Israel bombt und bombt – und die Welt schaut zu …
(Red.) Seit einer Woche ist Karin Leukefeld, unsere erfahrene und regelmäßige Berichterstatterin aus dem sogenannten „Nahen Osten“, wieder im Libanon. Angekommen unternahm sie am 13. April mit Hamza, dem Fahrer, der sie seit vielen Jahren im Libanon begleitet, und mit einem Kollegen eine Fahrt durch die Stadt. Es war der zweite Tag des orthodoxen Osterfestes, ein Feiertag. Der „schwarze Mittwoch“ war erst wenige Tage vorbei, die Menschen standen noch unter Schock über den Blitzangriff Israels mitten am Tag, bei dem allein in Beirut mehr als 300 Menschen von Israel getötet wurden.
Inzwischen hat US-Präsident Donald Trump eine Waffenruhe für den Libanon verkündet. Dabei geht es ihm nicht um Libanon, es geht ihm darum, den Krieg gegen Iran, die derzeitige Waffenruhe und mögliche Gespräche mit Iran, zu einem von ihm favorisierten Ende zu bringen. Iran forderte als Voraussetzung für eine Lösung unter anderem einen regionalen Waffenstillstand und nannte ausdrücklich Libanon. Allerdings ist es kein Waffenstillstand, der am 17. April um 00:00 Uhr Libanon Ortszeit in Kraft trat, es ist nur eine Waffenruhe von 10 (!) Tagen. Israel will seine Truppen nicht aus dem Süden des Landes abziehen und unter den Libanesen herrscht große Skepsis, ob Israel – wie schon 2024 – auch diese Waffenruhe mit neuen Angriffen brechen wird. (Siehe dazu die neuste Meldung, wonach US-Präsident Donald Trump Israel gezwungen habe, diese Waffenruhe einzuhalten. Red.)
Dennoch haben sich Hunderttausende von Israel Vertriebene aus Tyros, Nabatieh, Sidon und den umliegenden Orten und aus der Bekaa-Ebene gleich früh am Morgen des 17. April von ihren Notunterkünften aus auf den Weg gemacht, um zu sehen, was von ihren Wohnungen und Häusern, von Feldern und Geschäften übriggeblieben ist. Bilder internationaler Medien zeigen enorme Verwüstung. Rund 1081 Gebäude hat Israel täglich in dem erneuten Krieg seit dem 2. März im Libanon zerstört, so eine Untersuchung des Libanesischen Nationalrates für Wissenschaftliche Studien (CNRS).
Davon aber handelt der folgende Text nicht, der auf der Fahrt der Autorin durch Beirut am 13. April beruht. Es geht um die Zerstörungen, die Israel am 8. April inmitten von Wohnvierteln in Beirut mit seinem „Blitzangriff“ verursacht hat.
Am „schwarzen Mittwoch“ tötete Israel in Beirut mehr als 350 Menschen
Das vergangene Wochenende war äußerlich ruhig in Beirut. Kliniken, Notunterkünfte, Hilfsorganisationen und die Libanesen selber versuchen, den Schock des „schwarzen Mittwoch“ in der vergangenen Woche (8.4.26) zu verkraften. Über der Stadt hängt das Brummen der israelischen Drohnen, die das Leben der Bevölkerung, ihre Wege, ihre Telefonate, ihre Gespräche scannen.
Diese Art der Dauerbewachung der Bevölkerung eines souveränen Landes ist völkerrechtlich verboten, doch Israel kümmert sich nicht um das Recht der anderen. Partnerstaaten Israels schweigen und sehen zu. Internationales Recht und die UN-Charta werden ebenso wenig geachtet wie die UN-Friedensmission im südlichen Libanon, UNIFIL. Drei indonesische UNIFIL-Soldaten wurden von der israelischen Armee getötet. Mehrere UNIFIL-Soldaten aus Frankreich, Ghana, Indonesien, Nepal und Polen wurden verletzt. Wenn schon UN-Friedenstruppen von Israel nicht geachtet werden, was sollen erst die Libanesen erwarten? (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Doch jetzt zu den Libanesen: „Wir haben so viele Probleme, dass wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen, uns Sorgen zu machen“, sagt eine Gesprächspartnerin und nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. „Die Leute rauchen zu viel“, sagt der Mann neben ihr. „Sie sollten das sein lassen.“
Der israelische Blitzangriff am 8. April erfolgte um die Mittagszeit. Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass der US-israelische Krieg gegen Iran für eine zweiwöchige Waffenruhe ausgesetzt worden war. Die israelische Antwort darauf war, in weiten Teilen des Zedernstaates 150 Ziele ohne Vorwarnung zu bombardieren, allein in der libanesischen Hauptstadt Beirut schlugen mehr als 100 Bomben ein. Die israelische Armee gab an, „mehr als 100 Kommandozentralen und Militärstützpunkte der Hisbollah“ bei den Blitzangriffen zerstört zu haben.
