Für die USA war es immer eines der wichtigsten Ziele in der Außenpolitik, Deutschland und Russand auseinanderzuhalten, weil diese zwei Länder zusammen – Deutschlands Industrie und Russlands Bodenschätze – wirtschaftlich den USA sehr gefährlich werden könnten. Siehe Globalbridge, wo zu diesem Thema wichtige Infos zu finden sind.

Zeitgewinn um jeden Preis – Russland binden, China einhegen

(Red.) Ein weiterer Beitrag in der neunteiligen Serie von Michael Hollister. Siehe zum Aufmacherbild oben das wichtige Bild mit der Fortsetzung des Textes am Ende des Beitrags von Michael Hollister. (cm)

Die Vereinigten Staaten befinden sich an einem geopolitischen Scheideweg. Noch immer verfügen sie über militärische Überlegenheit, ein weit gespanntes Netz von Allianzen und den Dollar als Weltreservewährung. Doch die ökonomische Dynamik hat sich verschoben: China ist längst nicht mehr nur Werkbank der Welt, sondern ein Konkurrent, der in Hightech, Raumfahrt, Künstlicher Intelligenz und Finanzwesen aufholt. Für Washington stellt dies möglicherweise die größte strategische Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg dar.

Die zentrale Frage lautet: Handelt es sich bei den verschiedenen aktuellen Konflikten um historische Zufälle – oder um Bausteine einer Gesamtstrategie? Die folgende Analyse untersucht diese Hypothese, ohne zu behaupten, dass alle beschriebenen Entwicklungen bewusst orchestriert sind. Sie zeigt jedoch: Die strukturellen Zwänge und das beobachtbare Muster weisen in eine eindeutige Richtung.

Historisch gilt: Imperien geben ihre Macht nie freiwillig ab. Rom kämpfte über Jahrhunderte an mehreren Fronten, das britische Empire suchte durch Kolonialkriege seine Dominanz zu bewahren. Auch die USA haben seit 1945 durch Stellvertreterkriege, Interventionen und wirtschaftliche Sanktionen jeden Konkurrenten in Schach gehalten – vom Iran über Kuba bis Irak und Libyen. Heute ist China der Rivale, der den USA langfristig die globale Vormacht streitig machen könnte.

Think Tanks in Washington sprechen von einem Zeitfenster von höchstens acht bis zehn Jahren. Die RAND Corporation kam in ihrer Studie „War with China: Thinking Through the Unthinkable“ (2016) zum Ergebnis: Je länger der potenzielle Konflikt hinausgezögert wird, desto ungünstiger die militärische Balance. Dies war vor zehn Jahren! 
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) simulierte 2023 in „The First Battle of the Next War“ einen Krieg um Taiwan.
Ergebnis: Die USA können Taiwan verteidigen, aber nur knapp, und nur jetzt. In fünf bis zehn Jahren ist Chinas Marine zu stark.

Diese Perspektive erklärt möglicherweise, warum die USA derzeit mehrere Konfliktherde gleichzeitig steuern.

Betrachtet man die Ukraine-Krise durch die Brille geopolitischer Strategie, erfüllt sie mehrere Funktionen, die den USA nützen – unabhängig davon, ob dies von Anfang an beabsichtigt war oder sich zufällig so entwickelt hat.

Die Energieabhängigkeit Deutschlands von russischem Gas galt in Washington seit Jahrzehnten als Risiko. Bereits zu Zeiten des Kalten Krieges dokumentierten Strategiepapiere die Sorge, dass ein Bündnis zwischen deutschem Technologiewissen und russischen Rohstoffen eine unkontrollierbare Supermacht in Eurasien schaffen könnte. Der amerikanische Geostratege Zbigniew Brzezinski warnte in seinem Buch „The Grand Chessboard“ (1997) explizit vor einer deutsch-russischen Achse als Bedrohung für die amerikanische Hegemonie.

Nord Stream 2 verkörperte genau diese Sorge. Eine Pipeline, die Deutschland mit billigem russischem Gas versorgte, machte die deutsche Industrie wettbewerbsfähiger und stärkte gleichzeitig Russlands Position in Europa. Für Washington war das eine doppelte Bedrohung: ökonomisch und strategisch.

