbollah widersetzten sich, mit Drohnen, Raketen und Sprengsätzen am Straßenrand gegen die feindlichen Militärfahrzeuge, dem Einmarsch der israelischen Armee auf das libanesische Territorium. Die massive Vertreibung der Bevölkerung setzt Israel inzwischen noch massiver und völlig ungestraft mit Kampfjets und Drohnen, mit Artilleriebeschuss und der systematischen Zerstörung von Wohnhäusern und Dörfern fort.
Trügerische „Waffenruhe“
J. und ihre Familie kehrten wie Zehntausende Libanesen mit Beginn der „Waffenruhe“ in ihre Heimatorte zurück. Doch schon bald war klar, dass Israel seine Angriffe auf die Menschen, Orte und Dörfer im Südlibanon fortsetzte. Die Menschen, die gerade zurückgekehrt waren, wurden erneut vertrieben, täglich gab es Tote, täglich wurden weitere Häuser und Lebensgrundlagen zerstört.
J. und ihr Mann hatten viele Jahre in den Golfstaaten gearbeitet, um sich nach der Rückkehr im Heimatdorf ein Haus bauen zu können. Beide kehrten erst zurück, nachdem die israelische Besatzungsarmee, die seit 1982 auch ihre Heimatdörfer im Süden des Landes besetzt gehalten hatten, durch den libanesischen Widerstand, vor allem der Hisbollah im Jahr 2000, aus dem Libanon vertrieben worden war. Damals kehrten viele Libanesen, die vor der Besatzung nach Beirut oder ins Ausland geflohen waren, in ihre Heimatorte im Südlibanon zurück. Sie bauten die Dörfer im Süden des Landes wieder auf, sie bauten Schulen und Kliniken und sie bauten neue Häuser, damit die nächste Generation ihre eigenen Familien gründen konnten.
Auch J. und ihr Mann kehrten zurück und bezogen ihr eigenes Haus, das sie von ihrem hart erarbeiteten Geld inmitten von Obstplantagen nahe am Meer gebaut hatten. Eine Tochter wurde geboren, die bis heute bei ihren Eltern lebt. Doch trotz der offiziellen „Waffenruhe“ fühlt sich die Familie in ihrem schönen Haus nicht mehr sicher. Rund um die Uhr brummen israelische Drohnen über ihnen, der Donner der Bomben, die israelische Kampfjets in den Bergen der nicht weit entfernten Hafenstadt Tyros abwerfen, ist auch bei ihnen oft noch zu hören. J. zog mit der Tochter ins Haus ihrer Schwester im Nachbarort um. Ihr Mann war meist in Beirut, um zu arbeiten.
Keine Zeit zu trauern
J. ist erschöpft, während sie über die vergangenen Wochen spricht. „Wir haben keine Zeit über die Toten zu trauern, wie es unsere Tradition vorsieht“, sagt sie leise. Jeder Tag bringe neue Ängste und neue Fragen, was sie tun sollten. Es sei schwer, über die Zukunft nachzudenken, Pläne zu machen. Jetzt sei sie froh bei ihrer Schwester zu sein und mit ihr die Erinnerungen an die Mutter teilen zu können. Ihre Tochter verstehe sich gut mit ihrer Cousine, der Tochter ihrer Schwester, die nur wenige Jahre jünger sei. Während die Ehemänner der beiden Schwestern in Beirut und in einer nahegelegenen Kleinstadt arbeiten, verbringen die Schwestern und ihre Töchter die Tage im Haus und verfolgen die Nachrichten. Sie fürchten erneut fliehen zu müssen, sollte Israel mit seinen Luftangriffen noch näherkommen, sagt J. Im Kofferraum ihrer Autos sind notwendige Dinge verstaut, sollten sie erneut fliehen müssen.
