Cai Guo-Qiang, Head On (2006): 99 lebensgroße Wolfsnachbildungen aus Gaze, Harz und Tierhaut stürmen in einem großen Bogen auf eine transparente Glaswand zu. Die ersten prallen ab, die nächsten folgen dennoch derselben Bahn – eine eindringliche Szenerie über Beharrlichkeit, Gruppendynamik und Grenzen, die erst im Zusammenstoß sichtbar werden.

Essay | Zwischen den Takten

(Red.) Der richtige Text in Zeiten, wo man auf die Resultate aus den USA wartet … (cm)

Kunst und Gegenräume, in denen der Geist wieder eigene Richtung gewinnt

Manchmal kommt die Sehnsucht nach einem anderen Blick. Ein leiser Wunsch, für einen Moment aus dem Takt zu treten. Ein Bild, ein Spaziergang, ein Gespräch, ein seltsames Kunstwerk können genügen. Etwas öffnet sich, der Kopf wird leichter, und plötzlich merkt man, dass die Welt noch andere Räume bereithält als jene, die uns täglich beanspruchen.

Es gibt Zeiten, in denen ich bewusst nach anderen geistigen Räumen suche. Die Themen, mit denen ich arbeite, sind oft schwer. Krieg, Macht, gesellschaftliche Verwerfungen, politische Entscheidungen und ihre Folgen. Sie enden nicht mit dem letzten Satz eines Artikels. Etwas davon bleibt, arbeitet weiter und verdichtet sich. Plötzlich war Rolandseck wieder da. Es war dieses alte Gefühl, das ich lange nicht mehr gesucht hatte. Irgendwo hineingehen, nichts erledigen müssen, vor etwas stehenbleiben und merken, dass im eigenen Kopf eine Bewegung beginnt.

Ich war lange nicht mehr dort gewesen. Die Zeit war knapp, der Arbeitstag fraß sich in den Abend. Mir fiel auf, dass etwas fehlte. Diese kurzen Räume zwischen den Takten, in denen der Alltag seinen Zugriff lockert und der Geist wieder eigene Richtung gewinnt.

Ein tragfähiges Gefüge

Im Arp Museum Bahnhof Rolandseck sah ich 2013 die Arbeiten von Tara Donovan. Die Ausstellung zeigte rund 21 raumgreifende Skulpturen und Wandarbeiten aus Materialien, die jeder kennt: Nadeln, Trinkhalme, Knöpfe und Kunststofffolien. (1)

Dort standen mehrere quaderartige Gebilde. Eines davon hat sich festgesetzt, ein Kubus aus Stecknadeln.
Tara Donovans „Untitled“ besteht aus Tausenden geraden Nadeln. Keine tragende Konstruktion hält sie zusammen. Der Körper entsteht durch Verdichtung und die Lage der einzelnen Teile zueinander. Das Werk aus dem „Institute of Contemporary Art“ in Boston maß etwas mehr als einen Meter in jede Richtung. (2)

Eine Stecknadel ist fast nichts. Dünn, leicht, für einen kleinen Zweck hergestellt. Sie hält Stoff zusammen und verschwindet danach wieder in einer Dose. Donovan nahm Tausende davon, und plötzlich stand dort ein Körper mit Gewicht, Oberfläche und architektonischer Präsenz. Mich beschäftigt daran bis heute die handwerkliche Kuriosität, aber auch das Verhältnis der Einzelteile. 

Keine einzelne Nadel besitzt die Kraft des Kubus. Erst ihre Nähe und Menge erzeugt Stabilität. Darin liegt eine sehr menschliche Erkenntnis. Stärke muss nicht vollständig im Einzelnen wohnen. Menschen wirken oft belastbarer, als sie sind, gerade weil sie lange funktionieren. Wir gewöhnen uns an ihre Zuverlässigkeit und übersehen, dass Kraft kein unverbrauchbarer Rohstoff ist. Ein tragfähiges Gefüge entsteht auch dadurch, dass Lasten verteilt werden. Der Kubus sagte das nicht, auch kein Schild daran. Er stand einfach da. Der Gedanke aber wuchs.

Blätter drehen sich im Rhythmus 

Mit Rolandseck kam eine zweite Erinnerung zurück. Eine alte mechanische Anzeigetafel. Ihre erstaunliche Wirkung ist mir geblieben. Diese Tafeln gehörten früher zur Dramaturgie des Reisens. Das Klackern der Fallblätter kündigte an, dass gleich ein Ort erscheinen würde, eine Stadt und eine Abflugzeit.