Der Ukraine-Krieg hat dieses Problem dauerhaft gelöst. Deutschland kauft heute amerikanisches LNG zum Vierfachen des russischen Preises – laut Bundeswirtschaftsministerium stiegen die Energiekosten für die Industrie 2022 um durchschnittlich 140 Prozent. BASF verlagert Produktion nach China und in die USA. Die Chemieindustrie, Deutschlands Rückgrat, schrumpft. Thyssenkrupp, Volkswagen, Siemens – alle kündigen Werksschließungen und Massenentlassungen an.

Die deutsche Industrie verliert ihre Kostenvorteile. Russland verliert seinen wichtigsten europäischen Partner. Die USA gewinnen einen Markt für teures Flüssiggas und schwächen gleichzeitig einen wirtschaftlichen Konkurrenten.

Die Ukraine bindet Russland in einem Dauerzustand der Überlastung. Hunderttausende Soldaten, Milliardenverluste durch Sanktionen, politische Isolation – Moskau ist an seiner Westfront fixiert. Selbst wenn die USA ihre direkte Unterstützung reduzieren sollten, bleibt Russland voraussichtlich in dieser Falle gefangen.

Damit ist ein potenzieller Partner Chinas in Asien gebunden. Russland kann im Ernstfall Peking kaum helfen – nicht militärisch, nicht wirtschaftlich, nicht politisch.

Die Ukraine dient als Rechtfertigung gegenüber den europäischen Bevölkerungen für massive Aufrüstung. Tatsächlich haben „europäische Verbündete und Kanadas ihre kollektiven Investitionen in Verteidigung stetig erhöht – von 1,43 Prozent ihres kombinierten BIP im Jahr 2014 auf 2,02 Prozent im Jahr 2024“, wie offizielle NATO-Daten belegen.

Konkrete Zahlen untermauern diese Entwicklung: Weltweite Militärausgaben erreichten 2.718 Milliarden Dollar im Jahr 2024, ein Anstieg von 9,4 Prozent real gegenüber 2023 – der steilste Anstieg seit mindestens dem Ende des Kalten Krieges. Polen investiert über 20 Milliarden Euro in neue Panzer und Raketenabwehr, Deutschland hat ein 100-Milliarden-Sondervermögen beschlossen, die baltischen Staaten stocken ihre Budgets auf Rekordhöhen.

Eine alternative Interpretation wäre freilich, dass Europa eigenständig auf russische Aggression reagiert und die USA lediglich traditionelle Bündnisverpflichtungen erfüllen. Doch die Zahlen zeigen eine bemerkenswerte Synchronität: „Wenn europäische NATO-Mitglieder die Wachstumsrate von 2024 beibehielten, würden die Verteidigungsausgaben einen Durchschnitt von drei Prozent des BIP innerhalb von fünf Jahren und fünf Prozent innerhalb von zehn Jahren erreichen.“

Das strategische Ziel – ob bewusst verfolgt oder emergent entstanden – könnte sein: Europa trägt in absehbarer Zeit die Hauptlast der Russland-Fixierung.

Je stärker die EU aufrüstet, desto mehr können die USA ihre Kräfte aus Europa abziehen und auf den Indopazifik konzentrieren. Die „Indo-Pacific Strategy“ der USA, so dokumentiert, „zielt breit darauf ab, die umliegenden Länder um China zu nutzen, um dessen Einfluss zu schwächen.“

Die Logik ist zwingend: Wenn Europa Russland militärisch binden kann, haben die USA in Asien freie Hand. Die PESCO-Strukturen, die im vorherigen Teil dieser Serie analysiert wurden, schaffen genau diese Grundlage. Europa baut eine Armee auf, die operativ agieren kann – unter NATO-Kommando, aber ohne direkte US-Truppen vor Ort.

Was bedeutet das konkret? Europa wird zum Frontstaat gegen Russland. Die Kosten trägt Europa: Deindustrialisierung durch hohe Energiepreise, soziale Einschnitte durch Aufrüstung, Risiko einer direkten militärischen Konfrontation. Die USA gewinnen strategische Flexibilität.

Noch problematischer für Washington wäre eine feste Allianz zwischen Russland und China. Bereits heute kooperieren beide in Energiefragen, beim Militär und in der Diplomatie. Ein koordiniertes Auftreten in einer Taiwan-Krise könnte die US-Strategie scheitern lassen.

