Die sowjetischen Nachrichtendienste erwarteten einen Hauptstoß in Richtung Kiew – Donbass.

Mit offenen Augen in die Katastrophe

Eigentlich hätte Josef Stalin im Frühsommer 1941 genügend Informationen gehabt, um den bevorstehenden Überfall der Deutschen und ihrer Verbündeten der Achse auf die Sowjetunion vorherzusehen. Aber er und ein Teil seiner Führungsriege interpretierten sie falsch. Die Folgen waren verheerend, die ersten sechs Monate des deutsch-sowjetischen Kriegs stellen bis heute ein nationales Trauma für Russland dar. Die Folgen spüren wir gerade heute wieder.

Aber Russland ist mit seinen traumatischen Erlebnissen nicht alleine: Die meisten Nationen kennen aus ihrer Militärgeschichte ähnliche Traumata. Das wohl bestbekannte – weil von Hollywood verfilmte – stellt wohl der japanische Überfall auf die US-Flottenbasis von Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 dar, als die japanische Marine ohne Kriegserklärung die in Hawaii vor Anker liegende US-Pazifikflotte angriff, unter anderem fünf Schlachtschiffe versenkte und über 2’400 US-amerikanische Soldaten und  Seeleute tötete.

Präsident Franklin D. Roosevelt nannte den verhängnisvollen 7. Dezember 1941 zu Recht „… a date which will live in infamy“ (1).

Zahlreiche Darstellungen haben sich mit der Frage beschäftigt, ob das Desaster vermeidbar gewesen wäre, und haderten mit der Tatsache, dass mehrere Warnungen zu spät eingetroffen oder ignoriert worden waren. Eher weniger bekannt ist aber, dass die Regierung der USA im April und Mai 1940 angesichts wachsender Spannungen mit dem Kaiserreich Japan die US-Pazifikflotte aus ihrem Haupt-Stützpunkt San Diego nach Hawaii verlegt hatte, um den Japanern ein Zeichen von Verteidigungsbereitschaft und Entschlossenheit zu senden (2). Dort lag sie dann beinahe auf dem Präsentierteller, denn die Aufklärung der USA war nicht in der Lage, den Zusammenzug japanischer Kriegsschiffe aufzuklären. Die Verlegung der US-Pazifikflotte nach Pearl Harbor muss in diesem Sinne als eine der desaströsesten Gegenkonzentrations-Operationen der Kriegsgeschichte betrachtet werden. Die US-Pazifikflotte war in eine exponierte Lage gebracht worden, ohne die notwendige nachrichtendienstliche Unterstützung, welche die Befehlshaber vor Ort gebraucht hätten, um die Sicherheit ihrer Schiffe sicherzustellen (3). 

Jom Kippur, die Falkland Inseln und die Folgen

Auch Israel und Großbritannien mussten schmerzhafte Erfahrungen machen. Bis heute denkt Israel an einem der höchsten jüdischen Feiertage an den ägyptischen Überfall vom 6. Oktober 1973, welcher die israelische Führung überraschte und das Land tagelang an den Rand einer Katastrophe brachte. Nach einer bereits unter Druck stattfindenden Mobilmachung und nach verlustreichen Gegenangriffen vermochten die Israelis das Blatt zu wenden (4). Im Nachhinein kam man in Tel Aviv zur schmerzhaften Erkenntnis, dass Anzeichen vorhanden gewesen wären, und man gibt bis heute nur ungern zu, dass Israels politische und militärische Führung damals Opfer ihrer eigenen Überheblichkeit geworden war, welche eine raffinierte ägyptische Täuschungsoperation für sich genutzt hatte (5). Die hochgelobten Nachrichtendienste des Staats Israel hatten ganz offensichtlich versagt und die Armee bezahlte mit dem Blut ihrer Soldaten. 

Auch die Briten haben ihre traumatischen Erfahrungen. Eine davon besteht in der überraschenden Invasion der Falkland-Inseln (Malvinas) durch Argentinien am 2. April 1982. In der Nachbearbeitung musste man auch in London feststellen, dass es durchaus Anzeichen für einen bevorstehenden argentinischen Überfall auf die Falkland-Inseln gegeben hätte (6). Die damalige britische Premierministerin Margret Thatcher erfuhr durch den Nachrichtendienst am 31. März 1982, zwei Tage vor der bevorstehenden Invasion durch die argentinische Militärjunta (7). Nach dem Krieg sonnte Thatcher sich im Licht des britischen Siegs, pflegte ihren Ruf als „Eiserne Lady“ und hatte wenig Interesse, dass das nachrichtendienstliche Versagen noch lange thematisiert wurde (8). 

Würde ein britischer Premierminister heute untätig zuschauen, wie Argentinien eine Invasionsflotte im Südatlantik zusammenzieht? Das würde man ihm in Großbritannien wohl kaum verzeihen. Und noch sicherer ist, dass ein israelischer Ministerpräsident nicht untätig bleiben würde, wenn die Nachbarn grenznah starke Kräfte konzentrieren. Nicht nach Jom Kippur 1973.

Altbekannte Narrative

Für die Sowjetunion und auch für das heutige Russland stellt der 22. Juni 1941 das nationale Trauma dar, das am Anfang eines Kriegs stand, dessen Folgen bis heute im Stadtbild zahlreicher russischer und belarussischer Städte täglich sichtbar sind und dessen demographische Folgen erst jetzt langsam verschwinden. Der 22. Juni ist deshalb ein staatlicher Trauertag. 

Während die Tatsache, dass die Sowjetunion 1941 vom deutschen Überfall überrascht wurde, im Westen allgemein bekannt ist, sind Gründe und langfristige Auswirkungen weniger bekannt. Im Westen dominiert bis heute das Narrativ, wonach die eigentlich verfeindeten Lagern angehörenden Diktatoren Josef Stalin und Adolf Hitler 1939 übereingekommen wären, Polen unter sich aufzuteilen. Aus ideologischer Verblendung habe Stalin nach dem gemeinsamen Raubzug gegen Polen an die Vertragstreue Hitlers geglaubt und Warnungen vor einem bevorstehenden deutschen Überfall in den Wind geschlagen, einige der warnenden Stimmen gar unterdrückt, in Straflager geworfen oder sogar hinrichten lassen. Ein anderes Erklärungsmuster argumentiert, Stalin habe sich zurückgehalten, weil die Sowjetunion selbst zu einem Angriff auf das nationalsozialistische Deutschland nicht bereit gewesen sei. Ein solcher wäre angeblich früher oder später ohnehin erfolgt. Bis zu den revisionistischen Thesen, wonach der deutsche Angriff auf die Sowjetunion ein Präventivangriff und eigentlich nur ein legitimer Akt der Selbstverteidigung gewesen sei, ist es dann nicht mehr weit (9). 

Stimmt dieses Narrativ? Die Antwort auf diese Frage erlangt gerade in der aktuellen Lage wieder erhöhte Bedeutung. 

Geschichtsschreibung und Politik

Selbst heute existieren wenige Darstellungen, welche deutsch- und russischsprachige Darstellungen und Quellen berücksichtigen. Dem entsprechend einseitig ist das Bild, das zuweilen gezeichnet wird. 

In der westlichen Forschung ist umstritten, ob der Entschluss zum Krieg ideologisch motiviert war oder aus der damaligen militärisch-politischen Lage entstand. Einige Historiker sahen ihn als Reaktion auf die britische Kriegsfortsetzung, andere als konsequente Umsetzung von Hitlers seit den Zwanzigerjahren bestehendem ideologischen Programm zur Vernichtung von Judentum und Kommunismus. Gegenthesen, wonach die Wehrmacht Hitler ohne dessen Wissen in den Krieg gedrängt habe, werden von der Mehrheit der Forschung heute als unbelegt zurückgewiesen. Nach 1945 versuchten die beteiligten Militärs, die Verantwortung für den katastrophalen Krieg im Osten auf Hitler allein abzuwälzen.

