Innenpolitische Mobilisierung in der EU oder äußere Verteidigung?
Nach seinem Coup in Venezuela hat US-Präsident Trump offenbar Lust auf mehr bekommen und er droht jetzt gleich mehreren Staaten mit militärischen Interventionen. Dass der Einsatz von US-Bombern gegen den Iran im vergangenen Juni nicht die gewünschten Resultate erbracht hat, war nüchternen Geistern schon bald klar. Neu droht Trump Panama, Kuba, Kanada und sogar Grönland mit militärischen Schritten (1).
Inzwischen hat sich auch die EU zu Wort gemeldet: Der EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius hat sich für die Schaffung einer unabhängigen EU-Armee ausgesprochen (2). Ob eine solche angesichts historischer, politischer und kultureller Differenzen zwischen den Mitgliedstaaten zustande kommt, ist abhängig von der Existenz einer gemeinsamen Opfer- und Solidaritätsbereitschaft innerhalb der EU, welche in extremis die Bereitschaft umfasst, für andere EU-Staaten militärisch einzustehen.
Streitkräfte ohne Strategie?
Natürlich möchte Kubilius die Gunst der Stunde nutzen, um dem Projekt einer EU-Armee, von welchem ja seit Jahrzehnten gesprochen wird, neuen Schwung zu geben. Eine Voraussetzung für den Aufbau einer effektiven EU-Armee wäre eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, deren Formulierung aber heute so schwierig ist wie eh und je (3). Als erstes müsste man sich auf die wirklich relevanten Szenarien für die Lageentwicklung in und um Europa in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten einigen und darauf aufbauend eine gemeinsame Strategie ableiten. Eine Armee ohne solide Grundlagen von Außen- und Sicherheitspolitik, Szenarien und Strategien aufzubauen versuchen, ist aber das sichere Rezept für Ressourcenverschwendung. Es wird trotzdem immer wieder versucht.
Aus Sicht der Westeuropäer sollen die einen Länder In Europa – namentlich Polen und die Ukraine – als Bollwerk gegen Russland ausgebaut werden, damit die Trittbrett-Imperialisten aus London, Paris, Berlin und Rom hinter einem Schutzwall weiterhin Geopolitik betreiben können. Eine gesamteuropäische Solidarität und damit eine gemeinsame Strategie käme wohl nur zustande, wenn klar würde, dass eine fremde Macht den gesamten europäischen Kontinent bedroht, vom Nordkap bis nach Gibraltar. Das kann derzeit nicht einmal die russische Armee, aber das wird die Westeuropäer nicht davon abhalten, dieses Narrativ trotzdem zu verbreiten.
Normalität in der NATO?
NATO-Generalsekretär Rutte macht derweil auf Normalität und malt lieber weiterhin den Popanz Russland an die Wand, weil das von den internen Zwistigkeiten in der Allianz ablenkt, welche dieser Tage so offen zutage getreten sind (4). Ein Konflikt zwischen zwei NATO-Mitgliedsländern stellt den eigentlichen GAU, den größten anzunehmenden Unfall dar, den man sich ausmalen kann. Wenn die aktuelle Lage innerhalb der NATO eine problemlose darstellt, dann möchte man eigentlich gar nicht wissen, wie eine solche mit Problemen ausschaut. Ursprünglich hätte man eher an die Gefahr einer Konfrontation zwischen Griechenland und der Türkei gedacht. Dass es jetzt möglicherweise eine zwischen den USA und Dänemark werden könnte, kommt doch überraschend. Die Spaltung der NATO stellt jetzt eine reale Gefahr dar und der NATO-Generalsekretär ist der erste, der eine solche verhindern muss. Da stellt sich die Frage, was die Ukraine von einer NATO-Mitgliedschaft noch erwartet und weshalb man in der Schweiz noch die Annäherung sucht. (Hervorhebung durch die Redaktion.)
Es ist sicherlich richtig, dass die Europäer jetzt nach mehr Unabhängigkeit von den USA streben, die sich ganz offensichtlich von der Verteidigung Europas zurückziehen wollen. Der Aufbau der militärischen Fähigkeiten, welche bislang ausschließlich den USA vorbehalten gewesen waren, wird aber Jahre dauern.
Europa zwischen Hammer und Amboss
In der gegenwärtigen Lage ist höchstens eine europäische Stolperdraht-Truppe denkbar, welche den USA klarmacht, dass ein Angriff auf Grönland Krieg mit Europa bedeutet. Konkret geht es derzeit darum, ein erneutes Husarenstück von US-Sonderoperationskräften zu verhindern, ähnlich jenem gegen Venezuela. Interessant wäre es dann, die Reaktion Russlands zu beobachten: Würde dieses von einem europäisch-amerikanischen Konflikt profitieren wollen?
