Was die Wissenschaftlerin Natalja Tanschina hier im Interview sagt, stimmt mit den Erfahrungen der Russland-Reisenden in jeder Hinsicht überein: Es gibt in Russland keinen Hass gegen den Westen, auch nicht gegen die Deutschen. Auch ich, Christian Müller, Herausgeber der Online-Plattform Globalbridge, habe das in Russland, wo ich schon im Jahr 1986 erstmals war, immer wieder erlebt: liebenswerte Menschen, hilfsbereit, offenherzig. Und was Natalja Tanschina hier im Interview sagt, wie der Russenhass heute vor allem über die westlichen Medien erzeugt wird, ist leider nur allzu wahr! Als promovierter Historiker und professioneller Journalist kann ich mich für die heutigen westlichen Medien – auch in der Schweiz! – nur noch schämen.

Russische Historikerin Natalja Tanschina: „Russophobie ist eine Form des Rassismus“

Natalja Tanschina ist eine russische Historikerin, Professorin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und Russophobie-Spezialistin. Stefano di Lorenzo von Globalbridge konnte mit ihr sprechen. „Russophobie als Ideologie ist eine Reaktion auf ein starkes Russland“, sagt die russische Historikerin.

Frage: Natalja Tanschina, wie kam es dazu, dass Sie Expertin für Russophobie wurden?

Natalja Tanschina: Ich bin spezialisiert auf die Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert, die Geschichte der internationalen Beziehungen und die russisch-französischen Beziehungen. Mein Schwerpunkt liegt auf den Jahren 1830 bis 1840. Und beim Studium der internationalen Beziehungen konnte ich nicht übersehen, dass die Haltung gegenüber Russland in Europa, gelinde gesagt, ambivalent war. Dabei gab es das „Europäische Konzert“ der Großmächte, die „Pentarchie“, also die fünf damaligen Führungsmächte: das Russische Reich, Großbritannien, das Österreichische Reich, Frankreich und Preußen. Das heißt, einerseits war Russland eine Großmacht, die den anderen gleichgestellt war, aber seine Erfolge, seine Macht, die es im Laufe der Napoleonischen Kriege erlangt hatte, riefen Ärger und Feindseligkeit hervor – obwohl es auch anders war und viele europäische Intellektuelle Russland als Vorbild sahen. All dies habe ich in zahlreichen Texten französischer Publizisten, Politiker und Reisender gesehen. So begann ich mich mit dem Thema Russophobie zu beschäftigen, und zwar lange vor der jetzt aktuellen Krise. Aber damals wurde ich sogar in russischen Fachzeitschriften gebeten, das Wort „Russophobie“ durch ein neutraleres zu ersetzen, weil dieses Thema auch in Russland bis zu einem gewissen Grad als tabu und unwissenschaftlich galt. Das für mich ursprünglich wichtigste Buch zum Thema Russophobie war das brillante Werk des Schweizers Guy Mettan.

Frage: Was ist Russophobie?

Natalja Tanschina: Unter Russophobie verstehe ich eine komplexe Ideologie westlichen Ursprungs, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat, deren Wurzeln jedoch Jahrhunderte zurückreichen. Russophobie ist eine Form des Rassismus. Russophobie basiert auf einer verächtlich-arroganten Haltung gegenüber Russland und den Russen. Sie behauptet die böse Natur und Minderwertigkeit des russischen Volkes, in deren Rahmen die Russen und Russland als Staat ausschließlich negativ als Gegenpol und Bedrohung für die Werte der westlichen „zivilisierten“ Welt wahrgenommen werden. Russophobie basiert einerseits auf archetypischen irrationalen Ängsten vor Russland und der Ablehnung einer fremden Welt, andererseits ist sie ein rationaler Mechanismus des Wettbewerbs mit Russland, eine Technologie zu dessen Unterwerfung sowie ein Mittel zur Lösung eigener nationaler Probleme und eine Waffe im Kampf um die internationale Vorherrschaft des Westens.

Frage: Das Thema Russophobie ist heute sehr aktuell. Aber Russophobie ist kein neues Phänomen. Woher kommt sie? Was sind ihre Ursprünge und historischen Ursachen?

