Soll man Merz trauen? Russland-Signale, europäische Orientierungslosigkeit und britische Nüchternheit.
Ein Satz, beiläufig formuliert, kaum kommentiert – und doch politisch aufgeladen. Friedrich Merz spricht von Ausgleich mit Russland, während Europa strategisch orientierungslos wirkt und Großbritannien nüchtern bilanziert, was vom Westen übrig ist. Warum blieb die Reaktion aus – in der CDU wie in den Medien? Und was sagt diese Stille über Vertrauen, Strategie und politische Wirklichkeit im Jahr 2026?
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Als Friedrich Merz beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau davon sprach, man müsse „in längerer Perspektive“ wieder zu einem Ausgleich mit Russland kommen, und Russland sei ein europäisches Land, wirkte der Satz wie ein Fremdkörper im deutschen Diskurs (1). Kaum aufgegriffen von großen Medien, verschwand er rasch aus der öffentlichen Debatte. Zu schlecht passte er in ein politisches Klima, das seit Jahren von Eskalationslogik, moralischer Eindeutigkeit und strategischer Sprachverhärtung geprägt ist.
Doch der Satz fiel nicht ins Leere. Fast zeitgleich äußerte sich auch Wladimir Putin in ähnlich allgemeiner Tonlage: Europa werde langfristig zu konstruktiven Beziehungen mit Russland zurückkehren, man sei offen für „gegenseitig vorteilhafte Kooperation“(3). Zwei Stimmen, die sich rhetorisch berühren – und dennoch aus völlig unterschiedlichen Machtpositionen sprechen. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet daher nicht nur: Was meint Merz? Sondern vor allem: Soll man ihm trauen? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, indem man Merz isoliert betrachtet. Sie verlangt einen Blick auf das, was folgte – und auf das, was ausblieb. Auf die innerparteiliche Stille. Auf die mediale Zurückhaltung. Und auf den europäischen Kontext, in dem ein solcher Satz überhaupt gesagt werden kann.
Ein Satz, viele Lesarten
Merz’ Aussage in Halle an der Saale war ausdrücklich konditional formuliert. Er sprach von einer Perspektive nach Frieden und Freiheit, nicht von einer unmittelbaren Kursänderung (1). Gleichwohl ist ihre symbolische Wirkung nicht zu unterschätzen. In Ostdeutschland, wo wirtschaftliche Erschöpfung, hohe Energiepreise, Industrieabbau und Kriegsmüdigkeit stärker spürbar sind als in vielen westdeutschen Metropolen, wird jedes Signal Richtung Dialog anders gehört als in Berlin oder Brüssel. Hier entscheidet sich erstmals die Frage nach Vertrauen. Ist das Gesagte Teil einer strategischen Neuorientierung – oder ein gezieltes Signal in einem politisch sensiblen Wahlkampfgebiet?
Auffällig ist dabei weniger, was gesagt wurde, als was folgte. Keine erkennbare innerparteiliche Kontroverse. Entgegen verbreiteter Erwartungen kam es in der CDU weder zu offener Kritik noch zu demonstrativer Distanzierung. Auch Stimmen, die bislang für eine besonders harte Russland-Linie standen, meldeten sich nicht öffentlich zu Wort. Diese Stille ist politisch nicht neutral. Sie deutet darauf hin, dass die Aussage nicht als „Ausrutscher“ gelesen wurde. Plausibel erscheint ein kontrolliertes Signal – zumindest eines, das man nicht problematisieren wollte (2).
Ebenso bemerkenswert ist die mediale Resonanz. Große Leitmedien zitierten den Satz, ordneten ihn jedoch kaum ein. Weder Alarmismus noch intensive Kommentierung folgten (2). Das lässt sich nicht zwingend als bewusste Zurückhaltung deuten, wohl aber als Diskursverlegenheit. Eine konditionale Öffnung passt nicht in die bislang dominierenden Deutungsmuster. Zugleich ist bekannt, dass gerade in Ostdeutschland jede stark gerahmte Einordnung schnell als taktische Einflussnahme gelesen wird. Schweigen oder sachliche Zurückhaltung erscheinen in diesem Umfeld oft als der risikoärmere Weg.
Für die CDU selbst dürfte ein weiterer Faktor eine Rolle spielen. Sachsen-Anhalt und andere ostdeutsche Länder gelten als politisch sensibel. Friedens- und Sanktionsskepsis sind dort verbreitet, wirtschaftliche Belastungen unmittelbar spürbar. Eine innerparteiliche öffentliche Korrektur hätte den Satz größer gemacht, als er inhaltlich bislang ist – und womöglich genau jene Wählerschichten weiter entfremdet, um die es strategisch geht. In diesem Licht wirkt die Stille weniger wie Zufall als wie kommunikative Einhegung (2).
