Wiedergutmachung für die Sklaverei: Der Globale Süden erhebt bei der UNO seine Stimme gegen das kolonialistische Vergessen
Die Anerkennung der Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschheit erfordert, dass wir über den Diskurs der „Verzeihung“ hinausgehen, um konkrete Mechanismen zu schaffen, die die ererbten Ungleichheiten beseitigen.
Die kürzlich von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete Resolution, die den transatlantischen Sklavenhandel und die rassistische Versklavung von Afrikanern als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschheit” bezeichnet, stellt nicht nur eine symbolische Geste dar. Sie führt eine neue juristische und politische Sprache über die koloniale Vergangenheit und ihre Folgen in der Gegenwart ein.
Die Abstimmung – 123 Länder dafür, 3 dagegen, 52 Enthaltungen – konsolidierte eine internationale Mehrheit, die von afrikanischen und karibischen Ländern angeführt wird und darauf abzielt, die Debatte von der moralischen Erinnerung hin zu Gerechtigkeit im Sinne konkreter Wiedergutmachung zu verlagern.
Die von Ghana eingebrachte und vom Afrikanischen Block unterstützte Resolution stellt fest, dass die heutigen globalen Ungleichheiten nicht verstanden werden können, ohne anzuerkennen, dass ein Großteil der ursprünglichen Akkumulation des modernen Kapitalismus auf Zwangsarbeit, Enteignung und der Rassifizierung menschlicher Körper beruhte. Deshalb fordert der Text spezifische Maßnahmen: finanzielle Wiedergutmachung, Rückgabe von geraubtem Kulturgut und institutionelle Anerkennung des historischen Unrechts.
Die bioethische Dimension: Der menschliche Körper als Ware
Aus bioethischer Sicht stellt die Sklaverei eine der extremsten Formen der Negierung der menschlichen Würde dar: Sie hat nicht nur Freiheiten außer Kraft gesetzt, sondern Menschen in vererbbares, übertragbares und ausbeutbares Eigentum verwandelt. Darin liegt ihre besondere Schwere: Der Körper hörte auf, Rechtssubjekt zu sein, um zu einer wirtschaftlichen Produktionseinheit zu werden.
Die rechtliche Verwandlung von Menschen in übertragbares Besitzgut hinterließ ein außergewöhnliches historisches Zeichen: Nur wenige Institutionen haben die Unterordnung des menschlichen Körpers unter den wirtschaftlichen Wert so explizit auf den Punkt gebracht.
Daher beschränkt sich die heutige Debatte über Wiedergutmachung nicht auf eine symbolische Erinnerung, sondern kommt auf die Frage zurück, welche aktuellen Verantwortlichkeiten sich aus einer jahrhundertelang gesetzlich organisierten Gewalt ableiten.
Diese historische Tatsache erklärt, warum die aktuelle Debatte über den zeitlichen Verlauf der Abschaffung hinausgeht. Die Sklaverei wurde im 19. Jahrhundert in weiten Teilen der westlichen Welt rechtlich beseitigt, doch dies bedeutete nicht, dass die durch sie geschaffenen Strukturen aufgehoben wurden. Mit anderen Worten: Das rechtliche System wurde abgeschafft, aber die sozialen, rassischen und wirtschaftlichen Hierarchien, die dieses System festgeschrieben hatte, verschwanden nicht automatisch.
Die zeitgenössische Bioethik betont, dass es nicht ausreicht, ein vergangenes Unrecht festzustellen, wenn dessen Folgen in der Gegenwart weiterhin zu einer unterschiedlichen Vulnerabilität führen. Wenn ganze Bevölkerungsgruppen aufgrund historischer Hinterlassenschaften einen geringeren Zugang zu Wohlstand, Bildung, Gesundheitsversorgung oder politischer Vertretung haben, hört das Problem auf, ausschließlich eine Frage der Erinnerung zu sein, und wird zu einer Frage der Verteilung.
Die Klassenfrage: Die Sklaverei als Ursprung moderner Ungleichheit
Der heikelste Punkt dieser Resolution besteht darin, dass sie eine Diskussion über soziale Klassen auf globaler Ebene von Neuem aufgreift.
Die Sklaverei war zugleich eine Technik der rassistischen Herrschaft und ein Wirtschaftssystem der massiven Akkumulation von Reichtum. Die atlantische Expansion, die europäische Industrialisierung und die finanzielle Entwicklung im Westen waren mit dieser Ausbeutung menschlichen Wertes verbunden.
Deshalb argumentieren viele Länder des Globalen Südens, dass es nicht darum geht, heutige Generationen für weit zurückliegende Ereignisse moralisch zu verurteilen, sondern anzuerkennen, dass bestimmte heutige strukturelle Vorteile eine historische Grundlage haben.