Auf der sowjetischen bzw. russischen Seite bestand verständlicherweise großes Interesse daran herauszufinden, wer die Verantwortung dafür zu tragen hatte, dass die Sowjetunion auf einen Krieg mit Deutschland nicht vorbereitet war und am 22. Juni 1941 komplett überrascht wurde. Während im Zuge der Entstalinisierung in der Ära von Nikita Chruschtschow politisch bedingt ein Interesse daran bestand, Stalin persönlich die Hauptverantwortung zuzuschreiben, war die Ära Breschnew von vorsichtigen Versuchen geprägt, Stalin wenigstens ein Stück weit zu rehabilitieren. Diese Diskussionen müssen heute nicht erneut geführt werden, aber die Frage, wie das Trauma von 1941 die russische Führung bis heute beeinflusst, ist aktueller denn je.  

Das gescheiterte Projekt einer Anti-Hitler-Koalition

Über die Haltung der Nationalsozialisten gegenüber der Sowjetunion machte man sich im sowjetischen Außenministerium schon früh keine Illusionen. Der sogenannte Volkskommissar für Äußeres, mit anderen Worten Außenminister Maxim Litvinov, hatte Adolf Hitlers „Mein Kampf“ gelesen (10). Er nahm die von Hitler formulierten außenpolitischen Ziele aus dem Buch ernst und zog daraus seine Schlüsse. Er war mit dem Text so weit vertraut, dass er in Gesprächen wiederholt direkte Bezugnahmen auf Passagen aus „Mein Kampf“ nutzen konnte. 

Auch Ivan Maisky, der sowjetische Botschafter in London, erkannte die Gefährlichkeit der nationalsozialistischen Außenpolitik früh. Seine bekannten Tagebücher und Memoiren beschäftigen sich zwar vor allem mit diplomatischen Begegnungen, britischer und sowjetischer Außenpolitik, nicht aber ausdrücklich mit einer Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ (11). Es ist allerdings kaum denkbar, dass er von der Zentrale in Moskau nicht in Hitlers ideologische Grundlage eingeführt worden wäre, auf deren Basis sein unmittelbarer Vorgesetzter Litvinov Außen- und Bündnispolitik betrieb. 

Litvinov und Maisky versuchten bis zuletzt, die westeuropäischen Mächte, allen voran Großbritannien und Frankreich, für ihr Projekt einer Anti-Hitler-Koalition zu gewinnen. Als dann aber Briten und Franzosen im Sommer 1939 noch immer wenig Interesse für diese Allianz an den Tag legten (12), vollzog Stalin einen radikalen Kurswechsel, indem er Wyacheslav Molotov zum neuen Außenminister berief und mit dem nationalsozialistischen Deutschland einen Nichtangriffspakt abschloss, dessen geheimes Zusatzprotokoll den Sowjets die Besetzung der Osthälfte Polens erlaubte, die nach dem polnisch-sowjetischen Krieg im Frieden von Riga 1921  verloren gegangen war (13). Stalin muss den Abschluss dieses Vertrags als große Erleichterung empfunden haben, beseitigte er doch den Druck, unter welchen die Sowjetunion durch den Grenzkrieg in Fernost gekommen war, gab ihm Gelegenheit zur Rache an den verhassten Polen und brachte die verlorenen Gebiete zurück. Danach blieb Stalins Verhältnis zu Großbritannien von tiefem Misstrauen geprägt. 

Hitlers Geheimnisse auf Stalins Schreibtisch

Was immer deutsche Militärs vor 1933 in Bezug auf die Sowjetunion planten, konnte nur akademischer Natur sein, denn mit einer Reichswehr von 100’000 Mann war bestenfalls der Schutz von Teilen Deutschlands denkbar. Darüber hinaus waren die Beziehungen zwischen der Reichswehr und der Roten Armee gut, die Zusammenarbeit eng, besonders in den Bereichen Panzer und Fliegerei. 

Generalmajor Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord war am 1. Oktober 1929 Chef des Truppenamtes, der Nachfolgeorganisation des im Versailler Vertrag verbotenen Generalstabs geworden. Am 3. Februar 1933 fand in seiner Dienstwohnung in Berlin ein Treffen statt, das der wenige Tage zuvor ernannte Reichskanzler Adolf Hitler anberaumt hatte. In einer zweieinhalbstündigen Rede orientierte Hitler die anwesenden Spitzen der Reichswehr umfassend über sein Kriegsprogramm. Diese Rede wurde von zwei der anwesenden Offiziere, Generalleutnant Curt Liebmann und Hauptmann Horst von Mellenthin, protokolliert. Nach dem Krieg wurden diese Protokolle unter der Bezeichnung Liebmann-Aufzeichnung und Mellenthin-Diktat veröffentlicht. Was damals niemand wusste: Ein drittes Protokoll entstammt der Hand von Hammersteins Tochter Helga, die heimlich zugehört hatte. Sie übergab es wenige Tage später dem Nachrichtendienst der Kommunistischen Partei Deutschlands, der es wiederum nach Moskau weiterleitete (14).

Auch der Nachfolger von Hammerstein-Equord, General Ludwig Beck, der sich ab 1935 auch offiziell Generalstabschef des Heeres nennen durfte, war ein Gegner der Kriegspläne Hitlers. Aus seiner Amtszeit ist nichts über Operationsplanungen gegen die Sowjetunion bekannt.

Generäle im Widerstand

Am 5. November 1937 lud Adolf Hitler die Spitzen der Wehrmacht erneut zu einer Besprechung. Diesmal ging es um Probleme der Rüstungswirtschaft, insbesondere um die teilweise unzureichende Versorgung mit Stahl. Teilnehmer waren Außenminister Konstantin von Neurath, der damalige Kriegsminister Generalfeldmarschall Werner von Blomberg, die Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe, Generaloberst Werner von Fritsch, Generaladmiral Erich Raeder und Hermann Göring, sowie Hitlers Wehrmachts-Adjutant, Oberst Friedrich Hoßbach. Letzterer protokollierte die Besprechung stichwortartig wenige Tage danach (15). Hitler ging rasch über Fragen der Rüstungswirtschaft hinaus und legte in einem mehrstündigen Monolog die Grundzüge seiner auf gewaltsame Expansion ausgerichteten Außenpolitik dar. Zwar hatte von Fritsch schon im August 1937 in einer Denkschrift über einen Krieg im Osten spekuliert (16), wandte sich zusammen mit Blomberg an dieser Besprechung aber trotzdem gegen Hitlers Expansionspläne. Blomberg und Fritsch hielten Deutschland für zu schwach, um diese umzusetzen. Hitler, der begriff, dass Blomberg und Fritsch ihm nicht bedingungslos in den Krieg folgen würden, ließ in den Wochen danach ein Komplott schmieden und entließ beide unter konstruierten Vorwürfen. Nach heutigem Wissensstand ist nicht davon auszugehen, dass das Hossbach-Protokoll nach Moskau durchsickerte, aber auch dieses diente 1946 als Grundlage für die Anklage gegen die Führung der deutschen Wehrmacht im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. 

Die Blomberg-Fritsch-Affäre war einer der Gründe, weshalb sich später zahlreiche Offiziere dem militärischen Widerstand anschlossen, dem Hammerstein-Equord und Beck auch nach ihrem Abschied aus der Wehrmacht verbunden blieben (17). Aus ihren Kreisen kamen in den darauffolgenden Jahren Informationen an die Adresse der Alliierten.  

Deutsche Selbstüberschätzung

Im April 1939, verfasste Generaladmiral Conrad Albrecht vom Oberkommando der Marine OKM den nach ihm benannten „Albrecht-Plan“, welcher die Sowjetunion, England, Frankreich und die Vereinigten Staaten als wahrscheinliche Gegner einstufte. Er schlug eine defensive Haltung im Westen und einen Angriff nach Osten vor (18).

Bereits im Juni 1940 ließ der Chef des Generalstabs des Heeres, General Franz Halder, auf der Basis eines Berichts der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) untersuchen, wie ein sowjetischer Angriff auf Deutschland aussehen könnte. Dabei gingen er und Generalmajor Karl Hollidt von der Annahme eines sowjetischen Angriffs auf Deutschland aus, nachdem die Wehrmacht im Lauf der Invasion Großbritanniens hohe Verluste erlitten hatte (19). Halder beschloss aber, auch offensive Planungen für einen Krieg mit der Sowjetunion in Gang zu setzen und erteilte dem Oberkommando der 18. Armee einen entsprechenden Planungsauftrag, welche den Chef des Stabes, Generalmajor Erick Marcks, zur Ausarbeitung einer Operationsstudie veranlasste. Marcks folgte der gängigen Auffassung, dass die Sowjetunion ein Koloss auf tönernen Füßen sei und dass es gelingen werde, die Rote Armee in grenznahen Schlachten zu zerschlagen. Marcks rechnete mit einer Kriegsdauer von 9 bis maximal 17 Wochen, denen allenfalls ein Stoß an den Ural folgen müsse, wenn die Sowjets bis dann nicht aufgegeben haben sollten (20). Auch das Oberkommando der Marine machte sich an Planungsarbeiten: Eine entsprechende Denkschrift von Admiral Kurt Fricke lag am 28. Juli vor (21).