Natalja Tanschina: Russophobie als Ideologie entstand im 19. Jahrhundert, und 1836 führten englische Journalisten den Begriff „Russophobie“ ein, um die übertriebene Angst ihrer eigenen Politiker vor der sogenannten russischen Bedrohung zu verspotten. Die Ursprünge der verächtlichen, arroganten und sogar feindseligen Haltung gegenüber Russland und den Russen reichen jedoch Jahrhunderte zurück. Der wichtigste Faktor dafür, dass Russland allmählich als andersartig und sogar fremd wahrgenommen wurde, war die Annahme des östlichen Christentums durch Rus im Jahr 988. Im Jahr 1054 kam es zum Großen Schisma, die christliche Kirche spaltete sich in die katholische und die orthodoxe Kirche, und die Russen wurden in Europa allmählich als Nichtchristen, Schismatiker und Spalter wahrgenommen. Nachdem es nicht gelungen war, den russischen Staat zur Union mit der römisch-katholischen Kirche zu bewegen und gemeinsame Maßnahmen gegen das Osmanische Reich (15.-16. Jahrhundert) zu erreichen, geriet Russland in die Kategorie der Feinde der „zivilisierten“ Welt. Bereits unter Peter dem Großen erkannten die Europäer, dass sie es nicht mit einem „rückständigen“ Moskau zu tun hatten, sondern mit einem sich intensiv entwickelnden Staat. Peters Erfolge führten dazu, dass sich in Europa zwei Sichtweisen auf Russland herausbildeten: die Idee eines „russischen Trugbildes“ und die der „russischen Bedrohung“. 

Frage: Glauben Sie nicht, dass Russophobie Gründe haben könnte, die auf den realen historischen Erfahrungen einzelner Länder und Völker beruhen?

Natalja Tanschina: Russland ist nie als Aggressor nach Europa gekommen. 1814 waren russische Truppen als Befreier von Napoleon Bonaparte in Europa, und Kaiser Alexander I. bestand darauf, dass Frankreich als Großmacht erhalten blieb. 1945 waren sowjetische Truppen als Retter vor der „braunen Pest“ in Europa. Doch schon unmittelbar nach dem Ende der Napoleonischen Kriege verbreitete sich in Frankreich und ganz Europa die Angst, Russland könnte bereit sein, Europa zu erobern, und die Russen wurden mit den Hunnen verglichen. Dasselbe geschah nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Sowjetunion als aggressive, nach Expansion strebende Macht wahrgenommen wurde. Genau zu dieser Zeit wurde in den USA die „Doktrin der Eindämmung“ formuliert. Russland und die Sowjetunion stellten keine Bedrohung für den Westen dar. Es handelte sich um sogenannte „Phantasieängste“, über die der bekannte amerikanische Forscher Larry Wolff schreibt. 

Frage: Heute gelten die baltischen Staaten und Polen als die russlandfeindlichsten Länder. Wie kam es dazu? Hat Russland gegenüber diesen Ländern irgendwelche Fehler gemacht?

Natalja Tanschina: Es geht hier überhaupt nicht um Fehler Russlands. Für die polnischen Eliten ist Russophobie Teil der nationalen Identität und in gewisser Weise auch Teil der nationalen Ideologie geworden. 

Die Beziehungen zwischen Russland und Polen sind, wie der bekannte russische Historiker des 19. Jahrhunderts Sergej Solowjow sagte, Beziehungen der „Freundschaft und Fehde“. Das liegt vor allem an der Territorialfrage: Ursprünglich war ganz Westrussland (das heute aus der Ukraine und Belarus besteht) ein Gebiet, das sowohl die Russen als auch die Polen als ihr nationales Territorium betrachteten. Das goldene Zeitalter Polens war die Polnisch-Litauische Union, und entsprechend nahmen die Polen den Zerfall dieses Staates sehr schmerzlich auf und beschuldigten gerade das Russische Reich für den Zusammenbruch der polnischen Staatlichkeit. Dabei waren an der Teilung Polen-Litauens Russland, das Österreichische Kaiserreich und Preußen beteiligt, und Russland holte sich lediglich die von den Polen weggenommenen russischen Gebiete zurück. Darüber hinaus gewährte Kaiser Alexander nach dem Wiener Kongress 1815 dem Königreich Polen eine Verfassung und weitgehende Autonomie, doch die nach Unabhängigkeit strebenden Polen reagierten darauf mit einem Aufstand im Jahr 1830.  Es ist wichtig zu wissen, dass Polen als das Russland territorial am nächsten gelegene katholische Land historisch gesehen die wichtigste Informationsquelle über die Russen für Westeuropa war. Gerade die Polen galten in Europa zu allen Zeiten als die wichtigsten „Experten“ für Russland. Seit dem Mittelalter betrachteten die Europäer unser Land oft durch die polnische Brille und sahen Russland wie in einem Zerrspiegel. 