An diesem Punkt zeigt sich eine grundlegende Spannung: Wenn sich das moderne globale Kapital auf einer radikal ungleichen Verteilung von Leben und Ressourcen konsolidiert hat, dann ist Wiedergutmachung nicht mehr nur ein symbolischer Akt, sondern wird zu einer Diskussion über Umverteilung.
Die 52 Enthaltungen bei der Abstimmung in der UN-Generalversammlung– vor allem aus Europa – zeugen von einer moralischen Anerkennung ohne rechtliche Verpflichtung. Viele europäische Staaten erkennen die historische Grausamkeit an, lehnen es jedoch ab, einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, der Vermögensansprüche, die massenhafte Rückgabe von Museumsgütern oder zwischenstaatliche Entschädigungen ermöglicht.
Der Widerstand stützt sich auf zwei Argumente: eine Hierarchisierung historischer Verbrechen soll vermieden werden; eine rechtliche Rückwirkung, die zu finanziellen Verpflichtungen führt, soll verhindert werden.
Politisch drückt diese Enthaltung jedoch noch etwas anderes aus: die Befürchtung, dass die Geschichte nicht mehr nur eine Erzählung bleibt, sondern zu einer fälligen Schuld wird.
Die politische Bedeutung der Gegenstimmen Argentiniens, der USA und Israels
Die Nein-Stimmen Argentiniens, der USA und Israels beruhen auf unterschiedlichen, wenn auch sich überschneidenden Gründen.
Im Falle der USA ist die zentrale Befürchtung ideologischer und finanzieller Natur: Formulierungen zu akzeptieren, die interne Forderungen nach Wiedergutmachung für die Sklaverei stärken könnten.
Israel vertritt seit Jahren eine kritische Haltung gegenüber dem Durban-Prozess, da es der Ansicht ist, dass dieses Forum dazu genutzt wurde, seine staatliche Politik unverhältnismäßig in Frage zu stellen.
Argentinien hingegen bringt seine jüngste geopolitische Neuausrichtung zum Ausdruck: Annäherung an harte westliche Positionen und eine Abkehr von multilateralen Agenden, die historisch von Lateinamerika unterstützt wurden. Diese Geste ist politisch bedeutsam, da sie mit einer argentinischen diplomatischen Tradition bricht, die mit einem Konsens über Menschenrechte im Globalen Süden verbunden ist.
Das historische Paradoxon: die Sklaverei ist abgeschafft, die Ungleichheit bleibt bestehen
Einer der heikelsten Punkte der Debatte besteht darin, einen häufigen Irrtum zu vermeiden: zu glauben, dass die Diskussion über die Sklaverei ausschließlich der Vergangenheit angehört, nur weil sie vor mehr als einem Jahrhundert abgeschafft wurde.
Die Geschichte zeigt, dass die rechtliche Abschaffung die Strukturen der Ausgrenzung nicht automatisch aufgelöst hat. In vielen Ländern folgten auf die formale Freiheit Segregation, Ausschluss vom Bildungswesen, Vermögensbeschränkungen und Unterordnung am Arbeitsplatz.
Deshalb stuft die UN-Resolution die Sklaverei als aktives Erbe ein: eine historische Architektur, deren Auswirkungen noch immer Klassen-, Rassen- und Machtverhältnisse prägen.
Ein Streit um Erinnerung … und um die Zukunft
Es geht nicht nur darum, wie die Vergangenheit erinnert wird, sondern auch darum, wer den politischen Preis dafür zahlt, sie uneingeschränkt anzuerkennen.
Die Resolution ist rechtlich nicht bindend, gibt der internationalen Debatte jedoch eine neue Richtung: Zum ersten Mal bekräftigt eine so große Mehrheit die Auffassung, dass historische Gerechtigkeit sich nicht in der moralischen Verurteilung erschöpft.
Das 20. Jahrhundert hat Rechte verankert; das 21. Jahrhundert hat begonnen, sie einzufordern.
Diese Resolution schließt keine Rechnung ab, sondern eröffnet die Akte einer historischen Schuld, die die internationale Politik nicht länger ignorieren kann.
(Red.) Der Beitrag von María Fernanda de la Quintana erschien im Original bei teleSUR. Übersetzung aus dem Spanischen von Marta Andujo.
Zur Autorin: María Fernanda de la Quintana aus Argentinien ist Journalistin. Abschluss in Natur- und Geisteswissenschaften und in Bioethik, Spezialisierung auf Bioethik und Menschenrechte.