Dass Merz den Satz bislang nicht politisch unterfüttert hat, spricht zunächst für diese Lesart. Es folgte kein Konzept, keine Rede zur europäischen Sicherheitsarchitektur, keine Konkretisierung dessen, was ein „Ausgleich“ institutionell, wirtschaftlich oder sicherheitspolitisch bedeuten soll (1). Doch allein daraus ein bloßes „Verplappern“ zu konstruieren, greift zu kurz. Denn Europa selbst befindet sich in einer Phase, in der alte Gewissheiten bröckeln – und genau diese Lage wird jenseits deutscher Debatten, etwa in britischen Denkfabriken, mit bemerkenswerter Klarheit benannt (4).
Gespräch als Machtfrage, nicht als Vertrauensfrage
Seit Mitte 2025 ist in der EU eine leise, aber zunehmend strukturierte Debatte zu beobachten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni haben öffentlich erklärt, Europa müsse wieder in der Lage sein, mit Russland zu sprechen (5). Meloni begründete dies nüchtern: Wer in einer Verhandlungsphase nur mit einer Seite spreche, werde politisch marginalisiert (5). Demgegenüber stehen Polen, die baltischen Staaten und Großbritannien, die jede Gesprächsrhetorik als gefährliche Vorleistung ablehnen (5).
Auch innerhalb der EU-Institutionen bleibt die Linie widersprüchlich. Die Kommission räumt ein, dass Frieden irgendwann Gespräche mit Russland voraussetzt, betont aber zugleich, man sei „noch nicht so weit“ (6). Diese Ambivalenz ist zentral. Sie zeigt, dass Europa weniger um Vertrauen in Moskau ringt als um die Frage, wie es seine eigene Handlungsfähigkeit unter unsicheren Bedingungen behaupten kann.
Der eigentliche Hintergrund dieser Verschiebung ist weniger Russland selbst als die Unsicherheit über die Rolle der USA. Seit der neuen US-Sicherheitsstrategie und der offen transaktionalen Politik Washingtons wächst in europäischen Hauptstädten die Sorge, im entscheidenden Moment nur noch Zuschauer zu sein (4). In diesem Kontext gewinnt auch die Debatte über einen möglichen EU-Sonderbeauftragten für Russland an Bedeutung. Noch ist der Posten nicht beschlossen, noch gibt es keinen Namen. Doch bereits die Diskussion macht sichtbar, wie groß die Angst ist, von einem möglichen US-Russland-Deal politisch übergangen zu werden (5).
Spätestens seit dem Sommer 2025 hat sich in Europa damit ein Gegensatz herausgeschält, der in der deutschen Berichterstattung oft geglättet wird. Nicht „Frieden gegen Krieg“ stehen einander gegenüber, vielmehr zwei konkurrierende politische Reflexe. Der erste lautet, Europa muss Gesprächskanäle zurückgewinnen, um im Fall von Verhandlungen nicht Objekt fremder Entscheidungen zu sein. Der zweite lautet, Gespräche ohne zuvor aufgebaute Machtmittel und ohne belastbare russische Signale sind gefährliche Symbolpolitik. Sie unterminieren Abschreckung, schwächen die Ukraine und normalisieren eine Lage, die als nicht normalisierbar gilt (5).
Auf der Seite jener, die Gespräche ausdrücklich als Instrument – nicht als Vertrauensvorschuss – begreifen, stehen öffentlich vor allem Rom und Paris. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagte Anfang Januar 2026 sinngemäß, „die Zeit sei gekommen, dass Europa auch mit Russland spricht“(5). Das Argument ist strategisch, nicht moralisch: Wenn Europa in eine Verhandlungsphase eintrete und nur mit einer Seite spreche, bleibe sein Einfluss zwangsläufig begrenzt (5). Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzte im Dezember 2025 einen ähnlichen Akzent. Es werde „wieder nützlich“ sein, mit Präsident Putin zu sprechen, weil Europa andernfalls aus einem US-russischen Format herausdefiniert werde (5). In dieser Logik ist Dialog kein Zeichen von Annäherung. Es ist der Versuch, überhaupt wieder Subjekt der eigenen Sicherheitspolitik zu werden.