Als Startpunkt für die Planung des Unternehmens Barbarossa durch das Oberkommando der Wehrmacht OKW gilt aber allgemein der 31. Juli 1940, als Hitler den Oberkommandierenden der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, den Chef des Wehrmachtsführungsstabs, Generalmajor Alfred Jodl, den Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch, dessen Stabschef Halder, sowie den Oberbefehlshaber der Marine, Raeder, zu einer Besprechung auf dem Berghof bei Berchtesgaden beorderte. In der Folge wurde der Generalstabsoberst Bernhard von Loßberg beauftragt, eine Operationsstudie zu erstellen (22). Wie schon Marcks ging auch er nicht von der Annahme eines sowjetischen Angriffs aus. Der provisorische Operationsplan wurde bereits im Dezember 1940 in einem Kriegsspiel, das unter der Leitung des Generalleutnants Friedrich Paulus stattfand, ausgetestet (23). 

Noch bevor die Weisung Hitlers fertiggestellt war, erließ Jodl am 6. September 1940 einen Befehl zur Tarnung des deutschen Aufmarsches und zur Täuschung der sowjetischen Führung, in welchem er festhielt, dass verhindert werden müsse, dass die die unvermeidliche Konzentration deutscher Truppen im Osten Moskau den Eindruck vermittle, dass Deutschland eine Offensive im Osten vorbereite (24).

Alle diese Arbeiten gipfelten am 18. Dezember 1940 in Hitlers sogenannter „Führerweisung Nr. 21 (Fall Barbarossa)“, in welcher es hieß:

„Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen (Fall Barbarossa).“ (25) 

Warnung von Diplomaten

Hitlers Befehl blieb nicht lange geheim: Bereits am 29. Dezember 1940 meldete der sowjetische Militärattaché in Berlin, Generalmajor W. I. Tupikow, nach Moskau, Hitler habe der Wehrmacht den Befehl gegeben, sich auf den Krieg mit der UdSSR vorzubereiten. Die Kriegserklärung werde im März 1941 erfolgen (26).

Wenig später gelangte die Information über die Barbarossa-Weisung auf einem zweiten Weg nach Moskau, nämlich über keinen geringeren als den Außenminister der Vereinigten Staaten, Cordell Hull, der in seinen Memoiren schrieb:

In January, 1941, there came to me a confidential report from Sam E. Woods, our commercial attaché in Berlin. Woods had a German friend who, though an enemy of the Nazis, was closely connected with the Reichs ministries, the Reichsbank and high Party members. As early as August, 1940, this friend informed Woods that conferences were then taking place at Hitler’s headquarters concerning preparations for war against Russia …

Finally, through a contact this friend had on the German General Staff, Woods learned the chief points of Hitler’s strategic plan; … All preparations had to be completed in the spring of 1941. …

I then decided that the contents of the report should be communicated to Soviet Ambassador Oumansky. … I requested Welles, who at my suggestion had been holding a series of conversations with Oumansky to straighten out the differences between our two countries, to call this information to the Ambassador’s attention. This Welles did.

When further information from the same source came to me, I again turned it over to Welles, requesting him to communicate it to Oumansky. This he did on March 20.“ (27)

Das sowjetische Außenministerium war also bereits im Januar 1941 in Besitz von bestätigten Informationen über die Weisung Barbarossa, zumindest über deren Existenz und über inhaltliche Eckpunkte. Bei der erwähnten Quelle in Deutschland handelte es sich um Erwin Respondek (1894-1971), einen deutschen Wirtschaftswissenschaftler und Zentrums-Politiker, der ab 1941 unter dem Decknamen „Ralph“ die USA mit Informationen aus Deutschland versorgte. Hull beauftragte seinen Stellvertreter (Under Secretary of State) Sumner Welles, die Informationen an den sowjetischen Botschafter in Washington, Konstantin A. Umansky weiterzuleiten. 

Codeknacker, Flieger und Agenten

Diplomatische Kanäle waren aber bei weitem nicht die einzigen, mit deren Hilfe die Sowjets Nachrichten über ihren potenziellen Gegner beschafften. Gut ausgebaut war seit den Dreißigerjahren die Funkaufklärung der Roten Armee und der sowjetischen Nachrichtendienste, die auf hohem Niveau betrieben wurde. Die gemeinsame Funkaufklärungseinheit von NKWD und Verteidigungsministerium, die in den Dreißigerjahren existierte, wurde aber im Herbst 1938 aufgelöst. NKWD-Funkaufklärer begannen daraufhin, diplomatische Dokumente ausländischer Botschaften in Moskau abzufangen und versuchten sie zu entschlüsseln, was der Entschlüsselungsgruppe im NKGB im Februar 1941 auch gelang. Ihr größter Erfolg war die Entschlüsselung des diplomatischen Codes der Japaner (28).

Im Gegensatz dazu war die sowjetische Luftaufklärung schwach und darüber hinaus in ihrer Handlungsfreiheit stark eingeschränkt, denn Flüge über deutsch besetztes Territorium waren vorerst verboten (29).

Die Sowjetunion verfügte 1941 über ein Agentennetz in Polen, das allerdings geschwächt war durch Stalins Säuberungen der Jahre 1937/38 (30). Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen im September 1939 taten Gestapo und Abwehr noch das Übrige, um das, was die Säuberungen überlebt hatte, zu zerschlagen. Der Nachrichtendienst des Generalstabs der Roten Armee GRU (31) verfügte über Agentennetzwerke im besetzten Polen, die teilweise noch aus den Dreißigerjahren stammten und hauptsächlich von polnischen Kommunisten und von polnischen Anti-Nazi-Aktivisten betrieben wurden. Die Agentennetze des Innenministeriums NKWD und des NKGB in Polen funktionierten bis Juni 1941. Danach kamen Nachrichten unregelmäßig und waren oft unvollständig oder verspätet. Im Jahr 1941 begann Moskau mit dem Wiederaufbau des kommunistischen Netzwerks in Polen. 1942 wurde die Polnische Arbeiterpartei (PVR) gegründet, die faktisch unter sowjetischer Kontrolle stand. Erst in den Jahren 1942 und 1943 gelang es, die polnischen Agentennetze wiederaufzubauen.

„Werther“ und die „Rote Kapelle“

Ausnahmen im schwachen Dispositiv der sowjetischen Agenturaufklärung waren die Quelle „Werther“ und das Netz der „Roten Kapelle“.  Dass diese aktiv werden konnten, war aber nur zu einem kleinen Teil das Verdienst der sowjetischen Nachrichtendienste. 

„Werther“ war der Deckname einer hochrangigen Quelle aus dem deutschen Oberkommando der Wehrmacht (OKW), eventuell sogar mit direktem Zugang zu Keitel oder Jodl. In den Jahren 1940 und 1941 mutierte „Werther“ zu einer der wichtigsten Informationsquellen der Sowjetunion. Sie gab ihre Informationen an die sowjetische Spionageorganisation „Rote Kapelle“ weiter (32). Bis heute ist ungeklärt, ob es sich bei „Werther“ um ein individuelles Mitglied des OKW-Führungsstabs handelte, ob unter diesem Decknamen mehrere Quellen zusammengefasst wurden, oder ob mit dem Begriff ganz einfach kaschiert werden sollte, dass Abhörmaterial der britischen Funkaufklärung über Umwege nach Moskau gelangte (33).

Dass zumindest der im Oberkommando der Luftwaffe tätige Luftwaffen-Offizier Harro Schulze-Boysen in Moskau als Quelle von Informationen bekannt war, ergibt sich aus einer Notiz Stalins, in welcher er seiner Verärgerung über immer neue Warnungen über den Beginn des deutschen Angriffs freien Lauf ließ. Als am 11. und am 16. Juni 1941 die Nachricht eintraf, dass ein deutscher Angriff bevorstehe, schrieb Stalin an den Minister für Staatssicherheit, dass er seine „Quelle“ aus dem Hauptquartier der deutschen Luftwaffe zum Teufel schicken solle. Dieser sei keine Quelle, sondern ein Desinformant (34).