Aus dieser Sicht erscheint es logisch, Moskau militärisch zu beschäftigen und ökonomisch einzubinden. Diskutiert wird in Fachkreisen die teilweise Freigabe eingefrorener russischer Vermögenswerte in Höhe von rund 300 Milliarden Euro. Diese könnten zweckgebunden freigegeben werden – für Investitionen, die Moskau an den Westen binden.

Damit würde Russland möglicherweise ein Interesse entwickeln, den Konflikt mit den USA nicht weiter eskalieren zu lassen. Ein gebundenes, ökonomisch abhängiges Russland ist kein verlässlicher Helfer für China.

Der Indopazifik ist das entscheidende Schlachtfeld der Zukunft. Taiwan nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein:

  • Strategisch: Der „unsinkbare Flugzeugträger“ direkt vor Chinas Küste 
  • Symbolisch: Vorzeigemodell einer westlichen Demokratie 
  • Ökonomisch: Heimat der weltführenden Halbleiterproduktion (TSMC) 

Die CSIS-Kriegsspiele von 2023 zeigen: Die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation steigt. Von 24 simulierten Szenarien endeten 18 mit einem militärischen Sieg der USA – aber nur unter enormen Verlusten und nur unter der Annahme, dass Taiwan und Japan aktiv kämpfen.

Hier wird die Analyse spekulativer, aber historisch fundiert. Die Geschichte kennt Fälle, in denen Zwischenfälle als Kriegsrechtfertigung inszeniert oder instrumentalisiert wurden:

Golf von Tonkin (1964): Am 2. August 1964 kam es zu einem echten Feuergefecht zwischen nordvietnamesischen Torpedobooten und dem US-Zerstörer USS Maddox. Zwei Tage später meldete die Maddox erneut einen Angriff – dieser zweite Angriff fand jedoch nie statt. Radarstörungen und nervöse Besatzungsmitglieder hatten Phantomziele erzeugt. Das Pentagon wusste es. Präsident Lyndon B. Johnson wusste es. Der Kapitän der Maddox selbst meldete Zweifel.

Dennoch nutzte Johnson den „Zwischenfall“, um dem Kongress die „Tonkin-Resolution“ abzuringen – faktisch eine Kriegserklärung ohne formelle Kriegserklärung. Der Vietnam-Krieg eskalierte. 58.000 amerikanische Soldaten starben. Millionen Vietnamesen verloren ihr Leben. Erst 2005 gaben die National Security Archives offiziell zu: Der zweite Angriff fand nie statt.

Brutkastenlüge (1990): Am 10. Oktober 1990 trat eine 15-jährige Kuwaiterin namens „Nayirah“ vor dem US-Kongress auf. Unter Tränen berichtete sie, irakische Soldaten hätten im besetzten Kuwait Frühgeborene aus Brutkästen gerissen und auf dem kalten Boden sterben lassen. Die Geschichte ging durch alle Medien. Präsident George H. W. Bush zitierte sie mehrfach. Die amerikanische Öffentlichkeit war empört.

Nach dem Krieg stellte sich heraus: „Nayirah“ war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington. Sie war von der PR-Agentur Hill & Knowlton gecoacht worden, die von der kuwaitischen Regierung 10 Millionen Dollar für eine Pro-Kriegs-Kampagne erhielt. Die Geschichte war frei erfunden. Kein einziger dokumentierter Fall konnte je bestätigt werden.

Nordstream-Sprengung (2022): Am 26. September 2022 explodierten die Nord Stream 1 und Nord Stream 2 Pipelines in der Ostsee. Bis heute ist offiziell ungeklärt, wer die Sprengung durchführte. Schweden und Dänemark stellten Untersuchungen ein, ohne Ergebnisse zu veröffentlichen. Der investigative Journalist Seymour Hersh beschuldigte die USA – Washington dementierte.

Doch das Ergebnis liegt auf dem Tisch: Deutschland kauft amerikanisches LNG, Russland verliert wirtschaftliche Hebelwirkung, Europa ist energiepolitisch von den USA abhängig. Wer auch immer die Pipelines sprengte – die strategischen Gewinner stehen fest.

Bei Taiwan wäre das Muster ähnlich denkbar: Ein Zwischenfall in der Taiwanstraße – etwa ein „Angriff“ auf US-Aufklärer, ein versenktes taiwanesisches Schiff, ein Raketenangriff auf amerikanische Verbündete – könnte als Begründung für militärische Intervention dienen.