Auf dieser Tafel erschien aber nichts Brauchbares. Die Mechanik arbeitete dennoch weiter. Klack, klack, klack. Und genau dadurch geschah etwas Merkwürdiges. Ich begann selbst Reiseziele einzusetzen. Orte entstanden im Kopf, ohne dass die Maschine einen einzigen nannte. Aus einem Gerät zur nüchternen Informationsübermittlung wurde ein Generator für Fernweh.

Das Werk „Trinity I“ von Kris Martin ist eine große Fallblattanzeige, bei der Buchstaben und Zahlen einfach entfernt wurden. Die Blätter drehen sich in unvorhersehbarem Rhythmus weiter, Orte und Zeiten erscheinen nie. (3) Übrig bleibt das charakteristische Geräusch. Das gefällt mir bis heute. Wir leben in einer Zeit, die jede Leerstelle sofort füllt. Ein Ort wird gesucht, eine Strecke berechnet und die Ankunft verfolgt. Martins Mechanik nimmt diese Gewissheit weg. Sie verweigert das Ziel und gibt dafür Vorstellungskraft zurück.
Die Maschine zeigte mir nichts, deshalb aber begann ich zu sehen. Magisch.

Der Wert neutralisiert den Stolz

Kris Martin arbeitet häufig mit solchen Verschiebungen. 2005 schrieb er wie ein Mönch Dostojewskis „Der Idiot“ mit der Hand ab. 1494 Seiten. Er veränderte nur den Namen des Protagonisten. Aus Fürst Myschkin wurde Martin. (5) Myschkin ist bei Fyodor Dostojewski kein einfältiger Mensch. Er ist ungewöhnlich offen, wahrhaftig und mitfühlend. Er tritt nahezu vollständig als moralisch und geistig geformte, Christus ähnelnde Person auf. Hier liegt die Düsternis des Romans. Myschkins Güte vermag die zerstörerischen Kräfte um ihn herum nicht aufzuheben und lässt auch ihn selbst nicht unversehrt. (7) 

Darin steckt mehr als ein konzeptueller Scherz. Martin schreibt sich Seite um Seite in das Leben eines Menschen hinein, dessen moralische Lauterkeit keine Garantie auf ein gutes Ende enthält. Das ist die Zumutung. Anständigkeit besitzt keinen automatischen gesellschaftlichen Kurswert. Ihren Wert verliert sie dadurch nicht.

Ein Jahr später ließ Martin sein eigenes Porträt auf eine Goldmünze prägen. Ihr Nennwert lautet „1 Idiot“. (6) Das S.M.A.K. in Gent dokumentiert Martins knappe Erklärung, diese Wertangabe neutralisiere den Stolz. (4) Das eigene Gesicht auf Gold erhebt den Künstler zunächst zur Person von Rang und die Bezeichnung „1 Idiot“ nimmt dieser Geste im selben Moment ihre Feierlichkeit.

Trotz gegen das Vergessen

2004 schuf derselbe Künstler „100 Years“ eine kleine, nahezu harmlos wirkende Kugel, die nach Martins  Idee im Jahr 2104 explodieren solle – hundert Jahre nach ihrer Entstehung. (12) Martin bezeichnete die Arbeit selbst als Teil seines Kampfes gegen die Endlichkeit. Er wusste, dass er diesen Kampf verlieren würde und daher legte er etwas in die Zukunft, das noch von seiner Existenz zeugen sollte, wenn er selbst längst nicht mehr da ist. 

Mich berührte daran weniger die Provokation einer „Bombe“ als die beinahe komische Hilflosigkeit gegenüber der Zeit. Ein Mensch weiß, dass er verschwinden wird, und schickt sich selbst eine Nachricht hundert Jahre voraus. Das Objekt wird zu einer winzigen Trotzhandlung gegen das Vergessen. Martin nimmt seine eigene Vergänglichkeit ernst und macht sich zugleich über den Wunsch lustig, ihr entkommen zu können. 


Wenige Quadratzentimeter Metall

Eine andere Arbeit Martins traf mich dann aber stärker. 2010 brachte er 700 gefundene Artilleriegeschosshülsen zusammen, die während Kriegspausen in den Schützengräben von deutschen und alliierten Soldaten mit Blumen, Schriften oder Porträts verziert worden waren. (6) Martin mischte die Stücke beider Seiten. Sein Werkführer fasst das Zusammentreffen in zwei Polen – Schönheit und Grauen. 

