Aus dem Sudan in den Tschad Geflüchtete in improvisierten Flüchtlingslagern – ein Bild der «Ärzte ohne Grenzen».

Sudan – die größte humanitäre Katastrophe der Welt, mit 12 Millionen Geflüchteten

(Red.) Während die Medien in Europa fast stündlich neue Berichte und Kommentare zu den Kriegen im Iran und in der Ukraine liefern, sind Zehntausende von Toten und geschätzt zwölf Millionen Menschen, die bereits aus dem Sudan – meist in den Tschad – geflüchtet sind, kaum ein Thema. Und dies, obwohl die mordenden Milizen der „Rapid Support Forces“ RSF von den „Vereinigten Arabischen Emiraten“ VAE massiv unterstützt werden, es also um mehr geht als nur um ein lokales Problem. (cm)

Vor kurzem flog nach drei Jahren wieder der erste zivile Flug in die Hauptstadt Karthum. Der Flieger war aus Port Sudan gekommen, wohin sich die sudanesische Regierung vor anderthalb Jahren aufgrund der schweren Kämpfe mit der von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und anderen Nachbarländern hochgerüsteten Miliz Rapid Support Forces (RSF) zurückgezogen hatte.

„Hoffentlich gibt es bald wieder regelmäßig Flüge. Dann musst du auch einmal kommen“, sagte Mohammed Salah zu mir, „wie der Fußballer“, stellte sich der sudanesische Diplomat in Wien mir vor, als wir uns vor fast einem Jahr kennenlernten. Diesmal trafen wir uns im siebten Stock der UN-City in Wien. „Es wird noch ein paar Monate dauern, aber dann solltest du kommen – wenn der Wiederaufbau voranschreitet und es in Karthum sicher ist.“ „Dann gibt es auch etwas Positives zu berichten“, meint er: „Karthum ist eine wunderschöne Stadt, aber nach diesem langen Krieg ist sehr viel zerstört.“ Aus seiner sanften und ruhigen Stimme klingen Trauer, aber auch zunehmender Optimismus. Salah glaubt fest daran, dass sich der Bürgerkrieg in seinem Land dem Ende zuneigt und das Land endlich einer friedlichen Zukunft nähert.

Doch noch ist bis dahin ein weiter Weg. Von der Normalität ist Karthum, wie der Rest des Landes, weit entfernt. Am 9. Februar berichtete AfricaNews über die Bombardierung eines Marktes in der Provinz Nord-Kordofan. 28 Menschen sollen dabei umgekommen sein. Mehrere Drohnen griffen den Markt im Gebiet Al-Safiya außerhalb der Stadt Sodari an, wie die Organisation Emergency Lawyers mitteilte, die die Gräueltaten im fast dreijährigen Krieg zwischen der sudanesischen Armee und der RSF-Miliz dokumentiert.

„Der Angriff ereignete sich, als zahlreiche Zivilisten, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen, sich auf dem Markt aufhielten“, so die Organisation. Sie warnte, dass die Angaben zu den Opfern noch nicht definitiv seien. Besonders in Nord-Kordofan sind die Kämpfe zwischen der RSF und der Zentralregierung heftig.

Kaum Interesse in Europa

Der Sudan ist die größte humanitäre Krise der Welt. Seitdem Gaza vor wenigen Monaten der Status einer „Hungersnot“ gemäß den Vereinten Nationen wieder genommen wurde, leidet der Sudan an der derzeit einzigen anerkannten Hungersnot in der Welt. Davon ist in den mitteleuropäischen Medien jedoch wenig zu vernehmen. Laut einer ND vorliegenden Studie dauerte die Sendezeit aller Berichte über Afrika in den Nachrichten des deutschen öffentlichen Rundfunks im gesamten Jahr 2024 gerade einmal acht Minuten. Über die verheerende Lage der Bevölkerung im Sudan verirren sich kaum Bilder in die Nachrichtensendungen der ARD, des ZDF, des ORF und anderer Fernsehstationen.