Konkrete Szenarien, die diskutiert werden:

Szenario 1: Kollision auf hoher See
Ein chinesisches Kriegsschiff kollidiert mit einem US-Zerstörer in internationalen Gewässern nahe Taiwan. Amerikanische Matrosen sterben. Washington beschuldigt Peking, absichtlich gerammt zu haben. China bestreitet es. Die Beweislage bleibt unklar – aber die Eskalationslogik ist aktiviert.

Szenario 2: Cyberangriff mit Opfern
Ein massiver Cyberangriff legt Taiwans Stromversorgung lahm. Krankenhäuser fallen aus, Menschen sterben. Die USA beschuldigen China. Peking dementiert. Auch hier: Beweisführung im Cyberraum ist komplex, Schuldzuweisungen sind politisch.

Szenario 3: Blockade und „Unfall“
China verhängt eine Seeblockade gegen Taiwan – offiziell eine „militärische Übung“. Ein taiwanesisches Versorgungsschiff durchbricht die Blockade. Chinesische Schiffe eröffnen das Feuer. Taiwan ruft die USA um Hilfe. Washington muss entscheiden: Eingreifen oder zusehen, wie Taiwan fällt.

Das Ziel wäre nicht, China zu besiegen. Das ist militärisch unmöglich – China hat Atomwaffen, eine riesige Armee und die größte Marine der Welt. Das Ziel wäre, China durch Blockaden, Sanktionen und militärische Präsenz einzudämmen – langfristig, systematisch, mit Unterstützung von Japan, Südkorea, Australien, Indien, den Philippinen.

Die Einkreisung ist bereits im Gange: AUKUS (Australien, UK, USA), Quad (USA, Japan, Indien, Australien), verstärkte Militärpräsenz auf den Philippinen, neue Stützpunkte in Papua-Neuguinea. China wird systematisch umzingelt.

Kritiker wenden ein, dass solche Spekulationen ohne konkrete Belege Verschwörungstheorien gleichkommen. Tatsächlich könnte China auch eigenständig eine Eskalation herbeiführen, ohne US-Zutun. Xi Jinping hat öffentlich erklärt, Taiwan sei „eine historische Aufgabe, die nicht auf kommende Generationen verschoben werden kann.“ Die Gefahr ist real – unabhängig davon, wer den ersten Schritt macht.

Die historischen Beispiele zeigen jedoch: Zwischenfälle als Kriegsrechtfertigung sind keine Fantasie, sondern dokumentierte Realität. Und die strategische Logik spricht dafür, dass Washington ein Interesse haben könnte, China jetzt einzuhegen – bevor es zu spät ist.

Die zugrundeliegende strategische Logik – falls sie existiert – lautet: Es geht nicht um totale Siege, sondern um das Schaffen von Fesseln.

  • Russland wird in Europa gebunden – militärisch durch die Ukraine, ökonomisch durch Sanktionen und mögliche spätere Investitionen 
  • China wird in Asien eingehegt – durch militärische Koalitionen (AUKUS, Quad), Technologie-Embargos (Chips, KI) und ökonomische Blockaden 
  • Europa trägt die Kosten – durch Deindustrialisierung, soziale Einschnitte und militärische Aufrüstung 

Washington gewinnt Zeit – das kostbarste Gut für ein alterndes Imperium.

Allerdings gibt es auch Gegenargumente: Die USA sind selbst geschwächt durch innenpolitische Spaltung, Staatsverschuldung und militärische Überdehnung. Möglicherweise reagieren sie nur auf Entwicklungen, statt sie zu steuern. Die Foreign Policy Research Institute bemerkt dazu, dass „der grand strategic shift to pivot to the Asia-Pacific from the Middle East fast ein Jahrzehnt zur Umsetzung brauchte aufgrund verschiedener bürokratischer Hürden.“ Diese Perspektive spricht eher für institutionelle Trägheit als für brillante Planung.

Ein düsteres Zusatzszenario, das in einigen Kreisen diskutiert wird: Die Europäische Union steht vor einer Krise ihres Wachstumsmodells. Dauerwachstum, das Fundament der EU, stößt an Grenzen. Deutschland verliert durch Deindustrialisierung und Energiekrise seine Rolle als Motor. Die sozialen und fiskalischen Spannungen nehmen zu.