Brüssel zwischen Öffnung und Vertagung
Dieser Ansatz kollidiert jedoch mit einer institutionellen Grundspannung der Europäischen Union. Selbst dort, wo die Unvermeidlichkeit von Gesprächen theoretisch anerkannt wird, wird zugleich ihr Zeitpunkt bestritten. Die Kommission wählte dafür im Januar 2026 eine Formulierung, die bewusst beides enthält: die Anerkennung späterer Notwendigkeit und die Abwehr gegenwärtiger Erwartung. Sprecherin Paula Pinho sagte wörtlich, „Wir sind noch nicht so weit.“ Zugleich fügte sie hinzu, „Irgendwann wird es Gespräche geben müssen, auch mit Präsident Putin.“ Die Begründung liegt in einer politischen Schutzklausel. Man sehe „keine Anzeichen“, dass Putin tatsächlich Frieden wolle (6). Übersetzt heißt das: Europa akzeptiert Gespräche als Endpunkt, verschiebt sie aber aus der Gegenwart – und hält damit den politischen Druck nach innen wie nach außen aufrecht.
Ursula von der Leyen blieb in dieser Logik bei der Linie „Druck, um Verhandlungen zu erzwingen“. Ihr zentraler Satz aus dem Herbst 2025 lautete sinngemäß, es brauche „mehr Druck auf Russland, damit es an den Verhandlungstisch kommt“, und dafür „mehr Sanktionen“(7). Im Januar 2026 betonte sie erneut, die Verantwortung liege bei Russland, zu zeigen, dass es Frieden wolle (7). Auch hier findet sich kein kategorisches Nein zu Gesprächen, wohl aber ein Verständnis von Verhandlungen als Ergebnis von Zwang – nicht als politisches Angebot.
Deutlich härter formulierte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas. Auf der Pressekonferenz des EU-Außenministerrats im November 2025 sagte sie, „Der Druck muss auf dem Aggressor liegen, nicht auf dem Opfer.“(8) Zugleich fasste sie die Linie als „klaren Zwei-Punkte-Plan“ zusammen: „Erstens Russland schwächen, zweitens die Ukraine unterstützen.“(9) Diese Aussage ist in ihrer Klarheit programmatisch. Sie macht aus der Frage nach Gesprächen eine nachrangige Technik, die erst nach dem Aufbau ausreichender Machtmittel überhaupt sinnvoll erscheint. Kallas’ Ton markiert damit die innere Grenze dessen, was in Brüssel derzeit als „neue Strategie“ gelten darf, ohne als Abkehr von der bisherigen Linie gelesen zu werden.
Hinzu treten Stimmen aus dem institutionellen Sicherheitsapparat, die die Debatte weiter verschieben. Hier geht es weniger um Dialog oder Abschreckung als um Lastenteilung und europäische Selbstverantwortung. EU-Ratspräsident António Costa formulierte im Dezember 2025 im Kontext der amerikanischen Neuorientierung, Europa müsse begreifen, dass sich die Beziehungen zwischen Verbündeten und die Nachkriegsallianzen grundlegend verändert hätten (10). EU-Kommissar Andrius Kubilius sagte Anfang Januar 2026 ungewöhnlich offen, die USA verlangten von Europa, bereit zu sein, „die gesamte Verantwortung für die konventionelle Verteidigung Europas“ zu übernehmen (11).
In dieser Perspektive wird die Russlandfrage zu einem Teilproblem einer größeren Lage. Europas strategische Krise ist weniger eine Frage des richtigen Tons gegenüber Moskau als eine Krise der eigenen Schutzarchitektur – und der Bereitschaft, Verantwortung in einer Welt ohne verlässliche Ordnungsmacht zu tragen (4).
Wer keinen Kanal hat, sitzt nicht am Tisch
Genau an dieser Stelle wird die Debatte um einen EU-Sonderbeauftragten beziehungsweise einen eigenen Verhandler für Russland plausibel. Sie speist sich weniger aus Dialogbereitschaft und eher aus der Angst, politisch entrechtet zu werden. Reuters berichtete, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni habe ausdrücklich die Ernennung eines EU-Gesandten angeregt (5). Zugleich betonen mehrere Berichte, dass es eine solche Position bislang formal nicht gibt. Namen wie Mario Draghi oder der finnische Präsident Alexander Stubb kursieren derzeit lediglich als Spekulationen in einem Suchprozess, nicht als Ergebnis politischer Entscheidungen.
