
Was für ein Theater (Teil 1)
(Red.) Warum nicht einmal das politische Schauspiel im Deutschen Bundestag so darstellen, wie wenn es ein echtes Schauspiel in einem Theater wäre? Bernd Liske hatte diese Idee und hat sie unter dem Titel «Glanzvolles Schauspiel des Ensemble des Deutschen Bundestages» ausformuliert. Globalbridge hat diese Darstellung hier übernommen, was freilich nicht heisst, dass die Redaktion mit der politischen Beurteilung der hier beschriebenen Darsteller immer einverstanden ist. (cm)
Gegenstand dieses dreiteiligen Artikels ist das Bemühen, zur Natur verschiedener Aspekte vorzudringen: Dem Handeln der Abgeordneten des Deutschen Bundestags wie auch der Parteien – beispielhaft an der Sitzung vom 31. Januar –, den Ursachen und dem Umfang der Migrationskrise, den Anträgen der CDU/CSU-Fraktion, den Anschlägen von Magdeburg und Aschaffenburg sowie dem, worüber die Wähler am 23. Februar tatsächlich entscheiden.
Widmen wir uns zunächst der Aufführung der Abgeordneten am 31. Januar im Deutschen Bundestag (1, 2) – in der mehr oder weniger gelungenen Adaption einer Theaterkritik der Oper Salome von Richard Strauß an der Wiener Staatsoper von 19. Januar 2020.
Wir wollen Großes, treffen auf Kleines und machen uns klein.
Wir treffen auf Großes, machen es klein, um groß zu erscheinen.
„Am Ende der Debatte im Bundestag hat niemand etwas in der Hand“ hieß es beim ZDF: Keine Partei zeigte sich begeistert als Gewinner – sieht man mal von der jubelnden Die Linke ab, die auch einen anmutigen Beitrag leistete, das Spiel aber wohl in seiner ganzen Komplexität nicht begriff – und doch war das ein würdiger Abschluss eines grandiosen sechsstündigen Schauspiels. Zwar verließ niemand im blutgetränkten Negligé die Bühne, niemand hielt den abgeschlagenen Kopf seines Widersachers in der Hand, doch die Art, wie dieses Heldenepos choreografiert wurde, verdient allergrößte Bewunderung. Das Ensemble ergänzte sich in wunderbarer Harmonie: Mal praktisch, mal philosophisch, mal Gemeinsamkeit wünschend, mal angreifend, mal beleidigend und dann empfindsam reagierend, ließ jeder dem anderen Platz, sich zu entfalten und gab ihm die Töne mit, um dem Spiel nahtlos eine Facette hinzuzufügen. Jeder durfte Held sein und seine Wählerklientel bedienen.
Schon im ersten Satz hielt die Aufführung eine Überraschung parat: Thorsten Frei beantragte eine zunächst dreißigminütige Unterbrechung – aus der dann dreieinhalb Stunden wurden. Die dann folgende Leere ließ den Zuschauer die Erhabenheit der Bühne des Bundestags einatmen und in stiller Einkehr über die Bedeutung der Bedeutung philosophieren. So verging die Zeit wie im Flug, bis dann Rolf Mützenich der Weise an das Rednerpult trat. Wunderbar, wie er über des Kaisers Bart philosophierte und als er mit Blick auf die Weimarer Republik darauf hinwies, dass „das Obrigkeitsdenken nie ganz verschwunden war“, bot er einen wunderbaren Blick auf Deutschland in seiner heutigen Verfasstheit. Wie er zum Schluss „Es ist nicht zu spät. Der Sündenfall wird sie für immer begleiten. Aber das Tor zur Hölle – ja ich sage es –, das Tor zur Hölle können wir noch gemeinsam schließen.“, intonierte, lies einen innerlich zittern.
Dann trat Friedrich Merz an das Pult und gab den Konrad Adenauer: „Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss man erst richtig anfangen.“ Virtuos setzte er das schon vorher begonnene Spiel fort, die Migrationsdebatte um eine über die AfD zu ergänzen, um so mehr emotionale Höhepunkte zu kreieren: Die von den folgenden Interpreten dankbar aufgenommen wurden. Mal mit zurückhaltender Attitüde, dann wieder durch das Auf und Ab seiner Stimme und die dosierte, dann aber raumgreifende Gestik zog er die Zuschauer in seinen Bann. Mit seiner These, „der täglichen stattfindenden Gruppenvergewaltigungen aus dem Milieu der Asylbewerber heraus“ zeigte er sich fähig zur künstlerischen Verfremdung der Realität – die primär Deutsche als Täter kennt –, aber auch dazu, Fremdenhass zu schüren, um damit der Relevanz seiner Anträge Nachdruck zu verleihen: An § 130 StGB hat er in diesem Augenblick wohl nicht gedacht. Sein Hinweis zum Ende, die Menschen würden erwarten, dass man zu Lösungen kommt, führt zu der Annahme, er könnte vielleicht glauben, die Menschen würden das Theater, wie es an diesem Tag aufgeführt wurde, nicht wollen, doch mit seinem überzeugenden Spiel leistete er seinen Beitrag für das Bemühen, dass es nicht dazu kommt.