Die strukturellen Probleme sind massiv:

Demografischer Kollaps: Europas Bevölkerung altert schneller als jede andere Region außer Japan. Die Rentensysteme sind nicht finanzierbar. Die Schulden steigen. Die Produktivität sinkt.

Deindustrialisierung: Die Energiewende ohne billige Energie macht europäische Produktion unrentabel. BASF baut in China, nicht in Ludwigshafen. Tesla baut in Texas, nicht in Brandenburg. Europas industrielle Basis erodiert.

Sozialer Druck: Migration, Inflation, sinkende Reallöhne – die Mittelschicht schrumpft. Populistische Parteien gewinnen. Die politische Stabilität bröckelt.

Fiskalische Grenzen: Italiens Staatsschulden liegen bei 140 Prozent des BIP, Griechenlands bei 170 Prozent. Die EZB hält die Eurozone durch Anleihenkäufe zusammen – aber wie lange noch?

In der Geschichte wurden solche Krisen oft durch Kriege „gelöst“ – 1914 führte zur Zerschlagung alter Imperien, 1945 ermöglichte den Aufbau einer neuen Ordnung. Der Marshallplan, der europäische Wiederaufbau, die Gründung der EWG – all das entstand aus den Trümmern des Krieges.

Könnte ein großer Konflikt in Europa auch als systemischer Reset dienen? Zerstörung, dann Neuaufbau mit billigem Kapital, neuer Infrastruktur, neuen Schulden, die niemand zurückzahlen muss, weil sie im Wiederaufbau aufgehen. Politisch ließe sich daraus vielleicht sogar eine neue Integrationsstufe begründen – die „Vereinigten Staaten von Europa“, geboren aus der Notwendigkeit gemeinsamer Verteidigung und gemeinsamen Wiederaufbaus.

Diese Spekulation ist extrem umstritten und entbehrt jeder konkreten Evidenz. Kein Politiker würde öffentlich einen Krieg als „Lösung“ für strukturelle Probleme bezeichnen. Doch sie zeigt, wie tief die Krise des europäischen Wachstumsmodells reicht – und wie verzweifelt manche nach Auswegen suchen.

Die historische Parallele: Nach 1945 war Europa zerstört, aber auch entschuldet, erneuert, integriert. Der Kalte Krieg zwang zur Einheit. Die wirtschaftliche Not erzwang Reformen. Aus den Trümmern entstand das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte.

Könnte Europa den Krieg nicht nur erleiden, sondern auch instrumentalisieren, um sich selbst neu zu gründen? Die Frage ist düster – aber sie wird gestellt.

Fairerweise müssen alternative Interpretationen erwähnt werden:

1. Reaktive Strategie: Die USA reagieren nur auf russische und chinesische Aggressionen, statt sie zu provozieren. Die NATO-Erweiterung folgte legitimen Sicherheitsbedürfnissen kleinerer Staaten, nicht amerikanischer Planung.

2. Ökonomische Interessen: Handelskonflikte entstehen durch Konkurrenz, nicht durch geopolitische Planung. Unternehmen treiben Entscheidungen, nicht Strategen.

3. Institutionelle Trägheit: Verschiedene US-Behörden verfolgen unterschiedliche, teils widersprüchliche Ziele. Der „Pivot to Asia“, so Kritiker, „wurde als Amerikas Anerkennung verkauft, dass die Zukunft in Asien liegt. Die Realität war jedoch weitaus unordentlicher.“

4. Chinas Eigenverantwortung: China könnte Taiwan auch eigenständig angreifen, ohne US-Provokation. Pekings Ambitionen sind real, nicht konstruiert.

Diese Einwände sind berechtigt. Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen beiden Extremen – zwischen brillanter Planung und opportunistischem Reagieren.

Die Einzelteile fügen sich zu einem Muster – aber ist es bewusste Strategie, emergente Logik oder nachträglich erkennbare Interpretation?

