Inzwischen selten, aber umso wichtiger: Eine deutsche-russische Begegnung am 9. Mai 2024 in St. Petersburg – links der Enkel eines deutschen Soldaten, rechts der von sowjetischen Soldaten (Fot0: Éva Péli)

Volksdiplomatie im Schatten des Bruchs: Menschen bauen Brücken über politische Gräben hinweg

Abseits der offiziellen Diplomatie knüpft der Historiker und MGIMO-Dozent Alexandr Uschanow an ein internationales Netzwerk aus Städtepartnerschaften, Geschichtsprojekten und konkreter Wirtschaftskooperation. Sein Ansatz ist ungewöhnlich: Statt reiner Kranzniederlegungen knüpft seine Bewegung handfeste Wirtschafts- und Schulallianzen von Deutschland über Kasachstan bis Polen. Éva Péli hat ihn in Moskau getroffen.

Während einer Recherchereise im September sitze ich Alexandr Uschanow in Moskau gegenüber – einem Mann, der unter dauerhafter Hochspannung zu stehen scheint. Der gebürtige Weißrusse und Oberst der Reserve verknüpft militärische Disziplin mit der Hemdsärmeligkeit seiner Jahre in der russischen Energiewirtschaft. Heute lehrt er an der Elite-Universität MGIMO, leitete bereits 2009 mit der Veröffentlichung einer vielbeachteten Biografie über den Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow seinen Weg in die breite Öffentlichkeit ein und steht heute dem Moskauer Institut für soziale Erinnerung vor.

Vor uns auf dem Tisch liegt ein wuchtiger Band: knapp 800 Seiten, der Titel lautet «РОДИНА ПОДВИГА — РОДИНЕ ГЕРОЯ: на пути братства и мира» («Die Heimat der Heldentat – der Heimat des Helden: Auf dem Weg der Brüderlichkeit und des Friedens»). Es ist die Bilanz einer 15-jährigen Arbeit und das Handbuch der von ihm koordinierten Bewegung mit dem gleichen Namen. Das Prinzip: Städte und Gemeinden über die Biografien von Soldaten, Antifaschisten und Erfindern miteinander zu verbinden und zu verbrüdern. Über 600 Orte in 20 Staaten zählen mittlerweile zum Netzwerk. Der Initiator will Erinnerungskultur aus dem Protokollarischen lösen und in Kommunalpolitik, Schulprojekte und konkretes Gewerbe übersetzen.

Gedenkkultur mit Businessplan

Reine Verbrüderungen auf dem Papier lehnt der Institutsdirektor ab. Eine Kommunalpartnerschaft greift in seinen Augen nur dann, wenn lokale Betriebe, Schulen und Stadtwerke eingebunden sind.

Dass hinter dieser Haltung mehr als Symbolpolitik steckt, illustrierte eine internationale historische Konferenz am 15. Oktober 2026 im kasachischen Uralsk zum Gedenken an die legendäre Maschinengewehrschützin Manschuk Mametowa. Die Initiative beließ es nicht bei Gedenkworten, sondern knüpfte an die geplante Städtepartnerschaft zwischen dem russischen Newel und Uralsk direkt ein handfestes Wirtschaftsprojekt: ein Konsortium aus lokalen Schneider- und Strickereibetrieben sowie einer Kleiderfabrik in Astana zur Entwicklung einer eigenen Jugend-Modemarke.

Alexandr Uschanow beim Gespräch am 21. September 2026 in Moskau (Foto: Tilo Gräser)

Ein Teil der Gewinne soll künftig in einen kommunalen Entwicklungsfonds fließen. «Gedenken muss durch soziokulturelle, wissenschaftlich-technologische und wirtschaftliche Verbindungen gefestigt werden», betont der Initiator – und bindet nebenbei auch lokale Energieversorger, Museen und ehrenamtliche Spurensucher, die nach den Gebeinen vermisster Soldaten graben (wie die Newelsker Gruppe Gwozdika), in seine Abkommen ein:

«Gedenken darf keine leere Hülle sein: Wir verbinden Städte nicht nur über Helden, sondern über gemeinsame Betriebe, Schulen und eine eigene Jugend-Modemarke.»

Darüber hinaus kündigte Uschanow eine weitere volksdiplomatische Initiative an: Das polnische Dorf Jeglijowiec in der zentralpolnischen Region Masowien – wo Sergeant Kemel Tokajew 1945 seine Heldentat vollbrachte – soll mit Kemel Tokajews kasachischem Heimatdorf Kalpe in der Region Schetyssu verbrüdert werden. Den Anstoß dazu knüpft er an ein bedeutsames Symbol der jüngsten Geschichte: Am 9. Mai 2025 überreichte Russlands Präsident Wladimir Putin dem kasachischen Staatschef Kasym-Schomart Tokajew die einst geheim gehaltene Auszeichnungsakte über die Kriegstaten seines Vaters.