Kaum hatte er seinen Part beendet, bot das Stück einen weiteren Höhepunkt: Annalena Baerbock schritt zum Pult. Sie ist eine Sängerin, die eine Rolle nicht nur verkörpert, sondern mit ihr verschmilzt und auf der Bühne immer gnadenlos die Extreme sucht. Im pastellrosafarbenem Kleid die Bühne betretend und damit das Mitgefühl, das Einfühlsame, das Reine, das Offene, das Nachdenkliche, das Mädchenhafte verkörpernd, setzt sie ihre Stimme gekonnt kontrastierend ein, um Zuschauer aufzuwühlen. Dabei ist der körperliche Einsatz nie Selbstzweck, sondern dient stets dazu, die Figur, die sie gibt, in all ihren Facetten zu beleuchten und die vokale Gestaltung ergänzt das perfekt. Die Stimme ist nicht nur ein Genuss an sich – das Mädchenhafte immer vor Augen –, sondern wird auch intelligent eingesetzt. Wie sie mit einer Mischung aus Trotz und Unbehagen zischt oder zwischen Süße und Bitterkeit in der Szene changiert, ist große Gestaltungskunst. Während sie inhaltlich mit Ihrem Satz „Dass wir hier reinschlittern in diese vollkommen faktenfreie Diskussionsrunde“ zu überzeugen wusste, waren die letzten Minuten ihres Vortrags am Pult und ihre anschließende Replik auf eine Bemerkung von Thorsten Frei die pure Offenbarung – wenn man an Widerborstigkeit und Keiferei seine Freude hat.
Dem schloss sich der Auftritt der grauen Eminenz Wolfgang Kubicki an. Er punktete mit dem Bemühen, Theater auch in dem Sinne zu spielen, dass darin die Würde nicht zu kurz kommen sollte und begann mit einer Feststellung, der auch dieser Beitrag im Weiteren noch nachgehen wird: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir alle gut beraten sind, bei der Frage, wie wir die Migration steuern können, permanent eine Anti-AfD-Debatte zu führen.“ Seine faktenreiche, präzise und pointierte Argumentation war ein inhaltlicher Höhepunkt der Debatte, die durch die Stimme zur Stimmung seines Vortrags wirkungsvoll übersetzt wurde.
Dann kam der Auftritt von Bernd Baumann, der den Counterpart zum übrigen Teil des Ensembles perfekt spielte. In Die Realität der MATRIX – und, wo ist Neo? Ein Plädoyer für das Grundgesetz habe ich das Versagen der Altparteien – aber auch die gesellschaftliche Verfasstheit – schon als verantwortlich für die Entwicklung der AfD charakterisiert und auch das Theater an dem Tag war geeignet, sie weiter zu stärken, so dass dazu hier nicht weiter vertieft wird. Mit der rhetorischen Frage, wieso die Morde von Magdeburg und Aschaffenburg CDU/CSU zum Handeln inspirierten, setzte er aber einen Punkt und im Weiteren wird hier gerade auch das noch thematisiert.
Von den weiteren Darstellern soll abschließend noch auf Sahra Wagenknecht eingegangen werden. Im Gegensatz zum Mädchenhaften von Annalena Baerbock die klassische Schönheit und eine emanzipierte Frau verkörpernd, wandelte sie jedoch in der Aufführung auf den Spuren von Annalena Baerbock, denn für die von ihr wahrgenommene „hysterische Debatte“ leistete sie ihre eigenen Beitrag. Möglicherweise wollte sie ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen und nicht mit ihrem analytischen Verstand dominieren. Von den Nebendarstellern sei noch Heidi Reichinnick erwähnt, die ihre Rolle als Rebellin so perfekt spielte, dass man sich fragte, wieso Die Linke ansonsten so dröge, so oberflächlich, so kleingeistig, so angepasst daherkommt.
Wohl selbst ergriffen von ihrem virtuosen Spiel gaben einige der Beteiligten in den folgenden Stunden und Tagen Solovorstellungen. Man darf annehmen, dass es bis zum Wahltag noch weitere Darbietungen geben wird. Im BRENNPUNKT der ARD am Abend war Friedrich Merz bemüht, die Bedeutung der Aufführung in den Stunden davor hervorzuheben – damit der Wähler auch wirklich erkennt, was ihm am meisten unter den Nägeln brennt.: „In dieser Woche sind die Unterschiede klargeworden. Vor allem in dem Thema, das die Menschen in Deutschland am meisten bewegt: nämlich der Migrations- und Einwanderungspolitik.“ Auch Sahra Wagenknecht zeigte sich weiter als würdiges Ensemble-Mitglied. Anstatt die Sehnsucht von Millionen zu bedienen, zu den Ursachen der Probleme vorzudringen und dafür umfassende wie auch nachhaltige Lösungen anzubieten, sang sie die Arie von einer Volksabstimmung zur Migrationspolitik: Das es dafür keine rechtlichen Grundlagen gibt, unterstreicht den künstlerischen – und realitätsfernen – Gehalt der Gesamtaufführung.