Die Fakten sind eindeutig:

  • Die Ukraine trennt Deutschland und Russland, bindet Moskau militärisch und rechtfertigt europäische Aufrüstung 
  • Europa wird zum Rüstungsblock, der voraussichtlich die Russland-Fixierung langfristig übernehmen soll 
  • Russland wird möglicherweise ökonomisch angebunden, um eine feste Allianz mit China zu verhindern 
  • China wird durch Taiwan-Spannungen, militärische Koalitionen und Technologie-Embargos eingedämmt 

Das Ergebnis wäre kein Endsieg – es wäre ein Aufschub. Zeit, die die USA dringend brauchen könnten, um ihre Dominanz zu verlängern. Doch die Rechnung zahlen andere: Europa verliert seine industrielle Basis, Russland seine strategische Freiheit, China seine globale Integration.

Ob dies das Ergebnis brillanter Strategie, glücklicher Umstände oder emergenter Logik ist, bleibt offen. Doch eines ist klar: Die Kosten trägt nicht Washington.

Doch was passiert, wenn dieses Szenario tatsächlich eintrifft?

Wenn Russland in Europa gebunden ist – militärisch, ökonomisch, politisch. Wenn die USA China im Pazifik einhegen – durch Blockaden, Sanktionen, militärische Präsenz. Wenn Europa seine Ressourcen in Aufrüstung statt in Wirtschaft steckt.

Wenn alle drei Supermächte gleichzeitig derart beschäftigt sind, dass sie außer dieser Beschäftigung keine Kapazitäten mehr frei haben.

Welche Konsequenzen hätte das für die Welt?

Im letzten und finalen Teil dieser Serie werden wir genau diese Frage untersuchen.

Ich kann Ihnen jetzt schon sagen: Ich habe in meinem Leben noch nie so sehr gehofft, dass ich mit meiner Analyse falsch liege.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.  

… Die Fortsetzung des Aufmacherbildes ganz oben. Die USA mussten immer auf „Teufel komm raus“ dafür sorgen, dass Deutschland und Russland nicht freundschaftlich zusammenkommen … Für die USA war es immer eines der wichtigsten Ziele in der Außenpolitik, Deutschland und Russand auseinanderzuhalten, weil diese zwei Länder zusammen – Deutschlands Industrie und Russlands Bodenschätze – wirtschaftlich den USA sehr gefährlich werden könnten. Siehe Globalbridge, wo zu diesem Thema wichtige Infos zu finden sind.

Think Tank Studien

  1. RAND Corporation (2016): David C. Gompert, Astrid Stuth Cevallos, Cristina L. Garafola: „War with China: Thinking Through the Unthinkable“, Research Report RR-1140-A
    https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR1140.html
  2. Center for Strategic and International Studies (2023): Mark F. Cancian, Matthew Cancian, Eric Heginbotham: „The First Battle of the Next War: Wargaming a Chinese Invasion of Taiwan“, Januar 2023
    https://www.csis.org/analysis/first-battle-next-war-wargaming-chinese-invasion-taiwan
  3. RAND Corporation (2015, Update 2023): „The U.S.-China Military Scorecard: Forces, Geography, and the Evolving Balance of Power“
    https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR392.html
  4. RAND Corporation (2021): „Implementing Restraint: Changes in U.S. Regional Security Policies to Operationalize a Realist Grand Strategy of Restraint“
    https://www.rand.org/pubs/research_reports/RRA739-1.html
  5. Center for Strategic and International Studies (2020): „Forecasting Change in Military Technology, 2020-2040“
    https://www.csis.org/search?keyword=Forecasting+Change+in+Military+Technology%2C+2020-2040
  6. Foreign Policy Research Institute (15.05.2025): „Charting the End State for US Strategy Toward China“
    https://www.fpri.org/article/2025/04/charting-the-end-state-for-us-strategy-toward-china/
  1. Wikipedia: „United States foreign policy toward the People’s Republic of China“
    https://en.wikipedia.org/wiki/United_States_foreign_policy_toward_the_People%27s_Republic_of_China
  2. Strafasia: „The Western Containment Strategy: The US and Allies Against China’s Rise“
    https://strafasia.com/the-western-containment-strategy-the-us-and-allies-against-chinas-rise/
  3. Asia Times (2025): „US ‚pivot to Asia‘ never happened and likely never will“
    https://asiatimes.com/2025/01/us-pivot-to-asia-never-happened-and-likely-never-will/
  4. Wikipedia: „East Asian foreign policy of the Obama administration“
    https://en.wikipedia.org/wiki/East_Asian_foreign_policy_of_the_Obama_administration
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