Bei einem Kaffee sitzen die Schwestern mit der Autorin zusammen, die die Familie seit vielen Jahren kennt. Das Gespräch dreht sich um Verluste, die andere Familienangehörige mitteilen. Der Schwiegersohn eines Schwagers hatte mit seinen Ersparnissen, die er in jahrelanger Arbeit im Ausland zusammengetragen hatte, unweit von Nabatieh zwei Häuser gebaut. Eines war für sich und seine Familie, eines wollte er vermieten. Nun sind beide Häuser von israelischen Bomben zerstört worden, erzählt J. „Einfach so zerstört, warum?!! Er hat beide Häuser so schön gebaut, ganz modern, der Bau war sehr teuer, alle seine Ersparnisse hat er verloren. Warum?!!“
Schon im Krieg 2024 hatte ein anderer Verwandter Hab und Gut verloren, als die israelische Luftwaffe sein Unternehmen für Baugeräte bombardierte. Sämtliche Bagger, Kräne, Transportfahrzeuge wurden bei dem Angriff zerstört. Wie eine Mahnung an die israelischen Verwüstungen im Libanon stehen die verbrannten Maschinen bis heute auf dem Hof. Dem Besitzer fehlt Geld, um sie abzutransportieren. Die von Israel zerstörten Baumaschinen fehlen, um Trümmer zu beseitigen und die Toten darunter zu bergen. Eine Antwort auf die Frage, warum Israel Hab und Gut der Bevölkerung zerstört, gibt es nicht. Israel sagt, es zerstöre Infrastruktur der Hisbollah – jeder im Libanon weiß, dass das nicht stimmt.
Der Tod von Haj Muhammad Hussein Harbi
Dann berichtet die Schwester von J. vom Tod ihres Schwiegervaters, der die ganze Familie und viele Menschen in der Region erschüttert hat. Es war am 15. April, als Abu Hussein, der Vater von Hussein, auf seinem Motorrad unterwegs war, um nach seinen Weizenfeldern und Obstbäumen zu sehen. Haj Muhammad Hussein Harbi war 1934 geboren worden, als es Israel noch gar nicht gab. Sein Leben lang war er Bauer gewesen und bearbeitete ein Weizenfeld und Obstbäume noch im hohen Alter. Ein Bauer kümmere sich um die Felder wie um seine Kinder, erklärte er einmal in einem kleinen Videoclip. Abu Hussein vertraute auf Nabi Berri und die Amal-Bewegung, die älteste Organisation, die für die Schiiten im Südlibanon entstanden war.
An diesem Mittwochnachmittag fuhr Abu Hussein mit seinem Motorrad die Küstenstraße Richtung Süden, sein Weizenfeld war nur wenige Kilometer entfernt. Er hörte die israelische Drohne nicht, die ihm folgte, die ihn beobachtete und dann eine Rakete auf ihn abfeuerte. Der 92-Jährige wurde getötet, sein Motorrad verbrannte.
Als der Leichnam geborgen wurde, fanden die Rettungssanitäter ihn in drei Teile zerrissen. Sie hinderten den ältesten Sohn daran, den Vater zu identifizieren, weil er nicht mehr zu erkennen war. Als einer der ältesten seines Dorfes war Haj Muhammad Hussein Harbi weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt. Er unterstützte immer die Sache der Amal-Bewegung, er setzte sich immer für ein friedliches Zusammenleben ein, sein Leben lang hat er sein Land nicht verlassen.
In einem Nachruf und Dankesschreiben der Familie ist ein Bild von Abu Hussein zu sehen, der einen Schal der Amal-Bewegung mit einem Bild von Nabi Berri trägt. „Die Familie des Oberhauptes der Märtyrer der Stadt Sarafand“ trauere um ihn, den „Märtyrer des zionistischen Verrats“, heißt es. Man bedanke sich für das Beileid Nabi Berris, das den Schmerz der Familie gelindert habe. Die Familie danke auch der Führung der Amal Bewegung, dem Block für Entwicklung und Befreiung und dem Obersten Islamischen Schiitischen Rat sowie den Einwohnern von Sarafand und allen Dörfern und Städte im Libanon für deren Beistand und das Mitgefühl, das sie der Familie entgegengebracht hätten. Die Familie danke allen, die ihre Liebe und Wertschätzung für den Märtyrer, seine Geschichte und sein Lebenswerk zum Ausdruck gebracht hätten. Die Familie bete dafür, dass niemandem Böses widerfahre. Das Dankesschreiben schließt mit den Worten: „Wir gehören Gott und zu ihm werden wir zurückkehren.“
Verschüttet unter Trümmern
Nur wenige Tage nach dem gewaltsamen Tod des Bauern Abu Hussein erhält die Autorin am 18. April eine Nachricht von der Frauenrechtsorganisation Wardah Boutros. Der Name geht zurück auf die Arbeiterin Wardah Boutros, die sich 1946 – kurz nach der offiziellen Unabhängigkeit des Libanon und dem Ablauf des französischen Mandats – an einem Streik für den Achtstundentag beteiligt hatte. Sie arbeitete in einer Tabakfabrik, deren Inhaber ein Franzose war. Der damalige Innenminister mobilisierte die Armee, um den Streik niederzuschlagen. Die Soldaten schossen auf die Streikenden und Wardah Boutros, die in der ersten Reihe gestanden hatte, wurde getötet.