Was die baltischen Staaten betrifft, so gab es während der Zeit des Russischen Reiches keine negativen Aspekte, und die Ostdeutschen bekleideten in Russland wichtige staatliche Ämter. In der Sowjetzeit war die Entwicklung der baltischen Staaten auf einem sehr hohen Niveau, da die sowjetischen Behörden sie zu einer Art Schaufenster machten. Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begannen die Balten, ihre Identität gerade auf der Antithese zu Russland, auf der Ablehnung der russischen Vergangenheit aufzubauen.    

Frage: Ist Russophobie ausschließlich ein westliches Phänomen? Oder gibt es sie auch in anderen Ländern?

Natalja Tanschina: Russophobie ist eine Ideologie, die ihren Ursprung im Westen hat. Der Westen hat Russland nach dem Prinzip der binären Gegensätze wahrgenommen, unter anderem indem er den „zivilisierten“ Westen dem „barbarischen, despotischen“ Osten gegenübergestellt hat. Das heißt, der Westen hat Russland dem Osten zugeordnet. Dabei war Russland für den Osten nie „der Osten“, und die Russen sind Menschen europäischer Kultur und christlicher Tradition. Zentren der Russophobie waren Frankreich, Polen und Großbritannien. Großbritannien aus Gründen der Konkurrenz; für Frankreich wurde die Russophobie gewissermaßen zu einer kompensatorischen psychologischen Reaktion auf die Niederlage von 1815. Im Osten gab es keine Russophobie, in Afrika gab es keine. Russophobie entsteht dort, wo man in Russland einen Konkurrenten sieht oder wo man seit langem nicht nur territoriale, sondern auch existenzielle Ansprüche gegenüber Russland hat (wie Polen).

Frage: Oft sind die leidenschaftlichsten Russophoben Russen im Exil. Was bringt Menschen dazu, ihrem eigenen Land gegenüber intolerant zu sein?

Natalja Tanschina: Diese Frage hat der bekannte englische Politologe Anatol Lieven sehr gut beantwortet. In Bezug auf russische Emigranten stellte er fest, dass „leider viele russische Autoren im Exil aus eigenen Überzeugungen, aus Karrierismus oder auch aus Feigheit ein Geschäft aus der Russophobie gemacht haben, indem sie vereinfachte, ja die feindseligsten, westlichen Stereotypen über Russland bedienen“. Das heißt, je mehr man Russland nicht nur kritisiert, sondern regelrecht mit Schmutz bewirft, desto größer ist die Hoffnung, dass man akzeptiert wird. Dies gilt auch für Relokanten, also diejenigen, die nach Beginn der speziellen Militäroperation aus Russland geflohen sind.

Frage: Gab es in der jüngeren Vergangenheit eine Zeit, in der es keine Russophobie gab?

Natalja Tanschina: Russophobie als Ideologie ist eine Reaktion auf ein starkes Russland. Auch wenn Russland niemandem eine Bedrohung darstellt, wecken sein Reichtum und seine riesigen Territorien offen Neid. Dementsprechend muss ein „Feindbild“ geschaffen werden, das angeblich die westliche Zivilisation bedroht. Ursprünglich gab es zwischen dem alten Russland und Europa keine Konflikte, sondern aktive Kontakte. Aber nach der Annahme des östlichen Christentums durch Russland und insbesondere nach der Invasion der Mongolen und der Herrschaft über Russland begann Russland allmählich, in die Kategorie der Feinde überzugehen. Seitdem waren Perioden der positiven Wahrnehmung Russlands eher die Ausnahme als die Regel. Man „befreundete“ sich mit Russland (obwohl es in den internationalen Beziehungen keine Freundschaft gibt), wenn man es als Verbündeten, ja sogar als Retter brauchte, wenn eine gemeinsame Bedrohung bestand. So war es während der Napoleonischen Kriege, so war es im Falle der russisch-französischen Annäherung Ende des 19. Jahrhunderts, als Russland für Frankreich angesichts der deutschen Bedrohung lebenswichtig war. Es gab die ‚Triple Entente‘ zwischen England, Frankreich und Russland während des Ersten Weltkriegs, es gab die Zusammenarbeit während des Zweiten Weltkriegs, aber sobald die Gefahr vorüber war, endete die Freundschaft. So entwickelten beispielsweise bereits am Ende des Zweiten Weltkriegs die Briten den Plan „Unthinkable“ und die Amerikaner den Plan „Pincher“, die sich gegen Sowjetrussland richteten. Es gab noch eine weitere Periode, in der es keine Russophobie gab — als Russland schwach war, wie am Ende des letzten Jahrhunderts nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Damals begrüßte die ganze Welt Gorbatschow und die „Perestroika“. Die Freundschaft mit dem Westen gefiel auch den Russen, aber der Westen wollte Russland zu seiner Kolonie machen. 