Der politische Kern dieser Debatte ist jedoch klar: Wer in einer möglichen Dealphase keinen eigenen Kommunikationskanal hat, sitzt nicht am Tisch – und wird am Ende zum Objekt fremder Vereinbarungen. In dieser Lesart ist der Ruf nach einem Sonderbeauftragten ein Versuch institutioneller Selbstbehauptung in einer zunehmend transaktionalen Weltordnung (5).
Gegen diese Gesprächs- und Verhandlerlogik formiert sich allerdings eine Gegenkoalition. Sie besteht aus Polen, den baltischen Staaten und aus London (5). Die britische Außenministerin Yvette Cooper reagierte etwa, man brauche belastbare „Belege“, dass Präsident Putin tatsächlich Frieden wolle; im Moment sehe sie diese nicht (13). Damit wird der französisch-italienische Impuls als riskante Symbolpolitik gerahmt.
Diese britische Position ist deshalb besonders relevant, weil sie – anders als viele EU-Staaten – weniger durch Brüsseler Konsenszwänge gebunden ist. London setzt den Preis einer falschen Annäherung höher an als den Preis politischer Marginalisierung. In dieser Perspektive ist es rationaler, keinen Platz am Tisch zu haben, als durch vorschnelle Gesprächssignale strategische Glaubwürdigkeit zu verlieren (13).
Washington als Störfaktor europäischer Strategie
Auch die europäische Think-Tank-Szene hat diesen Tabubruch inzwischen klar benannt. Nicht Europa habe den Gesprächskanal geöffnet, sondern Washington. Der Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Stefan Meister, formulierte, durch direkte Verhandlungen der USA mit dem Kreml sei das „Tabu diplomatischer Kontakte“ faktisch gebrochen worden. Daraus leitet er die zentrale Frage ab, ob Brüssel nicht selbst einen eigenen Kommunikationskanal nach Moskau öffnen müsse – gerade weil europäische Sicherheit unmittelbar betroffen sei (14).
Mark Leonard vom European Council on Foreign Relations (ECFR) argumentierte im Dezember 2025 noch instrumenteller. Europa müsse „bereit sein, direkt mit den Russen zu sprechen“, insbesondere für den Fall, dass Donald Trump „des Prozesses müde wird und weggeht“(15). Dialog erscheint hier als Absicherung gegen amerikanische Volatilität. Eine begleitende Debatte im Umfeld der Carnegie-Stiftung fasst diese Logik als „Ja, aber“ zusammen: Ja, Europa sollte verhandeln – jedoch „nicht um des Friedens um jeden Preis willen“. Ziel sei ein Sitz am Tisch, gerade weil Moskau Europa dort strategisch nicht haben wolle (16).
In der Summe ergibt sich daraus ein härterer Befund, als es das übliche „Europa will Frieden“-Vokabular nahelegt. Diese Positionen sind keine Dialogromantik. Sie benennen eine strategische Realität. Wenn die USA unberechenbar agieren und Gespräche primär nach eigenen Interessen führen, muss Europa zumindest die Fähigkeit besitzen, selbst zu verhandeln – selbst dann, wenn es dem Gegenüber nicht vertraut und dessen Motive nicht teilt (4). (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Damit verschiebt sich die eigentliche Konfliktlinie. Für 2026 stehen Varianten von „schlecht und schlechter“ gegeneinander. Hält Europa an maximaler Druck- und Schwächungslogik fest, riskiert es, politisch dennoch von einem US–Russland-Deal übergangen zu werden. Öffnet es eigene Gesprächskanäle, riskiert es innenpolitisch den Vorwurf der Normalisierung und außenpolitisch den Verlust von Abschreckungsglaubwürdigkeit. Versucht es beides gleichzeitig – Druck und Kanal –, braucht es eine institutionelle Architektur aus Mandat, Verhandler, Sanktionsmechanik und Sicherheitsgarantien, die bislang lediglich umrissen ist (5).
Genau an diesem Punkt wird die Merz-Frage operabel. Glaubwürdig ist nicht der Satz von Halle. Glaubwürdig wäre die Fähigkeit, ihn in europäische Handlungsfähigkeit zu übersetzen.
Der britische Blick – Ordnung ohne Schutzmacht
An dieser Stelle setzt der Blick aus London an. Das „Chatham House“, die einflussreichste außenpolitische Denkfabrik Großbritanniens, beschreibt das Jahr 2026 als ein Jahr „ohne Schutzmacht“(17). In der Director’s Annual Lecture diagnostiziert Direktorin Bronwen Maddox eine Welt, in der die USA ihre ordnende Rolle faktisch aufgeben. Sie spricht offen von einer „Revolution“ der US-Politik: Bündnisse gelten als Option; Regeln nur noch, solange sie nützen (18).