Die Organisation Wardah Boutros setzt sich heute für Frauen im Krieg und im Frieden ein. Sie prangert Gewalt gegen Frauen an, sie hilft inlandsvertriebenen Familien und Frauen, aktuell unterstützt die Organisation Familien in Notunterkünften in Beirut und in Tyros. In der Nachricht am 18. April berichtet Wardah Boutros über eine junge Frau, die vor den israelischen Angriffen auf die südlichen Stadtteile von Beirut in Ain Mraisseh, einem alten, ruhigen Viertel direkt am Meer, Zuflucht gefunden hatte. Doch als am 8. April, dem „Schwarzen Mittwoch“, die israelische Luftwaffe einen Großangriff auf Libanon startete, blieb auch Beirut nicht verschont. Innerhalb von 10 Minuten wurden mehr als 100 Bomben abgeworfen. Auch der Zufluchtsort in Ain Mraisseh wurde getroffen.
Die junge Frau Zahraa Abboud war 26 Jahre alt und galt seit dem 8. April als vermißt. Schließlich wurde ein Teil von ihr gefunden und in ein Krankenhaus abtransportiert. Der andere Teil der toten Frau blieb unter den Trümmern verschwunden, ebenso gab es zwei Kinder, die nicht gefunden werden konnten. Als die Sucharbeiten eingestellt und das Abräumen der Trümmer beginnen sollte, meldete sich der Besitzer des Hauses und erklärte, nichts werde mit dem Haus geschehen, solange die noch vermissten Toten nicht gefunden worden seien.
Israel respektiert weder Leben noch Tod der Anderen
Die Toten nicht bergen zu können, ist eine schwere Last für Angehörige. Nach muslimischem Glauben sollten sie schnell bestattet werden, um ihre Ruhe zu finden. Wenn Tote unter Trümmern verschollen sind, durch Explosionen neuartiger, von Künstlicher Intelligenz gesteuerten Waffen zerteilt und gar nicht wiederzuerkennen sind, müssen DNA-Untersuchungen den Tod bestätigen, bevor sterbliche Überreste bestattet werden können. Die Überlebenden brauchen Zeit, um den Verlust ihrer Religion entsprechend zu betrauern und ihre Toten zu beerdigen.
Im Krieg ist das nicht möglich, wie schon die Verwüstung des palästinensischen Gaza-Streifens zeigte. Bis heute werden dort mehr als 10.000 Menschen vermisst. Sie könnten unter Trümmern liegen, die Israel mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht haben könnte. Erde, die von israelischen Besatzungstruppen besetzt und zu Militärbasen gemacht werden, Erde, zu der den eigentlichen Bewohnern des Landes der Zugang von Israel mit Waffengewalt versagt wird.
Israel respektiert nicht das Leben der Menschen in den Ländern, die es besetzen will, Israel respektiert auch nicht die Toten, die es zu verantworten hat. Als Israel Ende März 2026 drei indonesische Soldaten der UN-Friedensmission UNIFIL tötete, verhinderte die israelische Armee deren Evakuierung durch UNIFIL, die erst mehr als 24 Stunden später möglich war. Eine syrische Familie, die sich mit einem Auto aus einem Dorf im Süden des Libanon in Sicherheit bringen wollte und von einem israelischen Luftangriff getötet wurde, konnte von libanesischen Rettungskräften nicht geborgen werden, weil Israel den Zugang zu dem Ort des Angriffs mit Waffengewalt untersagte. Mit so genannten „Doppelschlägen“ tötet die israelische Armee zunächst Personen oder zerstört Fahrzeuge bei einem ersten Angriff. Wenn dann Rettungssanitäter oder Zivilschützer den Opfern zu Hilfe kommen wollen, werden diese in ihren Fahrzeugen mit einem zweiten Angriff getötet.