Frage: Sind Sie persönlich mit Manifestationen von Russophobie konfrontiert worden?

Natalja Tanschina: Ich persönlich bin glücklicherweise noch nie mit Manifestationen von Russophobie konfrontiert worden. Bis heute pflege ich den Kontakt zu meinen französischen Kollegen. Allerdings nicht zu allen, da einige ihre Kontakte zu Russland abgebrochen haben. Aber ich kenne die Reaktion des westlichen Durchschnittsbürgers auf die unobjektiven Informationen über Russland, die er täglich aus seinen Medien hört. Ich hatte einen französischen Freund, einen sehr netten Menschen, den ich persönlich sehr gut kannte und den ich mehrmals in Frankreich getroffen habe. Nach Beginn der speziellen Militäroperation sprachen wir natürlich über Politik, und er glaubte absolut alles, was er aus seinen Medien hörte. Als einmal in Frankreich die Bauern streikten, fragte ich: „Ist es für eure Regierung wirklich wichtiger, Russen zu töten, als ihren eigenen Bürgern zu helfen?“. Und mein Freund sah mir in die Augen und antwortete: „Für uns ist es wichtig, sowohl den Franzosen zu helfen als auch Russen zu töten.“ Aber selbst nach diesen schrecklichen Worten blieb er mein Freund: Ich verstehe, dass ihn keine Schuld trifft, er glaubt einfach blind den französischen Journalisten und Politikern. Er ist inzwischen verstorben, und ich vermisse ihn sehr.

Frage: Gibt es in Russland eine Europhobie oder Westophobie?

Natalja Tanschina: In gewisser Weise habe ich mit meiner Antwort auf die vorherige Frage auch diese Frage beantwortet. Russen sind nicht fremdenfeindlich, sie verachten Menschen anderer Nationen und Kulturen nicht. Das hängt unter anderem mit dem multinationalen Charakter des russischen Staates und seiner Offenheit zusammen. Seit Peter dem Großen war Russland offen für das Studium ausländischer Erfahrungen, Russland hat viel von Europa übernommen und es zu seinem eigenen, russischen gemacht. In den vergangenen Jahrhunderten kamen europäische Künstler, Architekten und Wissenschaftler aktiv nach Russland, für viele von ihnen wurde Russland zu einer zweiten Heimat. Die Russen, die in Europa seit dem Mittelalter zum barbarischen Osten gezählt wurden, sind Menschen der europäischen Kultur. Im 18. und 19. Jahrhundert sprach und las die Elite der russischen Gesellschaft Französisch, die russischen Adligen wurden mit französischer und deutscher Literatur erzogen, weshalb den Russen die Errungenschaften der westlichen Kultur nahe stehen. Russland ist ein untrennbarer Teil des wahren Europas, mehr noch, Russland ist der Hüter der wahren europäischen Werte. 

Wenn ein Feind auf russisches Gebiet kommt, kämpfen wir gegen ihn wie gegen einen Feind. Aber nach Kriegsende empfinden die Russen keinen Hass gegenüber ihrem ehemaligen Feind. So war es mit den Franzosen: Napoleon marschierte in Russland ein, und nach Kriegsende war der Napoleon-Kult in Russland nicht weniger ausgeprägt als in Frankreich. Und Kaiser Alexander I., der 1814 siegreich in Paris einmarschierte, erklärte den Parisern, dass er nur einen Feind habe, Napoleon Bonaparte, und dass er, Alexander, den Franzosen Glück wünsche. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Russland 27 Millionen Menschen verloren hatte, gab es in den Herzen der russischen Bevölkerung keine Phobie gegenüber den Deutschen. Wie Stalin sagte: „Die Hitlers kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.“ Das russische Volk ist großmütig.

Frage: Können Sie sich eine Welt ohne Russophobie vorstellen? Was müsste dafür geschehen?

Natalja Tanschina: In gewisser Weise habe ich Ihre Frage bereits beantwortet. Wäre Russland klein und schwach, gäbe es keine Russophobie. Dementsprechend wird ein starkes Russland (nicht aggressiv, aber stark, autark und dabei offen für alle) immer starke Emotionen hervorrufen. Um Voltaire zu paraphrasieren, könnte man sagen: Wenn es Russland nicht gäbe, müsste man es erfinden. Denn Russland ist für den Westen als bedeutender Anderer notwendig, es ist wichtig für die eigene westliche Selbstidentifikation, ganz zu schweigen vom Wettbewerb, insbesondere jetzt, wo sich vor unseren Augen eine neue Weltordnung herausbildet. 