Für Verbündete bedeute das, so Maddox, Szenarien ernsthaft zu bedenken, die früher undenkbar gewesen seien – bis hin zur Absicherung gegen politischen oder wirtschaftlichen Druck aus Washington selbst (18). Diese Aussage ist für britische Verhältnisse bemerkenswert. Sie entzaubert die lange beschworene „special relationship“ und ersetzt sie durch strategische Nüchternheit. Loyalität wird kalkuliert.
Russland erscheint in dieser Analyse als dauerhafter Störfaktor (nicht als Partner), der Ressourcen bindet und Instabilität erzeugt. Die Ukraine wiederum wird als langfristige Belastungsprobe ohne gute Optionen beschrieben. Maddox spricht von einer Wahl zwischen schlechten und schlechteren Varianten: Fortgesetzte Unterstützung ohne politische Perspektive, begrenzte Unterstützung mit hohen Risiken oder ein eingefrorener Konflikt, der Europa dauerhaft destabilisiert (18).
Der entscheidende Punkt liegt jedoch weniger in der Diagnose einzelner Konflikte als im Ton der Analyse. „Chatham House“ vermeidet jede Erlösungsrhetorik. Es gibt keinen „Sieg“, keinen klaren Endpunkt, kein positives Zukunftsmodell. Stattdessen fordert Maddox strategische Ehrlichkeit. Regierungen müssten ihren Gesellschaften offen sagen, dass absolute Sicherheit nicht mehr herstellbar sei – und dass Politik künftig nicht mehr versprechen könne, Risiken vollständig zu eliminieren, anstattdessen wird Politik nur noch mit ihnen umgehen.
Substanz oder Werbefeldzug?
Genau hier liegt der Maßstab für die Bewertung von Merz. Aus britischer Sicht – und darin liegt der analytische Mehrwert – ist entscheidend, wodurch es getragen ist. Substanz beginnt dort, wo Worte institutionell hinterlegt werden, durch belastbare Vorschläge zur europäischen Sicherheitsarchitektur, durch wirtschaftspolitische Konzepte jenseits von Sanktionen, durch realistische Finanzierungsmodelle und durch eine ehrliche Kommunikation der politischen und sozialen Kosten (18).
Werbefeldzug beginnt dort, wo Worte für sich stehen bleiben – angepasst an regionale Stimmungen, ohne strategische Übersetzung und ohne erkennbare Anschlussfähigkeit. Merz’ Satz in Halle fällt bislang in diese zweite Kategorie. Er öffnet einen Denkraum, füllt ihn jedoch nicht (1).
Das bedeutet nicht, dass der Satz falsch wäre. Im Gegenteil: Die britische Analyse legt nahe, dass Europa langfristig nicht um eine Neujustierung seines Verhältnisses zu Russland herumkommen wird – aus Notwendigkeit (17). Zugleich macht sie deutlich, dass eine solche Neujustierung ein machtpolitischer Kraftakt ist. Er verlangt Vorbereitung, Durchhaltefähigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz – und damit weit mehr als ein richtig gesetztes Signal (18).
Was bleibt von der Vertrauensfrage?
Soll man Merz trauen? Die ehrliche Antwort lautet: Man kann ihm zuhören, aber man kann sich nicht auf seine Worte verlassen, weil ihnen bislang die strategische Tiefe fehlt.
Die britischen Think Tanks liefern dazu keinen Kommentar über Merz selbst, wohl aber den Maßstab, an dem deutsche Politik derzeit gemessen wird. In einer Welt ohne verlässliche Schutzmächte sind Signale ohne institutionelle Verankerung wertlos. Vertrauen entsteht durch Tragfähigkeit – durch die Fähigkeit, Worte in belastbare Strukturen zu übersetzen (18).
Für Deutschland, und insbesondere für Ostdeutschland, liegt hierin eine unbequeme Wahrheit. Weder Abgrenzung noch Öffnung ersetzen eine Strategie. Die eigentliche Bewährungsprobe besteht darin, ob Berlin bereit ist, jene europäische Realität anzuerkennen, die London so nüchtern beschreibt. Ordnung ist kein Automatismus mehr. Sie muss politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich neu begründet werden (18). (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Solange Merz diese Übersetzung schuldig bleibt, bleibt sein Satz von Halle an der Saale ein Echo – aufmerksam registriert, vielfach gelesen, aber ohne Richtung.