Der entscheidende künstlerische Vorgang war lange vor Martin geschehen. Da saß ein Mensch in einem Schützengraben und hatte Metall vor sich, das Teil einer Maschine des Tötens gewesen war. Er nahm ein Werkzeug und trieb eine Blüte hinein. Dieser Vorgang verändert den Gegenstand nicht zurück. Die Hülse bleibt Kriegsgerät. Der Mensch machte sie auch nicht unschuldig. Er setzt nur etwas Eigenes hinein.
Und darin lag die Wirkung.

Grausame Systeme reduzieren Menschen gern auf Funktionen. Soldat, Gegner, Nummer und Verlust. Ein in Messing getriebenes Abbild einer Frau oder ein Gedicht widerspricht dieser Reduktion auf eine fast lächerlich kleine Weise. Einer saß also dort, so meine Vorstellung, und dachte noch an Form und Schönheit. An etwas, das nicht mit dem Krieg identisch war. Solche Wahrnehmungen interessieren mich. Das Große des Menschlichen erscheint nicht immer dort, wo Worte gesprochen werden. Manchmal sitzt es auf wenigen Quadratzentimetern Messing.

Ein Kopf, der immer weiterrollt

Der südkoreanische Künstler Choe U-Ram baut Maschinen, die beinahe wie Lebewesen erscheinen. Seine Installation „Round Table“ von 2022 hat einen Durchmesser von viereinhalb Metern. (8) Unter der runden Tischplatte befinden sich achtzehn kopflose Gestalten aus Stroh. Ihre Rücken stemmen sich gegen die Platte, ihre Körper wirken angespannt, als wollten sie sich aufrichten und den einzigen kugelförmigen Kopf erreichen, der oben auf dem Tisch liegt. Doch die Bewegung gehorcht ihnen nicht.

Der Rand des Tisches hebt und senkt sich fortwährend. Die Platte kippt, der Kopf beginnt zu rollen, kommt einer Figur näher und entfernt sich im nächsten Augenblick wieder. Es sieht aus, als würden sich die Strohgestalten mit aller Kraft um diesen einen Kopf bemühen. Je stärker ihre Körper zu arbeiten scheinen, desto unerreichbarer wird er.

Über diesem Geschehen schweben drei schwarze Vögel. Sie ziehen nahe der Decke ihre Bahnen und scheinen den eigentümlichen Ablauf unter sich zu beobachten. Choe legt ihre Rolle nicht eindeutig fest. Sie können als Beobachter gelesen werden, die von oben auf ein System blicken, dessen Zwängen sie selbst nicht unterliegen. Sie können für eine andere Ordnung stehen, die mit dem Geschehen am Tisch nichts zu tun hat. Vor allem schaffen sie eine zweite Ebene im Raum. 

Mich fesselt an „Round Table“ weniger der einzelne Kopf als das Verhältnis von Anstrengung und Verfügung. Menschen können ungeheuer tätig sein und dennoch innerhalb eines Systems handeln, dessen Bewegung sie selbst kaum bestimmen. Sie können sich aufrichten, Kraft einsetzen und einem Ziel näherkommen wollen, während die Bedingungen dieses Ziel bereits wieder verschieben. Der Kopf rollt weiter. Nicht weil einer der Achtzehn zu wenig getan hätte. Der Mechanismus läuft.

Die unsichtbare Grenze

Cai Guo-Qiangs „Head On“ entstand 2006 für das „Deutsche Guggenheim“ in Berlin. Es sind 99 lebensgroße Wolfsnachbildungen aus Gaze, Harz und Tierhaut. Sie springen in einem großen Bogen durch den Raum und treffen auf eine transparente Glaswand. (9) Die vorderen Tiere prallen ab und stürzen zu Boden, die folgenden laufen auf derselben Bahn weiter. Die Durchsichtigkeit der Wand verändert alles. Eine massive Mauer würde ihren Widerstand ankündigen. Diese Grenze wird erst durch den Aufprall sichtbar.

Mich interessierte daran weniger das Scheitern als das Beharren. Durchhaltevermögen gilt zu Recht als Tugend. Ohne Beharrlichkeit entsteht kaum etwas. Doch Dranbleiben und unverändert dieselbe Richtung halten sind nicht identisch. Ein Ziel darf bleiben, während der Weg sich ändert. Manchmal besteht Selbstbestimmung auch darin, nicht noch schneller gegen immer dieselbe Wand zu laufen. Das gilt für große Systeme ebenso wie für den privaten Alltag. Ein Mensch kann Unterstützung annehmen, einen Umweg wählen, zwei Meter zurückgehen und an anderer Stelle neu beginnen. Auch wenige Meter verändern einen Standort.

