Das Stalingrad-Moment

Ein Krieg, der als begrenzte Operation deklariert wird, entfaltet eine Dynamik, die weit über militärische Kalküle hinausreicht – historisch, religiös und geopolitisch. Der Nahost-Experte Michael Lüders spricht von einem Kipppunkt, der die Weltordnung verändern könnte.

„Egal, was man vom politischen System im Iran hält oder nicht, der Angriff der USA und Israels auf den Iran ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Daran gibt es nichts zu beschönigen oder zu interpretieren.“ Mit dieser Setzung beginnt Michael Lüders seinen Vortrag, und es ist keine beiläufige Bemerkung. Es ist eine juristische und moralische Festlegung. „Es ist ein freiwillig gewählter Krieg der USA und Israels mit dem erklärten Ziel eines Regimewechsels im Iran“, sagt er. Die Wortwahl ist unmissverständlich. Lüders insistiert auf dem Begriff des Angriffskrieges, nicht des Präventivschlags, nicht der Verteidigungsmaßnahme, nicht der Eskalation in einer unübersichtlichen Lage, sondern eines „völkerrechtswidrigen Angriffskrieges“, der „durch nichts zu rechtfertigen“ sei.

Er erinnert daran, dass noch eine Stunde vor Beginn der Angriffe Verhandlungen unter Vermittlung Omans stattfanden und „vor einer Lösung standen“. Dennoch sei die Entscheidung zum Angriff gefallen. Für Lüders ist dies kein Zufall, sondern Indiz einer strategischen Linie. Weder Washington noch Tel Aviv hätten jemals ernsthaft beabsichtigt, sich mit Teheran zu arrangieren. Ziel sei vielmehr, „den letzten verbliebenen hegemonialen Staat in der Region auszuschalten“, der westlichen Vorherrschaftsansprüchen im Nahen und Mittleren Osten im Wege stehe. Die Begründungen – Atomprogramm, ballistische Raketen, Sicherheitsinteressen – seien rhetorische Vorfelder gewesen. „Am Ende hat man die Katze aus dem Sack gelassen: Regimewechsel.“

Damit verknüpft Lüders eine historische Erinnerung. Das Atomabkommen von 2015, von der EU-Troika mitverhandelt, sei funktionsfähig gewesen, bevor es 2018 von Donald Trump aufgekündigt wurde. Er spricht von einer wiederholten Inszenierung. Verhandlungsbereitschaft als Fassade und militärische Eskalation als Ziel. In dieser Lesart erscheint der Krieg nicht als Folge gescheiterter Diplomatie, sondern als deren bewusste Sabotage.

Schärfer noch wird Lüders, wenn er die europäische Reaktion analysiert. Dieselben Regierungen, die den russischen Krieg gegen die Ukraine als Angriffskrieg verurteilten, hätten nun „keinerlei Veranlassung“ gesehen, den amerikanisch-israelischen Angriff in gleicher Weise zu bewerten. Stattdessen sei vor allem die iranische Vergeltung kritisiert worden. Diese Asymmetrie bezeichnet er als Glaubwürdigkeitsverlust. „Man kann nicht russisches Vorgehen in der Ukraine mit großen Worten verurteilen und gleichzeitig aber mit Blick auf den Iran so tun, als sei es ein völlig normaler Vorgang.“ In dieser doppelten Norm erkennt er eine Erosion europäischer Rechtsrhetorik. Der Westen habe seine „Heuchelei zur Staatsräson erkoren“ und verliere damit im globalen Süden jede moralische Autorität.

Doch Lüders’ Argumentation bleibt nicht auf der Ebene diplomatischer Inkonsistenz stehen. Er verortet den Kern der Eskalation in einer Dimension, die in europäischen Debatten kaum Beachtung finde: der religiösen. Die Ermordung des Revolutionsführers Ajatollah Ali Khamenei – Lüders spricht ausdrücklich von „Ermordung“ – sei nicht nur ein politischer Akt, sondern ein symbolischer Einschnitt. „Es ist ungefähr so, als würde jemand den Papst ermorden“, sagt er, um die Bedeutung im schiitischen Kontext zu verdeutlichen. Khamenei sei die höchste religiöse Instanz der Zwölfer-Schiiten gewesen. Seine Tötung erhebe ihn in den Rang eines Märtyrers.

Lüders zieht die historische Linie bis zur Schlacht von Kerbela im Jahr 680. Der schiitische Gründungsmythos, das Narrativ vom gerechten Unterliegen gegen eine Übermacht, präge das kollektive Bewusstsein bis heute. In dieser Perspektive erscheine die Ermordung Khameneis als „Kerbela 2.0“. Wieder stehe eine schiitische Führung einer feindlichen Macht gegenüber, wieder werde sie gewaltsam ausgelöscht. „Diese Begrifflichkeiten sind uns fremd, aber sie sind sehr wirkmächtig“, warnt Lüders. Die religiöse Mobilisierungskraft könne „Hunderte von Millionen“ erreichen. Proteste in Pakistan und Kaschmir seien nur ein Vorzeichen.