Der gezielte Mord an der libanesischen Journalistin Amal Khalil am 22. April im Südlibanon durch Israel wurde bekannt, weil sie die libanesische Armee, UNIFIL, ihre Redaktion, ihre Familie von der Verfolgung durch israelische Drohnen berichtet hatte. Sie berichtete, dass ihr Fahrzeug, mit dem sie und ihre Kollegin Zeinab Faraj unterwegs waren, zerstört worden war und dass sie sich in einem Haus versuchten, in Sicherheit zu bringen. Israel verhinderte die Evakuierung der beiden Journalistinnen und bombardierte das Haus, in dem sie Schutz gesucht hatten. Zeinab Faraj wurde schwer verletzt von Rettungssanitätern evakuiert, deren Rettungswagen ebenfalls beschossen wurde. Amal Khalik konnte erst spät in der Nacht nur noch tot geborgen werden. Stundenlang wurde die israelische Jagd auf die beiden Journalistinnen in den Medien verfolgt, Politiker und Organisationen appellierten an Israel, die Evakuierung zuzulassen. Doch Israel wollte die Journalistinnen beseitigen, Zeuginnen ihrer Verwüstung des Südlibanons sollten nicht leben dürfen. Die Täter bleiben ungestraft. Weder die USA noch Deutschland stellen ihre Waffenlieferung an Israel ein, nicht mal die Botschafter Israels werden einbestellt. Auf EU-Ebene verhindert Deutschland, dass das EU-Assoziierungsabkommen mit dem israelischen Staat ausgesetzt wird.
Der UN-Sicherheitsrat schweigt. Unklar ist, ob die libanesische Regierung, die für den Schutz ihrer Bürger zuständig sein sollte, die israelischen Verbrechen am Leben und am Tod der eigenen Staatsbürger bei den Vereinten Nationen oder dem Internationalen Strafgerichtshof zur Anzeige bringt. Der internationale Strafgerichtshof, der u.a. gegen den israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu Haftbefehl erließ, wurde von den USA mit Sanktionen bestraft dafür, dass er US-amerikanische und israelische Interessen behindere.
Kein sicherer Ort – nirgends
Am 28. April fährt die Autorin nach Nabatieh. In der Provinz liegen christliche und muslimisch-schiitische Dörfer nebeneinander. An der Schnellstraße, die die Hafenstadt Sidon mit Nabatieh verbindet, liegt Musaileh, ein Dorf, das für die christlichen Skulpturen bekannt ist, die hier gefertigt werden. Der weitläufige Verkaufsraum ist geschlossen, die Figuren stehen aufgereiht auf einer Mauer, als wollten sie die vorbei Reisenden grüßen und ihnen sichere Fahrt wünschen.
Doch je mehr man sich Nabatieh nähert, desto größer die Verwüstungen. Werkstätten, Läden entlang der Straße liegen verlassen, rechts und links sind Wohnhäuser zerbombt und bilden bizzare Trümmerskulpturen. Die große Younes Bäckerei steht noch, ist jedoch völlig ausgebrannt, das Nachbarhaus liegt in Trümmern.
Nabatieh, die Distrikthauptstadt der gleichnamigen südlibanesischen Provinz, gleicht einer Geisterstadt. Ein Regierungsgebäude, das zwei Wochen zuvor, am 10. April von israelischen Kampfjets direkt angegriffen wurde, liegt in Trümmern und ist ausgebrannt. Es war das örtliche Quartier der staatlichen Sicherheitskräfte, die meist den Stellungen der Libanesischen Armee angeschlossen sind. 13 Offiziere und Soldaten wurden bei dem israelischen Luftangriff gezielt getötet. Der libanesische Präsident Joseph Aoun beschwerte sich in einer öffentlichen Erklärung und verurteilte die anhaltenden Angriffe Israels. Auch wenn Israel libanesische staatliche Institutionen angreife, werde der Staat sich nicht davon abbringen lassen, seine Souveränität zu verteidigen, hieß es in der Erklärung. Doch mehr als Worte haben der libanesische Präsident und seine Regierung nicht, um das Land zu verteidigen. Die Bilder der 13 getöteten Angehörigen der libanesischen Sicherheitskräfte hängen zwischen Trümmern und ausgebrannten Wänden, über ihnen wölbt sich das Gerippe eines zertrümmerten Dachs. Der Boden ist mit weißen künstlichen Blütenblättern übersät. „Es waren Kollegen, Freunde, Söhne, Ehemänner, Brüder und Väter“, erinnert der Begleiter die Autorin. „Diese Regierung kann hier niemanden vor Israel schützen“.