Europa könnte jetzt zeigen, dass es Trump Widerstand leisten will und kann, nachdem die Reaktionen hier auf den völkerrechtswidrigen Überfall auf Venezuela doch eher schwach waren (5). Man muss sich dessen bewusst sein, dass in Washington Geschäftsleute und Machtpolitiker am Ruder sind, die primär wirtschaftliche und militärische Macht respektieren. Russland hat solche, sowie Indien, China und ein paar wenige andere. Europa gehört in diesem Bereich nicht zu den ganz Großen und es sägt jetzt auch an seiner wirtschaftlichen Macht (6). Wenn die Europäer in der Weltpolitik noch mitsprechen wollen – und diesen Wunsch haben vor allem Briten, Franzosen und Deutsche – dann muss es jetzt den Willen zur Selbstbehauptung demonstrieren. In Berlin hält Bundeskanzler Merz es für besonders schlau, mit Aufrüstung die Wirtschaft anzukurbeln – das Rezept des Hjalmar Schacht in den Dreißigerjahren – und dadurch gleichzeitig das militärische Gewicht Europas zu erhöhen.
Hybrides Vorgehen gegen Jäger und Fischer?
Ohne Zweifel besteht derzeit die reale Gefahr eines militärischen Übergriffs der USA auf Grönland, aber auch hybride Szenarien sind in Betracht zu ziehen. Grönland ist die größte Insel der Welt mit der Bevölkerung einer Kleinstadt. Diese Bevölkerung mit der Aussicht auf ein Leben in den USA zu ködern, ist schwierig, denn Grönland wird im Wesentlichen bereits jetzt von Dänemark fremdfinanziert und das Einkommen pro Kopf ist vergleichsweise hoch. Diese Fremdfinanzierung hat bisher verhindert, dass ein Land, das im Wesentlichen von Jagd und Fischfang lebt, seine Bodenschätze ausbeuten muss und hat es ihm erlaubt, ein ökologisch weitgehend intaktes Naturparadies zu bleiben. Ob die Administration Trump in dieser Sicht ähnlich rücksichtsvoll vorgehen würde, ist mehr als fraglich. Vorerst könnte sie einmal versuchen, alles was in Grönland irgendwie von Bedeutung ist, aufzukaufen und damit den Chinesen zuvorzukommen. In Grönland wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten über eine Unabhängigkeit von Dänemark diskutiert, da fragt es sich, ob das Land ein Außengebiet der Vereinigten Staaten wie Puerto Rico werden will, dessen Bewohner nicht sämtliche in der US-Verfassung festgeschriebenen Rechte besitzen. Das ist wohl kein attraktives Szenario für die Kalaallit, wie sich die Bewohner Grönlands selbst bezeichnen.
Krieg in Eis und Tundra
Grönland ist generell nicht der geographische Raum, in welchem man starke konventionelle Kräftegruppierungen einsetzen kann. Das Land ist zu mehr als 80% von Eis bedeckt und die eisfreien Teile Grönlands, namentlich an der Westküste, sind karg und ohne großen wirtschaftlichen Nutzen. Es ist irrelevant, wer den Eisschild im Innern Grönlands kontrolliert. In einem Land wie Grönland ist vielmehr entscheidend, wer die Siedlungen und die wichtige Infrastruktur wie Tiefwasser-Häfen und große Flughäfen kontrolliert.
Karte: Grönland, Siedlungen, Häfen und Flughäfen (7)
In dieser Hinsicht gleicht die Kriegführung in arktischen Regionen jener in Gebirgen. Truppen, die in solchen Gebieten eingesetzt werden, benötigen entsprechendes Know-How. Solches ist bei Teilen der britischen Royal Marines vorhanden (8), bei den französischen Chasseurs Alpin (9) und den deutschen Gebirgsjägern (10). Die EU müsste sofort Truppen nach Norwegen, Schweden und Finnland in die Ausbildung entsenden. Überhaupt wäre es interessant zu erfahren, was gerade die skandinavischen Staaten für einen der ihren zu tun bereit sind. Man muss sich in Brüssel aber dessen bewusst sein, dass die Verteidigung der Siedlungen an den Küsten Grönlands gegen einen US-amerikanischen Angriff wohl zu deren Zerstörung führen würde. Ein Einsatz von europäischen Truppen würde Trump aber zu zeigen zwingen, wie ernst es ihm mit der Übernahme Grönlands wirklich ist. Die Verlegung von europäischen Truppen müsste jetzt aber sehr schnell erfolgen, bevor US-Sonderoperationskräfte ein fait accompli schaffen.