Hier liegt der Kern dessen, was Lüders das „Stalingrad-Moment“ nennt. Der Angriff auf den Iran markiere einen Kipppunkt, einen „Tipping Point“, an dem sich militärische Überlegenheit in strategische Selbstüberschätzung verkehre. Wie einst die deutsche Wehrmacht in Stalingrad den Bogen überspannt habe, so könnten nun die USA und Israel erkennen, dass sie eine Dynamik entfesselt hätten, die sich nicht kontrollieren lasse. „Man gewinnt Kriege nicht mit Waffen allein“, sagt Lüders. Wer religiöse Identität, historische Demütigung und geopolitische Einkreisung ignoriere, zünde eine Lunte, deren Explosion sich über Jahre oder Jahrzehnte erstrecken könne.

Zur geopolitischen Eskalation tritt die ökonomische. Die Schließung der Straße von Hormus,, durch die rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls sowie etwa ein Fünftel des globalen LNG-Handels transportiert werden, sei eine strategische Waffe ersten Ranges. „Es braucht nur einen Tanker in Flammen“, so Lüders, um den Transport dauerhaft zu unterbrechen. Selbst die bloße Erklärung der Sperrung reiche aus, da keine Versicherungsgesellschaft Schiffe ohne Deckung fahren lasse. Die Folgen für Energiepreise und Volkswirtschaften seien unabsehbar. Deutschland, das sich von russischen Energielieferungen gelöst habe, gerate in eine noch stärkere Abhängigkeit von den USA. Auch dies sei Teil der strategischen Verwerfungen.

Lüders’ Analyse ist von der Überzeugung getragen, dass militärische Gewalt hier nicht zu Regimewechsel, sondern zu Regimeverfestigung führe. Er zitiert Ajatollah Khamenei, der den irakischen Angriffskrieg der 1980er Jahre rückblickend als „Segen“ bezeichnet habe, weil er die Reihen schloss und Opposition marginalisierte. Auch jetzt werde der äußere Angriff die Überlebensdauer des Systems verlängern. Die Vorstellung, Bombardements könnten eine prowestliche Opposition an die Macht tragen, sei „völlig abwegig“.

Er geht weiter und zieht eine Linie zurück bis 1953. Der Putsch gegen Mohammad Mossadegh, orchestriert von CIA und MI6, habe die islamische Revolution von 1979 mit vorbereitet. Geschichte wirke in Generationen. Wer heute interveniere, müsse mit Folgewirkungen rechnen, die sich erst in Jahrzehnten entfalten. In dieser historischen Tiefendimension erscheint der aktuelle Krieg als weiteres Kapitel einer langen Kette von Eingriffen und Gegenreaktionen.

Am Ende seines Vortrags greift Lüders auf Hannah Arendt zurück. Bereits 1944 habe sie gewarnt, ein Staat, der auf Gewalt gründe und seine Interessen mit externer Supermachtunterstützung durchsetze, könne in der Region keinen dauerhaften Bestand haben. Diese Mahnung sei aktueller denn je. Lüders formuliert die Frage, ob eine friedliche Koexistenz im Nahen Osten unter den gegenwärtigen Vorzeichen überhaupt möglich sei, oder ob Expansion und Eskalation zur Struktur geworden seien.

Seine Worte sind von Unruhe getragen. „Man kommt sich so ein bisschen vor wie auf der Titanic“, sagt er. Die politische Führung in Europa habe die Tragweite der Stunde nicht begriffen. Der Krieg gegen den Iran habe das Potenzial, sich zu einem Flächenbrand auszuweiten, in dem regionale Konflikte ineinandergreifen. Russland und China würden aus geostrategischen Gründen nicht tatenlos zusehen. Selbst der Einsatz nuklearer Waffen sei nicht auszuschließen. „Alles ist denkbar“, lautet sein düsteres Resümee.

Das „Stalingrad-Moment“ ist in Lüders’ Deutung eine Zäsur im Selbstverständnis westlicher Machtpolitik. Es bezeichnet den Punkt, an dem Hybris und strategische Kurzsichtigkeit in einen strukturellen Rückschlag umschlagen. Der Iran werde einen hohen Preis zahlen, vielleicht einen furchtbaren. Doch besiegen lasse sich dieses Land nicht. „Ein Land mit einer 5000-jährigen Kultur“, sagt Lüders, lasse sich nicht in die Steinzeit bomben, um anschließend in einem „Groß-Israel“ in Frieden zu leben. 

Lüders zeichnet das Bild einer Welt, in der normative Ordnungen brüchig geworden sind, in der religiöse Symbolik geopolitische Kalküle überlagern. Es ist Anklage und Warnruf zugleich. Er fordert, den Angriff klar zu benennen, Deeskalation zu suchen und die ideologischen Scheuklappen abzulegen. „Man sollte nicht Zerstörung mit Befreiung verwechseln“, sagt er. Der Krieg, so Lüders, bringe keine Erlösung, sondern eine Spirale von Gewalt, deren Ende nicht abzusehen sei. Wer dies ignoriere, riskiere mehr als eine regionale Krise. Er riskiere eine Verschiebung der Weltordnung – ein Stalingrad im globalen Maßstab.

Zum Vortrag von Michael Lüders.

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