Bei klirrender Kälte versammelten sich im November rund 100 junge Migranten aus dem Sudan vor der Wiener Staatsoper. Sie forderten ein Ende der Massaker an der Zivilbevölkerung durch die RSF-Milizen. Andere Medienvertreter interessierten sich für den Protest der „Sudanese Youth in Austria“ genauso wenig wie die österreichischen politischen Aktivisten, die sonst keine Gelegenheit verpassen, mit Fahnen und Parolen auf die Straße zu gehen.

Die Ständige Vertretung des Sudan bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen in Wien möchte dies ändern. Vierteljährlich stellt sie bei der UN einen Bericht über die humanitäre Lage im Land vor. So auch Mitte Februar. Doch obwohl der Sitzungsraum voll war, zeigte sich auch hier deutlich die Spaltung der UN: Während über zwei Dutzend Ländervertreter anwesend waren, kamen davon nur fünf aus Europa: Italien, Portugal, Malta, Norwegen und Schweden. Vertreten waren dagegen neben Russland und China vor allem Länder aus dem Arabischen Raum, Afrika und Lateinamerika.

Auch das mediale Interesse ist gering, wie fast immer bei Veranstaltungen der UN in Wien – österreichische Journalisten kommen keine, internationale selten. Diesmal war zumindest auch der Kollege der Middle East News Agency im Raum. Seine Berichte erscheinen in der ägyptischen Tageszeitung Al-Ahram.

Rückkehr nach Karthum

Die Rückkehr der Regierung nach Karthum sei eine wichtige und positive Entwicklung gewesen, erklärt der sudanische Botschafter und Ständiger Vertreter seines Landes bei den UN, Magdi A. Mofadal, am Beginn des Treffens. Ende Jänner fand der erste Ministerrat nach anderthalb Jahren wieder in der Hauptstadt Karthum statt.

Doch das Land braucht dringend internationale Hilfe: Der vom UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten im Dezember 2025 ins Leben gerufene „Sudan Humanitarian Needs Response Plan“ (HNRP) für das Jahr 2026 zielt darauf ab, 20,4 Millionen Menschen mit Hilfeleistungen zu versorgen. Doch wie schwer es für internationale Organisationen ist, humanitäre Hilfe zu leisten, zeigt ein Vorfall vom 6. Februar: Ein Konvoi des World Food Programms wurde von der RSF-Miliz mit Drohnen beschossen. Immer wieder gibt es auch Todesopfer unter dem humanitären Personal.

Die Krise im Sudan ist in ihrem Ausmaß und ihrer Komplexität beispiellos. Die Zahl der Binnenvertriebenen und Flüchtlinge übersteigt 14 Millionen. „Die entsetzliche Brutalität der Rebellen ist einer der Hauptfaktoren, die den Konflikt verlängern und die humanitäre Krise verschärfen. Die berüchtigte Verbrechensbilanz der Rebellen reicht von der Behinderung humanitärer Arbeit und Angriffen auf humanitäre Helfer und Konvois über ethnische Übergriffe auf Zivilisten, Vergewaltigung und Massenvergewaltigung, sexuelle Versklavung, außergerichtliche Hinrichtungen, wahllosen Beschuss ziviler Infrastruktur bis hin zum gezielten Aushungern belagerter Städte“, berichtet Mofadal.

Konfliktbedingte sexuelle Gewalt wird zunehmend gezielt als Kriegstaktik eingesetzt, geht aus den Berichten hervor: „Frauen und Mädchen werden mit extremer Brutalität verfolgt und sind extremen Risiken ausgesetzt, darunter Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Entführung, Menschenhandel und Vertreibung“, so Mofadal. Er glaubt, dass die tatsächliche Zahl der Opfer dieser Verbrechen aufgrund der Stigmatisierung sexueller Gewalt unbekannt bleiben wird.