Transatlantische Bindung vs. strategische Autonomie Europas
Bei aller Überraschung über die unerwartete Eskalation muss Brüssel sich jetzt rasch darüber klar werden, ob es der EU primär um den Schutz arktischer Seewege geht, um den Zugang zu Rohstoffen oder um eine geopolitische Präsenz im Nordatlantik. Langfristig geht es aber um die Frage, inwiefern sich europäische Interessen mit denen der USA und Dänemarks überschneiden. Angesichts der geringen wirtschaftlichen Bedeutung Grönlands und aktuell fehlender Bedrohung durch andere Mächte ist zu bezweifeln, dass Grönland einen tatsächlichen sicherheitspolitischen Brennpunkt darstellt. Es ist wohl eher ein geopolitisches Symbol, das aber das Potenzial hat, eine dauerhafte Entfremdung zwischen EU und USA herbeizuführen. Trump mag darauf spekulieren, dass die EU erst in ein paar Jahren über die Stärke verfügt, welche es ihr erlaubt, eine mögliche politische oder strategische Konfrontation mit den USA zu riskieren. Die globalen Folgen einer solchen sind derzeit noch kaum abzuschätzen.
Angesichts des mehrfach manifestierten Willens der USA, sich aus Fragen europäischer Sicherheit zurückzuziehen, ist das Streben der Europäer in Richtung erhöhter strategischer Autonomie verständlich. Denkbar ist auch, dass Brüssel die Aufregung um Grönland nutzt, um eine zunehmende militärische Integration zu rechtfertigen. Über all dem steht aber die Frage, ob die EU ihre Macht realistisch einschätzt oder in Begriff ist, sich strategisch zu überdehnen. Vor dem Hintergrund der Haltung der EU in Bezug auf die Ukraine ist davon auszugehen, dass ihre Sicherheitspolitik eher narrativgetrieben ist und eher der innen- und bündnispolitischen Mobilisierung dient, als der äußeren Verteidigung.
Anmerkungen:
- Darüber neben vielen Jonas Bucher: Trump droht Grönland-Premier: «Wird ein grosses Problem für ihn», bei 20 Minuten, 14.01.2026, online unter https://www.20min.ch/story/groenland-trump-droht-groenland-premier-wird-ein-grosses-problem-fuer-ihn-103485606. Etwas naiv drückte sich Ferdinand Meyen vom Bayrischen Rundfunk aus: Trump und Grönland: Experten befürchten Abkehr vom Völkerrecht, bei BR News, 14.01.2026, online unter https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/trump-und-groenland-experten-befuerchten-abkehr-vom-voelkerrecht,V8CG3OD. Wie wenn der Überfall auf Venezuela nichts anderes gewesen wäre als ein schlecht maskierter Verstoß gegen Völkerrecht.
- Siehe „EU-Kommissar fordert europäische Armee mit «mit 100.000 Soldaten»“, bei Weltwoche, 12.01.2026, online unterhttps://weltwoche.ch/daily/eu-kommissar-fordert-europaeische-armee-mit-mit-100-000-soldaten/. Siehe auch „Brüsseler Größenwahn: EU-Kommissar träumt von 100.000-Mann-Armee“, bei Kettner Edelmetalle, 14.01.2026, online unter https://www.kettner-edelmetalle.de/news/brusseler-grossenwahn-eu-kommissar-traumt-von-100000-mann-armee-14-01-2026, sowie Daniel Goffart: Europa sucht Unabhängigkeit von US-Waffen – und scheitert an sich selbst, bei WirtschaftsWoche 100, 14.01.2026, online unter https://www.wiwo.de/politik/europa/aufruestung-europa-sucht-unabhaengigkeit-von-us-waffen-und-scheitert-an-sich-selbst/100190606.html.
- Gerade die EU konnte sich seit Ausbruch des Konflikts in und um die Ukraine nie auf eine gemeinsame Linie einigen. Vgl. hierzu Annegret Bendiek: EU-Außenpolitik: Ukraine-Krise könnte Katalysator für mehr Integration sein, bei Stiftung Wissenschaft und Politik, 24.02.2015, online unter http://www.swp-berlin.org/de/publikationen/kurz-gesagt/eu-aussenpolitik-ukraine-krise-koennte-katalysator-fuer-mehr-integration-sein.html und Markus Kaim, 2015: Die NATO ist zurück – Die NATO ist die Gewinnerin der Ukraine-Krise, nicht die europäische Außenpolitik, bei IPG, 30.07.2015, online unter https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/die-nato-ist-zurueck-1008/. Zum heutigen Stand Dominik Rehbaum: Alte Probleme trotz neuer Instrumente in der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), in: Raphael Bossong, Nicolai von Ondarza (Hrsg.): Stand der Integration. Zehn zentrale politische Projekte der EU und wie sie die Union verändern, SWP-Studie 2024, S 11, 23.04.2024, online unter https://www.swp-berlin.org/10.18449/2024S11/#hd-d113044e5350.