Bündnisse von Kirgisistan bis Polen

In den Partnerländern erfahren die Idee und die mit ihr verbundenen Projekte Resonanz. Die kirgisische Aktivistin Meerim Subanbekowa etwa nutzt das Modell für ein Partnerschaftsprojekt zwischen dem polnischen Kędzierzyn-Koźle und dem kirgisischen Talas – auf den Spuren des Soldaten und Helden der Sowjetunion Osanbek Otorbaew.

In den sozialen Medien griff Subanbekowa Uschanows Vorstoß für ein rechtlich verankertes Erinnerungskonzept auf und benannte ein Problem, das auch europäischen Pädagogen vertraut ist:

«Die Erhaltung des historischen Gedächtnisses erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Leider beobachten wir heute oft eine Entwertung traditioneller Rituale: Das jährliche Blumenniederlegen verwandelt sich nicht selten in eine reine Pflichtübung für ein Häkchen. Ohne ein tiefes Bildungsfundament ist die Erinnerungspolitik eines Staates gefährdet. Wir brauchen rechtliche Mechanismen, die eng mit dem Bildungssystem verknüpft sind, damit neue Generationen ein echtes Verständnis für die Geschichte und die Gefahren des Faschismus entwickeln.»

Von Bürgertribunalen bis Genf

Mittlerweile zählt das Netzwerk 47 vertraglich fest miteinander verbundene Städte und Dörfer in sieben Ländern – von Russland, Belarus und Moldau über Kasachstan und Usbekistan bis nach Serbien und in die Ukraine. Über acht Millionen Menschen leben in den beteiligten Kommunen.

Um diese Partnerschaften lebendig zu halten, setzt der Bewegungskoordinator auf Instrumente, die weit über klassische Vereinsarbeit hinausgehen. In sogenannten «Foresight-Spielen» entwickeln Jugendliche in Zukunftswerkstätten eigene Konzepte für die kommunale Zusammenarbeit in Technik, Umwelt und Bildung. Droht das Gedenken gekappt oder ein Denkmal beschädigt zu werden, organisiert das Netzwerk öffentliche Bürgertribunale, die Fälle von Vandalismus systematisch dokumentieren und anprangern.

Parallel treibt der Reserveoffizier das Vorhaben auf juristischem Parkett voran: Gemeinsam mit dem Juristischen Institut der Altaj-Staatsuniversität erarbeitete die Initiative den Entwurf einer «Internationalen Konvention zum Schutz des Memento-Erbes des Zweiten Weltkriegs», die der Weltvölker-Assemblee (Assembly of Peoples of the World, einem internationalen zivilgesellschaftlichen Forum) vorgelegt wurde.

Kalaschnikows Vermächtnis

Der Weg zur Volksdiplomatie führte über eine prägende Begegnung: den Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow, den Uschanow jahrelang als Biograf begleitete – eine Arbeit, deren Veröffentlichung im Jahr 2009 ihn auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Kalaschnikow gab bereits 2011 den Anstoß zur Gründung des Projektes. Der MGIMO-Dozent erinnert sich an eine Szene in der thüringischen Waffenstadt Suhl, als Kalaschnikow auf einen deutschen Kriegsteilnehmer traf:

«Kalaschnikow wurde einmal in Suhl von einem älteren Mann gefragt: ‹Kalaschnikow, hast du bei Brjansk gekämpft? Vielleicht war ich es, der dich verwundet hat?› Kalaschnikow antwortete: ‹Und ich saß im Panzer und habe auf dich geschossen, ich habe nicht geschlafen.› Dann umarmten sie sich, und Kalaschnikow sagte: ‹Ich habe die Waffen geschaffen. Jetzt müssen wir Freunde sein, wir müssen uns verbrüdern.›»

«Obwohl ich viel mit Militärthemen zu tun hatte», erinnert sich Uschanow, «bin ich durch diese Schule zum Friedensstifter geworden. Das ist meine Mission.»