Völkermord in Darfur

Besonders in der Provinz Darfur geht das Morden unvermindert weiter. Die UN schätzt, dass zwischen 10.000 und 15.000 Männer der Masalit-Minderheit im Juni 2023 von den RSF-Milizen brutal ermordet wurden. Dies veranlasste das US-Außenministerium im Januar 2025, festzustellen, dass die Rebellen einen Völkermord begangen haben.

Das Epizentrum der Krise liegt derzeit im Westen des Landes, insbesondere in der Region Darfur sowie in den von den RSF-Milizen kontrollierten Gebieten des Bundesstaats Kordofan. Ende Oktober 2025 wurde El-Fascher, die Hauptstadt der Region Darfur, Schauplatz eines entsetzlichen Massakers, als die Rebellen in die Stadt einmarschierten. Laut Schätzungen der Darfur Diaspora Association in Großbritannien wurden mehr als 75.000 Menschen getötet und über 150.000 gelten als vermisst.

Allein in den ersten drei Tagen nach der Einnahme der Stadt wurden laut UN-Angaben mehr als 6.000 Menschen getötet, wie SkyNews am Montag berichtete. Die Offensive der RSF umfasse weit verbreitete Gräueltaten, die Kriegsverbrechen und möglicherweise Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, so das UN-Menschenrechtsbüro in einem Bericht. Die Menschenrechtsverletzungen während des finalen Vorstoßes zur Eroberung der Stadt im Sudan verdeutlichten, wie „anhaltende Straflosigkeit einen Teufelskreis der Gewalt befeuert“, erklärte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk.

Geopolitische Konflikte am Rücken des Sudan

Botschafter Mofadal fordert daher die internationale Gemeinschaft auf, stärker Druck auf die RSF auszuüben. Doch einer ihrer Hauptunterstützer sind die VAE: „Wir sagen seit 2023 bereits, dass die VAE den Krieg schüren.“ Sie würden versuchen, die Region zu destabilisieren. Dazu zählt auch die Anerkennung der somalischen Provinz Somaliland durch die VAE und Israel vor wenigen Monaten. Denn über die Häfen in Somaliland beliefern beide die RSF mit Waffen.

„Wir können Frieden erreichen, aber nur zu einem besonders hohen Preis“, bedauert er. Es müsse der Weltgemeinschaft klar sein, dass in diesem Friedensprozess die VAE keine Rolle spielen könne, da sie in Wahrheit eine Kriegspartei sei: „Die humanitäre Krise kann nur in Angriff genommen werden, wenn man das Problem mit RSF und ihren externen Unterstützern löst.“

Doch wie eng externe Akteure im Bürgerkrieg im Sudan involviert sind, zeigt eine aktuelle Investigativrecherche von Reuters: Äthiopien beherbergt ein geheimes Trainingslager für Tausende RSF-Kämpfer. Das Lager ist der erste direkte Beweis für Äthiopiens Beteiligung am sudanesischen Bürgerkrieg und markiert eine potenziell gefährliche Entwicklung, die RSF angesichts der eskalierenden Kämpfe im Süden des Sudan einen erheblichen Nachschub an frischen Soldaten sichern lässt, ist zu lesen. Acht Quellen, darunter ein hochrangiger äthiopischer Regierungsbeamter, gaben an, dass die VAE den Bau des Lagers finanziert und militärische Ausbilder sowie logistische Unterstützung bereitgestellt hat. Diese Ansicht wird auch in einem internen Vermerk des äthiopischen Sicherheitsdienstes sowie in einem von Reuters eingesehenen diplomatischen Schreiben bestätigt.

Während Israel schweres Kriegsgerät über Somaliland zur RSF-Miliz verschifft, schicken die VAE Drohnen und Geld zur Ausbildung der Kämpfer in Äthiopien. Wie in den Kriegen in der Ukraine, Syrien und dem Jemen sind auch im Sudan Millionen Menschen die Opfer geopolitischer Machtspiele.

(Red.) Siehe dazu auch den Bericht (mit vielen Bildern) der MEDECINS SANS FRONTIERES.

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