Aber ich betone: Russland ist offen für die Welt und offen für den Dialog, wir haben ein reiches und großes Land, wir brauchen keine territorialen Eroberungen, wir haben nicht vor, Europa zu erobern. Und übrigens hat Peter der Große niemals ein Testament hinterlassen, in dem er seinen Nachkommen auftrug, Europa zu erobern. Das ist eine Fälschung, die Ende des 18. Jahrhunderts vom polnischen General Michail Sokolnicki erfunden und dann von Napoleon Bonaparte aufgegriffen wurde. Aber westlichen Politikern ist es nützlich, Russland als aggressive Macht darzustellen, die Europäer mit der „russischen Bedrohung“ zu erschrecken und alle Probleme mit den „Intrigen des Kremls“ zu rechtfertigen. Ich bin jedoch überzeugt, dass es im Westen viele Menschen gibt, die verstehen, dass Russland kein Feind Europas ist und dass das russische Volk keinen Krieg will. Deshalb liegt mir einer meiner Lieblingshelden der Geschichte sehr am Herzen — der Schweizer Jean-Jacques de Sellon, Gründer der Genfer Friedensgesellschaft, ein Mann, der an den Anfängen des Völkerbundes und der UNO stand. Er kämpfte sein ganzes Leben lang für die Abschaffung der Todesstrafe und die Verhinderung von Kriegen. In seiner Villa „La Fenêtre“ im Ariana-Park in Genf befindet sich der europäische Hauptsitz der UNO. Ich gehe davon aus, dass nur sehr wenige Schweizer diesen Mann kennen, aber im fernen Russland erinnert man sich an ihn. Ich habe sein Schloss Allaman am Ufer des Genfer Sees besucht, sein Haus in Genf gesehen, den Friedhof Plainpalais besucht, auf dem er begraben liegt, und eine Reihe von Artikeln über ihn geschrieben. Die Erinnerung an einen Mann zu bewahren, der für den Frieden gekämpft hat, ist für alle Menschen wichtig, unabhängig von ihrer Nationalität. Denn das ist unsere gemeinsame europäische Geschichte. 

Frage: Hat Russophobie den Krieg in der Ukraine ausgelöst? Oder hat der Krieg Russophobie ausgelöst?

Natalja Tanschina: Der Informationskrieg – und die Russophobie ist ja eine Technologie des Informationskriegs – kann einem realen Krieg vorausgehen. Was jetzt passiert ist, wurde seit langem, seit vielen Jahren vorbereitet, und viele Jahre lang wurden Russland und die Russen in der Ukraine als Aggressoren und Unterdrücker dargestellt. Das heißt, in der Ukraine fand eine Entmenschlichung der Russen statt, die ukrainische Gesellschaft wurde auf einen Krieg mit Russland vorbereitet. Infolgedessen war das einst vereinte Volk nicht nur gespalten, sondern befand sich im Kriegszustand, und die ukrainische Propaganda verwandelte die russischen Brüder in Orks (Monster, Red.) und Unmenschen. Und schon nach Beginn des Krieges zwischen der Ukraine und Russland begann der Westen, der sich auf die Seite der Ukraine gestellt hatte, aktiv russophobe Hysterie in Europa zu schüren. Dies war notwendig, um seine Verwicklung in diesen Konflikt zu rechtfertigen, um den europäischen Durchschnittsbürger mit der russischen Bedrohung einzuschüchtern und ihn davon zu überzeugen, dass Russland nicht bei der Ukraine Halt machen, sondern weiter nach Europa vorstoßen werde. Das heißt, das gefälschte Testament Peters des Großen erwies sich erneut als gefragt. Man kann also sagen, dass der Krieg in Europa zu einem Anstieg der Russophobie geführt hat. Aber ich möchte den Europäern, den Schweizern, noch einmal sagen, dass das russische Volk einen zu hohen Preis für den Kampf um unsere Unabhängigkeit zahlen musste. Wir wissen, was Krieg bedeutet, und schätzen den Frieden sehr. Und wir Russen sind sehr an einem Dialog und einer Zusammenarbeit mit Europa interessiert. Russophobie wurde von europäischen Politikern erfunden, aber normale Europäer sind nicht unsere Feinde. Deshalb bin ich Ihnen sehr dankbar für die Möglichkeit, den Schweizer Lesern die russische Sichtweise näherzubringen.

(Red.) Der Dank ist auf unserer Seite! Die Analyse von Natalja Tanschina ist perfekt! Gerade hat der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz Russland wieder als „tiefste Barbarei“ bezeichnet. Historiker kommen nicht darum herum, sich dabei an das 14. Kapitel in Hitlers „Mein Kampf“ zu erinnern. (cm)

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