Etwas außerhalb von Nabatieh liegt das Krankenhaus der Libanesischen Volkssolidarität Al Najda auf einem Hügel. Die Volkssolidarität war während des Bürgerkrieges (1975-1990) gegründet worden, Al Najda war die Hilfsorganisation der Kommunistischen Partei Libanon. Ziel war es, die Bevölkerung auch in den ländlichen Gebieten und Kleinstädten medizinisch zu versorgen, die Organisation arbeitete mit Spenden. Bei seinem Vormarsch auf Beirut 1982 tötete Israel einen der Gründer von Najda, den Arzt Hikmat al Amin. Er starb in einem der damaligen Gesundheitszentren bei einem gezielten Luftangriff, nach ihm ist das Krankenhaus in Nabatieh benannt.
Im Krieg 2024 konnte die Klinik mit der Unterstützung vieler Organisationen und Einzelpersonen aus dem Ausland die Menschen weiter versorgen, doch im aktuellen Krieg – der offiziell als „Waffenruhe“ bezeichnet wird – bleibt die Unterstützung aus. „Wir arbeiten jetzt als Feldlazarett“, erklärt Mona Abu Zeid, die Direktorin der Klinik. Dunkle Ringe liegen um die Augen, sie bekomme wenig Schlaf, sagt sie. 95 Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte wohnten in der Klinik, um stets an Ort und Stelle zu sein, wenn sie gebraucht würden. „Viele können gar nicht in ihre Dörfer oder Häuser zurück, weil die unter Beschuß oder zerstört sind.“ Alle blieben freiwillig, niemand könne gezwungen werden. „Wir können auch nicht so viel bezahlen, weil uns sehr viel weniger Gelder zur Verfügung stehen als noch vor zwei Jahren. Manche verlassen uns, wenn sie in Beirut oder Sidon in einem Krankenhaus Arbeit gefunden haben, wo sie besser bezahlt werden. Wir verstehen das.“
Drohnen, Kampfjets kreisten täglich, beschreibt sie die allgemeine Lage. Artilleriebeschuß gehöre auch dazu. Die eingelieferten Verletzten seien alle Opfer von Drohnen-, Artillerie- und Kampfjet-Beschuß. Die Verletzungen seien Kriegsverletzungen, auch von Streumunition oder Phosphor, was die israelische Armee einsetze. Wenn die Verletzten eingeliefert würden, müssten Blutungen gestoppt, teilweise schwere Verletzungen von den Metallstücken der Raketen erstversorgt werden. Häufig seien Amputationen notwendig. Zwei Betroffene seien eingeliefert worden, deren Köpfe von den scharfen Metallteilen abgetrennt worden seien.
Es sei unklar, welche Munition diese Art von Verletzung verursachten, sagt Dr. Chafic Fouani, der medizinische Leiter der Klinik. „Neulich haben wir eine vierköpfige Familie gehabt, die in ihrem Auto von einer Drohne angegriffen worden war. Beide Eltern, die vorne im Auto gesessen hatten, waren tot, berichtet der Arzt. Die beiden Kinder, 7 und 9 Jahre alt, die auf dem Rücksitz gesessen hatten, blieben unversehrt. „Uns ist unklar, welche Waffen diese Verletzungen und Tode verursachen, sagt Dr. Fouani. Nach den Angriffen müsse immer schnell gehandelt werden. Wenn die Verletzten gebracht würden, würden sie stabilisiert, um dann nach Sidon oder Beirut transportiert zu werden. „Wir haben keine Fachchirurgen, die orthopädisch, Gefäß-, Thorax- und Kardiovaskular operieren könnten.“ Manchmal käme Hilfe von Médecins sans Frontières, MSF, den Ärzten ohne Grenzen. Sie würden aus Beirut geschickt und könnten dann auch Verletzte vor Ort bei ihnen operieren. Das sei eine große Hilfe.
Das Krankenhaus der Volkssolidarität in Nabatieh kooperiert neben MSF auch mit anderen medizinischen Hilfsorganisationen wie dem Libanesischen Roten Kreuz, mit dem Libanesischen Zivilschutz und mit Hilfsorganisationen verschiedener libanesischer Parteien wie der Amal-Bewegung und der Hisbollah. Die Rettungssanitäter und ihre Fahrzeuge werden von der israelischen Luftwaffe und von Drohnen geradezu systematisch angegriffen, wenn sie hinausfahren, um die Opfer von israelischen Angriffen zu bergen.