Alexandr Uschanow übergab 2009 die Biografie an Michail Kalaschnikow (rechts) (Foto: privat)

Die historischen Verflechtungen zwischen Deutschland und Russland sieht der Historiker als Fundament, das auch heutige Spannungen überdauern kann:

«Die Völker Russlands und Deutschlands sind historisch aufs Engste miteinander verknüpft. Wir müssen auf die Straße des gegenseitigen Respekts und der Sympathie zurückkehren. Ich versuche in meiner Arbeit, die Verbindungen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts in Kultur, Technologie, Wissenschaft und Medizin aufzuzeigen. Die US-Amerikaner und Europäer schätzen diese Geschichte oft gar nicht mehr – dabei sind die Deutschen ein sehr progressives Volk mit einer großartigen Kultur.»

Spurensuche: Deutsch-russisches Erbe in Wissenschaft und Technik

In den Projekten der Bewegung tauchen auch deutsche Lebensläufe auf. Seit Längerem wirbt die Initiative für eine Brücke zwischen der Stadt Udomlja in Russland und dem brandenburgischen Seelow:

«Wir haben Udomlja und Seelow über das Schicksal von Otto Werner verbunden – einem deutschen Wehrmachtssoldaten und Antifaschisten direkt aus der Stadt Seelow», erklärt Uschanow. «Er war Pazifist und hat ab 1942 keinen einzigen Schuss auf die Rote Armee abgegeben. Er saß im Gefängnis und baute nach dem Krieg die Versandhausstrukturen von Quelle und OTTO mit auf.»

Dem stellt die Bewegung das Schicksal des sowjetischen Artillerie-Offiziers Iwan Jegorow gegenüber, der aus Udomlja stammte und auf den Seelower Höhen kämpfte. Uschanows Plädoyer ist eindeutig: Die beiden Orte sollen über das Erbe dieser zwei Männer – eines Deutschen und eines Russen – schicksalhaft zusammenfinden.

Darauf aufbauend will der Historiker ein «Historiograd» – ein dezentrales Bildungs- und Forschungszentrum des deutsch-russischen technologischen Erbes – mit Filialen in Russland und Deutschland etablieren. Mit der Geschichte Udomljas seien nämlich bedeutende deutsche Naturforscher verknüpft: der Elektroingenieur Adolf Slaby, der mit dem dort lebenden Radio-Pionier Alexander Popow befreundet war, Automobilingenieur Karl Benz sowie Petr Frese – ein russischer Konstrukteur der ersten Elektroautomobile mit deutschen Wurzeln, der als Vater des russischen Automobilbaus gilt.

Diese Idee stößt auch auf kommunaler Ebene bereits auf Resonanz: Der Bürgermeister von Udomlja, Rem Richter (dem Namen nach ein Russlanddeutscher), unterstützte die Initiative von Anfang an und unterzeichnete einen offiziellen Appell an den Seelower Bürgermeister.

Auch in der Industrie- und Wissenschaftsgeschichte sucht der Institutsdirektor nach Anknüpfungspunkten. So setzte er sich persönlich für die Rettung des verfallenen Gutshofs der Industriellenfamilie Siemens bei St. Petersburg ein:

«1903 entstand auf Initiative des deutschen Unternehmerpioniers Karl von Siemens das allererste Wasserkraftwerk im Russischen Kaiserreich», betont der Historiker. «Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, diesen Ort an der Flussmündung der Gostilka zu retten, Kontakte zur Siemens-Stiftung geknüpft und Verhandlungen in Berlin geführt. Auf solchen Fundamenten kann man Freundschaft bauen.»

Brücken nach Europa: High-Tech für Medizin und Umwelt

Die Geografie der Bewegung beschränkt sich nicht auf Deutschland und Polen. In der Zusammenarbeit mit weiteren europäischen Staaten verknüpft sich das Gedenken ebenso mit Hochtechnologie und Wirtschaft.

So habe die Bewegung mit Österreich ein Konsortium für Nuklearmedizin ins Leben gerufen, berichtet Uschanow. Dieses Projekt sei über die Verbrüderungsinitiative zwischen Wien und dem russischen Wjatka bereits in die gemischte österreichisch-russische Kommission für Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit eingebracht worden: «In diesem Paar stützen wir uns auf die Heldentat des Generals Nikanor Sachwatajew aus Wjatka.»

«Für die Annäherung zwischen der ungarischen Stadt Debrecen und der russischen Stadt Pugatschow haben wir die Geschäftsidee entwickelt, Müll in Biogas und Strom umzuwandeln», erläutert der Historiker weiter.

Dazu gehöre auch ein Technologietransfer in die Region Saratow und von dort – im Sinne der gegenseitigen Bereicherung – die Weitergabe der Technologie zur Kombination von Solarenergie mit dem zentralen Stromnetz.