Neun Stunden für Nichts

Der belgisch-mexikanische Künstler Francis Alÿs trieb dieses Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis 1997 auf wunderbare Weise ins Absurde. Für „Paradox of Praxis 1 – Manchmal führt es zu nichts, etwas zu machen“ schob er mehr als neun Stunden lang einen großen Eisblock durch das historische Zentrum von Mexiko-Stadt. Das Eis wurde kleiner, leichter, durchsichtiger und war am Ende verschwunden. (10) Zurück blieb Wasser auf dem Pflaster. 

Alÿs bezog die Arbeit auf das Missverhältnis zwischen Anstrengung und Wirkung. Sie taugt nicht als hübsche Parabel über Durchhaltewillen. Mich zog ein anderer Gedanke an. Nicht jede Tätigkeit muss etwas Gegenständliches hinterlassen, um stattgefunden zu haben. Wir sind daran gewöhnt, Wirkung an Resultaten zu messen. Etwas soll wachsen, bleiben und sichtbar sein.

Alÿs arbeitete neun Stunden und besaß am Abend buchstäblich nichts mehr von dem, was er bewegt hatte.
Nur der Weg ist geschehen. Das kann befreiend sein. Nicht jede Anstrengung unseres Lebens muss sich irgendwann als Mahnmal rechtfertigen. Eine Geste, ein Gespräch, eine Stunde Hilfe oder ein gemeinsamer Nachmittag können einfach so verschwinden und trotzdem Wirkung haben. Die Buchhaltung des Lebens ist schlecht darin, solche Dinge zu erfassen als der Mensch selbst.

Die Schlichtheit der Idee

Der russische Künstler Leonid Tishkov begann 2003 mit „Private Moon“. Ein großer leuchtender Halbmond reist mit ihm durch Landschaften, Häuser, Wälder und Städte. Die frühen Fotografien entstanden in Moskau und Umgebung gemeinsam mit Boris Bendikov. Tishkov beschreibt das fortlaufende Projekt als mobile Installation und visuelles Gedicht über einen Menschen, der dem Mond begegnet und bei ihm bleibt. (11) Ich mag die Schlichtheit dieser Idee. Etwas Unerreichbares wird für einen Augenblick häuslich. Entfernung verliert ihren Schrecken, ohne zu verschwinden. Der Mensch setzt sich einfach daneben. 

Genau solche Bilder sind für mich geistige Nahrung. Sie lösen nichts und müssen es auch nicht. Ihr Wert liegt darin, für einige Minuten eine andere Ordnung der Aufmerksamkeit herzustellen. Danach ist der Alltag wieder da. Nur nicht ganz in derselben Größe. Dieser Herbst bietet wieder viele Gelegenheiten dazu. 

Wer solch eine Gelegenheit kennt, darf sie mir gern schicken. Ich sammle Dinge, nach denen die Welt für einen Moment anders aussieht.

Quellen und Anmerkungen: (abgerufen am 24.Sept 2026)

1.) https://arpmuseum.org/ausstellungen/wechselausstellungen/rueckblick/tara-donovan.html
2.) https://www.icaboston.org/art/tara-donovan-0/untitled-pins/
3.) https://smak.be/en/news/closeup-trinity-i-by-kris-martin
4.) https://smak.be/en/exhibitions/kris-martin-exit
5.) https://smak.be/en/publications/idiot
6.) https://smak.be/volumes/general/Expo_Guide_Kris_Martin_EXIT.pdf
7.) https://www.cambridge.org/core/books/abs/dostoevsky-and-the-russian-people/idiot-where-have-all-the-people-gone/291CC013D4038A66C4B9D9540EF1643C
8.) https://www.mmca.go.kr/eng/exhibitions/exhibitionsDetail.do?exhFlag=1&exhId=202208240001557
9.) https://caiguoqiang.com/projects/projects-2006/head-on/
10.) https://francisalys.com/sometimes-making-something-leads-to-nothing/
11.) https://privatemoon.ru/album/moscow-russia-2003-2005/

Bildtext:

Cai Guo-Qiang, Head On (2006): 99 lebensgroße Wolfsnachbildungen aus Gaze, Harz und Tierhaut stürmen in einem großen Bogen auf eine transparente Glaswand zu. Die ersten prallen ab, die nächsten folgen dennoch derselben Bahn – eine eindringliche Szenerie über Beharrlichkeit, Gruppendynamik und Grenzen, die erst im Zusammenstoß sichtbar werden.

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