In Beirut war es Mittagszeit, als die Bomben einschlugen. Familien saßen zu Hause beim Mittagessen, Restaurants und Cafés waren gut besucht, dichter Verkehr kreiste durch die Straßen, in der ganzen Stadt waren Menschen beschäftigt.
In Manara
An der Küstenstraße bei Manara, unweit des Leuchtturms, traf es das Lamb House, Restaurant und Hotel mit bestem Blick aufs Meer. Wenige Hundert Meter oberhalb des Lamb House wurde ein Haus getroffen, in dem das beliebte Hanis Restaurant und ein Friseur, ein Barbershop, im Erdgeschoss untergebracht waren. Die darüberliegenden Wohnungen starren mit leeren Fensterhöhlen auf die Häuser gegenüber. Lamb House und Hanis Restaurant und die Häuser, wo sie waren, boten Menschen Essen und Wohnen. Die gesamte Gegend ist ein Wohnviertel, von militärischen Kommandozentralen keine Spur.
Zerstört wurden die Gebäude Berichten zufolge mit ferngelenkten Raketen von israelischen Kriegsschiffen, die vor der Küste des Libanon liegen. Das Lamb House Restaurant im Erdgeschoss wurde direkt vom Meer aus zerstört, die Rakete in Hanis Restaurant schlug vermutlich von oben in das Gebäude ein. Der Eingangsbereich zu Hanis Restaurant ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Jemand hat die vielen Grünpflanzen vor der Eingangstür zusammengeschoben.
In Mazraa
In Corniche al Mazraa, einem dicht bewohnten Viertel weiter südlich, schlugen die Bomben in ein zehnstöckiges Wohnhaus ein. Sämtliche umliegenden Gebäude sind unbewohnbar. Auf einem im Hinterhof liegenden Parkplatz sind sämtliche Fahrzeuge verbrannt, manche Autos wurden durch die Wucht der Explosion durch die Luft geschleudert und landeten auf den Trümmern des zerstörten Wohnhauses.
„54 Menschen sind hier getötet worden“, sagt der Kollege. Vermutlich seien noch nicht alle Toten geborgen worden. Ein Bagger trägt die Trümmer ab und schüttet sie auf einen Lastwagen, überall sind staubbedeckte Arbeiter zugange. In einem der schwer beschädigten Häuser werden Wände und Decken geprüft, in einem anderen Gebäude werden die ersten Mauern wieder aufgebaut. Dem Gebäude zur Hauptstraße hin ist durch die Explosion ein Teil der unteren Außenwand abgerissen worden. „Zur Straße hin ist Rafai, die bekannte Rösterei“, sagt der Kollege und zeigt auf das leuchtend orangene Schild. „Im hinteren Bereich waren die Mitarbeiter an den Röstmaschinen, sie wurden alle getötet,“ fährt er fort, Im vorderen Teil der Rösterei, dem Verkaufsraum hätten die Menschen verletzt überlebt. „Israel sagt, im Keller sei eine Drohnenfabrik der Hisbollah gewesen“, so der Kollege. Wie schon so viele Male zuvor wurde aber auch in dem Keller dieses Wohnhauses keine Drohnenfabrik gefunden.
Ein ältere Dame spricht den Kollegen an und berichtet, ihr Haus sei nur wenige hundert Meter entfernt, in einer Seitenstraße. Fenster seien kaputt gegangen, doch sonst sei für sie und ihre Familie alles in Ordnung. Sie sei Lehrerin an einer französischen Schule und verstehe nicht, warum jemand Wohnhäuser zur Mittagszeit aus dem Nichts bombardiere! Sie verstehe auch nicht, warum im Libanon immer Krieg sein müsse. Sie habe den Eindruck, die Libanesen seien schlechte Menschen, immer gegeneinander eingestellt. Das Haus sei ja von Israel bombardiert worden, wirft der Kollege ein. Ja, aber, viele Libanesen wollten doch immer nur Krieg. Natürlich nicht alle, aber viele liebten andere Länder mehr als Libanon, zeigt sie sich überzeugt. Dann entschuldigt und verabschiedet sie sich. Sie müsse nach Hause.
In Tallet Khayat
Tallet Khayat, zu Deutsch „Hügel des Schneiders“, ist ein vornehmes Wohnviertel am Rande des Stadtteils Verdun. Hier schlug eine Rakete in einem zehnstöckigen Wohnhaus ein und riß Wohnungen bis zum obersten Geschoß auseinander. Zu sehen sind die Schränke aller Wohnungen, an einem hängt noch ein grünes Hemd. Die Wohnungen wurden durch die Rakete vom hinteren Teil des Hauses abgetrennt und sind in einem Trümmerhaufen zusammengefallen. Unter den Trümmern liegt eine unbekannte Zahl getöteter Bewohner, heißt es. Auf den Trümmern hat jemand ein Plakat des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri befestigt.