Eine zentrale Rolle im Nachrichtendienst spielte in jener Zeit der in Luzern lebende deutsche Emigrant Rudolf Roessler, der via Mittelsmänner in Kontakt mit dem schweizerischen Nachrichtendienst sowie dem privaten Nachrichtendienst des Schweizer Geschäftsmanns Hans Hausamann stand. Der schweizerische militärische Nachrichtendienst nutzte unter anderem bekannte kommunistische Agenten des Spionagenetzwerks „Rote Kapelle“ um den Ungarn Sándor Radó, um Nachrichten an die Sowjetunion weiterzugeben (35).

Eine weiterer wichtiger Informant Moskaus stellte der berühmte Spion Richard Sorge in Tokio dar, dem Stalin aber auch nicht glaubte, als er mehrere Male vor einem deutschen Überfall warnte (36).

Ein großes Problem der sowjetischen Nachrichtendienste in dieser Zeit bestand in der Schwäche der Analyse und in der mangelnden Zusammenarbeit zwischen ihnen (37). Dazu kam, dass der militärische Nachrichtendienst GRU unter den großen Säuberungen der Jahre 1937–38 besonders gelitten hatte. Das erschwerte die Zusammenfassung der Erkenntnisse der Dienste zu einem konsolidierten Lagebild, was Stalin nachgewiesenermaßen verärgerte. 

Regelmäßige Lageberichte

Über die Erkenntnisse ihrer Nachrichtendienste ließ sich die politische und militärische Führung der Sowjetunion in regelmäßigen und angemessenen Abständen orientieren (38).

Der Lagebericht Nr. 5 vom 20. März 1941 berichtete, dass sie Gesamtzahl der gegen die UdSSR konzentrierten deutschen Truppen 95–100 Divisionen betrage, von denen bis zu 20 Panzer- und motorisierte Divisionen seien. Im Raum Warschau seien bis zu 10, im Raum Lublin bis zu 6, im Raum Krakau bis zu 8 und im Raum Radom-Demblin bis zu 6 Divisionen konzentriert. Die Konzentration deutscher Truppen dauere an und sei offensiver Natur. Die Sondermeldung vom 5. April 1941 berichtete von der Verlegung von Einheiten von der französischen Küste und aus Deutschland, der Ankunft von Korps- und Armee-Stäben, sowie vom Bau von Feldflugplätzen 50–100 km von der Grenze zur UdSSR entfernt. Der Lagebericht Nr. 8 des Generalstabs vom 10. April 1941 nannte erneut konkrete Zahlen: Deutschland konzentriere bis zu 107 Divisionen gegen die UdSSR, darunter 25 Panzer- und motorisierte Divisionen, sowie bis zu 9 SS-Divisionen. Im sogenannten Generalgouvernement stünden etwa 60 Divisionen. Panzerverbände seien in den Räumen Lublin und Tomaszow festzustellen. Die Sondermeldung des NKGB vom 17. April 1941 berichtete unter Berufung auf Agenten in Warschau, dass die deutschen Truppen in als Ausbildungslager getarnten Lagern stationiert seien, aber über einen vollen Munitionsvorrat verfügten. Hierfür seien zivile Gebäude beschlagnahmt worden, für die einheimische Bevölkerung gelte ein Reiseverbot. Der Lagebericht Nr. 11 des Generalstabs vom 25. April 1941 schätzte die Gesamtzahl der deutschen Truppen auf bis zu 120 gegen die UdSSR aufmarschierte Divisionen, davon etwa 70 Divisionen in Polen. Die abschließende Bewertung war die, dass Deutschland den Aufmarsch für den Krieg gegen die UdSSR abschließe. In seinem Bericht an Stalin berichtete der Chef des Generalstabs der Roten Armee, F.I. Golikov, am 5. Mai 1941, dass es zwar Informationen über Deutschlands Kriegsvorbereitungen gegen die UdSSR gebe, aber nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Truppenkonzentration lediglich darauf abziele, politischen Druck auszuüben. Dieser Bericht war einer der Gründe für Stalins anhaltende Skepsis gegenüber einem deutschen Überfall. 

Der Lagebericht Nr. 15 des Generalstabs vom 1. Juni 1941 berichtete von einem Aufmarsch von 120–122 Divisionen, davon 30 Panzer- und motorisierte Divisionen, sowie bis zu 7 Kavallerie- Divisionen. In der Region Lublin stünde eine starke Panzergruppe. Der letzte Lagebericht vor dem Krieg am 21. Juni 1941 berichtete, dass die deutschen Flugzeuge auf vorgeschobene Flugplätze verteilt worden und dass das Personal über bevorstehende wichtige Ereignisse informiert worden sei. Die Möglichkeit eines plötzlichen Schlags innerhalb der nächsten 24 Stunden könne nicht ausgeschlossen werden. 

Erfolge und Fehler

Insgesamt wird man festhalten müssen, dass die These von einer Alleinschuld Stalins an der Überraschung des 22. Juni nicht haltbar ist. Ebenso wenig kann von einem Versagen der sowjetischen Nachrichtendienste die Rede sein. Aber sie waren zu vorsichtig in ihren Schlussfolgerungen an die politische Führung.

Richtig und zeitgerecht erkannten die Sowjets den massiven Aufmarsch deutscher Kräfte in Polen nahe der sowjetischen Grenze; es wurde eindeutig festgestellt, dass Deutschland seine Hauptstreitkräfte gegen die UdSSR konzentrierte. Auch erkannten die Sowjets, dass die polnischen Eisenbahnen auf deutsche Standards umgebaut wurden, was sie als Zeichen der Vorbereitung auf eine größere Kampagne werteten. Nicht verborgen blieb ihnen auch der offensive Charakter der Vorbereitungen. Während die deutschen Nachrichtendienste die Stärke der Roten Armee notorisch unterschätzten, überschätzte die sowjetische Aufklärung die Kräfte der Wehrmacht, namentlich die Gesamtzahl der deutschen Divisionen: zeitweise war von 180 bis zu 200 Divisionen die Rede.

Nicht richtig erkannt wurde die Richtung des Hauptangriffs: Der sowjetische Generalstab erwartete den Hauptangriff in der Ukraine in Richtung Kiew und danach Donbass, sowie Nebenangriffe im Baltikum und in Belarus (siehe Aufmacherbild oben, Red.). Tatsächlich verlief im Sommer 1941 der Hauptangriff durch Belarus entlang der Achse Minsk-Smolensk-Moskau. Die Täuschungskampagne von Jodl zeigte in diesem Bereich offensichtlich Resultate.

So sah der Plan des Oberkommandos des deutschen Heeres mit einem Hauptstoß Minsk-Smolensk.Moskau aus (39)

Mühe bekundeten die sowjetischen Dienste auch mit dem Zeitpunkt des Angriffs: Sie nannten erst März, später April, danach Mai, zwischenzeitlich korrekt den 22. Juni, und schließlich Ende Juni als Zeitpunkte für den Angriffsbeginn. Das Problem hierbei lag nicht im Mangel an Informationen, sondern darin, dass die Deutschen selbst die Daten ständig änderten. Das ging so lange, bis Stalin schließlich gar nichts mehr glaubte. 

Warnungen oder Desinformation?

Stalin hielt die dringenden Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden deutschen Überfall für Desinformation. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen war er überzeugt, dass ein deutscher Angriff erst nach einem Waffenstillstand mit Großbritannien erfolgen würde, den man nicht vor 1942 erwartete. Einige der Meldungen hatten auch von einem möglichen Ultimatum gesprochen, welche die Deutschen den Sowjets angeblich stellen wollten. Zum anderen erwartete er, dass die Deutschen kurzfristig erst ihre Erfolge auf dem Balkan und in Nordafrika nutzen würden, um in den Nahen Osten vorzustoßen. Zumindest letzteres ist durchaus plausibel. Und ganz allgemein glaubte Stalin an eine britische Desinformation, mit welcher die Sowjetunion in einen Krieg mit Deutschland hineingezogen werden solle. 