Das Bemühen, die Migrationskrise als bestimmendes Thema im Wahlkampf herauszuarbeiten – und dabei gegen die AfD Stimmung zu machen und die Russophobie auszuleben –, ist unverkennbar. Das führt zu verschiedenen Fragen, denen im Weiteren nachgegangen werden soll:
- Ist das Thema auch nach Ansicht der Wähler am relevantesten: Oder gibt es wichtigere Themen?
- Ist die Einordnung richtig, dass Russland für die Migrationskrise verantwortlich ist?
- Sollte die russische Verantwortung nicht gegeben sein: Welche Ursachen hat sie dann und wie ist sie dimensioniert, um daraus auf die Notwendigkeit, sich mit ihr auseinandersetzen zu müssen, und die Art und Weise, wie man das tun sollte, schließen zu können?
- Warum ist man parteiübergreifend bemüht, diesem Thema die Bedeutung zu geben?
- Sollte man sich Gedanken darüber machen, dass es in zeitlicher Nähe zur Wahl zwei Anschläge gab?
- Welche Moral leitet sich aus den Ergebnissen der Analyse ab?
Wahlforschung: Vom Wahrsagen lässt sich’s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit-Sagen. (Georg Christoph Lichtenberg, 1742 1799)
Folgt man der Forschungsgruppe Wahlen, die für das ZDF-Politbarometer fragte, welche Themen für die Entscheidung bei der Bundestagswahl am wichtigsten wären, kommt es zu einem ganz anderen Ergebnis als dem, was man aus dem – plötzlichen (?) – Engagement der Parteien für die Lösung der Migrationskrise schließen könnte. Danach ist das mit Abstand wichtigste Thema Krieg und Sicherheit (48 Prozent). Dahinter folgen Wirtschaft (41 Prozent) und soziale Gerechtigkeit (40 Prozent). Weit abgeschlagen folgt erst Flüchtlinge und Asyl (27 Prozent). Die von mir unabhängig davon vertretene These – sie bezieht sich aber auf das, was für die Wähler am wichtigsten ist und nicht darauf, was diese selbst für sich als wichtig betrachten – findet damit auch eine Nähe zur Realität: Wobei ich das hier zweit- und drittwichtigste Thema in einem Thema zusammengefasst hatte.
Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass die Bemühungen, das Migrationsthema als bestimmend für die Bundestagswahl zu suggerieren, sich ein Fundament gegeben haben und überaus umfassend vermittelt werden. So schafft es der SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 31. Januar, die Ergebnisse der Forschungsgruppe Wahlen subtil umzudeuten:
Interessant: Obwohl die Migrationsdebatte wieder auf Platz eins der Sorgen der Menschen ist, scheint sie für die meisten bei der Wahlentscheidung eine eher untergeordnete Rolle zu spielen.
Im ARD-Deutschland Trend vom 09. Januar sieht man die Migration auf Platz eins (37 Prozent), gefolgt von der Wirtschaft (34 Prozent). Abgeschlagen folgen Krieg und Frieden (14 Prozent), Umwelt und Klima (13 Prozent) sowie (!!!) soziale Ungerechtigkeit (11 Prozent). Subtil verpackt wird das „aktuell“ im Deutschlandfunk vom 05. Februar um 06.50 Uhr: „Asyl und Migration, Wirtschaft, gefolgt mit einigem Abstand dann Krieg und Frieden sowie Umwelt und Klima. Das sind laut aktuellen Umfragen die wichtigen politischen Problemfelder. Ein Thema fehlt in dieser Auflistung, obwohl es vielen Familien Monat für Monat unter den Nägeln brennt: Der Anstieg der Mieten.“ Den Vogel abschießen tut das von FORSA erhobene RTL/ntv- Trendbarometer vom 04.02.25. Dort sieht man den Schutz der Demokratie und die Bekämpfung des Rechtsextremismus als wichtigstes Thema der Wähler (62 Prozent !!!). Es folgen wirtschaftliche Entwicklung (55 Prozent), Kriminalität und innere Sicherheit (49 Prozent), die äußere Sicherheit Deutschlands (44 Prozent) sowie Zuwanderung und Flüchtlinge (36 Prozent). Ganz offensichtlich kann man Umfragen mit einem gewünschten Ergebnis in Auftrag geben und das dann politisch wie medial nach Belieben nutzen. Da die Friedensbewegung in Deutschland inzwischen marginalisiert ist und sicher keine bedeutende Lobby hat, erscheint die Annahme, dass die Ergebnisse des von der Forschungsgruppe Wahlen verantworteten ZDF-Politbarometers am seriösesten sind, vertretbar zu sein.
Zum Teil II des Kommentars von Bernd Liske.
Zum Teil III des Kommentars von Bernd Liske.