Da sei ein Hinweis darauf, dass in dieser Gegend vorwiegend sunnitische Muslime lebten, erklärt der Kollege. Israel versuche mit den willkürlichen Bombenangriffen gegen alle Teile der libanesischen Gesellschaft diese gegeneinander aufzubringen. In der Nacht nach den Angriffen konnten drei Bewohner des Hauses auf Tallet Khayat aus dem obersten Stockwerk geborgen werden. Die zwei Frauen und ein Mann konnten über einen Kran mit Hilfe von Rettungshelfern herabsteigen. Augenzeugen dokumentierten die Szene mit einem Handy und verbreiteten die Aufnahme über soziale Medien.
In Jnah
Fährt man vom „Hügel des Schneiders“ Richtung Westen, kommt man am Rafik Hariri Krankenhaus vorbei in den Ortsteil Jnah. Von hier ist das Mittelmeer nicht mehr weit, man muss lediglich eine große Straße überqueren. Den Strand allerdings erreicht man doch nicht ohne Weiteres. Der öffentliche Strand, wo sich viele der Vertriebenen aus dem Südlibanon mit einfachen Zelten eine Bleibe schafften, mußte hier dem edlen Summerland Resort weichen, einer weitläufigen Strand- und Restaurantanlage für zahlende Gäste. Es gehört zur Kempinski Hotelkette.
Die Menschen, die in Jnah wohnen, sind arm. Sie sind Arbeiter, Erntehelfer, putzen oder helfen in Werkstätten. Hier wohnen Äthiopier, Sudanesen, Syrer und andere Ausländer in einfachen Häusern, das Viertel erinnert an die palästinensischen Flüchtlingslager im Land. Libanesen, die hier wohnen, lebten vor dem libanesischen Bürgerkrieg östlich von Beirut, wo sie Farmland hatten oder auf dem Farmland anderer arbeiteten.
In Jnah wurden zwei Häuser am „schwarzen Mittwoch“ zerstört. In einem wurden sieben Personen getötet, das andere Haus war leer, weil die Besitzerin den vorherigen Bewohnern gekündigt hatte. Das berichtet Hussan, ein hochgewachsener junger Mann. Aufmerksam beobachtet er den Bagger, der die Trümmer der Häuser auf einen Lastwagen schaufelt. Die Aufräumarbeiten habe die Stadtverwaltung angeordnet, sagt Hussan. Er gehe nicht mehr zur Schule, sondern arbeite bei seinem Onkel in einer Werkstatt, um der Familie zu helfen. Er wohne am anderen Ende von Jnah, er habe niemanden aus den Häusern gekannt. „Es waren arme Leute“, fügt der junge Mann hinzu. „Ich verstehe nicht, warum sie getötet und ihre Häuser zerstört wurden. Frauen, Kinder. Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann.“
Ein junger Mann untersucht die Trümmer, die die Bombardierung der israelischen Luftwaffe hinterlassen haben. Eine Sandschaufel für Kinder, ein Malbuch, einen Koran packt er in die Seitentasche seines Motorrades. Er wolle die Schaufel seinem Sohn mitbringen, sagt er. Die Frage, ob er zur Familie gehört habe, verneint er und signalisiert, dass er weitere Fragen nicht wünscht.
Auch die Autorin und ihre Begleiter sehen, was von den einst hier lebenden Menschen übriggeblieben ist: ein Koran, ein Koranlehrbuch, ein zerstörtes Motorrad, ein Kinderbuch. In einer Tasche, die halb geöffnet ist, liegt auf Kleidungsstücken ein verblasstes Farbfoto. Es zeigt ein Ehepaar, das stolz in die Kamera blickt. Neben ihnen sitzt Hassan Nasrallah und lächelt. Der langjährige Vorsitzende der Hisbollah kannte die Armut. Er war selber als Flüchtling in Karantina, einem Lager in der Nähe des Hafens von Beirut aufgewachsen. Im September 2024 wurde Nasrallah bei einem massiven Luftangriff von acht israelischen Kampfjets in Haret Hreik, einem Wohnviertel im Süden von Beirut, getötet.
Siehe dazu auch Karin Leukefelds Bericht zu Israels Bombardierungen im Libanon von 7. April.
(Red.) Wie die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT berichtet, hat Deutschland eben wieder die Lieferung von Militärgütern an Israel genehmigt …
Und wie eben berichtet wird, scheint Israel – tendenziell widerwillig – auf „Befehl von Donald Trump“ – der zehntägigen Waffenruhe zugestimmt zu haben.