Rezension: Der fatale Kreislauf der Ausgrenzung

Jeffrey Sachs: Europas strategischer Irrtum. Warum die anti-russische Haltung selbstzerstörerisch ist. Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026, 337 Seiten, ISBN 978-3-98791-377-8.

In einer Zeit der offenen Eskalation und akuter Kriegsgefahr legt der US-Ökonom Jeffrey Sachs eine historische Untersuchung vor. Seine Kernlesart lautet: Europa hat in seiner Geschichte wiederholt Friedensangebote Russlands zurückgewiesen, obwohl jeweils eine tragfähige Verhandlungslösung möglich gewesen wäre. Diese Entscheidungen haben sich regelmäßig als selbstschädigend erwiesen.

Das im Westend Verlag erschienene Buch liefert Hintergründe für eine Leserschaft, die geopolitische Konflikte abseits von einfachen Schwarz-Weiß-Bildern verstehen und sich für Dialog und Diplomatie einsetzen möchte.

Das System der doppelten Standards

Sachs sieht die Ursache der aktuellen Krise in einer „strukturellen Verzerrung im europäischen sicherheitspolitischen Denken“. Er beschreibt eine „tief verankerte Tendenz, Russland von den sonst üblichen Regeln diplomatischer Praxis auszunehmen“. Während der Westen anderen Großmächten legitime Interessen zugesteht, wird russischen Anliegen von europäischen Regierungen und Medien meist von vornherein die Berechtigung abgesprochen. Russische Sicherheitsbedürfnisse gelten im westlichen Diskurs oft als moralische Verfehlung, der man sich widersetzen müsse. Diese ungleiche Bewertung blockiert laut Sachs Kompromisse und erhöht die Kriegswahrscheinlichkeit.

Die Ausblendung der eigenen Gewaltgeschichte

Der Autor kritisiert, wie die Fehler der sowjetischen Ära – von der Zwangskollektivierung über Stalins Terror bis zum Gulag und dem Massaker von Katyn – instrumentalisiert werden, um Russland dauerhaft aus der europäischen Ordnung auszuschließen. Sachs verharmlost diese Verbrechen nicht, fordert aber denselben Maßstab für den Westen.

Er erinnert an die Gewaltgeschichte der Westmächte: Das Britische Empire und Frankreich bauten ihre Imperien durch brutale Eroberungen auf und verantworteten schwere Hungersnöte in Irland und Indien. Die USA dehnten ihr Staatsgebiet durch die Vertreibung und den Genozid an der indigenen Bevölkerung aus, hielten bis in die 1960er-Jahre eine rassistische Apartheid aufrecht und stürzten über Jahrzehnte hinweg mittels verdeckter Operationen der CIA ausländische Regierungen – etwa im Iran, in Guatemala oder in Chile. Das europäische Selbstbild als gesetzestreu und fortschrittlich funktioniert historisch über die Abgrenzung von einem angeblich rein autokratischen und gefährlichen Russland. Nach 1945 und verschärft nach 1991 wurde diese europäische Haltung durch die strategischen Ziele der USA verstärkt und vorgegeben.

Ein historisches Drama in fünf Akten

Sachs belegt diese Kontinuität anhand von fünf historischen Phasen:

  • Akt I: Die britische Erfindung der „russischen Bedrohung“ im 19. Jahrhundert, die den vermeidbaren Krimkrieg auslöste. Geopolitische Interessen wurden in moralische Kategorien übersetzt, um den Konflikt als Kampf der Zivilisation darzustellen.
  • Akt II: Die militärische Intervention des Westens im russischen Bürgerkrieg ab 1918 und der anschließende Ausschluss der Sowjetunion aus europäischen Verträgen.
  • Akt III: Das Versagen der kollektiven Sicherheit in den 1930er-Jahren. Sachs zeigt, dass die Furcht vor dem Bolschewismus ein gemeinsames Bündnis gegen Hitler blockierte und die Sowjetunion 1939 in den Molotow-Ribbentrop-Pakt als defensiven Ausweg drängte.
  • Akt IV: Die Verfestigung des Kalten Krieges nach 1945 durch die Ablehnung eines neutralen, wiedervereinigten Deutschlands. Nur die deutsche Ostpolitik der 1970er-Jahre zeigte vorübergehend, dass Entspannung durch die Anerkennung gegenseitiger Sicherheitsinteressen möglich ist.
  • Akt V: Die Zeit ab 1991. Anstatt nach dem Ende der Sowjetunion eine gemeinsame Sicherheitsordnung zu bauen, weiteten die USA und Europa die NATO immer weiter aus. Diese Missachtung russischer Sicherheitsbedenken führte direkt in den Ukraine-Krieg.

Augenzeuge des westlichen Hochmutes in Moskau

Besondere Aussagekraft erhält das Buch durch Sachs‘ eigene Erfahrungen. Als Wirtschafts-politischer Berater des russischen Präsidenten Boris Jelzin und des Reformers Jegor Gaidar war er von 1991 bis Ende 1993 in Moskau direkt beteiligt. Er forderte damals vom Westen finanzielle Unterstützung, Schuldenerlasse und einen Stabilisierungsfonds für Russland – analog zu den Programmen, die er zuvor erfolgreich für Polen ausgearbeitet hatte.

Die G7-Staaten und das Weiße Haus lehnten dies jedoch ab. Sachs erlebte in Moskau, wie dem Land in einer schweren Versorgungskrise mit dem Stopp von Nahrungsmittelhilfen gedroht wurde, falls Altschulden nicht sofort bedient würden. Diese harte Haltung entsprang dem Willen der amerikanischen Neokonservativen, Russlands Schwäche zu nutzen, um eine unipolare US-Vorherrschaft durchzusetzen. Weil der Westen jede substantielle Hilfe verweigerte und stattdessen wirtschaftsfeindliche Hardliner Aufwind erhielten, trat Sachs im Januar 1994 von seinem Beraterposten zurück.

Der Epilog als Mahnung zur Umkehr

Im Epilog beschreibt Sachs die Folgen dieser Politik für das heutige Europa: Steigende Energiekosten, Deindustrialisierung, hohe Rüstungsausgaben und das Risiko einer atomaren Eskalation. Wenn Verhandlungen moralisch so aufgeladen werden, dass Gespräche als Schwäche oder Komplizenschaft gelten, wird Diplomatie unmöglich.

Dauerhafte Sicherheit in Europa kann laut Sachs nicht durch die Ausgrenzung Russlands entstehen. Der einzige Ausweg aus der Eskalation ist eine Rückkehr zu einem Realismus, der die Sicherheitsinteressen aller Seiten anerkennt und vertraglich einbindet.

Zum Autor: vom Berater zum Kritiker

Jeffrey D. Sachs (geboren 1954 in Detroit) wurde mit 28 Jahren Professor an der Harvard University und leitet heute das Center for Sustainable Development an der Columbia University in New York. Er beriet zahlreiche Regierungen beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und war über viele Jahre Sonderberater von drei UN-Generalsekretären. Seine genaue Kenntnis der Regierungsapparate in Washington und Moskau macht ihn zu einer wichtigen Stimme gegen die aktuelle Konfrontationspolitik des Westens.

Achtung: Sperrfrist bis 12. Oktober

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