Mehrere Quellen gerieten so in Ungnade. In den Jahren 1940/41 wurden mehrere leitende GRU-Offiziere degradiert oder sogar festgenommen, weil Stalin ihre Warnungen für Panikmache hielt. Teilweise gab es Festnahmen unter dem Vorwurf von „Alarmismus“ oder „Fehlinformation“ (40). Stalin betrachtete solches als Zeichen mangelnder Disziplin oder Defätismus. Einige Front- und Armee-Kommandeure wurden für angebliche Panikmache gerügt oder entfernt. Eine große Zahl von Offizieren und Agenten, die korrekt über die bevorstehende Invasion informiert hatten, blieben zwar unangetastet, wurden aber ignoriert. 

Deshalb wurden am Vorabend des deutschen Überfalls die sowjetischen Grenztruppen nicht vollständig mobilisiert, blieben Flugzeuge auf den Stützpunkten friedensmäßig aufgestellt und blieben Befehle zum Feuerverbot bis zuletzt in Kraft. Die einzige Teilstreitkraft, die rechtzeitig in Alarmbereitschaft versetzt wurde, war die sowjetische Marine, nachdem der Marineminister Admiral Nikolai Kuznetsov auf eigene Verantwortung einen entsprechenden Befehl erlassen hatte (41). Als Stalin begriff, dass er und die Sowjetunion überrumpelt worden waren, verkroch er sich auf seiner Datscha und meldete sich erst am 3. Juli 1941 in seiner ersten Rundfunkansprache (42). 

Folgen bis heute

Die Lage vor dem Kriegsausbruch 1941 war beiderseits geprägt von Fehleinschätzungen der Nachrichtendienste. Während sich die Fehlleistungen der sowjetischen Nachrichtendienste primär kurzfristig auswirkten, hatten die Fehleinschätzungen der deutschen Nachrichtendienste – der sogenannten Abwehr von Admiral Wilhelm Canaris und der Abteilung „Fremde Heere Ost“ von Oberst Reinhard Gehlen – langfristige. Die Deutschen unterschätzten Zahl und Moral der Roten Armee sträflich, sowie das industrielle Potenzial der Sowjetunion und ihre Fähigkeit, Personal zu mobilisieren. Offenbar waren sowohl die deutschen wie auch die sowjetischen Nachrichtendienste besser darin, ihre eigenen Geheimnisse zu bewahren als diejenigen anderer aufzuklären (43). 

Obwohl an der grundsätzlich feindseligen Haltung des nationalsozialistischen Regimes kein Zweifel herrschen konnte, obwohl der Beginn der konkreten militärischen Planung bekannt war und obwohl die Vorbereitungen auf einen Angriff erkannt worden waren, wurde die politische und weitgehend auch die militärische Führung der Sowjetunion am 22. Juni 1941 komplett überrascht. Die Folgen waren gravierend: Die sowjetischen Armeen im Westen wurden reihenweise eingekesselt und Millionen von Rotarmisten gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus welcher nur wenige heimkehrten. Minsk und Kiew wurden eingenommen, Leningrad wurde belagert und Moskau konnte quasi erst in letzter Minute vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt werden. Erst nach einem halben Jahr rappelte sich die Rote Armee auf und es sollten fast zwei Jahre vergehen, bis sie die Initiative erringen und die Deutschen und ihre europäischen Verbündeten zurückdrängen konnte. Die demographischen Folgen des Kriegs waren noch jahrzehntelang spürbar, die Narben in den Städten im Westen des Landes sind teilweise bis heute sichtbar.

Vor diesem Hintergrund ist das russische Misstrauen gegen den Westen, das seit 25 Jahren spürbar ist, durchaus nachvollziehbar und lässt sich auch nicht mittels beschwichtigender Worte aus den Pressestellen von NATO, EU und westlichen Regierungen besänftigen. Allein letzteren zu glauben und nicht irgendwann einen Tatbeweis zu fordern, hätte schon fast an sträfliche Naivität gegrenzt (44). Wer heute über russische Spionage in Europa jammert und glaubt, Russland werde die Verbesserung der militärisch nutzbaren Infrastruktur in Osteuropa, sowie den Aufmarsch von Kräften der NATO hinnehmen, ohne gleichzeitig eine Gegenkonzentration von Truppen zu bilden und Aufklärung in die Tiefe zu betreiben, der demonstriert seinen Nachholbedarf in Militärgeschichte und weckt Zweifel an seinem militärischen Sachverstand“.

Umgekehrt wird auch realistischen Geistern in Minsk und Moskau klar sein, dass die NATO-Kommandanten in den baltischen Republiken und Polen sich vor Überraschungen schützen müssen und dass sie mit dem Worst Case eines Überfalls rechnen. In einer Situation, in welcher die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE zunehmend an Funktionstüchtigkeit einbüßt, wären militärdiplomatische Maßnahmen wie Austausch militärischer Informationen, Ankündigung und Besuch von Übungen, Inspektionen militärischer Aktivitäten sowie Kontakte zwischen Nachrichtendienstlern auf bilateraler Ebene hilfreich;  und wenn die Vertrauensbasis hierfür nicht reicht, dann eben via neutrale Drittstaaten. Sowohl russische als auch westliche Aufklärungs- und militärische Vorsichtsmaßnahmen sind rational nachvollziehbar und könnten durch verstärkte militärdiplomatische Vertrauensbildung entschärft werden. Das aktuelle Geschrei in der Presse hat wohl primär seine Funktion im Informationskrieg. (Hervorhebung durch die Redaktion.)

Anmerkungen:

  1. Siehe „Speech by Franklin D. Roosevelt, New York (Transcript)“ bei Library of Congress, online unter https://www.loc.gov/resource/afc1986022.afc1986022_ms2201/?st=text. Die Filmaufnahme der Rede Roosevelts: „President Franklin D. Roosevelt Declares War on Japan (Full Speech)“, bei War Archives, Video auf YouTube, 26.08.2011, online unter https://www.youtube.com/watch?v=lK8gYGg0dkE
  2. Gründe, einen japanischen Angriff als realistisches Szenario zu betrachten, gab es seit den frühen Dreißigerjahren, als Japan begann, sein Territorium auszudehnen. Es besetzte im September 1931 die Mandschurei und marschierte 1937 in China ein. Im September 1940, nach der Niederlage Frankreichs, annektierte Japan Teile Französisch-Indochinas und schloss einen Verteidigungspakt mit Deutschland und Italien. Präsident Roosevelt versuchte mit verschiedenen Mitteln, Japan abzuschrecken. Im Frühjahr 1940 verlegte er die Pazifikflotte von ihrem Haupt-Stützpunkt San Diego nach Pearl Harbor, um amerikanische Macht zu demonstrieren. Gleichzeitig bemühte er sich um eine diplomatische Entschärfung der wachsenden Spannungen mit Japan. Siehe Richard B. Frank: The Three Missed Tactical Warnings That Could Have Made a Difference at Pearl Harbor, bei The National WWII Museum New Orleans, 13.10.2021, online unter https://www.nationalww2museum.org/war/articles/pearl-harbor-missed-tactical-warnings kam zur Erkenntnis, dass die Gesamtheit der von Heeresfliegern und Marine stammenden Nachrichten gereicht hätte, um wenigstens einen Teil der Schutzmaßnahmen rechtzeitig einzuleiten, sofern ein gemeinsames Lagezentrum betrieben worden wäre. Insbesondere das Radar-Gerät von Opana Hill gab Anlass zu epischen Diskussionen. Siehe Harry A. Butowsky: Early Warnings: The Mystery of Radar in Hawaii, online unter https://npshistory.com/publications/perl/early-warnings.pdf. Vgl. auch „Pearl Harbor Curriculum Hub„, bei Franklin D. Roosevelt Library & Museum 2016, online unter https://www.fdrlibrary.org/ph-curriculum-hub#:~:text=During%20the%20late%201930s%2C%20FDR,tensions%20with%20Japan%20through%20diplomacy. Eine umfassende Darstellung der Ereignisse mit zahlreichen Nachweisen liefern Gordon W. Prange, Donald M. Goldstein: At Dawn We Slept: The Untold Story of Pearl Harbor, New York 1991, eingeschränkte Vorschau unter https://archive.org/details/atdawnwesleptunt0000pran, Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel online unter https://cdn.bookey.app/files/pdf/book/en/at-dawn-we-slept.pdf
  3. Die US-amerikanische Spionage in Japan war vor Dezember 1941 technisch beeindruckend, politisch jedoch nur begrenzt wirksam. Die USA verfügten über sehr gute Signals Intelligence (SIGINT), aber über schwache menschliche Aufklärung (HUMINT) in Japan selbst. Vor Dezember 1941 fanden keine systematischen US-amerikanischen Aufklärungsflüge über dem japanischen Kernland statt. Dort, wo Erkenntnisse gewonnen worden waren, wurden sie teilweise nicht richtig interpretiert oder nicht rechtzeitig genutzt. Die japanischen Marinecodes waren extrem komplex. Insbesondere JN-25 war zum Zeitpunkt des 7. Dezember 1941 für alle Alliierten praktisch unlesbar. Die meisten relevanten Entschlüsselungen japanischer Kommunikation stammten aus dem US-amerikanischen „MAGIC“-Programm. Die britische Funkaufklärung in Bletchley Parkkonnte auch nichts beitragen denn sie arbeitete während dieser Zeit hauptsächlich an deutschen und italienischen Chiffren. Es gab allgemeine Warnungen und Spannungsindikatoren aus diplomatischer japanischer Kommunikation, welche die USA entschlüsselt hatten, aber kaum Warnungen vor einem Angriff. Siehe „JN-25“, auf der Homepage der National Security Agency/Central Security Service, 20.08.2021, online unter https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Events/Article-View/Article/2740680/jn-25/
  4. Siehe „Sieg des Realitätssinns über die Arroganz an Jom Kippur“ bei Global Bridge, 01.10.2024, online unter https://globalbridge.ch/sieg-des-realitaetssinns-ueber-die-arroganz-an-jom-kippur/
  5. Über die systematisch angelegte ägyptische Täuschungsoperation existiert u.a. ein Video: „How Sadat Fooled the Entire World in 1973 – Full Documentary“, bei The Fifth Angle auf YouTube, 26.09.2025, online unter https://www.youtube.com/watch?v=VfyB9wC1v6s
  6. Die konkretesten Warnungen kamen von einem britischen Verbindungsoffizier im Kommando der chilenischen Luftstreitkräfte, RAF Wing Commander Edwards in Santiago de Chile. Er hatte offenbar Zugriff auf die Radar-Daten der Chilenen. Edwards bestätigte die argentinischen Invasionspläne und gab Großbritannien während des Kriegs wichtige Hinweise auf die Aktivitäten der argentinischen Luftwaffe. Dies war Teil eines geheimen britisch-chilenischen Abkommens, dank welchem Großbritannien unter gewissen Bedingungen chilenische Radaranlagen nutzen konnte. Siehe “Without Chile’s help, we would have lost the Falklands”, says former RAF intelligence, bei MercoPress, 08.07.2014, online unter https://en.mercopress.com/2014/07/08/without-chile-s-help-we-would-have-lost-the-falklands-says-former-raf-intelligence
  7. Siehe „Thatcher war von Falkland-Invasion völlig überrascht“, bei Die Zeit, 28.12.2012, online unter https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2012-12/thatcher-falklandkrieg#. Vgl. Christian Zaschke: „Es war so eine Dummheit“, bei Süddeutsche Zeitung, 29.12.2012, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/nationalarchiv-veroeffentlicht-dokumente-zum-falkland-krieg-es-war-so-eine-dummheit-1.1561291
  8. Im Oktober 1982 begann das Falkland Island Review Committee unter der Leitung von Lord Franks eine Untersuchung zu den Vorgängen um den Beginn des Falklandkrieges. Die britischen Nachrichtendienste hielten zwar ab 1977 einen argentinischen Angriff für möglich, aber eine Verteidigungsplanung des Verteidigungsministeriums lag erst am 26. März 1982 vor. Die Umsetzung der Planung hätte bestimmt Monate in Anspruch genommen. Siehe „Falklands: Falkland Islands Review („the Franks Report“)“ hrsg. von Her Majesty’s Stationery Office (Cmnd. 8787), 18.01.1983, online unter https://www.margaretthatcher.org/document/109481. Beachte besonders Kapitel 4: „Could the Invasion on 2 April have been Foreseen?“, Paragraf 261–266, S. 73 und 74. Der Bericht hält zwar fest, dass die argentinische Invasion nicht vorhersehbar war, hielt aber fest „… that there was no coverage of these movements [d.h. argentinische Marine-Manöver] and no evidence available to the Government from satellite photographs„. Vgl. auch Matthew A. Hughes:  A Fulcrum in the Falklands: The Role of Intelligence in the 1982 Falkland Islands Campaign, bei Military History Chronicles, Volume 1, Number 1, Summer 2023 Campaign, online unter https://www.militaryhistorychronicles.org/api/v1/articles/117062-a-fulcrum-in-the-falklands-the-role-of-intelligence-in-the-1982-falkland-islands-campaign.pdf, besonders S. 96f und 109. 
  9. Die Theorie vom Präventivkrieg wurde in den frühen Achtzigerjahren von dem übergelaufenen sowjetischen Nachrichtendienst-Offizier Vladimir Bogdanovich Resun (russisch Владимир Богданович Резун) wiederbelebt, der sich ausgerechnet das Pseudonym Suworow zulegte. Die Präventivkriegsthese darf als von der Geschichtswissenschaft widerlegt betrachtet werden. Siehe eine Zusammenfassung der Diskussion bei Gerd R. Ueberschär: Das „Unternehmen Barbarossa“ gegen die Sowjetunion – ein Präventivkrieg? Zur Wiederbelebung der alten Rechtfertigungsversuche des deutschen Überfalls auf die UdSSR 1941, in: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz und Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Wahrheit und „Auschwitzlüge“; Zur Bekämpfung „revisionistischer“ Propaganda, Wien 1995, S. 163–82, online unter )https://www.doew.at/cms/download/7at82/ueberschaer.pdf. Vgl. Bernd Wegner: Präventivkrieg 1941? in: Jürgen Elvert, Susanne Krauß (Hrsg.): Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert, 2002, S. 215f. (Quelle ebd., einsehbar im Bundesarchiv-Militärarchiv, RW 4/v.475). 
  10. Siehe Christian Müller: So schreibt das EU-Parlament die Geschichte Europas um, bei Infosperber, 28.09.2019, online unter https://www.infosperber.ch/politik/europa/so-schreibt-das-eu-parlament-die-geschichte-europas-um/