- Siehe „Rutte: USA und Nato müssen für Grönlands Sicherheit sorgen“, bei BRF, 12.01.2026, online unter https://brf.be/international/2040483/. Vgl. „Operation »Arctic Sentry« als Lösung? Nato sucht Ausweg aus Streit um Grönland“, bei Spiegel Ausland, 12.01.2026, online unter https://www.spiegel.de/ausland/nato-sucht-ausweg-aus-streit-um-groenland-arctic-sentry-als-loesung-a-229d162e-d013-400c-87a8-3eaa981956d1.
- Die Reaktionen der europäischen Regierungen waren von viel Zurückhaltung geprägt, die deutsche Bundesregierung vermochte sich nur zur nichtssagenden Formulierung „komplex“ durchzuringen. Siehe „Venezuela-Lage zu komplex? Kritik an Merz wird laut – Regierung bleibt vage“, bei ntv Nachrichten, 06.01.2026, online unter https://www.youtube.com/watch?v=oaNNkb_6nkY. Siehe auch Andreas Stamm, Johannes Lieber: Europas Schlingerkurs bei Venezuela. Wer hat Angst vor Donald Trump? bei ZDF heute, 05.01.2026, online unter https://www.zdfheute.de/politik/ausland/venezuela-trump-eu-reaktion-merz-100.html. Vgl. „Unterschiedliche Reaktionen auf US-Einsatz“, bei Deutschlandfunk, 05.01.2026, online unter https://www.deutschlandfunk.de/unterschiedliche-reaktionen-auf-us-einsatz-100.html. Etwas deutlicher waren manche Pressekommentare wie Dorian Burkhalter: «Die USA machen sich nicht mehr die Mühe, ihre Missbräuche zu rechtfertigen», bei swissinfo.ch, 09.01.2026, online unter https://www.swissinfo.ch/ger/internationales-genf/die-usa-machen-sich-nicht-mehr-die-m%C3%BChe-ihre-missbr%C3%A4uche-zu-rechtfertigen/90748374 und Ulrich Ladurner: EU-Reaktion auf Venezuela: Genug ist genug, bei Die Zeit, 05.01.2026, online unter https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/eu-reaktion-venezuela-usa-nicolas-maduro.
- Nach wie vor ist die Abhängigkeit europäischer Streitkräfte von den USA im Bereich des Nachrichtendiensts, der strategischen Transportkapazitäten, der Kernwaffen und anderen Bereichen als hoch einzuschätzen.
- Quelle: Victor Norderstål, bei Brilliant Maps, online unter https://brilliantmaps.com/where-people-live-in-greenland/; Einwohnerzahlen 2024/25 nach Grønlands Statistik, online unter https://bank.stat.gl/pxweb/en/Greenland/Greenland__BE__BE01__BE0120/BEXSTD.px/table/tableViewLayout1/?loadedQueryId=93488866-2aeb-449c-bf80-a1e9dc640b0e&timeType=top&timeValue=2; Ergänzungen Verfasser.
- Siehe „Royal Marines deploy to the Arctic in force as UK and Norway begin new era of cooperation„, auf der Homepage der Royal Navy, online unter https://www.royalnavy.mod.uk/news/2026/january/02/20260102-royal-marines-return-to-the-arctic-for-nato-operations. Vgl. „Cold Weather SPECIALISTS“ bei Key Military, 31.03.2021, online unter https://www.keymilitary.com/article/cold-weather-specialists.
- Heute sind die drei noch verbliebenen Gebirgsjäger-Bataillone, die Bataillons de Chasseurs Alpins (BCA), nämlich das 7e BCA, das 13e BCA und das 27e BCA in der 27e Brigade d’Infanterie de Montagne zusammengefasst, welche ihrerseits Teil der 1. Division ist. Siehe die Homepage der französischen Armée de Terre unter https://www.defense.gouv.fr/terre/unites-larmee-terre/nos-brigades/27e-brigade-dinfanterie-montagne-27e-bim.
- Siehe „Gebirgsjäger setzen Pilotprojekt erfolgreich um“ auf der Homepage der deutschen Bundeswehr, 02.04.2024, online unter https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/aktuelles/gebirgsjaeger-setzen-pilotprojekt-erfolgreich-um-5764656, sowie „Überleben in Eis und Schnee“, ebd. online unter https://www.bundeswehr.de/de/organisation/heer/faehigkeiten/kampf-im-winter