Auf die Frage, ob die Angriffe und die Art der Munition dokumentiert werde, winkt Dr. Chafic ab. „Für wen sollen wir dokumentieren? Für den Internationalen Strafgerichtshof etwa? Die Richter haben Haftbefehl gegen Netanyahu erlassen und wurden von den USA dafür mit Sanktionen bestraft. Kümmert sich ein Staat in Europa etwa darum? Kümmert sich jemand um das, was hier geschieht?“ Man vermisse Unterstützung aus den europäischen Ländern. Die einzigen, die immer an ihrer Seite waren und sind, seien Freunde und Kollegen aus Katalonien. Manchmal käme eine Nachricht per Handy aus Deutschland oder Frankreich und sie würden gefragt, wie es ihnen gehe und dass sie durchhalten sollten ….. Dr. Chafic seufzt: „Was sollen wir sagen?“
Die Todesmaschinerie stoppen
Als am vergangenen Freitag, 15. Mai, die Medien melden, man habe in Washington einer Verlängerung der „Waffenruhe“ um 45 Tage im Libanon zugestimmt, folgen aus dem Libanon unmittelbar Nachrichten über neue Luftangriffe Israels im Süden des Landes. Am Nachmittag erhält die Autorin eine Nachricht von Dr. Mehdi, einem Arzt von Al Najda, der Libanesischen Volkssolidarität. Er sendet zwei Fotos, die das Gesundheitszentrum von Al Najda in Tyros, der südlichen Hafenstadt im Libanon zeigen. Das eine Foto zeigt das Zentrum vor, ein weiteres Foto zeigt das Zentrum nach einem israelischen Luftangriff auf Tyros, bei dem auch das Zentrum fast vollständig zerstört wurde. In einer Erklärung verurteilt Al Najda die israelischen Angriffe, die nur noch gegen „unbewaffnete Zivilisten, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Gesundheitszentren, Zivilschutz- und Rettungskräfte sowie Journalisten“ gerichtet seien, „die ihr Leben für die Verbreitung der Wahrheit riskieren“. Israel habe keine anderen Ziele mehr, so Al Najda. „Ihr eigentliches Ziel“ bestehe darin, „alle Grundlagen des Widerstands und des Lebens im Libanon zu zerstören, indem humanitäre, medizinische und Hilfsorganisationen ins Visier genommen werden, die zu Zufluchtsorten für Verwundete und unschuldige Bürger geworden sind.“ Der „böswillige und vorsätzliche Angriff“ auf das Al Najda-Zentrum in Tyros richte sich „gegen alle (…) die versuchen, die Wunden der Menschen zu heilen und ihren Widerstand unter diesen katastrophalen Umständen zu stärken.“ Das libanesische Volk werde sich nicht brechen lassen, man werde „standhaft bleiben“ und an seinem „Recht auf Leben und Würde festhalten, wie groß auch immer die Verluste und Opfer sein mögen.“
In einem Appell an die „libanesische, arabische und internationale Öffentlichkeit sowie an alle humanitären, menschenrechtlichen und medizinischen Organisationen“ fordert Al Najda, „gegen diese Verbrechen zu protestieren“ und Israel daran zu hindern, diejenigen zu töten, die den Menschen helfen wollten. Die „Maschinerie des Tötens und der Zerstörung“ müsse gestoppt werden.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums am 17. Mai wurden seit dem erneuten Kriegsbeginn Anfang März bei israelischen Angriffen 2.988 Menschen getötet und 9.210 als verletzt gemeldet. 128 medizinische Einrichtungen wurden gezielt von Israel zerstört und 107 Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Rettungssanitäter wurden von Israel getötet. Die Zahlen steigen täglich. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
„We are not numbers“, heißt es bei den Palästinensern und auch für die Libanesen gilt, dass sie keine Zahlen sind. Jedes Kind, jede Frau, jeder Mann, egal welchen Alters hat das gleiche Recht auf „Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit, Gleichberechtigung (….) und auf Lebensbedingungen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden (…).“ (Präambel der UN-Charta)
(Red.) Alle Fotos, wo nicht „privat“ steht, sind von Karin Leukefeld.