  11. Zu Litvinov siehe den Eintrag in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie, online unter http://bse.sci-lib.com/article070721.html, in russischer Sprache. Maiskys Tagebücher wurden 2016 veröffentlicht. Siehe Iwan Maiski: Die Maiski-Tagebücher, Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler. 1932-1943, hrsg. von Gabriel Gorodetsky, München 2016; Rezensionen online unter https://www.perlentaucher.de/buch/iwan-maiski/die-maiski-tagebuecher.html. Vgl. Marti: Diplomat Iwan Maiski, Im Pelzmantel für die Weltrevolution, bei: Spiegel Politik, 10.09.2016, online unter https://www.spiegel.de/spiegel/diplomat-iwan-maiski-tagebuecher-aus-dem-zweiten-weltkrieg-a-1112000.html. Vgl. auch „Brüssel und Washington unter Zugzwang“ bei Nachdenkseiten, 21.12.2021, online unter https://www.nachdenkseiten.de/?p=79226
  12. Siehe Geoffrey Roberts: The Alliance that Failed. Moscow and the Triple Alliance Negotiations, 1939, in: European History Quarterly 26, Nr. 3 (1996), S. 406 f, online verfügbar unter https://www.academia.edu/30950626/The_Alliance_that_Failed_Moscow_and_the_Triple_Alliance_Negotiations_1939_pdf.
  13. Siehe hierzu Gerd Brenner: Zweifrontenkrieg um Russlands Ressourcen, bei World Economy, 04.05.2020, online unter https://www.world-economy.eu/nachrichten/detail/zweifrontenkrieg-um-russlands-ressourcen/
  14. Siehe „Rede Adolf Hitlers vor den Spitzen der Reichswehr, 3. Februar 1933“ bei 1000 Schlüsseldokumente, online unter  https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0109_hrw&object=pdf&st=&l=de und Andreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“; eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933, bei Viertelsjahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 49 (2001), Heft 3, S. 517-550, hrsg. Vom Institut für Zeitgeschichte, München, online unter  https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2001_3_5_wirsching.pdf. Siehe auch Thilo Vogelsang: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr 1930–1933, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 2, 1954, Heft 4, S. 397–436, hier S. 432–434 (Dokument Nr. 7: 1933 Februar 3, Berlin. Ausführungen des Reichswehrministers von Blomberg vor den Gruppen- und Wehrkreisbefehlshabern im Reichswehrministerium. Handschr. Aufzeichnungen des Gen.Lt. Liebmann als Grundlage für spätere Kommandeurbesprechungen. München, Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, Nr. 167/51, fol. 37–38.), online unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1954_4_5_vogelsang.pdf#page=432
  15. Zum sogenannten Hoßbach-Protokoll siehe „Zusammenfassung des Treffens Hitlers mit den Befehlshabern der Streitkräfte am 5. November 1937 (Hossbach-Protokoll vom 10. November 1937)“, bei Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus (1933-1945), online unter https://ghdi.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=1540&language=german, sowie auch unter https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0008_hos&object=pdf&st=&l=de. Vgl. Walter Bussmann: Zur Entstehung und Überlieferung der „Hossbach-Niederschrift“, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 16 (1968), Heft 4, S, 374-384, online unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1968_4_3_bussmann.pdf. Vgl. auch „The Hossbach Conference of 1937″, bei History Learning 2025, online unter https://historylearning.com/world-war-two/causes-of-ww2/hossbach-conference-1937/.  
  16. Allerdings ohne die Sowjetunion dabei explizit zu erwähnen. Siehe Walter Görlitz: Generalfeldmarschall Keitel Verbrecher oder Offizier? Göttingen 1961, S. 128. Vgl. Hans-Erich Volkmann: Von Blomberg zu Keitel – Die Wehrmachtführung und die Demontage des Rechtstaates, in: Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. München 2012, S. 52.
  17. Siehe Hammerstein-Equord, Kurt Freiherr von. In: Deutsche Biographie, online unter https://www.deutsche-biographie.de/pnd123634202.html#ndbcontent und Manfred Wichmann: Ludwig Beck 1880-1944, bei Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum, Berlin, 14.09.2014, online unter https://www.dhm.de/lemo/biografie/ludwig-beck.
  18. Siehe Zusammenfassung der Planungsarbeit bei Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten, Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939, Berlin bzw. „Enemy in the East“, engl. Übersetzung durch Alexander Starritt, London 2015, online unter https://prussia.online/Data/Book/en/enemy-in-the-east/Mueller%20R.-D.%20Enemy%20in%20the%20East.%20Hitler’s%20Secret%20Plans%20to%20Invade%20the%20Soviet%20Union%20(2015),%20OCR.pdf, S. 141-143
  19. Ebd. S. 275f, 292, 296, 299
  20. Ebd. S. 302-310, 336f.
  21. Ebd. S. 320. 
  22. Ebd. S. 342. 
  23. Ebd. S. 344.
  24. Diese Weisung war eine Grundlage der Anklage gegen Jodl vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nuernberg 1946. Siehe Der Nürnberger Prozeß, Hauptverhandlungen, Sechsundfünfzigster Tag. Montag, 11. Februar 1946, Vormittagssitzung, Nachmittagssitzung, bei Zeno.org, online unter http://www.zeno.org/Geschichte/M/Der+N%C3%BCrnberger+Proze%C3%9F/Hauptverhandlungen/Sechsundf%C3%BCnfzigster+Tag.+Montag,+11.+Februar+1946/Nachmittagssitzung. Eine engl. Übersetzung: „Extract from a letter to the counterintelligence service, stating that military forces in the east will be increased and the service should exaggerate information on the equipment deployed there; the army command will decide what accurate information should be provided“ bei Harvard Law School Library Nuremberg Trials Project, online unter https://nuremberg.law.harvard.edu/documents/455446-extract-from-a-letter?mode=image&q=1229-PS++type:%22document+image%7Cdocument+full+text%7Ctranscript+full+text%7Cphotograph%22. Vgl. hierzu auch Владимир Лота: Операция прикрытия «Барбароссы», online unter http://www.coldwar.ru/rvo/022011/operacija-prikritija-barbarossi.php, in russischer Sprache. Zur Rolle von Alfred Jodl siehe Gerhard L. Weinberg: Der deutsche Entschluss zum Angriff auf die Sowjetunion, in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1. Jahrgang 1953,  4. Heft / Oktober, S. 302-318, online unter https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1953_4_1_weinberg.pdf
  25. Hervorhebung durch den Verfasser. Siehe „Weisung Nr. 21 „Fall Barbarossa“, 18. Dezember 1940“, bei 1000 Schlüsseldokumente, online unter https://www.1000dokumente.de/Dokumente/Weisung_Nr._21_%E2%80%9EFall_Barbarossa%E2%80%9C. Faksimile bei Bundeszentrale für politische Bildung, online unter https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/der-zweite-weltkrieg/203046/fall-barbarossa/. Text bei „Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus (1933-1945)“, online unter https://ghdi.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=1547&language=german. Unterstreichung durch den Verfasser. 
  26. Siehe Михаил Мельтюхов: Советская разведка и проблема внезапного нападения, bei Советская разведка и проблема внезапного нападения – Перспективы (Mikhail Meltyukhov: Sowjetische Geheimdienste und das Problem des Überraschungsangriffs, bei Sowjetische Geheimdienste und das Problem des Überraschungsangriffs – Perspektiven), online unter https://www.perspektivy.info/book/sovetskaja_razvedka_i_problema_vnezapnogo_napadenija_2010-04-22.htm, in russischer Sprache. 
  27. [1] Siehe Cordell Hull: The Memoirs of Cordell Hull, Bd. 2, 1948, S. 967, online unter https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.227216/page/967/mode/2up. Vgl. Franz Knipping: Die amerikanische Rußlandpolitik in der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, 1939–1941. Tübingen 1974, S. 178. Hervorhebungen durch den Verfasser. 
  28. Siehe Meltyukhov, a.a.O. 
  29. Ebd. Über den ungenügenden Vorbereitungsgrad der sowjetischen Luftstreitkräfte im Frühjahr 1941 siehe „22 июня 1941 года. Чья вина в «мирно спящих аэродромах»?“ (22. Juni 1941. Wessen Schuld ist es, dass die Flugplätze „friedlich schliefen“?) bei Военное обозрение (Militärische Rundschau), 13.07.2017, online unter https://topwar.ru/120310-22-iyunya-1941-goda-chya-vina-v-mirno-spyaschih-aerodromah.html?ysclid=mkmq7qxns170558206, in russischer Sprache, mit Auszügen aus Befehlen. Die Tarnung von Flugzeugen und Flugplätzen bspw. wurde erst per 1. Juli angeordnet. Dass Aufklärungsflüge verboten waren, behauptete jedenfalls Georgiy Zhukov in seinen Memoiren. 
  30. Ebd. Leider ist dieses Thema bisher kaum erforscht