Als historisches Fundament dient hier laut Uschanow die Heldentat des in einem Vorort von Budapest begrabenen Nachwuchsoffiziers Jewgeni Ljutikow. Vor dem Krieg sei er mit dem bekannten Geologen und Polarforscher Otto Schmidt befreundet gewesen, der aus einer Familie deutscher Kolonisten stammte. «Ljutikow kommandierte selbst mit abgerissenem Arm noch eine Katjuscha-Batterie», schildert der Institutsdirektor, «heute liegen auf seinem Grab stets frische Blumen».

Die Mauer des Schweigens

In der aktuellen politischen Lage stoßen die Initiativen aus Moskau in Deutschland jedoch auf eine Mauer des Schweigens. Deutsche Kommunen und Bürgermeister lassen Schreiben des Instituts derzeit meist unbeantwortet:

«Die größte Schwierigkeit ist derzeit, dass uns deutsche Bürgermeister überhaupt nicht antworten», bedauert der Institutsdirektor. «Ich schreibe nicht im Namen des Kremls oder der Behörden, sondern als Direktor eines unabhängigen gesellschaftlichen Instituts. Ich habe an Bürgermeister geschrieben, Kontakte über die Wirtschaft gesucht – es kommt keine Antwort. Das ist die Hürde: Die Politik hat verordnet, dass man mit Russen derzeit nicht befreundet sein darf.»

Dennoch hält der Unermüdliche an seinem Fahrplan fest: Bis 2030 will er 600 Städte und Gemeinden weltweit vertraglich vernetzen und über supranationale Gremien wie die UNO einen verbindlichen Schutzmechanismus für historische Gedenkstätten durchsetzen.

Sein Blick auf die Geschichte bleibt dabei frei von Kollektivschuldthesen:

«Meine Haltung ist klar: Der Faschismus und der Nationalsozialismus haben zuerst das deutsche Volk vergewaltigt und missbraucht. Die erste Opferrolle traf Deutschland selbst. Wir empfinden tiefes Mitgefühl dafür. Politiker versuchen heute erneut, uns gegeneinander aufzuhetzen. Aber wir lassen uns nicht spalten.»

«Je mehr Menschen Gedanken des Friedens formulieren, desto schneller wird er kommen. Wenn die Völker sagen: ‹Nein, wir wollen in Frieden leben›, und anfangen, Brücken zu bauen – durch Wissenschaft, Medizin, Kultur, Wirtschaft und Sport –, dann kann keine Politik dagegen anstehen.»

Hintergrund: Das Projekt «Rodina podwiga — Rodine geroja»

Die internationale Bewegung «Rodina podwiga — Rodine geroja» («Die Heimat der Heldentat – der Heimat des Helden») wurde 2011 ins Leben gerufen. Gründer und Koordinator ist Aleksandr Uschanow – Oberst a. D., Dozent an der Moskauer Elite-Universität MGIMO, Kalaschnikow-Biograf und Direktor des Instituts für soziale Erinnerung.

Das Kernprinzip der Initiative liegt in der systematischen Verbrüderung von Geburts- und Wirkungsstätten beziehungsweise Kampforten von Soldaten, Zivilisten und Antifaschisten des Zweiten Weltkriegs. Mittlerweile sind Vertreter aus über 600 Städten und Dörfern in 20 Staaten in die Bewegung eingebunden. In sieben Ländern – darunter Russland, Belarus, Moldau, Kasachstan, Serbien, die Ukraine und Usbekistan – wurden bereits 47 offizielle Kommunalverträge geschlossen, die einen gemeinsamen Erinnerungsraum für mehr als acht Millionen Bürger bilden.

Das Spektrum der Instrumente reicht dabei weit über traditionelle Gedenkkultur hinaus: Es umfasst kommunale Wirtschaftskonsortien wie länderübergreifende Textilkooperationen, Zukunftswerkstätten («Foresight-Spiele») für Jugendliche, öffentliche Bürgertribunale gegen Denkmal-Vandalismus sowie den Entwurf einer Internationalen Konvention zum Schutz des militär-historischen Erbes.

Über den Gesprächspartner

Alexandr Uschanow ist Historiker, Publizist, Oberst der Reserve, MGIMO-Dozent und Direktor des Moskauer Instituts für soziale Erinnerung. Er ist Gründer und internationaler Koordinator der Bewegung «Rodina podwiga — Rodine geroja» («Die Heimat der Heldentat – der Heimat des Helden»).

Zum Buch: Alexandr Uschanow: «RODINA PODWIGA — RODINE GEROJA: na puti bratstwa i mira» («Die Heimat der Heldentat – der Heimat des Helden: Auf dem Weg der Brüderlichkeit und des Friedens»), Verlag Prospekt Moskau, Oktober 2026, ca. 800 Seiten

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