Epilog
Was heißt das konkret?
Politische Wirkung entsteht nicht durch allgemeine „Friedensappelle“, sie entstehen durch präzise Fragen. Wer auf Aussagen wie die von Friedrich Merz reagieren will, sollte nach Umsetzung fragen: Welche europäische Sicherheitsarchitektur hält die Politik für die Zeit nach dem Krieg für realistisch? Welche Rolle soll Deutschland darin spielen – jenseits von Waffenlieferungen, Sanktionsrhetorik und moralischer Selbstvergewisserung? Wie soll eine eigenständige europäische Gesprächs- und Verhandlungsfähigkeit aussehen, falls die USA eigene Wege gehen? Und wer trägt die Verantwortung für die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kosten?
Denn diese Kosten sind längst gesetzt. Die finanzielle Verschuldung, die industrielle Schwächung, die sozialen Verwerfungen und die sicherheitspolitischen Langzeitfolgen der vergangenen Jahre sind irreversibel und wirken über Jahrzehnte fort, ganz abgesehen vom Vertrauensverlust des russischen Nachbarlandes, das zudem auch ein europäisches Land ist. Die Kosten dieses Krieges sind das Ergebnis politischer Entscheidungen, die geopolitisch gerahmt und gesellschaftlich nur unzureichend erklärt wurden. Die Frage lautet, wie mit ihren Folgen weiter regiert werden soll.
Vor diesem Hintergrund sind Gespräche, Verhandlungen oder strategische Öffnungen der Versuch, politische Steuerungsfähigkeit zurückzugewinnen, und keine Nachgiebigkeit. Politische Mündigkeit beginnt in der Unterscheidung zwischen Verstehen, Verhandeln und Vertrauen, in der Rückgewinnung von Begriffen wie Gesprächsfähigkeit, Verhandlungsautonomie oder strategische Redundanz – und im Mut, sich nicht mit ausweichenden Antworten abspeisen zu lassen. Es ist eine Klarstellung.
Quellen und Anmerkungen
1.) https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-kanzler-ihk-halle-dessau-2402682
2.) https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/halle/video-bundeskanzler-merz-frieden-russland-100.html
3.) https://tass.com/politics/2071977
4.) https://www.chathamhouse.org/publications/the-world-today/2025-12/world-2026
5.) https://www.reuters.com/world/europe/russia-hails-apparent-desire-some-eu-states-resume-dialogue-ukraine-with-moscow-2026-01-16/
6.) https://www.brusselstimes.com/1914771/talking-to-putin-were-not-there-yet-eu-spokesperson; https://www.euractiv.com/news/eu-says-direct-talks-with-putin-inevitable-at-some-point/
7.) https://www.theguardian.com/world/live/2026/jan/06/coalition-willing-paris-ukraine-zelenskyy-greenland-denmark-venezuela-trump-latest-news-updates?filterKeyEvents=false&page=with%3Ablock-695d3d668f082f208bb59f27
8.) https://www.eeas.europa.eu/eeas/foreign-affairs-council-press-conference-high-representative-kaja-kallas-0_en
9.) https://www.eeas.europa.eu/eeas/foreign-affairs-council-press-conference-high-representative-kaja-kallas-0_en
10.) https://www.courthousenews.com/eu-leaders-talk-european-security-amid-unpredictable-us/
11.) https://ec.europa.eu/commission/presscorner/home/en
12.) https://www.aa.com.tr/en/europe/european-governments-urge-eu-to-appoint-negotiator-on-ukraine-talks-report/3799005
13.) https://novayagazeta.eu/articles/2026/01/16/uk-opposes-french-and-italian-calls-for-europe-to-restart-dialogue-with-putin-en-news
14.) https://dgap.org/en/research/publications/taking-pulse-should-europe-negotiate-russia
15.) https://www.project-syndicate.org/commentary/europe-must-plan-for-ukraine-postwar-scenario-on-its-own-by-mark-leonard-2025-12
16.) https://carnegieendowment.org/europe/strategic-europe/2026/01/taking-the-pulse-what-issue-is-europe-ignoring-at-its-peril-in-2026?lang=en¢er=europe
17.) https://www.chathamhouse.org/publications/the-world-today/2025-12/world-2026
18.) https://www.chathamhouse.org/2026/01/chatham-house-director-bronwen-maddox-warns-does-mark-end-western-alliance