  31. Mindestens fünf Nachrichtendienste waren in jenen Jahren für die UdSSR tätig: das Volkskommissariat (= Ministerium) für Verteidigung (NKO), das Volkskommissariat der Marine (NKWMF), das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD), ab Februar 1941 Volkskommissariat für Staatssicherheit (NKGB), das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten (NKID) und die Komintern. Die GRU (russisch Главное разведывательное управление ГРУ, transkribiert Glavnoe Rasvedyvatelnoe Upravlene = Hauptverwaltung für Aufklärung, war der militärische Nachrichtendienst des Generalstabs der Roten Armee und somit Teil ders NKO.
  32. Bei der „Roten Kapelle“ handelte es sich nicht um ein zusammengehörendes Spionagenetzwerk in ganz Europa, das nach Moskau berichtete, sondern um eine Fahndungsbezeichnung, welche die Geheime Staatpolizei GESTAPO einer ganzen Reihe von Geheimsendern gab, die in den vom nationalsozialistischen Deutschen Reich besetzten Gebieten arbeiteten. Dazu gehörte in Berlin der Schulze-Boysen/Harnack-Kreis, die Gruppen um Leopold Trepper und Anatoli M. Gurevich in Paris und Brüssel, sowie die Schweizer Gruppen um den Leiter des sowjetischen Nachrichtendienstes in der Schweiz, Sándor Radó, und Ruth Werner. Siehe Die Rote Kapelle: Legende und Wirklichkeit Heinz Höhne, bei ASMZ : Sicherheit Schweiz : Allgemeine schweizerische Militärzeitschrift, Band: 136 (1970) Heft: 3, online unter https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=asm-004%3A1970%3A136%3A%3A1080. Vgl. Claudia Prinz: Die „Rote Kapelle“, bei Deutsches Historisches Museum, Berlin, 13.05.2015, online unter https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=asm-004%3A1970%3A136%3A%3A1080
  33. Siehe „»Werther hat nie gelebt«“, bei Der Spiegel 29/1972, 09.07.1972, online unter https://www.spiegel.de/politik/werther-hat-nie-gelebt-a-a1cc303c-0002-0001-0000-000042920274. Ein Video dazu: „Verrat im OKW – Wer war Werther?“ Video bei Zeitgeschichte in Bild und Ton auf YouTube, 13.04.2022, online unter https://www.youtube.com/watch?v=J6wgBfFDFRM
  34. Wörtlich schrieb Stalin: „Можете послать ваш «источник» из штаба герм. авиации к еб-ной матери. Это не «источник», а дезинформатор“. Der Kraftausdruck, den Stalin hier verwendete, ist nicht zur Übersetzung geeignet. Meltyukhov, a.a.O.
  35. Eine Rolle könnte hier auch der Schweizer Nachrichtendienst-Offizier Max Waibel gespielt haben, der 1938 eine lange Auslandskommandierung an der Kriegsakademie Berlin absolviert hatte und bei Kriegsausbruch 1939 in die Schweiz zurückkehrte, wo er im Nachrichtedienst eingesetzt wurde. Er könnte durchaus noch Kontakt zu Kameraden aus der Kriegsakademie gehabt haben. Siehe „Zehn kleine Negerlein“, bei Der Spiegel 4/1967, 15.01.1967, online unter https://www.spiegel.de/politik/zehn-kleine-negerlein-a-30b55869-0002-0001-0000-000045441056?context=issue.  
  36. Siehe Meltyukhov, a.a.O. Siehe Katja Iken: „Wenn irgendjemand Hitler vernichtet, dann bin ich das!“, bei Der Spiegel, 14.06.2011, online unter https://www.spiegel.de/geschichte/top-spion-sorge-a-947230.html. Eine Audiodatei dazu von Otto Langels: Agent Richard Sorge, Stalins Meisterspion, bei Deutschlandfunk, 07.11.2024, online unter https://www.deutschlandfunk.de/07-11-1944-der-spion-richard-sorge-wird-in-japan-hingerichtet-dlf-c756995c-100.html.  
  37. Siehe Meltyukhov, a.a.O.
  38. Hier und im Folgenden: Сборники «1941 год. Документы», «Разведка докладывает», ЦАМО, РГАСПИ (Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums, Sammlungen „1941. Dokumente“, „Geheimdienstberichte“). Военная разведка информирует. Документы Разведуправления Красной Армии. Январь 1939-июнь 1941 г. (Militärgeheimdienstberichte. Dokumente der Roten Armee-Nachrichtendirektion. Januar 1939–Juni 1941), hrsg. von W. Gawrilow (В. Гаврилов), Moskau 2008, in der Serie «Россия. XX век. Документы» (Russland. 20. Jahrhundert. Dokumente), online unterhttps://docs.historyrussia.org/ru/nodes/91263. ОПУБЛИКОВАН СБОРНИК УНИКАЛЬНЫХ АРХИВНЫХ МАТЕРИАЛОВ ВНЕШНЕЙ РАЗВЕДКИ ЗА 1939-1945 ГГ, auf der Homepage des Auslandsnachrichtendiensts der Russischen FöderationSVR (Служба внешней разведки Российской Федерации), 15.12.2025, online unter http://svr.gov.ru/smi/2025/12/opublikovan-sbornik-unikalnykh-arkhivnykh-materialov-vneshney-razvedki-za-1939-1945-gg.htm. „Разведка о корпусных штабах противника“, bei Военное обозрение История 1941 (Die Aufklärung über feindliche Korpshauptquartiere, bei Militärische Rundschau Geschichte), 09.02.2020, online unter https://topwar.ru/167648-1941-razvedka-o-korpusnyh-shtabah-protivnika.html, in russischer Sprache.
  39. Grundlage „Überfall auf die Sowjetunion“, bei Gedenkorte Europa 1939 – 1945, online unter https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-uberfall-auf-die-sowjetunion.html. Operationsplan Barbarossa des OKH: Kartographische Darstellung der Planung und der tatsächlichen Durchführung (1941), bei German History in Documents and Images, online unter https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/operationsplan-barbarossa-des-okh-kartographische-darstellung-der-planung-und-der-tatsaechlichen-durchfuehrung-1941. Bearbeitung Verfasser.
  40. Das bekannteste Beispiel stellt wohl Ivan Proskurov dar, der bis Juli 1940 als Chef der GRU amtete. Er lieferte mehrfach Warnberichte über die deutsche Aufrüstung und sprach später ebenfalls von der Gefahr eines Angriffs. Stalin entließ ihn im Sommer 1940 und ließ ihn 1941 verhaften und erschießen. Nicht seine Warnungen, sondern seine teilweise zu offenen Worte hatten ihn in Konflikt mit Stalin gebracht. Siehe „Проскуров Иосиф Иосифович“, online unter https://hrono.ru/biograf/bio_p/proskurov_ii.php, in russischer Sprache. Lebenddaten bei Generals.dk, online unter https://generals.dk/general/Proskurov/Ivan_Iosifovich/Soviet_Union.html
  41. Siehe М. Э. Морозов: Перевод западных флотов и флотилий ВМФ СССР в оперативную готовность № 1 в ночь на 22 июня 1941 года (M. E. Morozov: Überführung der westlichen Flotten und Flottillen der Marine der UdSSR in die operative Bereitschaft Nr. 1 in der Nacht vom 22. Juni 1941), bei Военно-исторический журнал (Militärhistorisches Journal), 2018, № 6, S.4-14, online unter https://history.milportal.ru/perevod-zapadnyx-flotov-i-flotilij-vmf-sssr-v-operativnuyu-gotovnost-1-v-noch-na-22-iyunya-1941-goda/?print=print, in russischer Sprache. 
  42. Es ist bezeichnend für den Geist der Zeit, dass der Historiker Andrej N. Mercalov 1991 meinte, Stalin wäre in einem demokratischen Staat zur Verantwortung gezogen worden. Einschränkend ist anzumerken, dass weder Franklin D. Roosevelt noch Margret Thatcher noch Golda Meir je für die nationalen Traumata in ihren Ländern zur Rechenschaft gezogen wurden.  Siehe: Der 22. Juni 1941: Anmerkungen eines sowjetischen Historikers, bei: Aus Politik und Zeitgeschichte APuZ 24/1991, 07.06.1991, Bundeszentrale für politische Bildung, online unter https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/535666/der-22-juni-1941-anmerkungen-eines-sowjetischen-historikers/#:~:text=Es%20sei%20ganz%20klar%2C%20da%C3%9F,auch%20die%20Hoffnungen%20des%20Aggressors. Siehe auch Radioansprache des Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees I. V. Stalin, bei 1000 Schlüssel- Dokumente, online unter https://www.1000dokumente.de/Dokumente/Radioansprache_des_Vorsitzenden_des_Staatlichen_Verteidigungskomitees_I._V._Stalin
  43. Vgl. Meltyukhov, a.a.O., der zu einem ähnlichen Schluss kommt. 
  44. Solche waren mit den schriftlichen Forderungen Russlands nach Sicherheitsgarantien an die USA und die NATO im Dezember 2021 eingefordert wurden, die abgelehnt wurden. Auch der Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz bei Wladimir Putin im Januar 2022 wäre eine Gelegenheit dazu gewesen. Es ist hingegen davon auszugehen, dass Scholz Putin davon unterrichtete, dass die Regierung Zelensky sich nicht an die Minsker Abkommen zu halten gedenke. Vgl. “ Diplomatische und Terror-Offensive?“ bei Global Bridge, 26.03.2024, online unter https://globalbridge.ch/diplomatische-und-terror-offensive/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=globalbridge-updates-3 und bei Nachdenkseiten, 28.03.2024, online unter https://www.nachdenkseiten.de/?p=113169

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